bwp@ 29 - Dezember 2015

Beruf

Hrsg.: Martin Fischer, Karin Büchter & Tim Unger

Editorial bwp@29: Beruf

Beitrag von Martin Fischer, Karin Büchter & Tim Unger
bwp@-Format:

EDITORIAL zur Ausgabe 29:
Beruf

Der Berufsbegriff ist eine zentrale Kategorie der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, der Berufsbildungsforschung, der Berufswissenschaften und der Berufssoziologie. Aber schon diese vermutlich unvollständige Aufzählung der mit dem Berufsbegriff befassten Wissenschaften verrät Eigentümliches: Wissenschaftliche Auffassungen und Forschungsansätze zur Erfassung des Phänomens „Beruf“ unterscheiden sich so sehr, dass die Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Richtungen es nicht bei den üblichen innerwissenschaftlichen Disputen belassen, sondern im Namen ihrer jeweiligen Wissenschaft ein jeweils besonderes Verhältnis zum Beruf zum Ausdruck bringen wollen.

Ob dieser Ausdifferenzierung von und Abgrenzung zwischen Wissenschaften überhaupt noch ein gesellschaftlich relevantes Phänomen gegenübersteht, ist sehr die Frage. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren wurden beispielsweise durch Eduard Spranger (1950) und Heinrich Abel (1963) die ersten Instabilitäten des Berufs festgestellt, gefolgt von der paradoxen Feststellung Herwig Blankertz‘ (1968), der eine „Fragwürdigkeit bei gleichzeitiger Unersetzbarkeit des Berufsbegriffs“ diagnostizierte. Als dann in den 1970er und 1980er Jahren Soziologen prognostizierten, dass der „Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht“ (Dahrendorf 1983) und diskontinuierliche Erwerbsbiographien als Ausdruck der „Krise des Normalarbeitsverhältnisses“ (Kohli 1985, Mückenberger 1985) gedeutet wurden, spitzten sich auch unter dem Eindruck der Jugendarbeitslosigkeit, des Ausbildungsplatzmangels und der Kritik am Dualen System der Berufsausbildung in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik die Argumente für eine „Krise des Berufs“ oder zumindest für einen „verblassenden Wert des Berufs“ zu (Lipsmeier 1998, Greinert 1998). Gleichzeitig kamen von anderer Seite Hinweise, die nicht nur die Arbeitsmarktkrise als Grund für berufliche Krisensymptome anführten, sondern mit dem Hinweis auf neue Formen von Produktion, Dienstleistung, Beschäftigung und Arbeit das traditionelle Berufskonzept in Frage stellten. Ab den 1990er Jahren war dann von einer „Erosion des Berufsprinzips“ (Baethge/Baethge-Kinsky 1998), von einer „Dehnbarkeit des Berufs“ (Fischer 1998) oder sogar von einer „Entberuflichung“ (Lisop 1998) die Rede.

Die aktuelle und absehbare Bedeutung von Beruf und seinem Verhältnis zur Arbeit ist unklar. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse und Phänomene, die mit Begriffen wie „Arbeitskraftunternehmer“ (Pongratz/Voß 2003) und „Prekariat“ (Castel/Dörre 2009) beschrieben werden, deuten auf eine weitere Destabilisierung des Beruf hin; Vergleiche mit flexibleren Formen der beruflichen Qualifizierung in anderen Ländern sind nach wie vor Grundlage für eine Kritik am Beruf. Der Begriff der „Employability“ (Kraus 2006) gewinnt an Gewicht. Andererseits entstehen immer wieder neue Ausbildungsberufe und Berufsformate für kürzere oder an die Ausbildung anschließende Qualifizierungsgänge (Anlern-, Weiterbildungsberufe); auch gilt das Duale System als „Exportschlager“, trotz Ausbildungsplatzabbau, Vertragslösungen, Qualitätskritiken und der Tatsache, dass die Vergabe von Ausbildungsplätzen ungleiche berufliche Bildungschancen hervorruft und über Berufszertifikate soziale Ungleichheit reproduziert wird. Durch Reforminitiativen in Richtung einer erweiterten (Meyer 2012) bzw. modernen Beruflichkeit (Rauner 1998; Kutscha 2008; Frenz et al. 2008) wird deutlich, dass hier einerseits Handlungsbedarf gesehen, andererseits am Berufskonzept grundsätzlich fest­gehalten wird.

Die unterschiedlichen, teilweise sich widersprechenden Argumente und Sichtweisen, die inzwischen bei der Frage nach dem Zustand und der Perspektive des Berufs zusammenlaufen, geben Anlass, den Zusammenhang zwischen der Entwicklung von Arbeit und der (In-)Stabilität von Berufen, die gesellschaftliche Funktion des Berufs als Chiffre im Tausch von Arbeitskräften, als Medium sozialer Differenzierung sowie in seiner individuellen Bedeutung erneut zu hinterfragen.

Mit dieser Ausgabe von bwp@ geht es uns darum, disziplinäre und interdisziplinäre Diskussionsstandpunkte und Forschungsergebnisse zum Verhältnis von Arbeit und Beruf sowie zur gesellschaftlichen und individuellen Bedeutung von Beruf zu bündeln. Wir möchten ein Verständnis des Wandels und der Veränderung von Berufen, der gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge, der politischen und sozialstrukturellen Kontexte und der individuellen, biographischen und identitätsbezogenen Relevanz des Berufs evozieren. Über diesen Weg möchten wir auch den Diskurs über das disziplinäre Selbstverständnis der Berufs- und Wirtschaftspädagogik wiederbeleben.

Wir haben die eingegangenen und akzeptierten Beiträge zu vier Themenschwerpunkten gebündelt:

Teil A:  Beruf, Bildung und Wissenschaft

Im ersten Teil dieser Ausgabe geht es um grundsätzliche, theoriegeleitete Erwägungen zum Verhältnis von Arbeit und Beruf sowie darauf bezogener Bildung und Wissenschaft. Dieses Verhältnis wird von den Autorinnen und Autoren mit Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beleuchtet.

Alfons Backes-Haase und Eva-Maria Klinkisch (Universität Hohenheim, Stuttgart) machen in ihrem Beitrag den Widerspruch zwischen dem Bemühen um konkrete Kompetenzaussagen einerseits und den schwer prognostizierbare Arbeitsanforderungen andererseits aufmerksam. Der Widerspruch zeige sich in verschiedenen Phasen und auf verschiedenen Ebenen von Theorie und Praxis der beruflichen Bildung. Dem setzt das Autorenteam ein Verständnis von Beruflichkeit entgegen, das die Widersprüchlichkeit konstruktiv miteinbezieht und das Verhältnis von Beruf und Individuum neu interpretiert.

Adolf Kell (Universität Siegen) geht in seinem Beitrag der Frage nach, ob die Berufsbildungswissenschaft einen spezifisch definierten (genuinen) Arbeits- und Berufsbegriff bzw. eine eigene Arbeits- und Berufstheorie braucht. Davon ausgehend, dass pauschale Aussagen über Berufe, Beruflichkeit, Entberuflichung der gesellschaftlichen Komplexität nicht gerecht würden, erörtert er eine ökologisch orientierte Berufsbildungstheorie, die sowohl begriffliche Klärungen ermögliche, als auch mit dem erkenntnisleitenden Interesse der Subjektentwicklung verknüpft werden könne .

Günter Kutscha (Universität Duisburg-Essen) plädiert in seinem Beitrag für eine weiterführende Diskussion um die berufspädagogische Idee und das soziale Konstrukt der Beruflichkeit. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Transformation universitärer Zielsetzung, weg von der „Bildung durch wissenschaftliches Studium“ hin zur „Instrumentalisierung des Studiums als Berufsausbildung“. Eine Möglichkeit weiterführender Diskussion sieht der Autor im gewerkschaftlichen „Leitbild erweiterter moderner Beruflichkeit“.

In seinem zweiten Beitrag rückt Adolf Kell die Berufsbildung im Wissenschaftssystem in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung, da für die Konstruktion von Bildungsgängen fundiertes Wissen unterschiedlicher Disziplinen (Arbeits-/Berufs-, Bildungs- und Berufsbildungsforschung) erforderlich sei. Der Autor rekonstruiert Entwicklungen und Aussagen dieser Disziplinen im Hinblick auf ihre Deutungen von Arbeit und Beruf, um ein gemeinsames Verständnis auch mit der Perspektive einer übergreifenden Berufsbildungstheorie auszuloten.

Teil B:  Beruf zwischen Norm und Realität

In diesem thematischen Schwerpunkt befinden sich Beiträge, in den Kompetenzen und Dieser Teil der Ausgabe spannt einen Bogen von Ansätzen und Problemen der Konstruktion von Ausbildungsberufen über Untersuchungen der Berufswirklichkeit bis zu rechtlichen Auswirkungen auf die berufliche Aus- und Weiterbildung.

Markus Bretschneider & Henrik Schwarz (Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn) berichten in ihrem Beitrag über die Ordnungsarbeit am Bundesinstitut für Berufsbildung und machen erneut deutlich, dass Berufe nicht einfache Folgen von Qualifikationsentwicklungen sind, sondern Ergebnisse von Verhandlungen zwischen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen. Standards von Berufen sind somit fragil und interpretationsoffen. Auf der Basis eines Forschungsprojektes zur Strukturierung von Ausbildungsberufen zeigen sie, dass der Bereich der Ordnungsarbeit einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Erarbeitung von Entscheidungsgrundlagen bedarf. 

Robert Helmrich & Michael Tiemann (Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn) stellen ein dreidimensionales Modell vor, mit dessen Hilfe anhand von Individualdaten berufliche Inhalte empirisch erfasst werden können. Damit soll ermöglicht werden, dass betriebliche Tätigkeiten und Anforderungen hinsichtlich ihrer Passung zu existierenden Berufsbildern (in zeitlicher Perspektive und in vergleichender Perspektive zwischen verschiedenen Berufen) beurteilt werden können. Anhand von drei Anwendungsfeldern, nämlich Gesundheitsberufen ohne Approbation, Berufen in der Chemiebranche und den Tätigkeiten im Bereich Erneuerbarer Energien, wird solch eine Analyse beispielhaft durchgeführt. Hier wird dem Anspruch nach ein Modell vorgestellt, mit dessen Hilfe beantwortet werden kann und soll, ob in bestimmten Arbeits- und Geschäftsfeldern neue Berufsbilder benötigt werden oder nicht.

Auch der Beitrag von Lars Windelband & Frank Molzow-Voit (Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd & Universität Bremen) widmet sich der letztgenannten Fragestellung. Die Autoren resümieren Ergebnisse von (berufswissenschaftlichen) Studien und Modellversuchen zur Arbeit an Windenergieanlagen im Hinblick auf die Frage, ob es eines spezifischen Berufsbilds in diesem Bereich bedarf. Sie kommen zu dem Ergebnis (im Unterschied zu Helmrich & Tiemann für das Feld der erneuerbaren Energien), dass die Arbeitsanforderungen im Bereich der Windenergieanlagen bislang nur unzureichend durch entsprechende Angebote beruflicher Aus- und Weiterbildung abgedeckt werden.

Ines Rohrdantz-Herrmann & Walter Jungmann (Karlsruher Institut für Technologie) stellen eine Sekundäranalyse vor, welche die Teilnahme von Fachkräften und ihre Teilnahme-Beweggründe an der Meister-Fortbildung anhand des Meisterberufs im Allgemeinen und der Fortbildung zum Kfz-Meister im Besonderen ins Visier nimmt. Der Beitrag resümiert gesetzliche Bestimmungen, Begriffsverständnisse und empirische Untersuchungen zu diesem Thema; er macht deutlich, dass trotz mittlerweile vorhandener quantitativ ausgerichteter Studien noch zu wenig über individuelle Ansprüche an die Weiterbildung und deren Einlösung bekannt ist, so dass hier weitergehende qualitative Untersuchungen angeraten sind.

Auch im Beitrag von Franz Horlacher (TU Berlin) geht es um Anspruch und Wirklichkeit in einem spezifischen Berufsfeld: Der Autor beschreibt die (sinkende) Bedeutung berufsförmiger Arbeit im Gastgewerbe. Die von ihm konstatierte Erosion der gastgewerblichen Berufe hat zu tun mit veränderten und heterogeneren Formen der Leistungserbringung, bei der eine Polarisierung von Qualifikationsanforderungen zu beobachten sei (viele gering qualifizierte (Teilzeit-)Beschäftigte auf der einen Seite sowie wenige sehr gut und breit qualifizierte Mitarbeiter mit Führungs- und Aufsichtsfunktionen auf der anderen Seite). Entsprechende Szenarien für Berufsbildungskonzepte werden skizziert.

Dietmar Heisler (Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut) betrachtet in seinem Beitrag den Aspekt der Inklusivität unterschiedlicher Berufsverständnisse – auch und gerade in historischer Perspektive. Er spannt einen weiten Bogen von Luther über Pestalozzi, die kritische Berufssoziologie, Reforminitiativen und Zeitdiagnosen wie der Annahme einer „Erosion“ von Normalarbeitsverhältnis und Berufsprinzip. Der Autor beleuchtet die aktuelle Inklusionsdebatte und zeigt, dass die divergierenden Aspekte der Integration und der Selektivität in der Vergangenheit und Gegenwart mit dem Berufsprinzip verbunden waren und sind.

Markus Lotter (Georg-Kerschensteiner-Schule Obertshausen) untersucht in seinem Beitrag die Auswirkungen des Mitbestimmungsrechts bei der Einführung von betrieblichen Berufsbildungsmaßnahmen und nimmt dabei die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts in den Fokus. Dies ist ein Beitrag zur rechtlichen Beurteilung von arbeitsplatznaher Weiterbildung und entsprechenden Entscheidungsbefugnissen von betrieblichen Interessengruppen, der die Möglichkeiten und Grenzen beruflicher Entwicklung aus rechtlicher Sicht berührt und die Bedeutung der Normgebung für diese Fragestellung vor Augen führt.

Teil C:  Das Berufskonzept in internationaler und international-vergleichender Perspektive

In diesem Teil der Ausgabe wird betrachtet, wie Konzepte von Berufs- und Erwerbsarbeit auch außerhalb Deutschlands umgesetzt werden, welche Merkmale und Entwicklungen sich vergleichend beobachten lassen und welcher Erfolg Ansätzen des Berufsbildungsexports beschieden ist.

Martin Mayerl & Peter Schlögl (Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, Wien) zeigen in ihrem Beitrag anhand eines Modellprojekts zur kompetenzorientierten Berufsentwicklung in Österreich, wie sehr durch dieses Vorhaben die bisherige Ordnungsarbeit und damit eingespielte Verfahren der Berufsentwicklung tangiert worden sind. Sie zeigen die Steuerungsfunktionen von Berufsbildern auf und sehen die Notwendigkeit, Akzeptanz für die Berufsentwicklung bei allen an der Berufsbildung beteiligten Interessengruppen zu erlangen. Sie plädieren jedoch dafür, von einem verhandlungsorientierten stärker zu einem evidenzbasierten Modus der Ordnungsarbeit überzugehen.

Erika E. Gericke (Universität Magdeburg) untersucht In einer qualitativen Studie biografische Berufsorientierungen von Kfz-Mechatronikern in Deutschland und England. Die Ergebnisse zeigen deren Verständnis professionellen Handelns. Die Ergebnisse werden zu Professionstheorien in Beziehung gesetzt, und die Autorin arbeitet heraus, dass Professionstheorien ohne Handlungsbezug wenig aussagekräftig und überkommene Unterscheidungen zwischen Beruf und Profession möglicherweise hinfällig sind.

Eine international-vergleichende Untersuchung stellen auch Bettina Shamsul, Lisa Gödecker, Monika Mielic, Karin von Moeller & Birgit Babitsch (Universität Osnabrück) vor. Ihr Beitrag beschreibt gegenwärtige und künftige Aufgaben in den Berufen Heilerziehungspflege und Medizinische/-r Fachangestellte/-r in Deutschland sowie in möglicherweise korrespondierenden Berufen in Österreich, Großbritannien und der Schweiz. Für diesen Vergleich werden (auf Basis von Literatur-/Internetrecherchen) berufliche Arbeitsaufgaben identifiziert und entsprechende Tätigkeits-/Berufsprofile in den Vergleichsländern ermittelt. Die Ergebnisse zeigen insgesamt ein heterogenes Bild bei der Zuordnung von Tätigkeiten zu Berufen in den untersuchten Bereichen, was jedoch auch Anlass gibt, über Qualifikationsziele und deren jeweilige nationale Strukturierung nachzudenken.

Marius Herzog & Bin Bai (Leibniz Universität Hannover, Beijing Normal University) vergleichen in ihrem Beitrag deutsche und chinesische Berufsdefinitionen und Berufsverständnisse. Die Autoren illustrieren die hervorgehobene Bedeutung des Berufsprinzips in Deutschland und beschreiben demgegenüber eine Vielfalt von Begriffen, die im Chinesischen mit beruflicher Arbeit korrespondieren. Allerdings haben sich in China in den letzten dreißig Jahren gravierende Veränderungen ergeben, die an Stelle von traditionellen Werten (wie Harmonie, Gemeinschaftssinn etc.) eine individuellere und materialistischere Beziehung zu beruflicher Arbeit hervorgebracht haben. Damit geht einher, dass staatliche Initiativen auf die Entwicklung eines Berufsbildungssystems abzielen, durch das die traditionelle Favorisierung geistiger Arbeit und Hochschulbildung in China zumindest ergänzt werden soll.

Angesichts der durch international vergleichende Forschung zu Tage geförderten Heterogenität im Verständnis von beruflicher Arbeit fragt sich, welche Bedeutung dem in letzter Zeit zunehmend propagierten deutschen „Berufsbildungsexport“ zukommt. Im Beitrag von Patricia Heller, Katharina Duscha, Janika Grunau (Universität Osnabrück) werden anhand von wissenschaftlichen Texten und politischen Verlautbarungen unterschiedliche (ökonomische, entwicklungspolitische) Interessen aufgezeigt, die mit dem Berufsbildungsexport verbunden sind. Der Beitrag bietet eine Nachzeichnung und kritische Analyse des Diskurses zum deutschen Berufsbildungsexport, der nach Auffassung der Autorinnen durch vorrangig ökonomischen Interessen und zweifelhafte Nachhaltigkeit gekennzeichnet ist. Demgegenüber sei beim Berufsbildungstransfer die individuelle Entwicklung der Adressaten und die gesellschaftliche Integrationsfunktion des Berufsbildungssystems zu stärken.

Teil D:  Beruf und Biografie

In diesem Teil der Ausgabe geht es darum, welche Rolle der Beruf im Kontext biografischer Entwicklung spielt. Insgesamt kommt durch die Beiträge zu diesem Themenschwerpunkt die Bedeutung des Berufs über die gesamte Lebensspanne zur Sprache – vorberufliche Sozialisation und Bildung, Übergänge von der Schule in die Arbeitswelt, Identitätsentwicklung innerhalb einer beruflichen Ausbildung, berufliche Umbrüche, berufliche Perspektiven in Zeiten der Erwerbslosigkeit und Rückkehr auf den Arbeitsmarkt.

Birgit Ziegler und Gaby Steinritz (TU Darmstadt) setzen sich mit dem Entstehen beruflicher Aspirationen im Kindesalter auseinander. Auf der Grundlage empirischer Studien wird die Annahme einer universellen kognitiven Landkarte von Berufskonzepten nur in Teilen bestätigt. Vielmehr lassen sich differentielle Geschlechtseffekte bei der Konstitution des beruflichen Aspirationsfeldes von Kindern nachweisen.

Christiane Thole (Universität Hamburg) diskutiert in ihrem Beitrag die Eignung identitätstheoretischer Konzepte für eine subjektorientierte Leitkategorie der dualen Berufsausbildung. Unter der Prämisse, dass berufliche Bildung sowohl Verwertungsinteressen als auch Persönlichkeitsentwicklung anstreben muss, vertritt sie die Auffassung, dass berufliche Identität ein Leitbild der Persönlichkeitsentwicklung in der beruflichen Bildung sein sollte. Das duale System bietet grundsätzlich günstige Voraussetzungen zur Förderung der Identitätsarbeit.

Sebastian Klaus, Ernst von Kardorff & Alexander Meschnig (Humboldt-Universität zu Berlin) untersuchen die Bedeutung des Berufs für die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt bei Personen mit chronischer Krankheit. In ihren Studien können sie eine neue Perspektive auf den Umgang mit diskontinuierlichen Berufsverläufen werfen, indem auf biografieanalytischer Grundlage der hohe Stellenwert des Berufs bei der (Re-)Strukturierung der Biografie nachgewiesen wird.

Patrick Richter (Humboldt-Universität zu Berlin) stellt Ergebnisse einer quantitativen Untersuchung zu Berufswegen an der zweiten Schwelle vor. Datengrundlage sind standardisierte telefonische Befragungen an zehn Berliner beruflichen Schulen u .a. zu Karriereverläufen und zur wahrgenommenen Relevanz des Ausbildungsberufs bei studienberechtigenden, dualen und vollzeitschulischen Bildungsgängen.

Bettina Franzke (Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW, Köln), Katrin Böhnke (BIBB) & Miguel Diaz (Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., Bielefeld) stellen in ihrem Beitrag die Ergebnisse einer Untersuchung zur psychologisch-beraterischen Arbeit mit den Denkmustern von Erwachsenen im beruflichen Umbruch vor. Die Studie ist explizit kognitionsorientiert und folgt dem theoretischen Bezugspunkt der rational-emotiven Verhaltenstherapie (REVT) nach Albert Ellis.

Katja Richter (Jena) & Robert W. Jahn (Universität Lüneburg) gehen der Frage nach, warum sich junge Menschen überhaupt für einen geschlechtsunkonventionellen Berufsverlauf entscheiden. Der Beitrag diskutiert theoretische Konzepte und ausgewählte Ergebnisse einer explorativen Fallstudie. Dabei wird u. a. deutlich, dass in der Berufswahlforschung zukünftig zwischen einer geschlechtsunkonventionellen Berufsorientierung vs. Berufsentscheidung unterschieden werden muss.

Peter Faulstich (Universität Hamburg) zeigt in einer qualitativ-empirisch gestützten Rekonstruktion von Grundeinstellungen zu Arbeit bei Erwerbslosen in Weiterbildungsprogrammen, dass die Befragten nicht systematisch zwischen Arbeitsorientierung, Erwerbsorientierung und Berufsorientierung unterscheiden. Vielmehr zeigt sich, dass die im wissenschaftlichen Diskurs zur Transformation der Erwerbsarbeit und zur erweiterten Beruflichkeit enthaltenen Annahmen zum hohen Stellenwert von Arbeit die Perspektive der Befragten nicht erreicht haben.

Zum Schluss noch ein herzlicher Dank!

Wir möchten uns sehr herzlich bei allen Autorinnen und Autoren für die interessanten Beiträge für die Ausgabe 29 von bwp@ bedanken.

Ein besonderer Dank gilt auch diesmal unserem tollen Team der Redaktion und unserem Websupport, also Anna LAMBERT, Franz GRAMLINGER und Sigrid GRAMLINGER-MOSER. Ohne ihre exzellente Arbeit hätten wir es nicht geschafft, Ausgabe 29 (die im Frühjahr 2016 noch wachsen wird) in dieser Form und in dieser Zeit online zu veröffentlichen. Darüber hinaus danken wir auch Anna LAMBERT für die Organisation der Abstracts-Übersetzungen ins Englische.

Martin Fischer, Karin Büchter und Tim Unger
im Dezember 2015

Literatur

Abel, H. (1963): Das Berufsproblem im gewerblichen Ausbildungs- und Schulwesen Deutschlands (BRD). Braunschweig.

Baethge, M./Baethge-Kinsky, V. (1998): Jenseits von Beruf und Beruflichkeit? Neue Formen von Arbeitsorganisation und Beschäftigung und ihre Bedeutung für eine zentrale Kategorie gesellschaftlicher Integration. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Jg. 31, H. 3, 461-472.

Blankertz, H. (1968): Zum Begriff des Berufs in unserer Zeit . In: Blankertz, H. (Hrsg.): Arbeitslehre in der Hauptschule. 2. Aufl.. Essen.

Büchter, K. (2005): Beruf: Idee-Form-Politikum. In: Büchter, K./Seubert, R./Weise-Barkowsky, G. (Hrsg.): Berufspädagogische Erkundungen. Frankfurt am Main, 255-278.

Castel, R./Dörre, K. (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung – Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt.

Dahrendorf, R. (1983): Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Matthes, J. (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Frankfurt am Main, 25-37.

Fischer; M. (1998): Bildung als Kernbereich des Unternehmens? In: Haase, P./Dybowski, G./Fischer, M. (Hrsg.): Berufliche Bildung auf dem Prüfstand. Alternativen beruflicher Bildungspraxis und Reformperspektiven. Bremen, 109-126.

Frenz, M./Schlick, C./Unger, T. (Hrsg.) (2008): Moderne Beruflichkeit. Empirische Untersuchungen in der Energieberatung. Bielefeld.

Greinert, W.-D. (1998): Das „deutsche System“ der Berufsausbildung. Baden-Baden.

Kohli, M. (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs: Historische Befunde und theoretische Argumente. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 37, 1-29.

Kraus, K. (2006): Vom Beruf zur Employability? Zur Theorie einer Pädagogik des Erwerbs. Wiesbaden.

Kutscha, G. (2008): Beruflichkeit als regulatives Prinzip flexibler Kompetenzentwicklung – Thesen aus berufsbildungstheoretischer Sicht. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 14, 1-12. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe14/kutscha_bwpat14.pdf (12-12-2012). 

Lipsmeier, A. (1998): Vom verblassenden Wert des Berufes für das berufliche Lernen. In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Jg. 94, H. 4, 481-495.

Lisop, I. (1998) Die berufsförmig organisierte Arbeit und eine darin befangene Bildung – ein Anachronismus für das lernende Unternehemen?  In: Haase, P./Dybowski, G./Fischer, M. (Hrsg.): Berufliche Bildung auf dem Prüfstand. Alternativen beruflicher Bildungspraxis und Reformperspektiven. Bremen, 129-146.

Meyer, R. (2012): Professionsorientierte Beruflichkeit? Theoretische und konzeptionelle Überlegungen zur Öffnung der Hochschulen als Lernorte der beruflichen Bildung. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 23, 1-17. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe23/meyer_bwpat23.pdf (12-12-2012).

Mückenberger, U. (1985): Die Krise des Normalarbeitsverhältnisses: hat das Arbeitsrecht noch Zukunft? In: Zeitschrift für Sozialreform Jg. 31, Nr. 7, 415-434.

Pongratz, H. J./Voß, G. G. (2003): Arbeitskraftunternehmer – Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Berlin.

Rauner, F. (1998): Moderne Beruflichkeit. In: Euler, D. (Hrsg.): Berufliches Lernen im Wandel - Konsequenzen für die Lernorte? Dokumentation des 3. Forums Berufsbildungsforschung 1997 an der Universität Erlangen-Nürnberg, (Beiträge zur Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 214; Beiträge zur Berufsbildungsforschung der AG BFN, 03). Nürnberg, 153-171.

Spranger, E. (1950): Umbildungen im Berufsleben und in der Berufserziehung, In: Knoll, J. (Hrsg.) (1965): Heft 9/10 der Reihe „Grundlagen und Grundfragen der Erziehung“, 46-57.

Zitieren des Beitrags

Fischer, M./Büchter, K./Unger, T. (2015): EDITORIAL zur bwp@ Ausgabe 29: Beruf. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 29, 1-8. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe29/editorial_29.pdf (15-12-2015).