Call for Papers

Ausgabe 38 (Frühjahr/Sommer 2019) von bwp@:

Jugendliche Lebenswelten und berufliche Bildung

Wenn in Sozial- und Bildungswissenschaften „Lebenswelt“ thematisiert wird, ist damit in der Regel der Wunsch verbunden, nicht oder nicht mehr ausschließlich oder in allzu starkem Maße technokratisch-rationale, modellbildende Denk- und Praxisansätze zu verfolgen, sondern sich zunächst verstehend auf das alltägliche Leben von Menschen und ihre subjektiv bedeutsame Umgebung zu besinnen. Mit diesem Anliegen hat in den 1980er Jahren der Begriff der Lebenswelt wieder Eingang in unterschiedliche pädagogische Schwerpunktbereiche gefunden, darunter in die Sozialpädagogik, aber auch in die Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Die „lebensweltorientierte Jugendsozialarbeit“ beispielsweise nahm die Jugendlichen in ihren Alltagsverhältnissen, mit ihren subjektiven Erfahrungen, Deutungs- und Handlungsmustern in Bezug auf ihre soziale, räumliche und zeitliche Umwelt in den Blick und fragte danach, wie sich die Jugendlichen in ihren Lebenswelten behaupteten und bewährten (vgl. Thiersch 2002, 779f.). In der Berufs- und Wirtschaftspädagogik hat die Perspektive der Lebenswelt unter anderem zu der Frage geführt, „wie sich im jeweiligen subjektiven Horizont Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Erfahrungsweisen sowie Handlungspotentiale“ (Eckert 1989, 39) durch berufliche Bildung verändern. Obwohl „Subjektorientierung“ und „Potenzialorientierung“ zu den ‚einheimischen Begriffen‘ der Berufs- und Wirtschaftspädagogik gehören, hat die „Lebenswelt des Alltags“ (Schütz/Luckmann 1979, 25), die unmittelbar mit dem Subjekt verbunden ist, in der es sich konstituiert, die es als gegeben annimmt und in der es seine Wahrnehmungen und Deutungen reproduziert und verändert, auf methodologischer Ebene Beachtung gefunden. In Bezug auf Handlungsfelder in der beruflichen Bildung zeigt sich diese Perspektive als eine sehr grundlegende Herausforderung, die theoretisch und empirisch wenig Beachtung gefunden hat.

Mit dieser Ausgabe von bwp@ wollen wir die Perspektive der jugendlichen Lebenswelten mit Bezug zur beruflichen Bildung wiederbeleben. Impulsgebend für uns sind auch unterschiedliche Diskurse zur künftigen gesellschaftlichen Entwicklung, wie beispielsweise die Singularisierungsthese von Reckwitz (2017), mit der er das Streben und den Druck auf die Menschen, besonders und einzigartig sein zu wollen, beschreibt. In der veränderten Sphäre beruflicher Arbeit (Stichworte „Entgrenzung“, „Subjektivierung“ und „Digitalisierung“) sei immer mehr die „Einzigartigkeit der Arbeitspersönlichkeit“ (223) gefragt, mit der sowohl ein veränderter Bedarf an Anerkennung einhergeht, ebenso wie diese Folgen für Diskriminierung und Ausgrenzung hat.

Jugendliche Lebenswelten aus der Perspektive der Berufsbildung bzw. der Berufs- und Wirtschaftspädagogik in den Blick zu nehmen, stellt die Fragen in den Mittelpunkt, was wir über die Lebenswelten des Alltags von Jugendlichen in der beruflichen Bildung wissen, bzw. welches Wissen Berücksichtigung finden kann, wie und wodurch die Lebenswelten in der beruflichen Bildung beeinflusst und verändert werden, und gleichzeitig aber auch, unter welchen Bedingungen und mit welchen Anliegen berufliche Bildung lebensweltorientiert sein kann.

Wir möchten daher Beiträge versammeln, die aus unterschiedlichen Perspektiven theoretische, empirische und praktische Einblicke in die Lebenswelten von Jugendlichen in der beruflichen Bildung geben und sich mit Anforderungen und Aufgaben einer ‚lebensweltorientierten beruflichen Bildung‘ auseinandersetzen. Um unser Anliegen zu konkretisieren, schlagen wir als Orientierung für die Einreichung von Exposés drei thematische Schwerpunkte sowie einige exemplarische Fragen vor. Welche inhaltliche Struktur die Ausgabe am Ende hat, hängt von den eingereichten und angenommenen Beiträgen ab. 

Lebensweltbezug und berufliche Bildung

Wie kann der Lebensweltbezug in der beruflichen Bildung systematisch theoretisch beschrieben und empirisch beforscht werden? Welche Haltungen und Einstellungen haben Jugendliche gegenüber ihrer beruflichen Bildung, ihrer Ausbildung und ihrem Beruf? Welche Bedeutung für ihr eigenes gegenwärtiges und künftiges Leben, aber auch für die Gesellschaft messen Jugendliche ihrem angestrebten Beruf bei? Welche individuellen und gesellschaftlichen Perspektiven verknüpfen sie mit ihrer berufliche Bildung? Welcher Zusammenhang zwischen Lebenswelten Jugendlicher und ihren individuellen Bildungsentscheidungen gibt es? Wie nehmen Akteur_innen in der beruflichen Bildung die (Veränderungen der) Lebenswelten der Jugendlichen wahr?

Lebenswelten und Identitätsbildung in der beruflichen Bildung

Welche Anerkennung erfahren Jugendliche in der beruflichen Bildung und wodurch? Welche Möglichkeiten und Begrenzungen der Identitätsbildung im berufsschulisch- und betrieblich sozialen Umfeld nehmen Jugendliche wahr bzw. finden sie vor?  (Wie) Hängen Identitätsbildung und Übergänge zwischen allgemeiner, beruflicher und hochschulischer Bildung miteinander zusammen? Welche Rolle spielt berufliche Bildung für die privaten Lebenswelten der Jugendlichen und umgekehrt? Was bedeutet Identitätsbildung in der und durch die berufliche Bildung, insbesondere auch unter neuen Herausforderungen wie Digitalisierung und regionalem Strukturwandel? Auch zum Aspekt Lebenswelten und Identitätsbildung Jugendlicher sind uns die Einschätzungen der Akteur_innen in der beruflichen Bildung wichtig. 

Lebensweltorientierung beruflicher Bildung

Wie kann eine auf die Lebenswelt der Jugend ausgerichtete berufliche Bildung gestaltet werden? Welche Bedeutung und Stellenwert hat eine Lebensweltorientierung in Berufsvorbereitung, Aus- und Weiterbildung? Welche theoretischen Überlegungen, empirischen Beispiele und praktischen Erfahrungen gibt es bereits? Welche Anforderungen ergeben sich aus einer lebensweltorientierten beruflichen Bildung für die institutionelle Struktur, die curriculare Entwicklung, die didaktische Interpretation und nicht zuletzt für die Professionalisierung der Akteur_innen in der beruflichen Bildung? Inwieweit erfordert eine lebensweltorientierte berufliche Bildung eine Entgrenzung von beruflichen Bildungsprozessen und privaten Sozialisationskontexten der Jugendlichen? Inwiefern erfordert diese auch eine disziplinäre Entgrenzung, etwa zwischen Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Sozialpädagogik und Jugendsoziologie?

Zu den genannten drei Bereichen erbitten wir Forschungsbeiträge, Diskussionsbeiträge oder Beiträge im Format „Berichte und Reflexionen“ (siehe dazu: http://www.bwpat.de/bwp-formate).

Interessenten bitten wir, uns spätestens bis

2. Dezember 2019

ein ca. einseitiges Exposé (Vorlage: https://www.bwpat.de/vorschau/expose_vorlage_bwpat38.doc) ausschließlich an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! zu senden.

Die Exposés werden anhand folgender Kriterien bewertet:

  • die Relevanz des Themas / Bezug zum Call for Papers
  • die Klarheit der Fragestellung / des Erkenntnisinteresse resp. der Intention des Beitrags
  • der Bezug zum Stand der Forschung und Entwicklung
  • die Angemessenheit des methodischen Vorgehens (z. B. Exploration, Verarbeitung von Literatur und theoretischen Ansätzen, Datenerhebung und -auswertung, Dokumentation und Reflexion
    von Erfahrungen)
  • die angemessene Strukturierung (geplanter Aufbau und Gliederung) des Textes
  • die nachvollziehbare Zuordnung zu einem der drei möglichen bwp@ Beitrags-Formate (Forschungsbeitrag, Diskus­sions­beitrag oder Berichte & Reflexionen, siehe dazu: http://www.bwpat.de/bwp-formate).

Bitte verwenden Sie dafür die auf der bwp@ Homepage beim Call for Papers zu findende Format­vorlage (http://www.bwpat.de/cfp-aktuell), der wir nicht nur den Titel und die inhaltliche Aus­rich­tung des geplanten Beitrags entnehmen können, sondern auch Informationen zum/r Autor/in bzw. zu den Autoren und die Zuordnung zu einem der möglichen bwp@ Beitrags-Formate. Wir werden versuchen, Sie bis spä­tes­tens 17.12.2019, zu informieren, ob wir Ihren Beitrag aufnehmen können und wie das weitere Procedere ablaufen wird.

Die ­Beiträge selbst erbitten wir bis spätestens 22. März 2020 (aus­schließlich unter Verwendung der dafür vorgesehenen Formatvorlage, die wir Ihnen mit Annahme Ihres Abstracts zusenden werden).

Online wird Ausgabe 38 im Juni 2020 gehen.

Karin Büchter, H.-Hugo Kremer und Hannah Sloane (Gastherausgeberin)
(Inhaltlich verantwortliche Herausgeber_innen von bwp@ Nr. 38)

 

Literatur

Eckert, M. (1989): Lernen und Entwickeln in Maßnahmen. Zur Wirksamkeit berufsvorbereitender Maßnahmen und Förderlehrgänge im Kontext der Lebenswelt Jugendlicher in der Problemregion Duisburg. Opladen.

Thiersch, H. (2002): Lebensweltorientierte Sozialarbeit. In: Fülbier, P./Münchmeier, R. (Hrsg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. Geschichte, Grundlagen, Konzepte, Handlungsfelder, Organisation. 2. Aufl. Münster, 777-789.

Reckwitz, A. (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin.

 

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