bwp@ 29 - Dezember 2015

Beruf

Hrsg.: Martin Fischer, Karin Büchter & Tim Unger

„Mama, welche Schule muss ich besuchen, wenn ich Chef werden will?“ – Berufe als individuelle Leitkategorie für Bildungsprozesse

Beitrag von Birgit Ziegler & Gaby Steinritz
bwp@-Format:

Dem Beitrag liegt die Prämisse zugrunde, dass schon Kleinkinder Berufe als Erwachsenenrollen wahrnehmen und diese Leitkategorien für die eigene Entwicklung im Sinne des „Großwerdens“ bilden. Da sich erste Berufskonzepte, wie empirisch belegt, vor der Einschulung konstituieren, wird weiterhin angenommen, dass sie Bildungsprozesse im Sinne der Selbstbildung bzw. auch der Wahrnehmung von Lernangeboten im Schulsystem beeinflussen. Entsprechend im Titel das Zitat einer Neunjährigen, die darüber nachdenkt, welche schulische Laufbahn sie nach der Grundschule anstreben soll. Überlegungen zu potenziellen Wirkungszusammenhängen von soziokulturell geprägten Lebensbereichen werden abgeleitet und deren wechselseitiger Einfluss auf die Entwicklung beruflicher Aspirationen diskutiert. Berufliche Aspirationen werden als Indikatoren für Zuversicht bzw. der Entwicklung von Perspektivität von Kindern und Jugendlichen interpretiert. Auf diese Kernannahmen bezogen soll der Theorie- und Forschungsstand zur Theorie beruflicher Aspirationen von Gottfredson (1981) analysiert und mit Befunden aus eigenen Studien zur Wahrnehmung von Berufen und zur Entwicklung beruflicher Aspirationen im frühen Kindes- und Jugendalter ergänzt werden. Eigene Untersuchungen bei Jugendlichen der Sekundarstufe I beziehen sich einerseits auf standardisierte Befragungen (n = 959) und teilstandardisierte Interviews (n = 48). Die Jugendlichen waren in der schriftlichen Befragung aufgefordert, Berufe nach Geschlechtstyp und Prestigeniveau einzuschätzen und anzugeben, welche der vorgelegten Berufe sie selbst zu ihren Berufswünschen zählen. Eine Gruppe daraus wurde ferner zu Begründungen ihrer beruflichen Aspirationen interviewt. Hinsichtlich der Frage, ob sich Kinder schon früh an Berufsrollen orientieren, wurden ferner sechzig Grundschulkinder danach gefragt, was sie einmal werden wollen, wenn sie groß sind.

"Mum, which school should I go to if I want to be a boss?" – Occupations as an individual guiding category for education processes

English Abstract

The article is based on the premise that even infants perceive occupations as adult roles and create these guiding categories for their own development as part of the process of “growing up”. Since it has been empirically proven that children form initial occupational concepts before they go to school, it is still assumed that they influence educational processes by the way they educate themselves or perceive what they can learn in the school system. Accordingly, the title contains the words of a nine-year-old girl who is thinking about what academic career she should pursue after finishing primary school. Considerations about potential interdependencies of socio-culturally marked areas of life are derived. Their mutual influence on the development of occupational aspirations will be discussed. Occupational aspirations are interpreted as indicators of confidence or the development of perspectivity in children and adolescents. Taking these core assumptions as a reference, the article aims at analysing the progress made in theory and research to the theory of vocational aspirations of Gottfredson (1981) and presents findings from studies conducted by the author on the perception of occupations and on the development of occupational aspirations in children and adolescents.

The author has to date carried out surveys among sixty primary school children and among about 1000 first-stage secondary school adolescents. Standardised questionnaires (n = 959) were used and partly standardised interviews (n = 48) were conducted. In the written questionnaire, the adolescents were asked to assess occupations according to gender type and level of prestige and to state which of the occupations listed were among the occupations they wished to take up. The adolescents in one group were asked to state reasons for their occupational aspirations. With regard to the question if children orientate themselves early to professional roles, sixty primary school children were also asked what they want to be when they grow up.

1 Problemstellung

Ausgangspunkt unserer Überlegungen sind zum einen die Frage nach Wechselwirkungen zwischen Berufsorientierungs- und Bildungsprozessen und zum anderen die Frage nach deren Veränderungen im Zuge der Moderne. Anlass über Veränderungen der soziokulturellen Bedingungen nachzudenken geben u. a. die Analysen von Illouz (2012) zur Änderung der gesellschaftlichen Grundlagen der Partnerwahl. Gewisse Parallelen hinsichtlich der Berufswahl können aus dem Konzept der Entwicklungsaufgaben von Havighurst (1965) abgeleitet werden, vor allem hinsichtlich der biografischen Relevanz beider Entwicklungsaufgaben für die individuelle Lebenszufriedenheit. Berufe als Orientierungskategorie für die Entwicklung beruflicher Aspirationen ab dem Kleinkindalter zu betrachten, basiert auf den Annahmen zu Eingrenzungs- und Kompromissbildungsprozessen nach Gottfredson (1981, 1996). Danach resultieren berufliche Aspirationen aus frühkindlichen Passungserwägungen zwischen Berufskonzepten und Selbstkonzept im Abgleich zu Realisierungsanforderungen. In der Kindheit erfolgt dies überwiegend in Orientierung an sozialen Kategorien, wie Geschlecht und sozialer Position, persönliche Interessen sind nach Gottfredson erst in späteren Entwicklungsphasen wirksam für die Entwicklung von Berufszielen. In Gottfredons Theoriekonzeption wird das Interessenkonstrukt jedoch wenig konkretisiert.

In der Berufswahltheorie und Berufswahlforschung gilt Interesse spätestens seit Holland als zentraler motivationaler Faktor und in der Bildungsforschung wird Interesse mit intrinsischer Lernmotivation gleichgesetzt (vgl. z. B. Prenzel/Krapp/Schiefele 1986; Krapp/Prenzel 1992). Während sich die Berufswahlforschung vornehmlich auf das Konstrukt der allgemeinen beruflichen Interessen bezieht, fokussiert die Bildungsforschung primär spezifische Interessen (vgl. Bergmann/Eder 2005). Allgemeine Interessen entwickeln sich nach gängigen Annahmen durch Orientierungs- und Ausschlussprozesse, die Genese spezifischer Interessen basiert auf konkrete Erfahrungen in der Begegnung mit den Gegenständen bzw. Themen. Bei der Genese spezifischer Interessen sind daher neben kognitiven und wertbezogenen Faktoren auch emotionale Erlebensmomente bedeutsam (vgl. Todt 1995; Krapp 2002). Das von Todt (1995) aus der Analyse empirischer Befunde der Interessenforschung spezifizierte Modell der Interessengenese differenziert zwischen den Bereichen Beruf, Schule und Freizeit. Zur Begründung des Modells der Genese allgemeiner (beruflicher) Interessen rekurriert Todt u. a. auch auf Elemente der Eingrenzungs- und Kompromisstheorie von Gottfredson (vgl. Todt 1995, 237). Potentielle Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen Beruf, Schule und Freizeit werden dabei nicht thematisiert. Auf wechselseitige Implikationen deutet hingegen – neben dem Zitat im Titel – die Reaktion einer weiteren Grundschülerin, die ihre Haltung gegenüber dem Fach Mathematik dahingehend kommentiert, dass sie Mathematik nicht lernen müsse, da sie ohnehin Malerin werden wolle. Hier handelt es sich zwar um eher zufällig aufgegriffene kindliche Äußerungen, dennoch scheint uns die Annahme begründet, dass die Entwicklung spezifischer gegenstandsbezogener Interessen wahrscheinlicher wird, wenn Kinder Bezüge zwischen Lerngegenständen und ihren beruflichen Aspirationen herstellen können (Relevanzzuschreibung). Eine geringe Relevanzzuschreibung und emotional negativ erlebte Erfahrungen mit Lerngegenständen (z. B. geringes Kompetenzerleben im Fach Mathematik) erhöht dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass diese kurzerhand aus der Interessensphäre ausgeschlossen und mit einer negativen Valenz belegt werden, wenn dies mit den beruflichen Aspirationen vereinbar ist. Darüber hinaus lässt sich annehmen, dass sich über Präferenzen für bestimmte Berufe bzw. Berufsfelder eine geschlechtsspezifische Interessendifferenzierung ausbildet, die im schulischen Kontext wirksam wird. So indizieren Befunde der pädagogischen Interessenforschung, dass Schülerinnen an physikalischen Themen, die mit einen Bezug zum medizinischen Berufsfeld dargeboten werden, ein höheres Interesse zeigen als an physikalischen Themen, die in einen technischen Bezugskontext eingebettet werden (vgl. Hoffmann/Häußler/Lehrke 1998). Gemäß den dargestellten Überlegungen und Theoriebezügen gehen wir davon aus, dass sich kindliche Vorstellungen zum „Großwerden“ an Erwachsenenrollen orientieren, die sich in einer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft noch immer über Berufe konstituieren. Schon Kinder entwickeln Vorstellungen, welche Berufe sie später einmal ausüben wollen und etablieren in dieser frühen Orientierungsphase Vorläufer manifester Berufsinteressen als geschlechtsspezifische Berufspräferenzen. Nachdem die Genese beruflicher Aspirationen und beruflicher Interessen vor Ausdifferenzierung der kindlichen Lebenswelt in Schule und Freizeit einsetzt, sind systematische Wechselwirkungen hinsichtlich der Entwicklung spezifischer Interessen in anderen Lebensbereichen wahrscheinlich.

Parallelen zu den eingangs erwähnten soziologischen Analysen zur Partnerwahl von Illouz (2012) ergeben sich für die Berufswahlthematik vor allem hinsichtlich der Bedeutung der Vorstellungskraft. Der Gebrauch der Vorstellungskraft gilt als ebenso entscheidend für die Entstehung eines modernen Bewusstseins wie der Begriff der Vernunft (ebd. 363). Im Zuge der Moderne veränderte sich die Ökologie der Partnerwahl, indem sich zunehmend die Vorstellung der romantischen Liebe durchgesetzt hat (ebd. 39ff.). Auch die Idee der Berufswahl nach Eignung und Neigung hielt mit der Moderne Einzug in das westliche Denken (vgl. z. B. Luers 1988; Kurtz 2002). Aber schon im Volksmund sind „Wahl“ und „Qual“ zwei Seiten einer Medaille, daher bieten insbesondere die Analysen von Illouz (2012) zu Phantasie und Enttäuschung Anregungen den soziokulturellen Rahmen und dessen Wandel stärker in die Überlegungen einzubeziehen, sofern sich die Herstellung von Parallelen auf die allgemeinen Ausführungen zur Wirksamkeit der Vorstellungskraft beschränkt. Der Gebrauch der Vorstellungs- bzw. Einbildungskraft führt nach Illouz zur Ausbildung soziokulturell überformter kognitiver Repräsentationen, die die Verarbeitung konkreter Erfahrungen strukturieren (Illouz 2012, 364ff.). Soziokulturell und somit auch ökonomisch überformt wird die Vorstellungskraft insbesondere durch Technologie- und Medienentwicklung. Die Vorstellungskraft ermöglicht Individuen die Erschließung der (beruflichen) Welt ausschließlich über ihre medialen Repräsentationen, jenseits des unmittelbaren soziokulturellen Kontextes oder konkreter Erfahrungen. Die Begegnung mit der Welt erfolgt über einen Erwartungs- oder Referenzrahmen, der eine hohe Distanz zur Realität aufweisen kann. Weil die Kluft zwischen Idealität und Realität, die in der Umsetzungsphase der Berufswahl je nach individueller sozialer Lage und Angebotssituation erhebliche Kompromisse erfordern kann, könnte es sich für Individuen zunehmend schwieriger gestalten, zwischen eigenen Vorstellungen und dem real Umsetzbaren zu vermitteln. Zudem könnte auch die medial wahrgenommene Vielfalt an beruflichen Optionen die Konkretisierung von Berufswünschen erschweren und ein Gefühl von Orientierungslosigkeit verstärken. Als Konsequenz einer erfahrbaren Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit könnte insbesondere für Jugendliche aus prekären Verhältnissen eher Resignation als soziale Aufstiegsaspiration Oberhand gewinnen. Diesbezüglich könnte auch ein Ausbleiben beruflicher Aspirationen als Indikator für Perspektivlosigkeit und Resignation aufgefasst werden. Um (berufs-)pädagogischen Handlungsbedarf zu identifizieren, ist die Berufswahl daher sowohl hinsichtlich soziokultureller als auch hinsichtlich ihrer lebenszeitlichen Perspektive in den Blick zu nehmen. Andernfalls besteht – analog zur Partnerwahl – die Gefahr, mit Beratung und der Arbeit am Selbst etwas therapieren zu wollen, dessen Ursache nicht ausschließlich im individuellen Handlungsrahmen liegt (vgl. ebd. 425ff.).

Weder die Frage nach weiteren Parallelen zwischen Partnerwahl und Berufswahl, die sich aus den erwähnten soziologischen Analysen ableiten lassen, noch die Frage nach der Wirksamkeit beruflicher Aspirationen in Bildungsprozessen können im vorliegenden Beitrag erschöpfend beantwortet, sondern allenfalls in ihrer theoretischen Beziehung aufgerissen und erste empirische Analysen in Richtung einer Beantwortung vorgestellt werden. Obwohl sich diesbezüglich noch weitere Überlegungen und Forschungsfragen aufdrängen, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf theoretische und empirische Erkenntnisse zur Entwicklung beruflicher Aspirationen. Mit dem Ziel einen erweiterten theoretischen Bezugsrahmen aufzustellen, der die aufgeworfenen Fragen adressiert, werden aus diesen Erkenntnissen Modifikation und Konkretisierungen von Konstrukten der Basistheorie abgeleitet.

2 Theorie beruflicher Aspirationen

Gottfredson integriert in ihrer Theorie beruflicher Aspirationen (z. B. Gottfredson 1981, 1996) sowohl entwicklungspsychologische Ansätze der Berufswahl als auch die Interessentheorie von Holland (1997, 1999). Zudem bezieht sie Aspekte des sozialen Kontextes mit ein. In Anlehnung an Ginzberg (1952) nimmt Gottfredson an, dass der Prozess der beruflichen Entwicklung über mehrere Phasen verläuft und bereits im Kindesalter einsetzt. Ferner integriert sie die von Super (1953) akzentuierte Bedeutung des Selbstkonzepts. Berufliche Entwicklung verläuft demnach über Passungsabwägungen zwischen Berufskonzepten und Selbstkonzept und Überlegungen zu Realisierungsoptionen. Individuen bilden im Laufe der kognitiven Entwicklung ein Selbstkonzept aus, d. h. Vorstellungen von der eigenen Person hinsichtlich sozialer Zugehörigkeit sowie eigener Interessen, Fähigkeiten und Werte. Gottfredson unterscheidet hierbei eine soziologische von einer psychologischen Perspektive. Erstere bezieht sich auf soziale Elemente wie Geschlecht, Klasse und Intelligenz bzw. Begabung zur Verortung der eigenen Person innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges. Die psychologische Perspektive bezieht sich auf private Elemente wie persönliche Interessen, Werte und Kompetenzen (vgl. Gottfredson 1981, 547). In Bezug auf die Bedeutung persönlicher Interessen integriert Gottfredson den Interessen-Ansatz von Holland (z. B. 1997). Demnach streben Personen nach beruflichen Umwelten, die den eigenen beruflichen Interessen entsprechen. Berufliche Umwelten – oder „Arbeitsbereiche“ in der Terminologie Gottfredsons (1981, 553) – lassen sich ebenso wie berufliche Interessen entlang einer Typologie (RIASEC) unterscheiden. Gemäß ihres entwicklungspsychologischen Modells der Selbstkonzeptgenese geht die Konstituierung des sozialen Selbst der des psychologischen Selbst voraus, weshalb soziale Selbstkonzeptelemente im beruflichen Orientierungsprozess zeitlich früher wirksam werden. Den sozialen Elementen des Selbstkonzepts weist sie daher ein höheres Gewicht bei der Bewertung beruflicher Alternativen zu als persönlichen Elementen (vgl. ebd. 572).

Einhergehend mit der Selbstkonzeptgenese bilden Personen Vorstellungen von Berufen (Berufskonzepte) aus, die zunehmend komplexer organisiert sind (vgl. ebd. 554f.). Gottfredson nimmt an, dass sich Berufskonzepte über verschiedene Personengruppen ähnlich gestalten (Universalitätsannahme) und entlang einer kognitiven Landkarte strukturiert sind (vgl. ebd. 551). Ausgehend von dieser kognitiven Landkarte, die sich vorrangig über die beiden unabhängigen Dimensionen Geschlechtstyp und Prestige konstituiert, bildet sich ein individuelles berufliches Aspirationsfeld aus, das alle von einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt als akzeptabel erachteten Berufsalternativen einschließt (vgl. ebd. 548).

Das berufliche Aspirationsfeld resultiert aus einem sukzessiven Eingrenzungsprozess, indem inakzeptable Berufsalternativen teils vorbewusst eliminiert werden. Diesen Prozess konzipiert Gottfredson über vier Stufen. Auf Stufe 1 (Alter: ca. 3-5 Jahre) werden Berufe von Kindern als Teil der Erwachsenenwelt wahrgenommen. Phantasien als potenzielle Erscheinungsformen der eigenen Erwachsenenzukunft werden abgelegt. Hier könnte mit Bezug zu den obigen Ausführungen zum Gebrauch der Vorstellungskraft argumentiert werden, dass die Phantasiewelt des Kindes sich in eine soziokulturell überformte Vorstellungswelt verändert und daher einen zunehmenden Realitätsbezug aufweist. Auf Stufe 2 (Alter: ca. 6-8 Jahre) entwickeln sich die Vorstellungen des Kindes in Orientierung an Geschlechterrollen. Berufe, die es als unvereinbar mit der eigenen Geschlechtsidentität wahrnimmt, werden ausgeschlossen und das berufliche Aspirationsfeld beginnt sich über die Definition einer akzeptablen Geschlechtsgrenzeauszubilden. Im Anschluss (Stufe 3 – Alter: ca. 9-13 Jahre) orientieren sich die Vorstellungen des Kindes an sozialen Bezugsgrößen. Sie nehmen Aspekte ihrer sozialen Umwelt und Statusunterschiede wahr und beginnen ihre Berufskonzepte hinsichtlich des Sozialstatus auszudifferenzieren und zu bewerten. Berufe, die nicht dem angestrebten Mindestmaß an Prestige entsprechen oder aufgrund von Aufwands- und Leistungsüberlegungen als unzugänglich erscheinen, werden ausgeschlossen. Auf dieser Entwicklungsstufe grenzt sich das berufliche Aspirationsfeld durch eine prestigebezogene untere Anspruchsgrenze und eine obere Anstrengungsgrenzeweiter ein. Innerhalb des Feldes akzeptabler Berufsalternativen differenzieren sich auf Stufe 4 (Alter: ab ca. 14 Jahre) berufliche Interessensbereiche aus (vgl. ebd., 558ff.), die entlang der RIASEC-Typologie von Holland erfasst werden können. Ein Abrücken von beruflichen Aspirationen bzw. eine Offenheit für Alternativen, die außerhalb des individuellen Aspirationsfeldes liegen, wird lediglich erwartet, wenn die Notwendigkeit einer Berufswahl zeitlich näher rückt und auf Seiten der Jugendlichen Zweifel an der Verwirklichung ihrer beruflichen Aspirationen bestehen bzw. sie real auf Barrieren stoßen. Diesen Prozess beschreibt Gottfredson als Kompromissbildung (vgl. Gottfredson 1996, 187). Zuvor definierte Berufspräferenzen innerhalb des beruflichen Aspirationsfeldes werden in diesem Fall zu bedingten Präferenzen. In Abhängigkeit von der Stärke des einzugehenden Kompromisses erfolgt bei der Bewertung beruflicher Alternativen eine unterschiedliche Priorisierung der Dimensionen Geschlechtstyp, Prestige und Interessen (vgl. ebd. 198ff.).

3 Entwicklung beruflicher Aspirationen im Kindes- und Jugendalter – Bilanzierung gegenwärtiger Forschungsbefunde

Empirische Befunde zur Prüfung der Theorie von Gottfredson beziehen sich bislang nur auf einzelne Theorieelemente. Insgesamt existieren nur wenige Untersuchungen zur sukzessiven Eingrenzung beruflicher Aspirationen entlang des von Gottfredson postulierten Entwicklungsmodells, deren Befunde sich zudem als uneinheitlich erweisen (z. B. Leung 1993; Leung/Conoley/Scheel 1994; Ratschinski 2009; Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler im Druck). Die Prüfung von Kompromissprozessen bezieht sich vorwiegend auf künstlich simulierte Kompromisssituationen (z. B. Holt 1989; Leung/Plake 1990; Leung 1993). Wie Ratschinski (2009) anmerkt, lassen sich diesbezüglich unterschiedliche Wahrnehmungen von Berufsmerkmalen erkennen, die eine Theorieüberprüfung erschweren. Demgegenüber liegen diverse Forschungsbefunde vor, die eine im Kindesalter einsetzende Entwicklung beruflicher Aspirationen nahe legen.

3.1 Entwicklung von Berufskonzepten

Gottfredson nimmt an, dass sich die entlang der beiden unabhängigen Hauptdimensionen Geschlechtstyp und Prestige organisierten Berufskonzepte über verschiedene Personengruppen als ähnlich erweisen (vgl. Gottfredson 1981, 551). Nach Lapan/Jingeleski (1992) zeigt sich dieser hohe Konsens in den Berufskonzepten bei Jugendlichen der achten Klassenstufe. Ferner scheinen sich in Übereinstimmung mit Gottfredson bereits im Kindesalter Berufskonzeptionen als Teil der Erwachsenenwelt zu entwickeln, die im (Grund-)schulalter zunehmend komplexer organisiert werden. In einer Untersuchung von Busshoff (1987) wurde die Konformität in den Geschlechtstyp- und Prestigeeinschätzungen von Kindern, Jugendlichen und Studierenden über eine Liste mit vierzehn vorgegeben Berufen überprüft. Die Befunde zeigen, dass Grundschulkinder die vorgegebenen Berufe hinsichtlich des Geschlechtstypus ähnlich einschätzen wie Studierende. Bedeutsame Übereinstimmungen in der Wahrnehmung des Berufsprestiges lassen sich hingegen erst ab der zehnten Klasse erkennen.

Ein wenig ausgereiftes Berufsverständnisses von Grundschulkindern zeigt sich in den Untersuchungsbefunden von Walls (2000). Grundschulkinder sowie Schülerinnen und Schüler der sechsten, neunten und zwölften Klassenstufe sollten insgesamt 20 Berufe hinsichtlich der Merkmale Ausbildungszeit, sozialer Status/Prestige, Verdienst, körperliche und kognitive Anforderungen sowie Verfügbarkeit einschätzen. Während sich erwartungskonform mit Gottfredson die Prestigeurteile von der neunten zur zwölften Klassenstufe als stabil erweisen, lassen sich die Berufsvorstellungen von Grundschulkindern als weniger fest stehend beschreiben. Wie auch Olyai/Kracke (2008) anmerken, scheinen etwa Aspekte des „Geld Verdienens“ bei Grundschulkindern eher spontane Merkmale zur funktionalen Beschreibung der Erwachsenenwelt darzustellen und lassen sich demnach weniger als Bestandteile komplex organisierter Berufskonzepte begreifen.

Gegen die Annahme universaler Berufskonzepte sprechen die Befunde von Tomasik/ Heckhausen (2006). Demnach bewerten Realschüler und Realschülerinnen das Prestige von Ausbildungsberufen in Abhängigkeit ihres eigenen sozialen Hintergrundes. So neigen die Jugendlichen mit niedrigerem Sozialstatus eher dazu Ausbildungsberufe im Prestige höher einzuschätzen als Jugendliche mit mittlerem Sozialstatus. Darüber hinaus zeigt sich ein höherer Konsens in den Prestigeurteilen der Jugendlichen bei prestigeniedrigeren als bei prestigehöheren Berufen. Diese Effekte lassen sich durch Mechanismen eines „beruflichen Egozentrismus“ (Tomasik/Heckhausen 2006, 262) im Sinne eines gruppenspezifischen Wertekonsenses sowie durch selbstwertdienliche Prozesse begründen. Eine Aufwertung des Prestiges von Berufen, die eine Nähe zur eigenen sozialen Herkunft aufweisen, lässt sich demnach als Ausdruck zur Aufrechterhaltung oder Erhöhung des Selbstwertes interpretieren. Ähnliche Urteilsverzerrungen berichtet Ratschinski (2009). Danach lässt sich insbesondere bei Jugendlichen mit niedrigerem Bildungsniveau eine Aufwertung des Prestiges erkennen, wenn der eigene Wunschberuf bewertet wird (vgl. ebd. 115ff.).

3.2 Entwicklung beruflicher Aspirationen

Eine im Kindesalter einsetzende Orientierung an Berufen legen die Befunde von Nelson (1978) nahe. Im Rahmen einer empirischen Untersuchung wurden Kindergarten- und Grundschulkinder danach gefragt, was sie einmal sein wollen, wenn sie erwachsen sind. Bereits im Alter von drei bis vier Jahren werden von Kindern konkrete Berufe angegeben (z.B. Krankenpflegerin bei Mädchen und Feuerwehrmann bei Jungen), wobei in diesem Alter insbesondere von Mädchen auch fiktive Fantasievorstellungen genannt werden (z. B. Geist oder Affe). Im Grundschulalter lassen sich diese Fiktionen nicht (mehr) erkennen und ein breiteres Spektrum von beruflichen Aspirationen beginnt sich auszudifferenzieren.

Realitätsbezogener waren dagegen Berufswünsche von Wiener Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren (n = 375), die schon Mitte der 1920er Jahre von Frank/Hetzer (1931) danach gefragt wurden, was sie werden wollten wenn sie ein „ganz großer Bursche“ bzw. „ein ganz großes Mädel“ sind. Während von den Dreijährigen insgesamt nur wenige und nur Jungen antworteten, nannten unter den Vierjährigen die meisten sowie unter den Fünfjährigen alle spontan mindestens einen Berufswunsch. Die Wünsche wurden von Frank/Hetzer mit zwei Ausnahmen bei den vierjährigen Mädchen als vernünftig eingestuft. Wie in der oben berichteten Studie nimmt das Spektrum der Berufswünsche mit dem Alter zu, insgesamt bleibt es aber bei den Mädchen enger als bei den Jungen. In der Gruppe der vier- bis sechsjährigen Mädchen bezieht sich fast die Hälfte der Berufswünsche auf den pflegerischen Bereich. Zwischen den Berufswünschen der Vier- bis Sechsjährigen gegenüber den der Acht- bis Zehnjährigen zeichnet sich jedoch eine Veränderung hin zu anspruchsvolleren Berufen ab (vgl. ebd. 92), die vermutlich aus sozialen Statusunterschieden resultiert, aber auch als Ausdruck einer stärkeren Prestigeorientierung bei älteren Kindern interpretiert werden kann, zumal auch das Motivmuster „Erfolgsstreben“ bei den älteren bedeutsamer wird (vgl. ebd. 97).

Geschlechtstypische Berufsaspirationen bei Kindern der Grundschule berichten auch Glumpler/Schimmel (1991). Allerdings zeigt sich nun bei den Mädchen ein breiteres Spektrum an Berufswünschen und sie scheinen weniger auf geschlechtstypische Berufe festgelegt zu sein als Jungen. Dies könnte auf soziokulturell bedingte Veränderungen bei den Mädchen hinweisen, während die Motivmuster konstanter scheinen. Während bei Mädchen auf Hilfe und Pflege ausgerichtete Motive im Vordergrund stehen, scheinen bei Jungen der Verdienst und der Wunsch nach Spaß wichtiger. Dieser Unterschied ist auch in der bereits erwähnten Untersuchung von Frank/Hetzer (1931, 92) erkennbar. Während kein Mädchen einen Berufswunsch der Kategorie „Abenteuererleben“ äußerte, lassen sich bei den beiden Altersgruppen der Jungen sieben und neun Prozent der Berufswünsche dieser Kategorie zurechnen.

Eine frühere Bedeutung von Geschlecht gegenüber Prestige in den beruflichen Orientierungen von Kindern und Jugendlichen wird in einer Untersuchung von Henderson/Hesketh/Tuffin (1988) bekräftigt. Während sich geschlechtstypische Berufspräferenzen bereits bei Kindern im Alter zwischen fünf und sechs Jahren erkennen lassen, scheint der soziale Status von Berufen erst im Alter von neun Jahren die Berufspräferenzen zu beeinflussen. Auch die Ergebnisse dieser Untersuchung sprechen für einen Wandel hin zu einer höheren Toleranz der Mädchen auf der Geschlechtsdimension. Wenngleich sich die Berufspräferenzen sowohl von Mädchen als auch von Jungen insgesamt als geschlechtstypisch beschreiben lassen, scheinen Mädchen weniger auf geschlechtstypische Berufe festgelegt zu sein als Jungen. In diesem Zusammenhang lassen sich ferner in weiteren Untersuchungen Hinweise einer flexibleren und offeneren Geschlechtsorientierung von Mädchen erkennen (vgl. Helwig 1998; Hempel 2008; Trice/Rush 1995).

Unter Entwicklungsgesichtspunkten weisen diverse Forschungsbefunde auf eine zunehmend komplexere Strukturierung der Berufswelt und einen steigenden Realitätsbezug in den beruflichen Aspirationen hin. Während jüngere Kinder häufiger sogenannte Glamour-Jobs (z. B. Fussballprofi, Model) favorisieren, zeigt sich im Laufe der Entwicklung eine zunehmende Abkehr von diesen Traumberufen und eine stärkere Hinwendung zu realistischeren Berufen (z. B. Helwig 2001; Schmude 2009). Allerdings scheint der Realitätsbezug gegenüber den 1920er eher geringer bzw. später einzusetzen, was ebenfalls für den Einfluss eines veränderten soziokulturellen Kontextes auf die Vorstellungswelt von Kindern spricht.

4 Empirische Befunde aus eigener Forschung

Im Rahmen eigener Forschungsarbeiten wurde die Wahrnehmung von Berufen entlang der von Gottfredson postulierten Hauptdimensionen Geschlechtstyp und Prestigeniveau sowie die Konstitution beruflicher Aspirationen im Jugend- und Kindesalter empirisch überprüft. Mit dem primären Ziel eine empirisch begründete Auswahl von Berufen zu identifizieren, die sich für die Entwicklung eines digitalen Instruments zur Abbildung des beruflichen Aspirationsfeldes als geeignet erweist, wurden weitere Daten erhoben, die eine Überprüfung von Theorieelementen erlaubten (Steinritz/Kayser/Ziegler 2012; Kayser/Steinritz/Ziegler 2013; Ziegler/Steinritz/Kayser 2013; Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler im Druck).

Insgesamt wurden n = 1050 Individualdaten über eine standardisierte schriftliche Befragung von Jugendlichen der Sekundarstufe I in der 6. und 10. Klasse (n = 959; mittleres Alter 14.13 Jahre, SD = 2.18), Jugendlichen des Übergangssystems (n = 57; mittleres Alter 18.11 Jahre, SD = 1.24) sowie Studierenden (n = 34; überwiegend Lehramt, mittleres Alter 26.55, SD = 4.08) erfasst. Unter den Befragten befinden sich n = 502 männliche und n = 489 weibliche Jugendlichen sowie n = 12 männliche und n = 22 weibliche Studierende. Zur Erfassung von Berufskonzepten und beruflichen Aspirationen wurden insgesamt 210 Berufe ausgewählt, die zur Einschätzung vorgelegt wurden. Um Urteilsverzerrungen aufgrund nachlassender Konzentration bei einer Einschätzung von 210 Berufen zu entgehen, wurden drei Fragebogenversionen mit jeweils 70 Berufen eingesetzt. Die Auswahl der Berufe orientierte sich hierbei an bisherigen Untersuchungsbefunden zu den von Jugendlichen favorisierten Berufen (z. B. Ratschinski 2009; Schmude 2009) sowie an den RIASEC-Typen nach Holland – insgesamt 35 Berufe pro Primärtyp. Die RIASEC-Typen wurden über das deutsche Register des EXPLORIX (Jörin et al. 2003) ermittelt. In Anlehnung an Lapan/Jingelski (1992) sowie Ratschinski (2009) erfolgte die Einschätzung der Berufskonzepte entlang der von Gottfredson postulierten Dimensionen Geschlechtstyp und Prestige über neunstufige Skalen von 1 „sehr männlicher Beruf“ bis 9 „sehr weiblicher Beruf“ sowie 1 „sehr niedriges Prestige“ bis 9 „sehr hohes Prestige“. Ferner wurden die Befragten gebeten, in der vorgelegten Liste ihre persönlichen Wunschberufe anzukreuzen, die für die anschließenden Analysen als Indikatoren beruflicher Aspirationen interpretiert wurden. Ferner wurde der AIST-R nach Bergmann/Eder (2005) zur Erfassung beruflicher Interessen eingesetzt. Im Anschluss an die standardisierte schriftliche Befragung wurden n = 48 Jugendliche zu ihren Berufskonzepten sowie Motiven zur Ein- und Ausgrenzung von beruflichen Alternativen interviewt. Die Stichprobe setzt sich aus n = 22 männlichen und n = 26 weiblichen Jugendlichen zusammen. Das mittlere Alter der Jugendlichen liegt bei 15.92 Jahren (SD = 2.79). Über die Analysetechnik der strukturierten Inhaltsanalyse nach Mayring (2010) wurden Faktoren generiert, die sich auf Berufskenntnisse und -vorstellungen, auf Motive der Ein- und Ausgrenzung beruflicher Alternativen sowie auf berufswahlrelevante Vorstellungen in Bezug auf die eigene Person beziehen (vgl. Kayser/Steinritz/Ziegler 2013). Darüber hinaus wurden n = 60 Grundschulkinder der 1. bis zur 4. Klassenstufe im Rahmen einer Interviewsituation danach gefragt, was sie einmal werden wollen, wenn sie erwachsen sind (Warwas 2014). Ziel dieser Studie war es, zu prüfen, ob Kinder in diesem Alter auf die Frage nach dem „groß werden“, spontan Berufe oder berufliche Tätigkeiten nennen, oder ob sie sich an anderen Erwachsenenrollen oder Umweltbereichen orientieren. Mit n = 30 Mädchen und n = 30 Jungen erweist sich die Stichprobe als geschlechtsspezifisch homogen. Das mittlere Alter der Kinder liegt bei 7.50 Jahren (SD = 1.10).

4.1 Berufskonzepte

Die von Gottfredson postulierte Unabhängigkeit der beiden Dimensionen Geschlechtstyp und Prestige konnte auf der Grundlage der Individualdaten der Befragung bestätigt werden, r(210) = -.095, p > .05 (vgl. Steinritz/Kayser/Ziegler 2012, 5; Kayser/Steinritz/Ziegler 2013, 27). Darüber hinaus konnte die Annahme universaler Berufskonzepte bekräftigt werden. Bezüglich der mittleren Geschlechtstyp- und Prestigeeinschätzungen zwischen Jugendlichen der Sekundarstufe I und Studierenden zeigen sich starke positive Zusammenhänge, wobei die Korrelationen zwischen Jugendlichen der 10. Klasse und Studierenden höher ausfallen als zwischen Jugendlichen der 6. Klasse und Studierenden. Konform mit den Befunden von Ratschinski (2009) zeigt sich ferner, dass hinsichtlich des Geschlechtstypus ein stärkerer Konsens vorliegt als in Bezug auf das Berufsprestige (vgl. Kayser/Steinritz/Ziegler 2013, 28; Steinritz/Kayser/Ziegler 2012, 6).

Wenngleich die quantitativen Befunde belegen, dass Jugendliche geschlechtstyp- und prestigebezogene Vorstellungen von Berufen haben, zeigt sich in den Interviewdaten, dass ihre Kenntnisse bezüglich der den Berufen zugrundeliegenden beruflichen Tätigkeiten eher unpräzise und wenig realitätsadäquat ausfallen (vgl. Kayser/Steinritz/Ziegler 2013, 31; Ziegler/Steinritz/Kayser 2013, 312). Ferner lassen sich in den Äußerungen von jüngeren Jugendlichen teilweise romantische und glanzvolle Vorstellungen von beruflichen Tätigkeiten erkennen (z. B. Also als Profiköchin z. B. die geben ja auch Bücher raus mit eigenen Rezepten und sowas. Kochshows. Und man kann lecker kochen – w, Gymnasium, 12 Jahre) – auch im Rahmen der Befragung zu Berufswünschen von Grundschulkindern (Warwas 2014) konnten insbesondere bei Jungen kindlich naive Berufsvorstellungen identifiziert werden. Die Wahrnehmung des Geschlechtstyps scheint sich für männliche und weibliche Jugendliche ähnlich zu gestalten und orientiert sich an den wahrgenommenen Frauen- und Männeranteilen in den jeweiligen Berufen. Technische Berufe, die eine körperlich anstrengende Tätigkeit erfordern, werden überwiegend als männlich konnotiert und Berufe in sozialen, pflegenden oder künstlerischen Bereichen werden eher als weiblich wahrgenommen (z. B. Ich habe noch nie eine männliche Krankenschwester gesehen – w, Realschule, 16 Jahre; Auf dem Bau da habe ich auch noch nie eine Frau gesehen. Klar gibt es immer Ausnahmen, aber ich glaube das ist höchstens ein Prozent – m, Gesamtschule, 19 Jahre). Das Berufsprestige wird über die Wahrnehmung von Verdienstmöglichkeiten, kognitiven Anforderungen und Zugangsvoraussetzungen sowie Berühmtheitsfaktoren begründet. Diesbezüglich werden Berufe als prestigeträchtiger eingeschätzt, wenn erwartet wird, dass die Verdienstmöglichkeiten hoch sind (z. B. Ich glaube, das ist einer der bestbezahltesten Berufe [Beruf Pilot/in]. Das Ansehen habe ich deswegen auch sehr hoch eingeschätzt – w, Realschule, 16 Jahre), ein hoher Schulabschluss oder ein Studium erforderlich ist (z. B. Ich finde das ist ziemlich hoch, denn eine Ärztin muss ja auch studieren und so. Ich finde, Berufe, für die man studiert, die haben allgemein ein hohes Ansehen – w, Realschule, 18 Jahre) und die Berühmtheit der eigenen Person gesteigert wird (z. B. [Weshalb hast du das Ansehen so hoch eingeschätzt?] Wenn man Fernsehmoderator ist und mal in die Öffentlichkeit geht und dann stürzen sich auf einmal ganz viele Leute auf einen und »oh kriege ich ein Autogramm?« – m, Realschule, 12 Jahre). Differenziert nach Geschlecht werden hohe Prestigeurteile von weiblichen Jugendlichen über das Ausmaß an sozialer Verantwortung begründet (z. B. Im Ansehen ist er [der Beruf Kinderpfleger/in] denke ich auch hoch einzuordnen, da Kinder unsere Zukunft sind und man viel Zeit in sie investieren sollte – w, Realschule, 16 Jahre), während bei männlichen Jugendlichen Macht- und Autoritätsmotive zum Ausdruck kommen (z. B. Wie der Name schon sagt, General. Da ist wieder diese gewisse Macht in dem Namen schon drin, dass man sagt »ich bin General, ich habe einen hohen Rang, ich habe mich da hochgekämpft und ich verteidige diesen Namen« – m, Realschule, 16 Jahre). Bei der Frage auf welche Quellen die Jugendlichen ihre Berufsvorstellungen stützen wurde am häufigsten auf das familiäre Umfeld verwiesen. An zweiter Stelle wurden Medien sowie eigeneErfahrungen angegeben. Die Schule nimmt als Informationsquelle den dritten Rang, Gespräche mit Peers und Experten und Expertinnen Rang vier ein (vgl. Ziegler/Steinritz/Kayser 2013, 310).

4.2 Entwicklung bzw. Eingrenzung Beruflicher Aspirationen

Auf die Frage nach dem Großwerden nannte die Mehrheit der Grundschulkinder spontan Berufe oder berufliche Tätigkeiten, was als erneute Bestätigung der bei Kindern früh einsetzenden Entwicklung beruflicher Aspirationen interpretiert werden kann. Ein Viertel der Kinder antworteten allerdings, sie wüssten es nicht bzw. äußerten sich dahingehend, dass sie noch keine Überlegungen angestellt bzw. doch dazu noch Zeit hätten (Warwas 2014). Der Anteil spontaner Berufsnennungen ist damit in unserer Stichprobe geringer als in der bereits zitierten Befragung von Frank/Hetzer (1931). Wenngleich daraus noch nicht auf einen soziokulturellen Wandel geschlossen werden kann, so lässt sich hieraus ableiten, dass eine systematische Beobachtung von Veränderungen aufschlussreich sein könnte.

Zur Überprüfung der Kernannahme von Gottfredson (1981), dass sich berufliche Aspirationsfelder kontinuierlich eingrenzen (Eingrenzungshypothese), analysierten Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler (im Druck) Flächen- und Positionsunterschiede der beruflichen Aspirationsfelder von Schülerinnen und Schülern der Sek I (n = 959) in Abhängigkeit der Klassenstufe (6. Klasse und 10. Klasse) und des Geschlechts. Entsprechend der Kernannahme und den bekräftigenden Befunden von Ratschinski (2009) wurde ein kleineres berufliches Aspirationsfeld von Jugendlichen der 10. Klasse gegenüber Jugendlichen der 6. Klasse erwartet. Diese Annahme konnte jedoch nicht bestätigt werden. In Abhängigkeit der Klassenstufe konnten lediglich schwache Effekte bezüglich der Akzeptanzspannweite auf der Prestigedimension sowie der unteren Prestigegrenze aufgezeigt werden. In Übereinstimmung mit den Befunden von Leung/Conoley/Scheel (1994), die ein höheres Prestigeniveau beruflicher Aspirationen auf höheren Entwicklungsstufen nahe legen, scheinen Jugendliche der 10. Klasse ihre prestigespezifische Akzeptanzspanne über eine höhere untere Prestigegrenze zu verengen. Wenngleich Gottfredsons ihre Theorie gleichermaßen für männliche und weibliche Personen konzipiert hat, lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Konstitution des beruflichen Aspirationsfeldes erkennen. In Übereinstimmung mit Ratschinski (2009) weisen weibliche Jugendliche unserer Untersuchungsgruppe ebenfalls eine größere Akzeptanzspanne auf der Geschlechtsdimension auf als männliche Jugendliche. Diese Ergebnisse lassen sich als bekräftigende Hinweise einer flexibleren Geschlechtsrollenorientierung von weiblichen Jugendlichen interpretieren. Hinsichtlich der Akzeptanzspanne auf der Prestigedimension sowie der oberen Prestigegrenze lassen sich hingegen keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen identifizieren. Unterschiede im Prestigeniveau zeigen sich lediglich in der Festlegung der unteren Prestigegrenze. Diesbezüglich weisen männliche Jugendliche eine höhere untere Prestigegrenze auf als weibliche Jugendliche. Die Effektstärken fallen jedoch gering aus.

Die Interviews (n = 48) wurden mit dem Ziel durchgeführt, zu identifizieren, mit welchen Argumenten Jugendliche die Eingrenzung bzw. Ausgrenzung von Berufen begründen (vgl. Kayser/Steinritz/Ziegler 2013; Ziegler/Steinritz/Kayser 2013). Die Analyse der Interviewdaten indizieren, dass das Interesse an Berufen als Motiv der Eingrenzung akzeptabler Berufsalternativen und mangelndes Interesse als Motiv des Ausschlusses inakzeptabler Berufsalternativen am häufigsten genannt wird (vgl. Ziegler/Steinritz/Kayser 2013, 310). Die Geschlechtsangemessenheit scheint eher ein impliziter Bedeutungsfaktor bei der Konstitution beruflicher Aspirationen darzustellen. Lediglich in einzelnen Äußerungen wird mit Geschlechtstypisierungen argumentiert (z. B. Männer machen sowas [Balletlehrer/in] nicht! Zu peinlich – m, Gymnasium, 11 Jahre; Maurer sind auch ganz viele Männer. Da sehe ich nie Frauen. Deshalb würde ich diese Berufe nicht machen wollen – w, Realschule, 12 Jahre). Wenngleich das Berufsprestige als Ausgrenzungsmotiv eher selten explizit genannt wird, lassen sich diverse Äußerungen zu Verdienstmöglichkeiten und Bildungsinvestitionen als statusmotiviert interpretieren (z. B. Der Mechaniker, der arbeitet ja auch mit Maschinen, aber trotzdem kommt das für mich nicht in Frage wegen der Bezahlung. Also hätte ich jetzt nicht die Möglichkeit Abitur zu machen und hätte nicht die Möglichkeit zu studieren und das zu machen was ich möchte, dann würde ich sicherlich diesen Beruf anstreben, weil er all das verkörpert was man dann auch im weitesten Sinne im Maschinenbau machen würde – m, Gesamtschule, 19 Jahre). Ferner lassen sich differenziert nach Geschlecht unterschiedliche Eingrenzungsmotive erkennen. So äußern weibliche Jugendliche auch Interesse an Berufen, die sie als eher männlich einschätzen (z. B. Also Physiker, wäre für mich interessanter als die Chemie. Was ich an Naturwissenschaften noch interessant finde ist auch Mathematik. Das sind auch meine beiden Leistungskurse im nächsten Jahr. Also diese beiden Themengebiete finde ich interessanter. Also Biologie habe ich schon lange nicht mehr, dafür habe ich mich noch nie so richtig interessiert – w, Gymnasium, 17 Jahre). Ähnliche Äußerungen männlicher Jugendlicher, die Interesse für weibliche Berufe angeben, zeigen sich dagegen kaum. Hinsichtlich der Prestigedimension neigen weibliche Jugendliche im Vergleich zu männlichen Jugendlichen dazu, sich auch für Berufe zu interessieren, die sie im Prestige niedrig einschätzen. Dies scheint jedoch weniger für Gymnasiastinnen zuzutreffen.

Gottfredson nimmt an, dass berufliche Interessen erst ab der vierten Entwicklungsstufe (Alter ca. 14 Jahre) bei der Konstitution beruflicher Aspirationen bedeutsam werden. Im Rahmen der Interviews begründeten jedoch auch jüngere Jugendliche (6. Klasse) ihre Berufswünsche mit Interessen an bestimmten Tätigkeiten. Allerdings zeigt sich in den Äußerungen auch, dass hierbei nicht ausschließlich allgemeine berufliche Interessen, sondern im Sinne Todts (1995) vielmehr „spezifische Interessen“ wirksam werden, die sich über persönliche Erfahrungen in Schule oder Freizeit ausgebildet haben (z. B. Ich bin auch so ein Computerfreak und am Computer zeichne ich so Linien und mache ein Bild daraus – m, Realschule, 12 Jahre). Anhand der Auswertung der Daten, die über den AIST-R im Rahmen der standardisierten schriftlichen Befragung erhoben wurden (n = 959 und n = 57) konnte gemäß Gottfredson eine höhere Interessendifferenzierung von Jugendlichen der 10. Klasse gegenüber Jugendlichen der 6. Klasse identifiziert werden. Im Vergleich von Jugendlichen der 10. Klasse und Jugendlichen des Übergangssystems zeige sich hingegen eine gegenläufige Tendenz (vgl. Ziegler/Steinritz/Kayser 2013, 318). Dieser Befund ließe sich als Konsequenz von Kompromissbildungsprozessen interpretieren, bei denen Jugendlichen im Übergangssystem ihre beruflichen Interessen aufgrund unzureichender Realisierungsmöglichkeiten zurückstellen.

5 Diskussion der Befunde und künftiger Forschungsbedarf

Modifikationsbedarf auf der Theorieebene lässt sich hinsichtlich der Universalitätsannahme von Berufskonzepten sowie des Entwicklungsmodells zur Eingrenzung des beruflichen Aspirationsfeldes identifizieren. Ferner scheint eine Konkretisierung der Konstrukte Selbstkonzept und Interesse sowie deren Beziehung zueinander erforderlich (vgl. dazu auch Ratschinski 2009). Forschungsbedarf besteht bezüglich der Wirksamkeit beruflicher Aspirationen auf der Handlungsebene im Berufswahlprozess und zu Wirkungsmechanismen potenzieller Wechselwirkungen zwischen verschiedenen soziokulturell geprägten Lebensbereichen. Zwar existieren Untersuchungen zum Einfluss von Interessen und Selbstkonzeptelementen im Schulkontext, zur Analyse von Wirkungszusammenhängen liegen jedoch keine Untersuchungen vor.

5.1 Universalität von Berufskonzepten

Empirisch bekräftigt werden die Entwicklungsannahmen Gottfredsons (1981) zu Berufskonzepten. So ist eine zunehmende Annäherung zwischen den Einschätzungen von Kindern und Experten über altersabhängig steigende Korrelationskoeffizienten nachweisbar, die auf der Geschlechtsdimension deutlicher ausfallen als auf der Prestigedimension. Differentielle Effekte widersprechen dagegen der Annahme einer universellen kognitiven Landkarte von Berufskonzepten, besonders hinsichtlich der Prestigedimension. Erstens erweisen sich Prestigeeinschätzungen als davon abhängig, ob es sich um einen potentiellen Wunschberuf handelt oder nicht. So wird der gleiche Beruf in selbstkonzeptförderlicher Manier tendenziell höher im Prestige bewertet, wenn es sich hierbei um einen Wunschberuf handelt (vgl. Ratschinski 2009, 115; Kayser/Steinritz/Ziegler 2013, 29). Zweitens scheint die Beurteilung des Berufsprestiges vom Schulniveau bzw. dem Sozialstatus beeinflusst. Individuen neigen dazu, Berufe, die der eigenen sozialen Herkunft näher sind, im Prestige höher zu bewerten (Tomasik/Heckhausen 2006). Dies könnte einerseits die Konkretisierung des Konstrukts Prestige anregen, wirft aber unabhängig davon auch die Frage nach der geeigneten Referenz zur Beurteilung von Berufskonzepten sowie der Beobachtung individueller Entwicklungsverläufe in Hinblick auf die Konstitution beruflicher Aspirationen auf. Um auf der globalen Ebene eine weitgehend objektive Referenz zu gewinnen, müssten in einer groß angelegten repräsentativen Studie zu einem umfassenden Korpus von Berufen Einschätzungen auf der Geschlechts- und Prestigedimension erhoben werden. Auf der Ebene der Tätigkeitsfelder zeigt sich wiederum, dass Berufe des künstlerisch-gestaltenden sowie des sozialen Bereichs (d. h. A- und S-Berufe nach der RIASEC-Typologie von Holland) von männlichen Jugendlichen niedriger im Prestige bewertet werden als von weiblichen Jugendlichen (vgl. Ratschinski 2009, 106). Bei vergleichenden Analysen sind daher immer auch differentielle Einflüsse ins Kalkül einzubeziehen und zu prüfen.

5.2 Eingrenzung beruflicher Aspirationen – Konkretisierung des Interessenkonstrukts

Die dargestellten empirischen Befunde konnten die Eingrenzungsannahme von Gottfredson insgesamt nur in Teilen bekräftigen (z. B. Ratschinski 2009). Obwohl Gottfredson ihre theoretischen Annahmen gleichermaßen für männliche und weibliche Jugendliche konzipiert, indizieren die Forschungsbefunde differentielle Geschlechtseffekte bei der Konstitution des beruflichen Aspirationsfeldes (z. B. Ratschinski 2009; Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler im Druck). Wenngleich eine Auswertung der empirischen Befunde durch uneinheitliche diagnostische Zugänge und deren je spezifischen Problematiken eingeschränkt ist (vgl. dazu Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler im Druck), lässt sich eine Theoriemodifikation durch die Konkretisierung des Interessenkonstrukts und seiner Verankerung in der Theorie ausreichend begründen. Dass Interesse erst in der vierten Stufe der Ausbildung des beruflichen Aspirationsfeld wirksam sein soll, widerspricht sowohl dem Theoriestand zur Interessengenese, als auch den Aussagen von Kindern und Jugendlichen zur Begründung von Berufswünschen. Selbst wenn die semantische Unbestimmtheit des Interessenbegriffs in der Alltagssprache seitens der Befragten ins Kalkül einbezogen wird, ist eine Konkretisierung von Interesse in Gottfredsons Theorie unumgänglich. Todts Modell der Genese allgemeiner Interessen bietet hierzu ein theoretisches Fundament (vgl. Todt 1995, 231). Allerdings bedarf auch Todts Modell einer Ergänzung und Spezifizierung hinsichtlich des Zusammenwirkens von allgemeinen, bereichsbezogenen Interessen und spezifischen Interessen sowie der Wechselwirkungen zwischen den Lebensbereichen. Für eine integrierte Betrachtung der Interessengenese scheinen in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Krapp (z. B. Krapp 2002) aufschlussreich.

Ausgehend von den dargestellten Befunden, lässt sich eine früh einsetzende und mit der Selbstkonzeptentwicklung einhergehende sukzessive Ausdifferenzierung und Verfestigung von Interessen als wahrscheinlich erachten. Als relativ stabile persönliche Interessen dürften sie erst ab der Adoleszenz im Selbstkonzept verankert sein und sich als manifeste allgemeine berufliche Interessen mit den gängigen Instrumenten zur Interessendiagnostik, wie z. B. dem AIST-R, erfassen lassen. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass Gottfredson das Interessenkonstrukt in diesem Verständnis in ihrer Theorie verankert hat, jedoch ohne dies ausreichend zu explizieren. Als bekräftigender Anhaltspunkt lässt sich diesbezüglich der Rückgriff auf die RIASEC-Typologie von Holland in ihrer Theorie interpretieren. Ihr ontogenetisches Erklärungsmodell hinsichtlich der Konstituierung und Eingrenzung eines beruflichen Aspirationsfeldes arbeitet sie auf der darüber liegenden Ebene des Selbstkonzeptes aus. Aus der Perspektive Gottfredsons entfalten Interessen erst ab dem vierten Entwicklungsstadium eine eigenständige Wirksamkeit innerhalb der Selbstkonzeptstruktur. Die Annahme einer Universalität der Ontogenese beruflicher Aspirationen stößt aber spätestens mit der Ausdifferenzierung kollektiver Interessen, die sich an der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen ausrichten, an Grenzen. Ab der zweiten Entwicklungsstufe werden kollektive Interessen insoweit wirksam, dass es nachfolgend im Prozess der Konstituierung des beruflichen Aspirationsfeldes zu differentiellen Entwicklungsverläufen zwischen Jungen und Mädchen kommt. In diagnostischer Hinsicht lassen sich die ab dem Kindesalter erfassbaren Berufswünsche somit als Ausdruck kollektiver Interessen interpretieren. In diesem Zusammenhang scheint das berufliche Aspirationsfeld das Abbild eines allgemeinen Interessenfeldes darzustellen.

Hinsichtlich des Selbstkonzepts als weiteres zentrales Element in Gottfredsons Theorie gibt es ergänzend zu den Überlegungen von Ratschinski, der eine Präzisierung und Elaborierung dieses Theorieelements anregt (vgl. Ratschinski 2009, 181f.), Anlass, über die Verankerung der Vorstellungskraft im Selbstkonzeptkonstrukt nachzudenken. Eine Theorieintegration könnte unter Rückgriff auf den Ansatz von Filipp (2000) erfolgen, indem zwischen einem Ideal- und Realselbst unterschieden wird. Das Idealselbst entwickelt sich vor allem unter dem Einfluss der Vorstellungskraft, die einem soziokulturellen Wandel unterworfen ist. Das Realselbst ist das Ergebnis einer Auswertung konkreter Erfahrungen und Informationsquellen. Eine diagnostische Herausforderung bezieht sich in diesem Zusammenhang darauf, die potentielle Wirkung der Distanz zwischen Idealselbst und Realselbst auf die Entwicklung beruflicher Aspirationen zu erfassen. Je nach Ausprägung der Distanz ließen sich einerseits resignative und demotivierende Haltungen, andererseits aber auch mobilisierende Wirkungen erklären, die persönlichen Ideale zu verfolgen. Hierbei scheint ferner ein Einfluss der individuellen sozialen Lage sowie überindividuellen Rahmenbedingungen bedeutsam.

Hinsichtlich der Handlungswirksamkeit beruflicher Aspirationen zur Bewältigung der Aufgabe, sich mit persönlich zufriedenstellendem Ergebnis in der Berufswelt zu etablieren, besteht allerdings noch erheblicher Forschungsbedarf. Die damit einhergehende Bedeutung der „Berufswahlkompetenz“ (Ratschinski/Struck 2012, 2) lässt sich sodann ebenfalls in wechselseitige Abhängigkeiten der Lebensbereiche Beruf, Schule und Freizeit zurückführen. Die im Titel enthaltene These, dass Berufe als Leitkategorie für Bildungsprozesse fungieren, wird trotz des zu konstatierenden Forschungsdesiderats theoretisch durch die obigen Schlussfolgerungen gestützt, indem das berufliche Aspirationsfeld als Abbild des Interessensfeldes interpretiert werden kann und somit einen Referenzrahmen für die weitere Ausdifferenzierung spezifischer Interessen in allen Lebensbereichen bereitstellt.

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Zitieren des Beitrags

Ziegler, B. /Steinritz, G. (2015): „Mama, welche Schule muss ich besuchen, wenn ich Chef werden will?“ – Berufe als individuelle Leitkategorie für Bildungsprozesse. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 29, 1-17. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe29/ziegler_steinritz_bwpat29.pdf (15-12-2015).