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 bwp@ Ausgabe Nr. 11 | November 2006
Qualifikationsentwicklung und -forschung für die berufliche Bildung

Hochwertige Ausbildungsangebote als Indikatoren für Qualifikationstrends verschiedener beruflicher Bildungsbereiche


 

 


1.  Neue Qualifikationsanforderungen

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts unterliegt die Arbeitswelt tief greifenden Veränderungen: Der rasante technische Fortschritt, die fortschreitende Globalisierung der Wirtschaft und die Entwicklung hin zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft ziehen einen grundlegenden Wandel in der Organisation von Produktions- und Arbeitsprozessen nach sich. Zusätzlich ist ab 2010 mit einem kontinuierlichen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials und alternden Belegschaften in den Betrieben zu rechnen. Bildung gewinnt als Standortfaktor zunehmend an Bedeutung. Diese Veränderungen stellen neue Anforderungen an Unternehmen und Mitarbeiter, die andere und in vielen Fällen anspruchsvollere Qualifikationen als in der Vergangenheit erfordern. Jedes Jahr werden deshalb Ausbildungsordnungen modernisiert und neue Berufsbilder entwickelt. Der Arbeitsmarkt steht unter ständiger Beobachtung, um zeitnah auf veränderte Anforderungen an die Qualifikationen der Erwerbstätigen reagieren zu können.

Die berufliche Aus- und Weiterbildung muss sich ebenso dynamisch verändern wie die Arbeitswelt. Anders als früher ist heute eine Berufsausbildung nicht mehr lebenslanger Garant für eine erfolgreiche Teilnahme am Berufsleben. Die eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten müssen ständig an die veränderten Bedingungen angepasst werden. Um auf die neuen Anforderungen angemessen zu reagieren, stellen Höherqualifizierung und lebensbegleitendes Lernen notwendige Optionen dar.

Das Projekt „AusbildungPlus – Höherqualifizierung und Attraktivitätssteigerung der Berufsausbildung durch Zusatzqualifikationen und duale Studiengänge“ leistet durch seine wissenschaftlichen Analysen einen Beitrag zur Identifizierung von aktuellen Qualifikationstrends und strukturellen Veränderungen in der Berufsausbildung.

1.1  Das Projekt AusbildungPlus

Seit dem Jahr 2001 informiert das Informationssystem AusbildungPlus über das von Betrieben und anderen Bildungsanbietern vorgehaltene Angebot von Zusatzqualifikationen in der Berufsausbildung sowie dualen Studiengängen. Mit diesen innovativen Ausbildungsangeboten wird in Unternehmen und Berufsschulen zunehmend auf die veränderten Anforderungen in der Arbeits- und der Berufswelt reagiert. Zugleich wird die Berufsausbildung dadurch flexibler, attraktiver und anspruchsvoller gestaltet.

AusbildungPlus verfolgt drei Kernziele:

Dienstleistungsfunktion: Zum ersten soll die Transparenz über angebotene Zusatzqualifikationen in der Berufsausbildung und duale Studiengänge erhöht werden, um so die Sicherung des künftigen Fachkräftenachwuchses zu unterstützen. Dabei wird auch die Abstimmung zwischen Bildungsanbietern und Betrieben gefördert, indem Kontakte und Kooperationen angeregt werden.

Schnittstellenfunktion: Zum zweiten soll das Vorhaben eine Schnittstellenfunktion erfüllen, indem über das Thema umfassend informiert, spezifische Anfragen von Nutzern und der wissenschaftlichen Community beantwortet werden. Durch die Bereitstellung von Daten soll auch eine Lücke in der amtlichen Statistik verringert werden.

Forschungsfunktion: Zum dritten soll durch wissenschaftliche Analysen der Datenbankinhalte ein Erkenntnisgewinn zu vorhandenen Qualifizierungsansätzen und Fördermöglichkeiten zur Höherqualifizierung und zur Steigerung von Durchlässigkeit und Verzahnung zwischen Berufsausbildung, Weiterbildung und Hochschulbildung erzielt werden. Hierzu leistet der vorliegende Artikel einen Beitrag.

1.2  Zusatzqualifikationen und duale Studiengänge

Im Bereich der Berufsausbildung ist in den letzten Jahren eine dynamische Entwicklung zu beobachten, die den gestiegenen Anforderungen der Arbeitswelt durch zahlreiche innovative Qualifizierungsmodelle begegnet. Hierzu zählen Zusatzqualifikationen und duale Studiengänge.

Zusatzqualifikationen

Fast 80 Prozent der bei AusbildungPlus erfassten Zusatzqualifikationen sind erst in den letzten 10 Jahren entwickelt und erstmals angeboten worden. Zusatzqualifikationen richten sich an Auszubildende in einem staatlich anerkannten Ausbildungsberuf, finden während der Ausbildung statt und ergänzen die Ausbildung durch zusätzliche Inhalte. Sie ermöglichen den Unternehmen eine flexible Ausgestaltung der betrieblichen Ausbildung im Hinblick auf die Qualifikationserfordernisse im Betrieb. Somit kann zeitnah auf veränderten Qualifizierungsbedarf reagiert werden, ohne auf modernisierte Ausbildungsordnungen warten zu müssen. Zusatzqualifikationen können zur Früherkennung von Qualifikationstrends beitragen, wenn einzelne Ausbildungsberufe um neue oder aus anderen Bildungsbereichen stammende Qualifizierungsinhalte angereichert werden und diese Kombination auf neue oder zu modernisierende Ausbildungsprofile hinweist.

Auszubildende können ihr Fachwissen ausbauen, ihre Fertigkeiten verbessern und ihre Kompetenzen erweitern. Durch das erworbene Spezialwissen können sie sich neue und interessante Arbeitsfelder erschließen und damit ihre Arbeitsmarktchancen verbessern. Außerdem besteht die Möglichkeit, mit Zusatzqualifikationen anerkannte Fortbildungsgänge oder Teile davon schon während der Ausbildung abzuschließen. Sie tragen damit zu einer besseren Verzahnung von Ausbildung und Weiterbildung bei und stellen den beruflichen Einstieg ins lebensbegleitende Lernen dar.

Duale Studiengänge

Ausbildungsintegrierte duale Studiengänge sind eine Kombination aus betrieblicher Ausbildung und Studium. Sie verbinden ein wissenschaftliches Studium an einer Hochschule oder Akademie mit einer praxisorientierten Berufsausbildung in einem Unternehmen. Besonderes Merkmal ist die enge inhaltliche Verzahnung von betrieblicher Ausbildung mit dem Erwerb von Berufserfahrung im ausbildenden Unternehmen und theoretischem Wissenserwerb an der Hochschule oder Akademie. Diese wird auch durch eine große inhaltliche Nähe und Entsprechung von Ausbildungsberuf und Studienrichtung gewährleistet. Die intensive Abstimmung von Praxis- und Studienphasen führt zu einer stärkeren inhaltlichen Verzahnung von Berufs- und Hochschulbildung.

In der Wirtschaft steigt der Bedarf an praxisnah ausgebildeten Akademikern. Die Nachfrage nach ausbildungsintegrierten Studienangeboten ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Bundesweit gibt es inzwischen über 600 duale Studiengänge an Fachhochschulen, Berufsakademien, Universitäten und Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien. Über die Hälfte von ihnen sind in den letzten sechs Jahren entstanden.

2.  Modernisierung: Zusatzqualifikationen als Indikator für neue Qualifikationsanforderungen

Die Sicherung eines ausreichenden Fachkräftenachwuchses stellt einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor für den Standort Deutschland dar. Das duale System der Berufsausbildung muss daher eine arbeitsmarktgerechte und zeitgemäße Qualifizierung der Auszubildenden gewährleisten. Elementarer Bestandteil der strukturellen Weiterentwicklung der Berufsausbildung ist die ständige Modernisierung der Ausbildungsberufe und ihre Anpassung an immer neue Anforderungen der Arbeitswelt. Dazu zählt zum einen die Schaffung neuer Ausbildungsmöglichkeiten und Berufsbilder in sich neu entwickelnden zukunftsträchtigen Tätigkeitsfeldern und zum anderen auch die Modernisierung bereits bestehender Ausbildungsberufe im Hinblick auf veränderte Qualifikationserfordernisse. Auf diesen Handlungsfeldern hat sich seit Mitte der 1990er Jahre bereits Vieles bewegt (Tabelle 1). Seit 1996 wurden 67 neue Berufsbilder eingeführt, weitere 207 Ausbildungsprofile wurden modernisiert.

Zusatzqualifikationen unterstützen die innovative Weiterentwicklung von Qualifikations- und Ausbildungsprofilen. Sie stellen strukturelle Verbesserungen des Berufsbildungssystems dar, indem sie die Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen am oberen Qualifikationsrand flexibler machen. Sie können aber auch auf vorhandenen Modernisierungsbedarf hinweisen, wenn Qualifizierungsbedarf durch vorhandene Ausbildungsordnungen nicht hinreichend abgedeckt wird.

Von den Betrieben werden Zusatzqualifikationen in erster Linie dazu genutzt, betriebsspezifisch benötigte Fachkenntnisse zu vermitteln. Sie bilden damit den aktuellen Qualifikationsbedarf der Betriebe ab. Inzwischen haben sie sich zu einem wichtigen Qualifizierungsfeld in der Berufsausbildung entwickelt. Seit Mitte der neunziger Jahre ist das Angebot deutlich gestiegen. In der Datenbank AusbildungPlus sind derzeit rund 12.000 Ausbildungsangebote mit Zusatzqualifikationen erfasst, in denen fast 70.000 Auszubildende qualifiziert werden.

Die inhaltlichen Schwerpunkte von Zusatzqualifikationen liefern Hinweise für den Qualifikationsbedarf der Unternehmen. Sie liegen im Bereich der internationalen Qualifikationen und bilden damit die Megatrends Globalisierung und Internationalisierung ab (Tabelle 2). Weitere Schwerpunkte sind kaufmännische Inhalte, Schlüsselqualifikationen, die den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft widerspiegeln, sowie EDV- und IT-Inhalte. Die inhaltlichen Schwerpunkte verschieben sich leicht, je nachdem, ob die Anzahl der Modelle, der Ausbildungsangebote von Betrieben oder der teilnehmenden Auszubildenden betrachtet werden. Grund ist, dass die Modelle von unterschiedlich vielen Ausbildungsbetrieben genutzt werden.

Die veränderten Anforderungen in der Arbeitswelt erfordern von Fachkräften immer öfter auch die Übernahme von Tätigkeiten aus benachbarten Berufsfeldern (sog. Hybridqualifikationen). Bereits seit 1998 gibt es die Ausbildung zum Mechatroniker, die die Tätigkeiten eines Elektronikers und Mechanikers kombiniert. Der Bedarf für die Kombination von mechanischen und elektrischen Tätigkeiten besteht nicht nur in der Industrie. Vorläufer der im Jahr 2003 eingeführten Ausbildung Kfz-Mechatroniker war eine Zusatzqualifikation der Handwerkskammer Hamburg, das Jugendlichen im Kraftfahrzeughandwerk in der regulären Ausbildungszeit von 3,5 Jahren die Inhalte der beiden Ausbildungsberufe Kraftfahrzeugmechaniker und Kraftfahrzeugelektriker parallel vermittelte.

In anderen Bereichen wird dieser Entwicklung mit Zusatzqualifikationen Rechnung getragen, die ausgewählte Inhalte aus benachbarten Berufen vermitteln. Ein aktuelles Stichwort ist hier „Allfinanz“: Für eine umfassende Kundenberatung und Vermarktung von Allfinanzprodukten lernen angehende Bank- und Versicherungskaufleute auch Inhalte aus dem jeweils anderen Ausbildungsberuf kennen. Diese Zusatzqualifikation wird bereits seit 1990 in Baden-Württemberg angeboten. Der entsprechende Bedarf wird nun in der in diesem Jahr modernisierten Ausbildungsordnung des bisherigen Versicherungskaufmanns erstmals berücksichtigt, der jetzt Kaufmann für Versicherungen und Finanzen heißt. Im Zuge dieser Neuordnung wurde die Ausbildung um Aspekte der Finanzberatung erweitert.

Zusatzqualifikationen können aber auch auf ganz neue Ausbildungsprofile hinweisen. So wurde Auszubildenden im Wach- und Sicherheitsgewerbe die Fortbildung zur IHK-geprüften Werkschutzfachkraft schon während der Ausbildung angeboten, um benötigte branchenspezifische Kenntnisse zu vermitteln. Seit 2002 gibt es nun den neuen Ausbildungsberuf Fachkraft für Schutz und Sicherheit, der diese Qualifizierung beinhaltet. Auch im Call Center-Gewerbe, das in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt hat, wurden Auszubildende in Büroberufen mit der Zusatzqualifikation zum Call Center Agent für die besonderen Erfordernisse der Branche geschult. Seit diesem Jahr gibt es nun erstmals zwei spezifische Ausbildungsberufe für diesen Bereich: Servicefachkraft und Kaufmann für Dialogmarketing.

Zusatzqualifikationen werden aber auch weiterhin für neu geschaffene Ausbildungsberufe angeboten. Im Sinne einer Flexibilisierung der Berufsausbildung sind Zusatzqualifikationen hier notwendig, um die Ausbildung an die betrieblichen Anforderungen anzupassen. In anderen Bereichen werden für neu geschaffene Ausbildungsberufe zeitnah ergänzende Angebote entwickelt. Kurz nach der Schaffung des Ausbildungsberufs zum Kaufmann im Gesundheitswesen hat beispielsweise die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Wiesbaden bereits einen dualen Studiengang mit Schwerpunkt Gesundheitsmanagement entwickelt, der angehenden Kaufleuten im Gesundheitswesen neben betriebswirtschaftlichen vor allem gesundheitsökonomische Aspekte vermittelt. Inzwischen gibt es bereits zehn derartige Angebote, die eine Ausbildung im Gesundheitswesen mit einem Studium verbinden.

3.  Durchlässigkeit: Verzahnung von Allgemeinbildung, Berufsbildung und Hochschulbildung

Der Wandel von Arbeitswelt und Gesellschaft führt zur Entstehung von neuen Berufsbildern und zu häufigeren Berufswechseln im Verlaufe eines Arbeitslebens. Für die Beschäftigten erhöht sich dadurch der Druck zum Erwerb höherer Qualifikationen und die Notwendigkeit zum lebenslangen Lernen. Kontinuierliche berufliche Weiterbildung wird ein Faktor in der Sicherung der Beschäftigungsfähigkeit. Berufsbiographien werden daher zukünftig vermehrt durch die wechselnde Abfolge von Arbeits- und Lernabschnitten gekennzeichnet sein. Verbunden damit ist die gesellschaftliche Forderung nach der Verringerung der Bildungsdauer und höherer Effizienz im Bildungssystem. Voraussetzung dafür sind verbesserte Optionen zur Anrechnung bereits erworbener Qualifikationen und Kompetenzen (vertikale Durchlässigkeit) sowie die Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Qualifikationsniveaus durch eine engere Verzahnung von Allgemeinbildung, Berufsbildung und Studium (horizontale Durchlässigkeit) (WALDHAUSEN/ WERNER 2005, 67).

Mit dem neuen Berufsbildungsgesetz wird eine engere Verzahnung von Aus- und Weiterbildung durch Zusatzqualifikationen unterstützt (BMBF 2005). Zahlreiche Zusatzqualifikationen vermitteln bereits während der Ausbildung Inhalte und Fertigkeiten, die auf aufbauende Weiterbildungsgänge oder anerkannte Fortbildungen anrechenbar sind, diese ganz beinhalten oder vergleichbare Inhalte darstellen. Für die Strukturierung des lebenslangen Lernens leisten sie einen wichtigen Beitrag, denn während die Erstausbildung dem Berufskonzept verpflichtet ist, orientiert sich die Weiterbildung am Prinzip der Arbeitsmarkt- und Berufsfähigkeit (BLK 2000, 6).

Ebenfalls zu einer höheren Durchlässigkeit tragen duale Studiengänge bei, weil sie eine inhaltliche Verzahnung von Berufs- und Hochschulbildung darstellen. Sie liefern umfangreiche Ansatzpunkte und Hinweise für eine Tertiarisierung der Berufsausbildung und stellen einen Schritt zur verbindlichen Anerkennung von beruflich erworbenen Qualifikationen in der Hochschulbildung dar. Dabei hört die Verzahnung von beruflicher Bildung und Hochschulstudium in einigen Fällen nicht bei der Kombination von Ausbildung und Studium auf, sondern kann zusätzlich noch einen anerkannten Fortbildungsabschluss umfassen (Abb. 1).

Auch der parallele Erwerb von Ausbildungsabschluss und (Fach-)Hochschulreife fördert die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungssystemen. Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs um die besten Fachkräfte wird es immer wichtiger, alle vorhandenen Bildungsressourcen auszuschöpfen und die Bildungszeiten zu verkürzen. Hier bietet die Verbindung von dualer Ausbildung mit dem Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung Anknüpfungspunkte.

3.1  Verzahnung von Ausbildung und Weiterbildung

In der Datenbank AusbildungPlus werden solche Modelle der Durchlässigkeit in der Berufsbildung dokumentiert und analysiert. AusbildungPlus liefert einen umfassenden Überblick über vorhandene Zusatzqualifikationen, die eine Verzahnung von Aus- und Weiterbildung darstellen. Derzeit werden rund 9.000 Auszubildende in mehr als 200 verschiedenen Modellen auf anerkannte Fortbildungsprüfungen oder vergleichbare Qualifikationen vorbereitet. Dabei lassen sich verschiedene Modelle unterscheiden (Tabelle 3):

•  Zusatzqualifikationen, die eine anerkannte Fortbildung beinhalten: Ein traditionelles Beispiel dafür ist der Betriebsassistent im Handwerk, der auch unter vielen anderen Bezeichnungen zu finden ist. Die Inhalte orientieren sich an der Fortbildung zum Fachkaufmann Handwerkswirtschaft und der Abschluss kann als Teil der Meisterprüfung anerkannt werden. Ein vergleichbares Modell stellt der Handelsassistent bzw. Handelsfachwirt für Auszubildende im Einzelhandel dar. Neben den genannten Fortbildungsabschlüssen der Kammern fallen in diese Kategorie auch staatlich anerkannte Fortbildungsabschlüsse wie der staatlich anerkannte Betriebswirt.

•  Zusatzqualifikationen, die als Teil einer anerkannten Fortbildung angerechnet werden: Hierzu zählen insbesondere modular aufgebaute Qualifizierungsangebote, die in Zusammenarbeit mit der zuständigen Kammer entwickelt und durchgeführt und bei einer späteren Fortbildung angerechnet werden. Eine Möglichkeit stellt das Modul CNC-Technik dar, das später auf die Weiterbildung zur Industriefachkraft angerechnet werden kann.

•  Zusatzqualifikationen, die Fortbildungsinhalte vermitteln, die branchen- oder betriebsspezifisch anerkannt werden: Hierzu zählt z. B. die Zusatzqualifikation zum Solarfachberater, die in der Energiebranche angeboten und geprüft wird, dazu gehören aber auch zahlreiche Angebote im Einzelhandel, die sich inhaltlich an der Fortbildung zum Handelsassistenten orientieren und in denen die Auszubildenden zu Abteilungsleiter-, Führungs- oder Handelsassistenten mit dem Zusatz zbb (Zentralstelle für Berufsbildung im Einzelhandel) qualifiziert werden.

Mit rund 3.800 Auszubildenden nehmen derzeit die meisten Auszubildenden an der Fortbildung zum Handelsassistent bzw. Handelsfachwirt teil (Tabelle 4). Hierbei handelt es sich um eine spezielle Abiturientenausbildung, die eine zweijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann mit einer anerkannten Fortbildung kombiniert. An zweiter Stelle steht als Klassiker im Handwerk der Betriebsassistent.

Diese Beispiele zeigen, dass Zusatzqualifikationen die Durchlässigkeit innerhalb der Berufsausbildung erhöhen. Sie ermöglichen es, die Verbindung zwischen Aus- und Weiterbildung flexibel zu gestalten. Berufliche Weiterbildung ist im Gegensatz zur beruflichen Erstausbildung weniger systematisch organisiert, um neu auftretenden Qualifikationsbedarf möglichst rasch vermitteln zu können. Deshalb wird insbesondere von der Ausbildung eine hohe Flexibilität gefordert, um fließende Übergänge zwischen Aus- und Weiterbildung in der betrieblichen Praxis umsetzen zu können (SAUTER 2003, 7). Die vorgestellten Modelle zeigen hierfür vielfältige Möglichkeiten auf. So wird beispielsweise bei der Zusatzqualifikation Betriebsassistent in der Berufsschule zugunsten von fachspezifischen Inhalten auf allgemein bildende Fächer verzichtet. Gleichzeitig werden die Einsatzorte innerhalb des Betriebs auf kaufmännische Bereiche ausgeweitet. Flexibilität gibt es aber auch auf Seiten der geregelten Weiterbildung. So wird die mehrjährige Berufserfahrung, die häufig für einen anerkannten Fortbildungsabschluss vorausgesetzt wird, von Auszubildenden nicht verlangt bzw. gilt durch die betriebliche Praxis während der Ausbildung als abgeleistet. Trotz des inzwischen breiten Angebotsspektrums bieten sich hier noch eine Menge Nutzungspotenziale.

3.2  Verzahnung von Berufs- und Hochschulbildung

Ausbildungsintegrierte duale Studiengänge fördern eine stärkere inhaltliche Verzahnung von Berufs- und Hochschulbildung. Grundlage dafür ist eine meist intensive Abstimmung von Praxis- und Studienphasen. AusbildungPlus bietet in seiner Datenbank einen vollständigen Überblick über die bundesweit mehr als 600 ausbildungsintegrierten dualen Studiengänge an Hochschulen und Akademien (Tabelle 5).

Duale Studiengänge sind häufig durch die Verknüpfung oder Übertragung der Ausbildungsinhalte in der Berufsschule auf Lehrinhalte an der Hochschule gekennzeichnet. Gleichzeitig sind die Praxisphasen fester Bestandteil des Studiums. Der Grad der Integration von Theorie und Praxis und damit der Verzahnung von Berufs- und Hochschulbildung unterscheidet sich aber bei den verschiedenen Studienmodellen vor allem hinsichtlich der folgenden Merkmale:

•  Organisation der Lehre: Drei Viertel der Anbieter von dualen Studiengängen haben für Studierende, die parallel zum Studium eine Ausbildung absolvieren, ein eigenes Studienmodell entwickelt – teilweise zusätzlich zum bestehenden grundständigen oder berufsbegleitenden Studium. Die Abiturientenausbildung an Berufsakademien richtet sich ausschließlich an Studierende nach dem dualen Prinzip. Es werden gesonderte Lehrveranstaltungen angeboten, die zeitlich und inhaltlich mit den Praxisphasen abgestimmt sind. An vielen Hochschulen nehmen die Studierenden im dualen System dagegen an den regulären Lehrveranstaltungen für Vollzeitstudierende teil. Zwar findet auch innerhalb dieser Studienmodelle eine gemeinsame Abstimmung der Inhalte mit den Unternehmen statt, die Entwicklung gesonderter Lehrveranstaltungen ist aber zu präferieren, da hierdurch sowohl die inhaltliche als auch die organisatorische Verzahnung von Ausbildung und Studium gefördert wird.

•  Bezug zwischen berufsschulischen und hochschulischen Inhalten: Bei einem Drittel der dualen Studiengänge kommt als dritter Lernort die Berufsschule hinzu. Der Berufsschulunterricht wird zusätzlich zu den hochschulischen Lehrinhalten angeboten. Eine engere inhaltliche Verzahnung liegt in Modellen vor, in denen die Lehrinhalte aus der Berufsschule in das Studium integriert sind. Eine Ausnahme bildet das Triale Modell der Fachhochschule Westküste in Heide. Hier wird das Niveau des Berufsschulunterrichts in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule angehoben, so dass entsprechende Ausbildungselemente für das Studium anrechenbar werden, das sich dadurch verkürzt.

•  Abstimmung von Theorie- und Praxisphasen: In allen ausbildungsintegrierten dualen Studiengängen gibt es eine Abstimmung zwischen den Lernorten Betrieb und Hochschule bzw. Akademie. Es gibt aber Unterschiede, die bei der organisatorischen Verknüpfung von Theorie und Praxis offensichtlich werden. Im alternierenden Modell wechseln sich mehrwöchige Theorie- und Praxisphasen ab und ermöglichen dadurch die koordinierte Umsetzung von theoretischem Wissen im praktischen Arbeitsprozess. In anderen Modellen werden praktische Ausbildung und Studium nacheinander durchgeführt. Hier beginnt die Ausbildungszeit mit einem bis zu 18 Monate dauernden Vorpraktikum oder betrieblichen Einsatz, danach schließt sich ein Vollzeitstudium an, das durch praktische Einsätze in den Semesterferien, in einem Praxissemester oder in Teilzeit an einem Tag pro Woche ergänzt wird.

Angesichts der vielfältigen Organisationsformen und der rasanten Zunahme des Angebots in den letzten Jahren ist eine hohe Transparenz über das Angebot von dualen Studiengängen – wie AusbildungPlus sie liefert – für die Nutzung, Analyse und Weiterentwicklung der dualen Studienangebote von grundlegender Bedeutung (Abb. 2).

Der Beitrag von dualen Studiengängen zu einer höheren Durchlässigkeit zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung umfasst auch eine Verzahnung zwischen Studium und Weiterbildung. Auch in ausbildungsintegrierten dualen Studiengängen werden Fortbildungsabschlüsse oder Teile anerkannter Fortbildungen integriert. Derzeit kombinieren allerdings erst knapp 230 Studierende in einem dualen Studium eine berufliche Ausbildung mit einem Hochschulstudium und erwerben dabei zugleich einen anerkannten Fortbildungsabschluss (Tabelle 6).

In ganz besonderer Form verknüpft das Rostocker Modell Ausbildung, Weiterbildung und Hochschulstudium: Es richtet sich an Jugendliche mit Realschulabschluss, die in der ersten Phase des integrativen Konzepts neben ihrem Ausbildungsabschluss die Fachhochschulreife und eine zertifizierte Zusatzqualifikation erwerben. Unmittelbar im Anschluss an die duale Berufsausbildung wird in einer tertiären Bildungsmaßnahme sowohl der akademischen Berufsabschluss eines Diplom-Wirtschaftsingenieurs (FH) als auch der Meisterabschluss erworben. Dabei wird das erfolgreich abgeschlossene Grundstudium auf den Meisterabschluss angerechnet.

3.3  Verknüpfung von Berufsausbildung und Hochschulzugang

Die Datenbank AusbildungPlus erfasst mit Zusatzqualifikationen, die eine duale Ausbildung mit dem Erwerb der Studienberechtigung verknüpfen, auch eine engere Verzahnung zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung.

Ein erster Ansatz für die Verbindung von Schulabschluss und Berufsbildung ist die Gleichwertigkeit des Berufsschulabschlusses im Rahmen einer dualen Ausbildung mit dem Hauptschulabschluss. Um den Hauptschulabschluss zu erlangen, müssen die Abschlussleistungen in der Berufsschule in allen Fächern mindestens den Anforderungen entsprechen – unabhängig vom Ausgang der Kammerprüfung (KULTUSMINISTERKONFERENZ 1997).

Wer vor Beginn der Ausbildung bereits über den Hauptschulabschluss verfügt, kann unter bestimmten Voraussetzungen auch den Realschulabschluss bzw. die Fachoberschulreife erreichen. Hierfür muss die Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen sein, also die Kammerprüfung bestanden werden, die durchschnittliche Abschlussnote in der Berufsschule 3,0 oder besser betragen (In Bayern und Sachsen wird eine 2,5 oder eine bessere Durchschnittsnote gefordert.) sowie der Nachweis von Englischkenntnissen im Umfang von 80 Unterrichtsstunden erbracht werden (KULTUSMINISTERKONFERENZ 1997).

Die Verknüpfung mit dem Hochschulzugang setzt aber erst auf der nächsthöheren Stufe an, wenn die Auszubildenden vor Ausbildungsbeginn bereits über den mittleren Schulabschluss verfügen. Für diese Gruppe wurden bereits in den siebziger Jahren Modelle entwickelt, die im Rahmen von sogenannten doppelt qualifizierenden Bildungsgängen die Verzahnung von beruflichen und allgemein bildenden Qualifikationen vorsahen. Vorreiter waren Pilotversuche in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, die durch die Anrechnung des originären Berufsschulunterrichts auf die Fachhochschulreife und über ergänzenden Unterricht die Auszubildenden zur Fachhochschulreifeprüfung führten. Angesichts des zunehmenden Interesses an einer formalen Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung hat die Kultusministerkonferenz 1998 eine Vereinbarung über den Erwerb der Fachhochschulreife in beruflichen Bildungsgängen getroffen. Damit wurde erst zu einem relativ späten Zeitpunkt die bundesweite Anerkennung der Abschlüsse sichergestellt. Die Vereinbarung geht davon aus, dass berufliche Bildungsgänge in Abhängigkeit von den jeweiligen Bildungszielen und –inhalten sowie ihrer Dauer zu einer umfassenden Studierfähigkeit führen können. Denn in der Berufsausbildung werden den Auszubildenden nicht nur Fachkenntnisse und soziale Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein vermittelt, sondern auch die für ein Fachhochschulstudium erforderlichen Lern- und Arbeitstechniken (KULTUSMINISTERKONFERENZ 1999, 2).

Die Umsetzung der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz erfolgt auf Länderebene. In den meisten Bundesländern wurden auf dieser Grundlage zwar inzwischen doppelt qualifizierende Bildungsgänge im dualen System eingeführt, allerdings verläuft die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. Während in Nordrhein-Westfalen die Rechtsgrundlage für die Umsetzung bereits 1999 veröffentlicht wurde, gibt es dieses Angebot in Hessen erst seit dem Schuljahr 2002/2003. Bundesweit haben rund 120 Berufsschulen nach 1998 diese Bildungsangebote für Auszubildende neu eingeführt (Abb. 3).

Derzeit nehmen rund 6.400 Auszubildende in 164 Berufsschulen an solchen doppelt qualifizierenden Bildungsgängen teil. Sie erhalten zusätzlichen Differenzierungsunterricht, der inhaltlich und zeitlich über die Vorgaben des Rahmenlehrplans für den jeweiligen Ausbildungsberuf hinausgeht. Abhängig von der organisatorischen Einbindung der Doppelqualifikation in die Berufsschule liegt die Gesamtdauer für den ausbildungsbegleitenden Erwerb der Fachhochschulreife zwischen zwei und dreieinhalb Jahren. Dabei begründet sich die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung nicht durch identische Unterrichtsinhalte sondern durch äquivalente Kenntnisse und Fähigkeiten, die im Sinne einer umfassenden Handlungskompetenz vermittelt werden sollen. Allgemein bildende Lernziele und berufliches Erfahrungslernen werden im Sinne der Ganzheitlichkeit des Lernens miteinander verknüpft.

Die derzeitigen Teilnehmerzahlen zeigen, dass noch große Entwicklungsmöglichkeiten bestehen, um das Angebot weiter zu verbreitern und zu verbessern. Die Doppelqualifikation hat längst noch nicht die Verbreitung gefunden, die ihr aus Gründen der zeitökonomischen Effizienz zustehen könnte. Der hohe Anteil an Mehrfachqualifikationen im Sekundarbereich II erhöht in Deutschland das Eintrittsalter in den Arbeitsmarkt (WERNER et al. 2003, 370). Der ausbildungsbegleitende Erwerb der Fachhochschulreife verkürzt die Bildungszeiten, wird aber noch wenig genutzt.

4.  Europäische Öffnung: Internationalisierung der Berufsausbildung

Internationale Qualifikationen spielen schon in der Ausbildung eine wichtige Rolle. Fremdsprachenkenntnisse und Auslandserfahrungen werden bei Nachwuchskräften immer häufiger erwartet. Sie stellen die grundlegenden Voraussetzungen für internationale Berufskompetenz dar, die angesichts der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft an Bedeutung gewinnt. In einer Umfrage haben Unternehmen angegeben, dass aus ihrer Sicht über die Hälfte aller Fachkräfte Englischkenntnisse benötigt (LENSKE/ WERNER 2000, 37). In kaufmännischen Berufen sind Englischkenntnisse sogar für drei Viertel der Unternehmen sehr wichtig oder wichtig. Hoher Fremdsprachenbedarf besteht auch im Dienstleistungsbereich, insbesondere in der Hotel- und Gastronomiebranche (TUCCI/ WAGNER 2003, 9).

Als Folge dieser Entwicklung werden internationale Qualifikationen – vorwiegend Fremdsprachenkenntnisse – seit einigen Jahren im Rahmen von Neuordnungsverfahren in immer mehr Ausbildungsordnungen verankert. Dennoch haben im Schuljahr 2004/2005 lediglich rund 29 Prozent aller Auszubildenden regulären Fremdsprachenunterricht in der Berufsschule erhalten. Zahlreiche Unternehmen und Berufsschulen bieten deshalb für ihre Auszubildenden Zusatzqualifikationen an, in denen internationale Qualifikationen vermittelt werden. Sie bilden den inhaltlichen Schwerpunkt beim Angebot von Zusatzqualifikationen (vgl. Tabelle 2).

Die Datenbank AusbildungPlus enthält derzeit über 4.600 internationale Qualifizierungsangebote, in denen fast 25.000 Auszubildende geschult werden (Tabelle 7). Hierbei lassen sich drei Bereiche unterscheiden:

•  Angebote zum Fremdsprachenerwerb , die rund die Hälfte der Teilnehmer umfassen,

•  binationale und internationale Austauschprogramme , die in der Regel auch fremdsprachlichen Unterricht zur Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt enthalten,

•  Angebote, die eine umfassende internationale Qualifizierung durch die Kombination internationaler Wirtschaftskenntnisse mit Fremdsprachenbezug und einem Auslandsaufenthalt sowie Auslandsbezug in der betrieblichen Ausbildung realisieren.

Die Auszubildenden erlernen vor allem Englisch, häufig mit dem Schwerpunkt auf berufs- oder branchenspezifischem Vokabular. Dieser Schwerpunkt ist auf die besondere Bedeutung der englischen Sprache für internationale Geschäftsbeziehungen zurück zu führen und berücksichtigt außerdem den Umstand, dass die meisten Auszubildenden hier ausbaufähige Schulkenntnisse besitzen. Weiterhin werden Kurse in den gängigen europäischen Sprachen wie Französisch, Spanisch und Italienisch angeboten. Insbesondere in den deutschen Grenzregionen werden auch die Sprachen der Nachbarländer wie Polnisch oder Niederländisch unterrichtet. Es gibt aber auch einige Exoten, so können Auszubildende am Oberstufenzentrum Banken und Versicherungen in Berlin Japanisch erlernen.

Der zusätzliche Fremdsprachenunterricht findet im Ausbildungsbetrieb, an der Berufsschule oder im Kammerbildungszentrum statt, teilweise werden auch private Bildungsanbieter beauftragt. In einigen Berufsschulen wird der reguläre Fachunterricht in englischer Sprache erteilt. In Ausbildungsgängen mit bilingualem Unterricht müssen dann einige Leistungsnachweise in der jeweiligen Fremdsprache erbracht werden.

Die erworbenen Fremdsprachenkenntnisse können die Auszubildenden sich mit einer Reihe von Sprachzertifikaten bescheinigen lassen. Voraussetzung dafür ist in der Regel die Teilnahme an einer schriftlichen und mündlichen Sprachprüfung. Berufsschulen stellen häufig das anerkannte KMK-Fremdsprachenzertifikat aus, das zwischen verschiedenen Niveaustufen unterscheidet, Kammern bieten spezielle Fremdsprachenzertifikate für kaufmännische und gewerblich-technische Auszubildende an. Die Auszubildenden können aber auch an den Fremdsprachenprüfungen von ausländischen Kammern wie der London Chamber of Commerce and Industry teilnehmen oder international anerkannte Zertifikate wie das der University of Cambridge erwerben.

Der zweite Bereich zur Vermittlung von internationaler Berufskompetenz umfasst praxisbezogene Auslandsaufenthalte. Diese stellen einen effektiven Weg zum Erwerb internationaler Qualifikationen dar, da die Auszubildenden die Fremdsprache im täglichen Umgang mit Kollegen und Gastfamilien erlernen und gleichzeitig einen Einblick in Kultur, Gebräuche und Sitten des Gastlandes erhalten. Mit der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes wurden solche Auslandsaufenthalte im April 2004 erstmals explizit verankert und damit zum rechtlichen Bestandteil der Ausbildung (BMBF 2005). Es sieht vor, dass zeitlich begrenzte Abschnitte der Berufsausbildung im Ausland absolviert werden können, die bis zu einem Viertel der gesamten Ausbildungsdauer umfassen dürfen und die auf die Ausbildung angerechnet werden können.

Die Organisation solcher Auslandsaufenthalte kann über Förderprogrammen erfolgen wie das europäische Berufsbildungsprogramm Leonardo da Vinci. Auch Kammern und Berufsschulen bieten Auslandsprogramme an. Viele Unternehmen organisieren die Austauschprogramme für ihre Auszubildenden aber selber. Die Auszubildenden arbeiten dann für mehrere Wochen oder Monate in Niederlassungen, Tochtergesellschaften oder Partnerfirmen im Ausland.

Umfangreiche internationale Qualifizierungsprogramme bieten darüber hinaus eine fundierte theoretische Ausbildung in internationaler und europäischer Wirtschaftslehre. Die Auszubildenden werden gezielt für den Einsatz an Schnittstellen zum internationalen Handelsverkehr geschult und erlangen Kenntnisse der ausländischen Zoll- und Steuerbestimmungen oder Grundwissen über die Zuständigkeiten der Europäischen Union. Die Zusatzqualifikationen werden über Prüfungen bei Kammern, an Berufsschulen oder externen Trägern zertifiziert. Teilweise werden internationale Doppeldiplome erworben. Diese Qualifizierungsprogramme zeichnen sich durch die Kombination von mehreren Bausteinen aus:

•  Fremdsprachenunterricht: Dieser findet meistens in der Berufsschule statt. Es dominiert Englisch vor Spanisch und Französisch. Teilweise werden auch zwei oder drei Fremdsprachen parallel unterrichtet.

•  Wirtschaftsbezogener Fachunterricht: Zumeist ebenfalls in der Berufsschule werden zusätzliche Inhalte wie Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht, Marketing, Personalwesen oder Branchenkenntnisse jeweils mit internationalem Bezug vermittelt. Es werden aber auch Handelskorrespondenz oder internationale Geschäftsprozesse trainiert sowie Wirtschafts- und Landeskunde vermittelt.

•  Auslandsaufenthalt: Eine Ausbildungsphase wird im Ausland in Form eines Praktikums in einem Partnerbetrieb oder an einer beruflichen Schule absolviert. Der Umfang liegt meist bei 3 bis 8 Wochen, reicht aber auch bis zu 6 Monaten, wenn mehr als eine Auslandsphase absolviert wird. Partnerländer sind vor allem England, Frankreich, Spanien, aber auch die Niederlande.

•  Auslandsbezug in der betrieblichen Ausbildung: Die Auszubildenden werden stark in das auslandsbezogene Tagesgeschäft eingebunden. Häufig in Form von Projektarbeiten erlernen sie methodische und fachliche Kenntnisse etwa im Umgang mit dem Computer, im Schriftverkehr oder bei telefonischen Geschäftskontakten.

Damit die Auszubildenden die im Ausland erworbenen Qualifikationen und Erfahrungen nachweisen können, hat die EU im Jahr 2000 den Europass-Berufsbildung eingeführt, der Aufschluss über die erworbenen Kompetenzen im Ausland gibt. Vor zwei Jahren wurde er unter der neuen Bezeichnung Europass Mobilität in den neuen Europass der EU integriert. Dieser erfasst in fünf Dokumenten persönliche und berufliche Fähigkeiten, Sprachkenntnisse, Auslandsaufenthalte, Arbeitszeugnisse sowie Berufs- und Hochschulabschlüsse seines Besitzers und erleichtert die Vergleichbarkeit seiner Qualifikationen im europäischen Kontext.

Um die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen in Zukunft noch zu vereinfachen, wird derzeit ein europaweit anerkanntes Leistungspunktesystem in der beruflichen Bildung entwickelt. Das geplante European Credit Transfer in Vocational Education and Training (ECVET) soll zum europäischen Kredittransfersystem ECTS kompatibel sein, das an Hochschulen die Anerkennung von Studienleistungen erleichtert. Ziel ist es, auf Basis eines europäischen Qualifikationsrahmens (EQF) den Transfer von Lernergebnissen zwischen nationalen Bildungssystemen zu erleichtern und so die Mobilität zu fördern.

 

Literatur

BMBF – BUNDESMINISTERIUM FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG (2005): Berufsbildungsgesetz (BBiG) vom 23. März 2005. Berlin.

BLK – BUND-LÄNDER-KOMMISSION FÜR BILDUNGSPLANUNG UND FORSCHUNGSFÖRDERUNG (2000): Erstausbildung und Weiterbildung. Bezüge zwischen beruflicher Erstausbildung und Weiterbildung – Bericht der BLK. Bonn.

WERNER, D./ FLÜTER-HOFFMANN, C./ ZEDLER, R. (2003): Berufsbildung: Bedarfsorientierung und Modernisierung. In: KLÖS, H.-P./ WEIß, R. (Hrsg.): Bildungs-Benchmarking Deutschland. Was macht ein effizientes Bildungssystem aus? Köln, 287-381.

KULTUSMINISTERKONFERENZ (1997): Vereinbarung über den Abschluss der Berufsschule. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 01. Juni 1979 in der Fassung vom 04. Dezember 1997. Bonn.

KULTUSMINISTERKONFERENZ (1999): Vereinbarung über den Erwerb der Fachhochschulreife in beruflichen Bildungsgängen. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 05. Juni 1998 in der Fassung vom 22. Oktober 1999. Bonn.

LENSKE, W./ WERNER, D. (2000): Globalisierung und internationale Berufskompetenz. Die IW-Umfrage zu Ausbildung und Beschäftigung 2000. Beiträge zur Gesellschafts- und Bildungspolitik, Nr. 245, Köln.

SAUTER, E. (2003): Übergänge zwischen Ausbildung und Weiterbildung. Ordnungspolitische Rahmenbedingungen und betriebliche Strategien. In: Ausbilder-Handbuch 64. Erg.-Lfg. – Oktober 2003, 1-20.

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