Call for Papers

Ausgabe 42 (Juni 2022) von bwp@:

Soziale Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit in der Berufs­bildung

Über soziale Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit wird in bildungswissenschaftlichen Disziplinen seit den 1960er Jahren aus verschiedenen Perspektiven, mit wechselnden Begrifflichkeiten und unterschiedlichen Anliegen diskutiert und geforscht. Auch in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik wird auf soziale Ungleichheit, ihre Merkmale, Ausprägungen und Ursachen auf den vielfältigen Ebenen im Berufsbildungssystem hingewiesen. Es finden sich in besonderer Weise Anstrengungen, um mithilfe von anwendungsorientierten Konzepten für einzelne Handlungsfelder beruflicher Bildung die Beseitigung sozialer Ungleichheit zu unterstützen.

In der Bildungswissenschaft und damit auch in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik setzt sich seit einigen Jahren zunehmend die Erkenntnis durch, dass soziale Ungleichheit nicht nur an Selektionen und ungleichen Zugängen bei Übergängen von der Schule in die berufliche Bildung, innerhalb des Berufsbildungssystems zwischen Bildungsgängen und in die hochschulische Bildung gemessen werden kann, sondern dass auch die alltägliche pädagogische Praxis in der (beruflichen) Bildung, und hier die im pädagogischen Handeln wirksamen institutionell eingelagerten Normen, Deutungen über das, was als (un)gleich zu gelten hat oder nicht, ebenso wie tradierte und unreflektierte Kommunikationsweisen und Verteilungsprinzipien mitentscheidend für die Entstehung und Reproduktion sozialer Ungleichheit in der beruflichen Bildung sind. Aus dieser Perspektive können sich auch Bemühungen um Bildungsgerechtigkeit nicht einfach auf die Bereitstellung von Rahmenbedingungen und Ressourcen beschränken, sondern haben auch die Komplexität und Wechselwirkungen derjenigen institutionellen und kommunikativen Prozesse und Mechanismen, die in der unmittelbaren Praxis beruflicher Bildung soziale Ungleichheit mitverursachen und verstärken, in den Blick zu nehmen.

Aufgrund der Persistenz sozialer Ungleichheit im gesamten Bildungssystem und der Grenzen bei der Realisierung von Chancengleichheit setzt der kritische Diskurs über Bildungsgerechtigkeit die legitimatorische Funktion dieser normativen Kategorie ins Licht. Er entlarvt die Vereinfachung von Umfeldkategorien wie „Integration“, „Inklusion“, „Bildungsaufstieg“ oder „Benachteiligtenförderung“. So erweisen sich Bildungsgerechtigkeit und ähnliche Begriffe zunächst als ordnende Prinzipien, die eine Kritik an ungerechten Verhältnissen implizieren, und verheißen, dass soziale Gleichheit herstellbar sei. Letztlich dienten aber die „Bezugnahmen auf das Gerechtigkeitsprinzip […] vor allem dazu, genau diese Verhältnisse zu rechtfertigen“ (Heid 2019, 19). Dies geschieht beispielsweise dadurch, dass soziale Ungleichheit und die Umsetzung von Bildungsgerechtigkeit in der beruflichen Bildung als pädagogisch lösbar geltend gemacht werden. Zugleich wird die Hauptverantwortung hierfür auf die Akteur:innen in der pädagogischen Praxis verlagert, die mit Ambiguitäten konfrontiert werden und mit diesen umgehen müssen, ohne dass ihnen entsprechende Mittel zur Verfügung stehen. Um diese reduzierte Sicht zu vermeiden, ist die Perspektive auf Institutionen und alltägliche pädagogische Praxen beruflicher Bildung als Bezugspunkte der Reproduktion sozialer Ungleichheit und für bildungsgerechte Konzepte um eine herrschaftskritische Sicht auf den historischen, soziokulturellen und gesellschaftspolitischen Kontext, in den berufliche Bildung eingebunden ist, zu erweitern.

So geht mit der seit mehr als hundert Jahren nicht realisierten bzw. allenfalls partiell erreichten Gleichwertigkeit beruflicher Bildung im Bildungssystem eine soziale Spaltung von Jugend einher, die auf die Notwendigkeit hinweist, soziale Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit im Zusammenhang mit verkrusteten Strukturen, politischen Interessen und umfassenden Reformen im (Berufs-)Bildungs­system theoretisch und empirisch anzugehen. Vor allem auch Armut und Grenzen sozialer Teilhabe stellen die Berufs- und Wirtschaftspädagogik bei ihren Auseinandersetzungen mit sozialer Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit in der beruflichen Bildung vor besondere Herausforderungen. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren ist arm bzw. armutsgefährdet (BMFSFJ 2020). Die Corona-Pandemie hat diese Situation verschärft. Die dauerhafte Konjunkturabhängigkeit beruflicher Bildung, die politisch verursachten regionalen Disparitäten und Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt sowie das Gewicht von Effizienzkriterien bei Schulentwicklungen und Kompetenzkonzepten und die Qualitätsunterschiede betrieblicher Bildung bilden einen wesentlichen Teil des Kontextes beruflicher Bildung, durch den die soziale Ungleichheit verschärft und innerhalb dessen die Herstellung von Bildungsgerechtigkeit kaum realisierbar ist.

Vor diesem Hintergrund und im Rahmen eines um institutionelle Prozesse und Mechanismen und aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen erweiterten Diskurses um soziale Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit möchten wir mit dieser Ausgabe von bwp@ Aufsätze versammeln, die zu folgenden Aspekten Beiträge liefern:

  1. theoretische Reflexionen zu berufs- und wirtschaftspädagogischen Verständnissen von sozialer Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit,
  2. neue methodologische Perspektiven und empirische Methoden zur Erhebung und Aufdeckung von (re-)produzierenden Prozessen und Mechanismen sozialer Ungleichheit und zur Erfassung von Bildungsgerechtigkeit unter besonderer Berücksichtigung der Kontexte und Bedingungen in der beruflichen Bildung,
  3. empirische Befunde zum gesellschaftlichen und institutionellen Kontext, zur pädagogischen Praxis der Reproduktion sozialer Ungleichheit sowie zu Initiativen zum Umgang mit sozialer Ungleichheit,
  4. theoretische und/oder empirische Auseinandersetzungen mit ungleichheitskritischem und gerechtigkeitssensiblem Professionsverständnissen und Professionshandeln von Akteur:innen in berufs- und wirtschaftspädagogischen Handlungsfeldern.
  5. kritisch-konstruktiv reflektierte, modellierte und erprobte Ansätze und Konzepte zu berufsbildungspolitischen, institutionellen und pädagogischen Reformen und Praxisinnovationen, die die Komplexitäten der Reproduktion sozialer Ungleichheit und die Widersprüchlichkeiten und Grenzen der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit berücksichtigen.

Interessenten bitten wir, uns spätestens bis zum

1. Dezember 2021

ein ca. einseitiges Exposé (Vorlage: https://www.bwpat.de/vorschau/expose_vorlage_bwpat42.docx) ausschließlich an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu senden.

Die Exposés werden anhand folgender Kriterien bewertet:

  • Relevanz des Themas / Bezug zum Call for Papers
  • Fragestellung / Erkenntnisinteresse resp. Intention des Beitrags
  • Methodisches Vorgehen (Exploration, Datenauswertung, Literaturstudie, Theorieanalyse, Erfahrungsbericht etc.)
  • Aufbau und geplante Gliederung des Textes
  • Zuordnung zu einem der drei möglichen bwp@ Beitrags-Formate (Forschungsbeitrag, Diskus­sions­beitrag oder Berichte & Reflexionen, siehe dazu: http://www.bwpat.de/bwp-formate).

Bitte verwenden Sie dafür die auf der bwp@-Homepage unter Vorschau zu findende Formatvorlage (www.bwpat.de/bwpat-vorschau/cfp), der wir nicht nur den Titel und die inhaltliche Ausrichtung des geplanten Beitrags entnehmen können, sondern auch Informationen zur Autorin/zum Autor bzw. zu den Autor*innen und die Zuordnung zu einem der möglichen bwp@ Beitrags-Formate.

Wir informieren Sie bis spätestens 21. Dezember 2021, ob wir Ihren Beitrag aufnehmen können und wie das weitere Procedere ablaufen wird. Die Beiträge selbst erbitten wir bis spätestens 21. März 2022 (ausschließlich unter Verwendung der dafür vorgesehenen Formatvorlage).

Online gehen wird Ausgabe 42 im Juni 2022.

Karin Büchter, H.-Hugo Kremer, Marcus Eckelt & Franz Kaiser

(Inhaltlich verantwortliche Herausgeber von bwp@ Nr. 42)

Literatur:

Heid, H. (2019): Über die Ungleichheit unter den Menschen aus gerechtigkeitstheoretischer Per­spek­tive. Dass, wie und warum Bezugnahmen auf das Gerechtigkeitsprinzip dazu verwendet werden (kön­nen), soziale Ungleichheit zu rechtfertigen. In: Heinrichs, K./Reinke, H. (Hrsg.): Heterogenität in der beruf­lichen Bildung im Spannungsfeld zwischen Erziehung, Förderung und Fachausbildung. Bielefeld, 17-28.

BMFSFJ (2020): Familie heute. Daten, Fakten, Trends. Familienreport 2020. Berlin.

 

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