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bwp @ Spezial 5 | September 2011
Hochschultage Berufliche Bildung 2011
Herausgeber der bwp@ Spezial 5 sind Thomas Bals & Heike Hinrichs

FT14 - Pflege
Herausgeberinnen: Ingrid Darmann-Finck & Gerlinde Glissmann

Titel:
Neue Chancen in der Pflege durch flexiblere Bildungswege


Editorial zu Fachtagung 14: Pflege - Neue Chancen in der Pflege durch flexiblere Bildungswege

Die Erhöhung der Durchlässigkeit im Bildungssystem ist derzeit bildungspolitisches Programm. Indikatoren für diese Intention sind eine Reihe von (Förder-)Initiativen des BMBF, wie „Aufstieg durch Bildung“, „Offene Hochschule“ und „Entwicklung eines Leistungspunktesystems in der beruflichen Bildung“ in Deutschland (DECVET). Im Rahmen dieser Initiativen werden verschiedene Instrumente, beispielsweise Anrechnungsverfahren oder Unterstützungsangebote für den Übergang vom Berufsbildungs- zum Hochschulsystem, entwickelt. Zwar sind Mobilität und Flexibilität auch für den Karriereweg des/der einzelnen Arbeitnehmers/in wünschenswert, letztlich stehen aber bei den Bemühungen um Durchlässigkeit arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitische Begründungen im Vordergrund. Dies hat zur Folge, dass, um die Arbeitsmarktanforderungen möglichst schnell realisieren zu können, die gefundenen Lösungen häufig in erster Linie auf formale Gleichwertigkeit abheben, ohne den Anspruch auch inhaltlich einzulösen und zu überprüfen.

Angesichts des demographischen Wandels wird der Bedarf an Pflegekräften auf allen Qualifikationsniveaus in den nächsten Jahren erheblich steigen. Schon jetzt besteht in manchen Gebieten Deutschlands ein eklatanter Fachkräftemangel. Neben verschiedenen anderen Ansätzen besteht eine Lösung zur Behebung des Pflegekraftmangels in der Erleichterung und Verbesserung des Einstiegs in die Pflegebildung und des Durchstiegs von einem Qualifikationsniveau zum nächsten. Anhand des Bildungskonzepts des Deutschen Bildungsrats (DBR 2006, 39 ff.) mit seinen drei Ebenen des lebenslangen Lernens in der Pflege können die Einstiegs- und Übergangsmöglichkeiten transparent gemacht werden. Auf der ersten Ebene ermöglicht eine zweijährige generalistische Pflegeassistenzausbildung Hauptschulabsolventinnen und -absolventen, sich das Berufsfeld Pflege zunächst überhaupt zu erschließen. Auf der mittleren Ebene der Fachkraftausbildung werden zwei alternative Bildungswege vorgesehen, nämlich eine berufliche und eine akademische Ausbildung, wobei gegenwärtig nur die berufliche Ausbildung zur Berufszulassung führt. Nach den Vorstellungen des DBR sollten zukünftig aber beide Wege sowohl die Berufsbefähigung als auch die Berufszulassung vorbereiten. Zurzeit hat die gesetzliche Kopplung der Berufszulassung an die Berufsausbildung zur Folge, dass duale Studiengänge entstanden sind, die berufliche und akademische Ausbildung zusammenführen. Der Einstieg in die Fachkraftausbildung erfolgt i.d.R. mit einem Realschul- oder einem gleichwertigen Abschluss (berufliche Ausbildung) bzw. der Hochschulreife (akademische Ausbildung). Auf der daran anschließenden Ebene sind berufliche Weiterbildungen sowie Master- und Promotionsstudiengänge angesiedelt.

Davon abgesehen, dass allein eine „Mehr-Köpfe-Strategie“ (GÖRRES 2011, 50) nicht ausreichen wird, um dem zukünftigen pflegerischen Versorgungsbedarf gerecht werden zu können, ist die Strategie, die Durchlässigkeit zu erhöhen, zudem mit dem Risiko verbunden, die Qualität zugunsten der Quantität aufzugeben, beispielsweise wenn bei der Anerkennung von Qualifikationen deren Vorhandensein nicht hinreichend überprüft wird. Im Rahmen der Fachtagung Pflege wurden daher Ansätze zur Erhöhung von Durchlässigkeit auf den verschiedenen Ebenen des (Berufs-)Bildungssystems unter der Fragestellung vorgestellt und diskutiert, wie Durchlässigkeit gefördert und Übergänge erleichtert werden können und zugleich ein hohes Bildungsniveau sichergestellt werden kann? In den Beiträgen der Fachtagung wurden verschiedene Schnittstellen beleuchtet, nämlich die Schnittstelle zwischen allgemeinbildender Schule und einer Pflegeassistenzausbildung sowie zwischen Pflegeassistenz- und Fachkraftausbildung und die Schnittstelle zwischen beruflicher und Hochschulausbildung.

Exemplarisch wird sich im Folgenden der Beitrag von Annette NAUERTH mit dem Übergangsmanagement an der Schnittstelle zwischen Berufsausbildung und Studium bzw. Berufstätigkeit und Studium beschäftigen. Im Rahmen eines BMBF-geförderten Forschungsprojektes wurden auf der Basis der Ergebnisse von Erstsemesterbefragungen Interventionen konzipiert, um einen gelingenden Übergang ins Studium zu ermöglichen. Resümierend lassen sich aus diesem wie auch aus weiteren im Verlauf der Fachtagung vorgestellten Projekten die Schlussfolgerungen ziehen, dass ein hohes Bildungsniveau nur gesichert werden kann, wenn die formalen Anrechnungslogiken mit elaborierten, pädagogischen und curricularen Konzepten verknüpft werden. Diese wiederum setzen bei den Bildungseinrichtungen zusätzliche personelle und materielle Ressourcen voraus.

Der Europäische Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen (EQR) und dessen deutsches Pendant, der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR), sollen Instrumentarien bereitstellen, um erworbene Qualifikationen auf europäischer und nationaler Ebene vergleichbar und transparent zu machen. Was aber gemeinhin lediglich als pragmatisches Instrument  und Referenzrahmen für die Erleichterung von Durchlässigkeit bezeichnet wird, kann weitreichende Folgen entfalten, beispielsweise wenn die Qualifikationsrahmen als Orientierung für die Entwicklung von Ordnungsmitteln oder Entgeltsystemen herangezogen werden. In ihren Beiträgen setzen sich Karin REIBER und Manfred HÜLSKEN-GIESLER kritisch mit den Chancen und Grenzen des Europäischen und des daran anknüpfenden Deutschen Qualifikationsrahmens auseinander. Beide heben u.a. hervor, dass der DQR „das Spezifische des pflegerischen Handelns“ (HÜLSKEN-GIESLER) bzw. die „genuin pflegerischen Kompetenzen“ (REIBER) derzeit nicht abbildet und damit kein valides Instrument zur Einstufung von beruflichen Qualifikationen darstellt. Die Kritik legt die Konsequenz nahe, die Qualifikationsrahmen nicht einfach etwa in Form von didaktischen Modellen oder Curricula für die Pflegebildung zu adaptieren, sondern kritisch zu kommentieren und ihnen alternative, empirisch und theoretisch gehaltvolle Entwürfe und Modelle entgegen zu setzen.

Abschließend wurde auf der Fachtagung Pflege betont, dass der Ausbildungsgegenstand der Pflege beispielsweise durch die Konfrontation mit Grenzsituationen des Lebens ein ausgesprochen breites (Allgemein-)Bildungspotential bietet, Bildung sich aber quantifizierenden Assessments und Anerkennungsmodalitäten entzieht.

Eine Zusammenfassung aller Beiträge der Fachtagung erscheint in dem von Thomas Bals und Heike Hinrichs herausgegebenen Sammelband der Hochschultage 2011.

Literatur

DEUTSCHER BILDUNGSRAT FÜR PFLEGEBERUFE (DBR) (Hrsg.) (2006): Pflegebildung offensiv. München.

GÖRRES, S. (2010): Differenzierte Modelle. In: Altenpflege, H. 4, 49-51.


Hochschultage Berufliche Bildung 2011 - Web page

http://www.hochschultage-2011.de/