bwp@ 32 - Juni 2017

Betrieblich-berufliche Bildung

Hrsg.: Karin Büchter, Martin Fischer & Tobias Schlömer

Editorial bwp@32: Betrieblich-berufliche Bildung

Beitrag von Karin Büchter, Martin Fischer & Tobias Schlömer
bwp@-Format:

EDITORIAL zur Ausgabe 32:
Betrieblich-berufliche Bildung

Ausgangspunkt des Call for Papers für diese bwp@-Ausgabe war die Feststellung, dass der Betrieb als Abnehmer und Anbieter beruflicher Bildung in der dualen Ausbildung und zunehmend auch in der Hochschulbildung und der beruflichen Weiterbildung eine wichtige Rolle spielt. In der Berufs- und Wirtschaftspädagogik ist die betrieblich-berufliche Bildung längst kein blinder Fleck mehr. Die Auseinandersetzung damit hat seit den 1990er-Jahren vor dem Hintergrund der Diskussion um die Gestaltungsoffenheit von Technik, Arbeits- und Aufgabenorganisation und um neue Unternehmens- und Lernkulturkonzepte in Betrieben zugenommen. Dennoch gibt es Fragen, die entweder einen kontinuierlichen Forschungs- und Diskussionsbedarf auslösen, oder aber neu aufgeworfen werden müssen. So ist die Frage nach den Interessen der Hauptakteursgruppen in der betrieblich-beruflichen Bildung – Unternehmen, Sozialpartner und Auszubildende – immer wieder zu stellen, um aktuelle und künftige Anhaltspunkte für Innovation und Gestaltung in diesem Feld zu bekommen. Daher befassen sich die Beiträge im ersten Kapitel der Ausgabe mit der Entwicklung und den in der betrieblich-beruflichen Bildung vertretenen Interessen. Interessen in der betrieblich-beruflichen Bildung folgen nicht einer reinen Sachlogik, nach der Technik und Wirtschaft neutrale Steuerungsfunktionen einnehmen, sondern sie sind eingebunden in politisch-ideologische und national-kulturelle Kontexte. Dies verdeutlichen die Beiträge im zweiten Kapitel dieser Ausgabe, in dem es um historiographische und international-vergleichende Zugänge zur betrieblich-beruflichen Bildung geht. Welche Bedeutung beruflich-betriebliche Bildung bei der Umsetzung von Konzepten partizipativer Arbeitsorganisation und nachhaltigen Wirtschaftens spielt, und wie wichtig hierbei die Professionalität des betrieblichen Bildungspersonals ist, wird im dritten Kapitel dieser Ausgabe behandelt. Dass sich die Implementation innovativer Konzepte und Instrumentarien in der und durch die betrieblich-berufliche/n Bildung im Spannungsfeld von Kompetenz und Organisation bewegen und es daher unterstützender und vermittelnder Strukturen sowie kommunikativer Prozesse bedarf, thematisieren die Beiträge im vierten Kapitel. Und schließlich geht es um den Kern betrieblich-beruflicher Bildung, das Lernen. Effekte und der Transfer betrieblich-beruflicher Bildung hängen wesentlich von der Gestaltung der Lernbedingungen und -prozesse ab. Daher werden last but not least im fünften Kapitel Aspekte des Lernens im betrieblichen Kontext behandelt.

Die unterschiedlichen Kapitel dieser Ausgabe werden durch die Expertisen einer Reihe von Autor(inn)en bereichert, die der Berufs- und Wirtschaftspädagogik etliche Impulse für weitere Forschungen und Diskussionen geben.     

Zu den fünf Kapiteln im Einzelnen:

Teil A: Relevanz und Entwicklung betrieblich-beruflicher Bildung

Aus der Sicht von Unternehmen untersuchen Ariane Neu, Uwe Elsholz & Roman Jaich anhand einer Befragung in verschiedenen Branchen die Bedeutung betrieblich-beruflicher Karrierewege vor dem Hintergrund eines Trends der Akademisierung auf dem Arbeitsmarkt und der Digitalisierung von Arbeit. Georg Spöttl prüft auf der Basis empirischer Ergebnisse, ob das vor knapp zehn Jahren von gewerkschaftlicher Seite entworfene Konzept des beruflich-betrieblichen Bildungstyps in der Industrie noch anzutreffen ist und als Leitfigur für Beruflichkeit gelten kann. Die Sicht der Auszubildenden auf betrieblich-berufliche Bildung spielt im Beitrag von Marcel Martsch & Philipp Thiele eine zentrale Rolle. Ihnen geht es im Rahmen einer regionalspezifischen Studie um Aspekte von Ausbildungszufriedenheit und Ausbildungsqualität vor dem Hintergrund einer nach wie vor relativ hohen Quote an Lösungen von Ausbildungsverträgen. Wie Auszubildende den eigenen Arbeitsprozess bewerten, ist eine leitende Frage in der Untersuchung von Thomas Vogel. Wesentliche Bezugspunkte der Befragung sind das Naturverständnis der Auszubildenden sowie ihre Bereitschaft zu einem an einer nachhaltigen Entwicklung orientierten Arbeitshandeln.

Teil B: Historiographische und international-vergleichende Zugänge

Dass betriebliche Bildung auch anfällig für Politisierung und Ideologisierung war und ist, macht Anna Lambert in ihrem kritisch-historiographischen Beitrag zur betrieblichen (Handwerks)Bildung im Nationalsozialismus deutlich. Die berufs- und wirtschaftspädagogische Relevanz historiographischer Forschung beruflich-betrieblicher Bildung wird auch im international-vergleichenden Beitrag von Dietmar Frommberger herausgearbeitet, in dem die Frage nach entwicklungsgeschichtlichen Gründen für die Schwierigkeiten in einigen Ländern, betrieblich-berufliche Bildung zwischen Regulierung und privatwirtschaftlicher Gestaltungsfreiheit auszubauen und zu verstetigen, im Mittelpunkt steht. Matthias Pilz & Kristina Wiemann gehen in ihrer international-vergleichenden Studie der Frage nach, an welcher Qualifizierungsstrategie, welcher Arbeitsorganisationsgestaltung und an welchem Technikeinsatz sich im Ausland niedergelassene Unternehmen orientieren.

Teil C: Kompetenz-, Geschäftsprozess- und Organisationsorientierung – Anforderungen an Professionalität 

Georg Tafner verdeutlicht mit seiner fallspezifischen Untersuchung, dass betrieblich-berufliche Bildung ein Element einer partizipativen Unternehmenskultur sein kann, vor allem dann, wenn im Zuge von Reorganisationsprozessen Kompetenzentwicklung nicht auf das Erlernen operativer Kenntnisse und Fähigkeiten reduziert wird. Über einen partizipativen Modellansatz der betrieblichen Ausbildung, der mit dem Anspruch der Entwicklung gestaltungsorientierter Ausbildungsprogramme für nachhaltiges Wirtschaften und einer entsprechenden Professionalisierung des betrieblichen Ausbildungspersonals im Einzel-, Groß- und Außenhandel verknüpft ist, berichten Tobias Schlömer, Clarissa Becker, Heike Jahncke, Karina Kiepe, Carolin Wicke & Karin Rebmann. Rita Meyer & Axel Haunschild thematisieren in ihrem Beitrag sowohl die individuelle als auch die organisationale Bedeutung betrieblichen Lernens, um auf dieser Grundlage und aus berufspädagogischer und arbeitswissenschaftlicher Perspektive das deutsche Berufskonzept in seinem Kontext zu diskutieren.

Teil D: Betriebliche Bildung im Spannungsfeld von Kompetenz und Organisation – Abhängigkeiten und Wechselwirkungen

Florian Berding, Andreas Slopinski, Susanne Heubischl, Regina Gebhardt, Karin Rebmann & Tobias Schlömer stellen ein im Rahmen eines Modellversuchs entwickeltes Instrumentarium vor, das auf Ansätzen der Innovations(kompetenz)forschung sowie der subjektiven Überzeugungen zu Wissen und Wissenserwerb basiert. Deutlich wird, dass Implementationsprozesse von innovativen Instrumentarien verlässliche Strukturen erfordern, die das Commitment, die Kommunikation sowie eine Team- und Feedbackkultur stützen. Stefanie Hiestand bestätigt anhand einer empirischen Untersuchung, dass sich Kompetenz- und Organisationsentwicklungsprozesse nicht per se interdependent verhalten, Veränderungen von Deutungs- und Handlungsmustern auf Basis von Kompetenzentwicklungsprozessen also nicht unmittelbar zu unternehmensumfassenden Strukturinnovationen führen, sondern dass die Verknüpfung einer systematischen Rahmung und fördernder Instrumentarien bedarf. Mit der organisationalen Sozialisation von Auszubildenden am Lernort Betrieb – verstanden als komplexer Lern- und Transformationsprozess von Außenstehende in aktive Organisationsmitglieder – befassen sich Andreas Slopinski, Luisa Köhler & Sarah Wingen. Organisationale Sozialisation, so zeigt ihre Studie, lässt sich am wirkungsvollsten durch Erfahrungen im Arbeitsalltag, den Austausch mit Kolleg(inn)en und die Betreuung durch Ausbildungsleiter/-innen fördern.

Teil E: Lernen im betrieblichen Kontext

Mit den Potenzialen betrieblicher Lernorte befassen sich Clarissa Schmitz, Martin Frenz & Johannes Koch, die anhand von Lernmotivation von Auszubildenden und motivationswirksamen Lernbedingungen im Betrieb überprüft wird. Davon ausgehend, dass als maßgebliches Kriterium für die Wirksamkeit formalisierter betrieblich-beruflicher Weiterbildung Lerntransfereffekte anzusehen sind, untersucht Cornelia Tonhäuser in ihrer qualitativen Studie Lerntransferdeterminanten und deren Dimensionen im Kontext formalisierter betrieblich-beruflicher Weiterbildung. Florian Winkler & Marcel Martsch stellen die Problemlösefähigkeit in der betrieblichen Ausbildung in den Mittelpunkt ihrer Studie und exemplifizieren eine Konzeption einer situativen Problemstellung. Mit ihrem Ansatz zum Lernen im Prozess der Zusammenarbeit belegen Fritz Klauser & Juliana Schlicht den Zusammenhang zwischen individuellen Arbeits- und Lernprozessen und kollektiver Erkenntnisentwicklung. Gezeigt wird exemplarisch, wie das Lernen im Prozess der Zusammenarbeit analysiert und ausgestaltet werden kann.

Dank

Wir möchten uns sehr herzlich bei allen Autorinnen und Autoren für die interessanten Beiträge für die Ausgabe 32 von bwp@  bedanken.

Ein besonderer Dank gilt auch diesmal dem Team der Redaktion und unserem Websupport.

Karin Büchter, Martin Fischer und Tobias Schlömer
im Juni 2017

Zitieren des Beitrags

Büchter, K./Fischer, M./Schlömer, T. (2017): EDITORIAL zur Ausgabe 32: Betrieblich-berufliche Bildung. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 32, 1-4. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe32/editorial_bwpat32.pdf (22-06-2017).