Call for Papers

Ausgabe 32 (Juni 2017) von bwp@:

Betrieblich-berufliche Bildung

Betriebe sind nicht nur die ältesten, sondern in den deutschsprachigen Ländern auch die einflussreichsten Einrichtungen beruflicher Bildung. Historisch betrachtet hat sich hier die berufliche Bildung zunächst als en-passant-Unterweisung, dann als betrieblich institutionalisierte und formalisierte Lehre, ergänzt durch die schulische Berufsbildung aus dem betrieblichen Kontext ausdifferenziert. Lange Zeit besaßen die Betriebe bzw. ihre entsprechenden handwerklichen und industriellen Vertretungsorgane eine große Autonomie in der Berufsbildung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat dann jedoch ein gesetzlich fixiertes Regelsystem in den deutschsprachigen Ländern dafür gesorgt, dass die beruflich-betriebliche Bildung in gemeinsamer Verantwortung von Sozialpartnern und Staat organisiert wird. Gleichzeitig hat die Berufs­bildungsforschung im Laufe der letzten fünfzig Jahre dazu beigetragen, dass die beruflich-betriebliche Bildung mehr zu einem öffentlichen Diskussionsthema geworden ist.

Im Vergleich zu staatlichen und originär-privatrechtlichen Berufsbildungseinrichtungen dominiert der Betrieb als Abnehmer und Anbieter beruflicher Bildung in der „öffentlichen Wahrnehmung und in den berufsbildungspolitischen Schwerpunktsetzungen“ (Baethge 2014, 43) nach wie vor. Der Betrieb gilt als eigentlicher Ort, an dem abstraktes Wissen mit realen Erfahrungen kombiniert, Anforderungen und Arbeits­bedingungen in der Arbeitswelt durch Lernen bewältigt und das beruflich Gelernte am sinnvollsten angewendet werden können. Die Vorzüge des Betriebs als Lernort werden nicht nur im Hinblick auf die duale Ausbildung, sondern auch auf die dieser vor- und nachgelagerten Etappen der beruflichen Bildung, die Berufsorientierung, Berufsvorbereitung, Hochschulbildung und Weiterbildung eingeräumt.

In der Berufs- und Wirtschaftspädagogik war die betrieblich-berufliche Berufsbildung im Vergleich zur schu­lischen Berufsbildung bis in die 1990er Jahre hinein eher unterbelichtet. Der Auseinandersetzung mit dem „Betrieb als Erziehungsfaktor“ (Abraham 1953) in den 1950er Jahren folgte in den 1960er Jahren eine zunehmend realistische Perspektive auf den Betrieb, kombiniert mit einer Kritik an der funktiona­listischen Verengung von Qualifikationen auf einen begrenzten Tätigkeitsbereich. Aus Sicht der ideologie­kritischen Berufs- und Wirtschaftspädagogik wurde die Berufsbildung im Betrieb sodann als Instrument zur Sicherung betrieblicher Herrschaft gedeutet. Eine wieder stärker affirmative Hinwendung zum Betrieb erfolgte in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Mit dem Hinweis auf eine Gestaltungsoffenheit von Technik, Arbeits- und Aufgabenorganisation, eine anthropozentrische Unternehmenskultur und ein syste­misches und konstruktivistisches Lernverständnis wurden in der betrieblich-beruflichen Bildung Möglich­keiten und Voraussetzungen für partizipative und humanzentrierte Gestaltung der „lernenden Organisa­tion“ Betrieb gesehen. Seitdem ist mitunter sogar von einer Konvergenz pädagogischer und ökonomischer Zielorientierung in der beruflich-betrieblichen Bildung die Rede.

Unabhängig von solchen Annahmen sind Betriebe de facto Institutionen des Beschäftigungssystems, in dem die Entwicklung von Arbeitsvermögen, Angebot, Tausch und Nutzung von Arbeitskräften nach bestimmten Marktkriterien erfolgt, in der Regel nach solchen, die wirtschaftlich erfolgsversprechend sind. Das kann, muss aber nicht zwangsläufig, im Widerspruch zu den persönlichen und gesellschaftlichen Interessen an individueller Entfaltung, gesellschaftlicher Teilhabe und Chancengleichheit stehen, je nachdem, ob die Realisierung solcher Interessen arbeitsorganisatorisch und personalpolitisch funktional und privatwirtschaftlich rentabel ist (vgl. Büchter 2015). Dabei stehen Betriebe sämtlicher Branchen aktuell durch gesellschaftliche, politische, ökologische, ökonomische und technische Umwälzungen vor großen Herausforderungen. Die betrieblich-berufliche Bildung kann und sollte eine zentrale Rolle übernehmen bei der Zukunftsgestaltung der Unternehmen und Mitarbeiter/-innen im Kontext von digitaler Revolution, Klimawandel, Finanzkrisen, globalen Politikkrisen etc.

Vor diesem Hintergrund stellt sich aus berufs- und wirtschaftspädagogischer Sicht die Frage nach den Möglichkeiten, Bedingungen und Widerständen im Kontext betrieblich gesteuerter beruflicher Bildung. Kompliziert werden solche Auseinandersetzungen angesichts dessen, dass es keinen homogenen Betriebs­typ gibt, der eine bestimmte Form betrieblich-beruflicher Bildungspraxis präsentiert, sondern je nach Betriebsgröße, Betriebsart, Marktposition, betrieblichen Selbstverständnissen und Strategien bei der Arbeitsorganisation und Personalpolitik der betriebliche Stellenwert, die Zugänge zu betrieblich-beruflicher Bildung, der Gestaltungsanspruch, die Inhalte und Formen, die Mitarbeiterorientierung sowie die Vorstel­lung von Lernförderlichkeit von Arbeit stark variieren können.

Mit dieser Ausgabe von bwp@ möchten wir Beiträge versammeln, die sich mit folgenden Fragen ausein­an­dersetzen:

  • Wie bedeutsam ist die beruflich-betriebliche Bildung im Kontext des Arbeitsmarkts, des Berufsbildungs­wesens und der Berufsbildungspolitik aktuell und künftig?
  • Wie verändern sich Qualifikations- bzw. Kompetenzprofile für verschiedene Beschäftigtengruppen über den Zeitverlauf? Lassen Sich Entwicklungsverläufe für bestimme Berufsfelder ableiten?
  • An welchen Kriterien werden Entwicklung und Bedarf in der beruflich-betrieblichen Bildung ausgerich­tet? Welche Interessen, Entscheidungsprozesse und Steuerungsgrößen sind maßgeblich?
  • Inwiefern spielt betrieblich-berufliche Bildung als Planungsgröße beim Technikeinsatz und der Arbeits­rganisation eine Rolle?
  • Welche Formen beruflich-betrieblicher Bildung werden mit welchen Effekten praktiziert?
  • Inwieweit befähigt beruflich-betriebliche Bildung tatsächlich zur Mitgestaltung in der Arbeitswelt?
  • Wel­che Mitgestaltungspraktiken in der und durch die beruflich-betriebliche Bildung lassen sich empirisch nachweisen? Wo liegen Widerstände?
  • Inwiefern und unter welchen Bedingungen kann von lernförderlicher Arbeit gesprochen werden? Welche Rolle spielen die Sichtweisen von Beschäftigten bei der Bewertung von Lernförderlichkeit?
  • Wann kann von subjektorientierter beruflich-betrieblicher Bildung gesprochen werden? Wie kann beruflich-betriebliche Bildung zur Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden beitragen?
  • Wie lassen sich betriebliche Organisationsentwicklung und individuumszentrierte Berufsbildung theo­riebasiert und praktisch gangbar miteinander verschränken?

Wir möchten Sie dazu einladen, sich mit Forschungsbeiträgen, Diskussionsbeiträgen und Berichten & Refle­xionen an der Auseinandersetzung an von Ihnen ausgewählten Fragen zu beteiligen.

Interessenten bitten wir, uns spätestens bis zum

12. Dezember 2016

ein maximal halbseitiges Abstract (bitte nicht mehr als 200 Wörter!) ausschließlich an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu senden – andernfalls ist ein blind review nicht möglich!

Die Abstracts werden anhand folgender Kriterien bewertet:

  • Relevanz des Themas / Bezug zum Call for paper
  • Fragestellung/Erkenntnisinteresse resp. Intention des Beitrags
  • Methodisches Vorgehen (Exploration, Datenauswertung, Literaturstudie, Theorieanalyse, Erfah­rungs­­­bericht etc.)    
  • Aufbau des Textes
  • Zuordnung zu einem der drei möglichen bwp@ Beitrags-Formate (Forschungsbeitrag, Diskus­sions­beitrag oder Berichte & Reflexionen, siehe dazu:http://www.bwpat.de/bwp-formate).

Bitte verwenden Sie dafür die auf der bwp@ Homepage beim Call for Papers zu findende Format­vorlage (http://www.bwpat.de/cfp-aktuell), der wir nicht nur den Titel und die inhaltliche Aus­rich­tung des geplanten Beitrags entnehmen können, sondern auch Informationen zum/r Autor/in bzw. zu den Auto­ren und die Zuordnung zu einem der möglichen bwp@ Beitrags-Formate. Wir werden versuchen, Sie bis spä­tes­tens 22.12.2016, zu informieren, ob wir Ihren Beitrag aufnehmen können und wie das weitere Procedere ablaufen wird.

Die ­Beiträge selbst erbitten wir bis spätestens 24. März 2017 (aus­schließlich unter Verwendung der dafür vorgesehenen Formatvorlage, die wir Ihnen mit Annahme Ihres Abstracts zusenden werden).

Online wird Ausgabe 32 im Juni 2017 gehen.

Karin Büchter, Martin Fischer & Tobias Schlömer (Gastherausgeber)
(Inhaltlich verantwortliche HerausgeberInnen von bwp@ Nr. 32)

 

Literatur:

Abraham, K. (1953): Der Betrieb als Erziehungsfaktor. Köln

Baethge, M. (2014): Qualitätsprobleme des deutschen Berufsbildungssystems. In: Fischer, M. (Hrsg): Qualität in der Berufsausbildung. Anspruch und Wirklichkeit. Bielefeld, 39-62.

Büchter, K. (2015): Berufsbildung im Betrieb – Zur historischen Entwicklung von Steuerung, Standards und Lernorten. In: Seifried, J./Bonz, B. (Hrsg.): Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Hohengehren, 91-112.