Call for Papers

Ausgabe 44 (Juni 2023) von bwp@:

Berufliche Bildung und Regionalentwicklung

Auseinandersetzungen mit beruflicher Bildung unter regionalen Bedingungen und auch mit der wechselseitigen Einflussnahme von beruflicher Bildung und Raum- bzw. Regionalentwicklung finden in der Berufsbildungspolitik, -praxis und seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch in der Berufsbildungsforschung in unterschiedlicher Intensität statt. Der Terminus Region wird dabei häufig als implizite Chiffre mit unterschiedlichem raumbezogenen Bedeutungsgehalt und großer theoretischer, konzeptueller sowie inhaltlicher Unbestimmtheit verwendet. Dabei wurden und werden insbesondere mit wirtschafts-, arbeitsmarkt-, sozial- und bildungspolitischen Zielsetzungen besondere Ausprägungen und Eigenarten beruflicher Bildung im jeweiligen raumbezogenen Kontext, unter örtlichen infrastrukturellen Gegebenheiten und lokalen politischen Konstellationen thematisiert und problematisiert. Berufliche Bildung gilt zudem als Anknüpfungspunkt und Instrument regionaler Strukturveränderungen und Reformen.

So ging es bereits Ende des 19. Jahrhunderts um die Frage, wie angesichts zunehmender staatlicher Verantwortung in der berufsschulischen Bildung und der Verbreitung der Berufsschulpflicht für die volksschulentlassene Jugend vor allem auch ländliche Gebiete mit berufsschulischen Angeboten versorgt werden können. Zwischen den 1970er/80er und 2010er Jahren bildeten regionale Schwerpunkte von Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrisen, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit und die Ungleichheit beruflicher Bildungschancen, immer wieder Anlass, Strukturen und Prozesse beruflicher Bildung in den sogenannten strukturschwachen Regionen oder auch Problemregionen in den berufsbildungspolitischen und -wissenschaftlichen Fokus zu rücken. In der statistischen Berufsbildungsforschung ist nach wie vor von regionalen Disparitäten die Rede, womit häufig gebietsspezifische Unterschiede auf Ausbildungsmärkten gemeint sind.

In den 1990er Jahren haben die Debatten über berufliche Bildung und Regionalentwicklung einen neuen Akzent bekommen. Diskutiert wurde vermehrt über weniger Staat und mehr Markt in der beruflichen Bildung, über Dezentralisierung und Deregulierung von Steuerung im beruflichen Bildungs- bzw. Schulwesen. Auch wurde darüber diskutiert, inwieweit im Rahmen von bundes- und landesrechtlicher Regelungen und unter Berücksichtigung kommunaler Planungen und öffentlicher Verantwortung der (beruflichen) Bildung auf einer mittleren räumlichen Bezugsebene mehr regionale Freiräume gewährt werden können, um so endogene Entwicklungspotenziale in Regionen und mehr regionalspezifische Innovationen und Reformen vor Ort – auch durch berufliche Bildung – zu ermöglichen. In unterschiedlichen Modellprogrammen sowie in zahlreichen Einzelprojekten sind seither diverse Konzepte und Initiativen entwickelt, erprobt und verstetigt worden, die dazu beitragen sollen, berufliche Bildung und Regionalentwicklung zusammenzudenken und wechselseitig aufeinander zu beziehen, um beispielweise Lernende Regionen und Lernen vor Ort zu unterstützen. Zu den übergreifenden Zielen einer räumlich abgestimmten Ausrichtung von beruflicher Bildung gehören nach wie vor die Stärkung und Attraktivitätssteigerung beruflicher Bildung in der Region, die Bewältigung gebietsspezifischer Passungsprobleme auf den Ausbildungsmärkten, die lokale Gewinnung von Auszubildenden, die regionale Fachkräftesicherung in bestimmten Berufsfeldern sowie auch die ortsbezogene Verbesserung von Zugängen und Übergängen in die berufliche Bildung, die Verbindung von Bildungsgängen sowie die Durchlässigkeit im Bildungswesen.

Eine besondere Bedeutung der Regionalisierung beruflicher Bildung kommt der Vernetzung und Kooperation von in Regionen zuständigen, beteiligten und aktiven Akteur:innen zu. Als praktische Formen von beruflicher Bildung und Regionalentwicklung können der Ausbau von regionalen Kompetenzzentren, Schulentwicklungen in Richtung von mehr Eigenständigkeit, neue Steuerungsformen in der beruflichen Bildung, veränderte Abstimmungs- und Kommunikationsformen zwischen Lernorten, Flexibilisierung des berufsschulischen Unterrichts etwa durch freie Berufsschulwahl oder ausbildungsübergreifenden Unterricht bis hin zur Unterstützung der Erreichbarkeit von Lernorten für Jugendliche genannt werden.

Bei interdependenter Betrachtung von beruflicher Bildung und Regionalität werden so bis heute Problematiken und Widersprüche deutlich. Diese manifestieren sich in der Persistenz regionaler Disparitäten, die auf unterschiedliche Gründe zurückgeführt werden können: das Fehlen wohnortnaher betrieblicher und schulischer Angebote, die räumliche Entfernung zwischen Betrieb und Schule und deren Erreichbarkeit für Jugendliche, einen Mangel an betrieblicher Ausbildungsbereitschaft, die schlechte Gewinnung von Lehrpersonal insbesondere in ländlichen Regionen, Probleme die auf spezifische Einzugsbereiche von berufsbildende Schulen/Berufskollegs zurückzuführen sind sowie deren mangelnde Passung zu den Bedarfen lokaler Unternehmen (z. B. in den Feldern Nachwuchskräftegewinnung, -si­cherung, Wettbewerberstrukturen, Unternehmenskooperationen). Nicht zuletzt stellen der admi­ni­strativ-politische Wille in Regionen, die regionalpolitische Interessenlage hinsichtlich der Gestaltung beruflichen Bildung, (mikro-)politische Beziehungen und Machtressourcen in regionalen Netzwerken ent­scheidende Faktoren für die wechselseitige Unterstützung von beruflicher Bildung und Regionalentwicklung dar.

Wenig Beachtung finden in der raumbezogenen Berufsbildungsforschung die subjektiven Reaktionen, Motive und Interessen von (potenziellen) Lehrer:innen berufsbildender Schulen und von Jugendlichen vor oder in der beruflichen Bildung. Für die Regionalentwicklung ist die Frage danach, welche Bedeutung sozialräumliche Gegebenheiten und regionale Besonderheiten in der (beruflichen) Bildung für ihre Entscheidungen haben, eine Region zu bevorzugen, abzulehnen, zu verlassen oder aber auch sich regional zu engagieren, entscheidend. Dabei geht es nicht nur um den Einfluss von Arbeitsmarktsituation und Bildungsangeboten und ihre Erreichbarkeiten, sondern auch um die Bedeutung sozialer und kultureller Infrastruktur und Atmosphäre auf berufliche Orientierungen und Entscheidungen von jungen Lehrer:innen und Jugendlichen.

Eine neue Dimension in die Diskussion und Forschung über berufliche Bildung und Regionalentwicklung bringt die Digitalisierung. Angesichts von veränderten Möglichkeiten der Kooperation, der Kommunikation, der Informationsverteilung und -verarbeitung und Abstimmung zwischen den verschiedenen regionalen Akteur:innen in Verwaltung, Politik und den verschiedenen Lernorten beruflicher Bildung stellt sich die Frage nach den steuernden Einflüssen der Digitalisierung auf regionale Berufsbildung bzw. auf den Zusammenhang zwischen beruflicher Bildung und Regionalentwicklung. Auch die Veränderungen des Unterrichtsgeschehens sowie der Ausrichtung und des Angebotes an beruflicher Bildung in Folge der Digitalisierung werden absehbar zu einem tiefgreifenden Wandel regionaler Berufsbildungsstrukturen führen.

Insgesamt wird deutlich, dass das Thema berufliche Bildung und Regionalentwicklung eine Vielzahl an Perspektiven und Fragen zulässt.

Mit dieser Ausgabe von bwp@ möchten wir Beiträge versammeln, die sich auf der Grundlage theoreti­scher Reflektionen und empirischer Analysen mit folgenden Schwerpunkten mit unterschiedlichen Fragen befassen:

1. Theoretische Konstrukte und Modelle von Region und Regionalentwicklung im Zusammenhang mit beruflicher Bildung

Mit welchen methodischen Zugängen und empirischen Herangehensweisen sowie welchen Kategorien oder Kriterien lassen sich Regionen im Kontext von beruflicher Bildung fassen, beschreiben, dekonstruieren und abgrenzen? Welche für die berufliche Bildung relevanten Faktoren, Konstitutionsbedingungen und Strukturen von Regionen sind zu berücksichtigen? Welche institutionellen Zuständigkeiten, politischen Verantwortlichkeiten und Konstellationen, welche formellen und informellen sozialen Beziehungen und Kommunikationsprozesse zwischen Akteur:innen, die für die Entwicklung beruflicher Bildung in Regionen in welcher Weise hinderlich oder förderlich sind, lassen sich wie theoretisch reflektieren und empirisch analysieren?

2. Empirische Befunde und theoretische Reflektionen zum Wechselverhältnis von beruflicher Bildung und Regionalentwicklung

Welche empirischen, fallspezifischen Erkenntnisse geben Aufschluss darüber, in welcher Weise sich berufliche Bildung auf örtliche Bedingungen und umgekehrt bestimmte regionale Settings auf berufliche Bildungsstrukturen und -prozesse auswirken? Wodurch werden bestimmte regionale Eigenarten (in der beruflichen Bildung) reproduziert? Welche konkreten Perspektiven, Interessen und Ziele in der beruflichen Bildung waren und sind maßgeblichen in regionalen Strukturreformen und Entwicklungsprozessen, und inwieweit waren/sind sie warum (nicht) durchsetzbar? Welche innovativen Entwicklungen, Gegenstände und Instrumente der Regionalentwicklung durch berufliche Bildung sind inzwischen inwiefern empirisch beforscht und theoretisch analysiert? Welche Erkenntnisse liegen zur Digitalisierung im Kontext von Regionalisierung beruflicher Bildung vor? Welche Bedeutung haben auch digitales berufliches Lernen und Arbeiten und die räumliche und zeitliche Entgrenzung von Lernen und Arbeiten in der beruflichen Bildung für die Regionalentwicklung?

Theoretische Ansätze und Reflektionen sowie empirische Befunde zur subjektiven Bedeutung des regionalen Aspekts beruflicher Bildung

Welche theoretischen Ansätze eröffnen den Zugang zu der Frage nach subjektiven Verhaltensweisen in und gegenüber bestimmten Räumen bzw. Regionen? Was ist darüber bekannt, inwieweit regionale Bedingungen und sozial-/kulturräumliches Klima (potenzielle) junge Lehrer:innen der beruflichen Bildung und Jugendliche dazu veranlasst, in Regionen zu bleiben und sich für Schulen und Ausbildungsstellen zu bewerben? Welche Ansätze und Ergebnisse gibt es hinsichtlich der Frage, wonach junge Menschen auch jenseits von Bildungs- und Berufschancen ihre Mobilitäts- und Bleibeentscheidungen raumbezogen ausrichten? Inwiefern bieten die subjektiven Motive zur regionalen Mobilität oder zum regionalen Verbleib von (potenziellen) Lehrer:innen und von Jugendlichen Anknüpfungspunkte für die Gestaltung beruflicher Bildung in Regionen? Was ist darüber bekannt, inwieweit sie in Prozesse der Regionalentwicklung durch berufliche Bildung einbezogen sind, welche Rolle und welche Stimme sie in regionalen Netzwerken und in regionalen Entwicklungsprojekten haben?       

Interessent:innen bitten wir, uns spätestens bis zum

27. November 2022

ein ca. einseitiges Exposé (Vorlage: https://www.bwpat.de/vorschau/expose_vorlage_bwpat44.docx) ausschließlich an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu senden.

Die Exposés werden anhand folgender Kriterien bewertet:

  • Relevanz des Themas / Bezug zum Call for Papers
  • Fragestellung / Erkenntnisinteresse resp. Intention des Beitrags
  • Methodisches Vorgehen (Exploration, Datenauswertung, Literaturstudie, Theorieanalyse, Erfahrungsbericht etc.)
  • Aufbau und geplante Gliederung des Textes
  • Zuordnung zu einem der drei möglichen bwp@ Beitrags-Formate (Forschungsbeitrag, Diskussions­beitrag oder Berichte & Reflexionen, siehe dazu: http://www.bwpat.de/bwp-formate).

Bitte verwenden Sie dafür die auf der bwp@-Homepage unter Vorschau zu findende Formatvorlage (www.bwpat.de/bwpat-vorschau/cfp), der wir nicht nur den Titel und die inhaltliche Ausrichtung des geplanten Beitrags entnehmen können, sondern auch Informationen zur Autorin/zum Autor bzw. zu den Autor*innen und die Zuordnung zu einem der möglichen bwp@ Beitrags-Formate.

Wir informieren Sie bis spätestens 19. Dezember 2022, ob wir Ihren Beitrag aufnehmen können und wie das weitere Procedere ablaufen wird. Die Beiträge selbst erbitten wir bis spätestens 23. März 2023 (ausschließlich unter Verwendung der dafür vorgesehenen Formatvorlage).

Online gehen wird Ausgabe 44 im Juni 2023.

Karin Büchter, Nicole Naeve-Stoss, Laura Büker & Marco Hjelm-Madsen
(Inhaltlich verantwortliche Herausgeber:innen von bwp@ Nr. 44)

 

pdfCall for Papers