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 bwp@ Ausgabe Nr. 15 | Dezember 2008
Medien in der beruflichen Bildung – Mit Web 2.0, ERP & Co. zu neuen Lernwelten?
Herausgeber der bwp@ Ausgabe 15 sind H.-Hugo Kremer, Jens Siemon und Tade Tramm

EDITORIAL zur Ausgabe 15:
Medien in der beruflichen Bildung – Mit Web 2.0, ERP & Co. zu neuen Lernwelten?

       

Die Medienfrage hat nicht erst in jüngerer Zeit eine besondere Bedeutung für Lehren und Lernen. HEIMANN gab den Medien eine besondere Stellung in seinem didaktischen Modell. Er begründete dies mit dem Hinweis auf die besonderen Potenziale neuer Technologien und sah darin bereits den „Anfang vom Ende einer alten Didaktik.“ (HEIMANN 1962, 421). A us heutiger Sicht ist deutlich, dass er damit die didaktische Innovationskraft der elektronischen Medien überschätzt und zugleich das Beharrungsvermögen der „alten Didaktik“ unterschätzt haben dürfte. Eine Fehleinschätzung, die sich seitdem mehrfach wiederholt hat, was man aus einer anderen Perspektive auch als eine Geschichte der verpassten Chancen erörtern könnte.

Auch mit Lernplattformen ist die didaktische Veränderung nicht einfach eingetreten. Es lässt sich konstatieren, dass das ersehnte Innovationspotenzial sich in den letzten e-Learning Phasen nicht verwirklichen ließ. Zwar wurden Materialien effizienter an Lernende verteilt, jedoch kann damit (noch) nicht vom Anfang vom Ende einer alten Didaktik gesprochen werden. Es bleibt zurzeit auch offen, ob dies mit den unter Web 2.0 resp. Social Software zusammengeführten Medienkonzepten passieren wird.

Nutzungsstudien von Jugendlichen zu IuK-Technologien zeigen eine wachsende Auseinan­dersetzung mit Web 2.0 und Social Software Anwendung. Die heutige Generation greift immer öfter auf bekannte Web 2.0 basierte Anwendungen wie YouTube, Google, Wikipedia, MySpace, Ning oder Flickr zurück, die sich dadurch auszeichnen, dass ihr Nutzen steigt, je mehr sich dort aktiv beteiligen. Diese Technologien stehen nicht nur für neue technologische Angebote, sondern auch für veränderte ‚Nutzungsphilosophien‘ des Internets. Auch hier bleibt offen, inwiefern diese Potenziale in der beruflichen Bildung genutzt werden können.

Immerhin verdeutlicht dies noch einmal, dass die elektronischen Medien natürlich nicht nur neue Poten­ziale für Lehr-Lern-Prozesse eröffnen, sondern vor allem anderen zunächst einmal die Lebenswelt von Schülern und Lehren, die Berufswelt und die gesellschaftliche Umwelt verändern. In diesem Sinne stellen sie gesellschaftliche und damit auch curriculare Herausforderungen dar, auf die insbesondere die beruf­liche Bildung adäquate Antworten suchen und finden muss. Aus curricularer und didaktischer Sicht sind diese Medien damit zugleich Lerngegenstände und Mittel, diese Lerngegenstände in Bildungs­pro­zessen zugänglich zu machen.

Die vorliegende Ausgabe 15 von bwp @ versucht insbe­sondere darauf zu fokussieren, in welcher Weise berufliche Bildung auf veränderte Medienum­welten Bezug nehmen muss und in welcher Form neue Medien zugleich zu einer Veränderung der Didaktik der beruflichen Bildung beitragen. Mit dem Call for Papers wurden die folgenden Aspekte angesprochen:

•  Medienkompetenz und Berufliche Handlungskompetenz – In welchem Verhältnis stehen Medien- und berufliche Handlungskompetenz?
Die Diskurse um Medienkompetenz und berufliche Handlungskompetenz werden weitgehend isoliert geführt. In diesem Strang sollen deren Zusammenspiel genauer erörtert werden, und es können mögliche Präzisierungen aufgenommen werden.

•  Mediale bzw. virtuelle Lebenswelten von Jugendlichen als curriculare und didaktische Herausforderung: Wie ändern sich der mediale Erfahrungshintergrund der Jugendlichen, wie ihre Kommunikations- und Informationsgewohnheiten? Gibt es Entwicklungen zu einer aktiven gestalterischen Nutzung medialer Möglichkeiten, zu einer Dezentralisierung oder gar Demokratisierung der Medienwelt? Und schließlich: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Ziele und Gegenstände beruflicher Bildung sowie für die Gestaltung von Lernumwelten?

•  Medien als Infrastruktur neuer Kommunikations- und Kooperationsformen in der beruflichen Bildung. Wie werden die Möglichkeiten des Internets zu einer Intensivierung, Verstetigung und (lokalen) Entgrenzung didaktischer Kommunikation und Kooperation genutzt?

•  Virtuelle Arbeitsumwelten als curriculare und didaktische Herausforderung. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der zunehmenden Abstraktifizierung und Modellierung beruflicher Handlungsfelder, der Verdrängung direkter sinnlicher Erfahrung durch symbolisch vermittelte Repräsentationen beruflicher Arbeitsgegenstände und Handlungsumfelder. Wie muss und kann didaktisch auf die zunehmende Durchdringung kaufmännischer Arbeit in allen Unternehmensgrößen durch ERP-Programme reagiert werden?

•  Wie können virtuelle Lernumwelten , insbesondere komplexe Simulationsmodelle als Grundlage beruflicher Lehr-Lern-Prozesse genutzt werden?

Mit diesen Schwerpunktsetzungen ist der Komplex Medien und Berufsbildung sicher nicht umfassend ausgelotet. Uns ging es vielmehr darum, aus der Perspektive medienbezogener Fragestellungen den Zugang zu grundlegenden Fragen der beruflichen Bildung zu eröffnen. Dies wird im Beitrag von ZIMMER „Evaluation von Lernerfolg in E-Learning-Szenarien“ in besonderer Form deutlich. ZIMMER geht den Fragen nach, was einen Lernerfolg darstellt, wie dieser bewertet werden kann und wer diesen bewertet. MANSKI/ MEYER gehen einen anderen Weg. Sie stellen Erkenntnisse der Medientheorie vor und werfen die Frage auf, inwiefern grundlegende Veränderungen des beruflichen Lernens möglich sind. GEISBUSCH beschäftigt sich mit der Praxis der beruflichen Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen und stellt in besonderer Form heraus, dass die berufliche Weiterbildung nicht von der Geschäftsstrategie gelöst werden kann. Dieses Beiträge werden unter der Rubrik ‚ Medien und berufliche Bildung: Theoretische konzeptionelle Beiträge ‘ zum Thema Medien in der beruflichen Bildung zusammengefasst. Es finden sich Überlegungen zum Lernen mit Medien, zur Gestaltung von Bildung in einer Mediengesellschaft.

In der zweiten Rubrik ‚ Lernen mit Medien: Varianten und Modelle ‘ wird der Schwerpunkt auf didaktisch-methodische Konzepte gerichtet. KREMER/ PFERDT zeigen vor dem Hintergrund von Entwicklungen in der beruflichen Bildung unter Social Media Design eine didaktische Konzeption zur Nutzung kooperativer Technologien in der beruflichen Bildung. Dieser Ansatz findet eine weitere exemplarische Betrachtung im Beitrag von DITTMANN/ SCHÄFER, die dies in einem Szenario „Lernen durch Lehren“ über die Gestaltung von „User Generated Content“ aufzeigen. Damit werden gleichermaßen Potenziale und Problemfelder kooperativen Lernens in der Lehrerbildung betrachtet. GRANTZ, SCHULTE und SPÖTTL zeigen unter dem Titel „Virtuelles Lernen auf der Baustelle“ auf, in welcher Form Lernen am Heimarbeitsplatz, Lernen in Präsenzveranstaltungen und Lernen im Arbeitsprozess im Sinne eines Blended-Learning Ansatzes zusammengeführt werden können.

In einer dritten Rubrik werden erste Arbeiten zu ‚ Lernen mit Medien: Analyse und Evaluation ‘ zusammengeführt. THEIS, APREA, LAUCK und EBNER fokussieren auf Lernen mit Podcasts und beschreiben eine mögliche Ausgestaltung. Im Beitrag werden Vorzüge und Problemfelder herausgearbeitet. Die Autoren stellen hierzu eine empirische Studie aus der beruflichen Weiterbildung vor. ZELLWEGER MOSER/ BRAHM thematisieren vor dem Hintergrund eines designbasierten Forschungs- und Entwicklungsprojekts Erfahrungen zum Lernen mit Wikis in der beruflichen Bildung. Damit werden gleichermaßen Potenziale und Problemfelder kooperativen Lernens in der Lehrerbildung betrachtet. EBBERS/ REHM analysieren in ihrem Beitrag genderspezifisches Entscheidungsverhalten in Planspielen.

Die Rubriken haben uns dazu gedient, die unterschiedliche Ausrichtung der Forschungs-, Diskussions- und Praxisbeiträge zu systematisieren. Auch wenn eine vollständige Trennschärfe nicht erreicht werden kann, zeigt sich so doch eine in verschiedene Bereiche der beruflichen Bildung ausstrahlende Betrachtung der Medienfrage.

Bei den Autorinnen und Autoren möchten wir uns recht herzlich bedanken. Sie haben dazu beigetragen, dass die Ausgabe zustande kommen konnte, die sich als ein Angebot für weitere Diskussionen und Forschungen auf dem Gebiet versteht. Weitere Beiträge zu dieser Ausgabe sind in Arbeit und werden in Form von updates im Frühjahr veröffentlicht werden. In dem Zusammenhang wird auch das Spektrum der Rubriken noch zu erweitern sein.

H.-Hugo Kremer, Jens Siemon und Tade Tramm
im Dezember 2008

 

online seit: 15.12.2008