bwp@ 28 - Juni 2015

Berufliche Lehr-Lernforschung

Hrsg.: Tade Tramm, Martin Fischer & Carmela Aprea

Editorial bwp@28: Berufliche Lehr-Lernforschung

Beitrag von Tade Tramm, Martin Fischer & Carmela Aprea
bwp@-Format:

EDITORIAL zur Ausgabe 28:
Berufliche Lehr-Lernforschung

Seit den 1980er Jahren ist die Berufs- und Wirtschaftspädagogik in den deutschsprachigen Ländern in immer noch wachsendem Maße von der realistischen bzw. empirischen Wende geprägt. Bildungs- und kulturtheoretisch geprägte, häufig normativ aufgeladene Reflexionen, auch historische und metatheoretisch-systematische Forschung der 1950er, 60er und 70er Jahre treten zugunsten des Interesses an den realen, empirisch fasslichen Voraussetzungen, Verläufen und Effekten beruflicher Lern- und der sie gestaltenden und begleitenden Lehrprozesse in den Hintergrund.

Dort, wo diese realistische oder empirische Wende den Themenkreis der Didaktik beruflichen Lernens trifft, also die Fragen der Analyse und Gestaltung beruflicher Lernprozesse und ihrer Bedingungen an den Lernorten der beruflichen Bildung, konstituiert sich im weitesten Sinne berufliche Lehr-Lern-Forschung und grenzt sich zugleich von anderen Themengebieten empirischer Berufsbildungsforschung ab. Frank Achtenhagen war in der Wirtschaftspädagogik wohl der erste entschiedene Verfechter einer lehr-lerntheoretisch akzentuierten Curriculumforschung und Fachdidaktik und forderte 1984 als Auf-gabe einer handlungsleitenden Fachdidaktik, „für unterrichtliches Handeln ... schlüssige Entscheidungshilfen bereitzustellen und diese im theoretischen Zusammenhang zu begründen. Eine solche handlungsorientierte Theorie soll angeben, welche Handlungen unter welchen Umständen von welchen Personen mit Aussicht auf welchen Erfolg ausgeführt werden können“ (Achtenhagen 1984, 10f.). Die zentralen Merkmale eines solchen Forschungsprogramms, das gegen Ende der 90er Jahre mit dem DFG-Schwerpunktprogramm „Lehr-Lern-Prozesse in der kaufmännischen Erstausbildung“ seinen Höhepunkt fand, lagen in der Fokussierung auf das Lernen von Schülern und Auszubildenden in seiner Wechselwirkung mit Lehrhandlungen, in der Betonung der Individualität und des Prozesscharakters dieses Lernens, dem nur in Längsschnittuntersuchungen angemessen Rechnung zu tragen sei, und schließlich in der hervorgehobenen Bedeutung der Inhaltlichkeit, des spezifischen Gegenstandsbezugs und der spezifischen Kontextualität solcher Lehr-Lern-Prozesse.

Dieser letzte Aspekt konstituiert den berufs- und wirtschaftspädagogischen Charakter der beruflichen Lehr-Lern-Forschung und grenzt diese von psychologischer Forschung zum Lehren und Lernen ab, für die dieser Gegenstandsbezug häufig eher akzidentiell ist.

Trotz der weitgehenden Akzeptanz dieses Spezifikums scheint berufliche Lehr-Lern-Forschung in ihrer derzeitigen Form der engen Anbindung an den didaktischen Begründungszusammenhang oftmals entwachsen zu sein, was sich vor allem darin zeigt, dass ihre Gegenstände und Fragestellungen weit gefächert, spezialisiert und oft auch in der Weise segmentiert sind, dass eine Rückbindung an die Komplexität didaktischer Problemlagen häufig schwierig erscheint.

Dies mag eine Ursache dafür sein, dass nach unserer Einschätzung trotz einer allgegenwärtigen „Lern“-Rhetorik die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Lehr-Lern-Forschung allgemein und der beruflichen Lehr-Lern-Forschung im Besonderen von der pädagogischen Praxis eher wenig rezipiert und für ihr praktisches Handeln genutzt werden. Von einer „evidenzbasierten“ pädagogischen Praxis, wie sie im Achtenhagen-Zitat als Ideal aufschien, sind wir offensichtlich weit entfernt.

Dieses Rezeptionsdefizit beruflicher Lehr-Lern-Forschung motiviert diese Themenausgabe der bwp@.

Die bei uns eingegangen Aufsätze haben wir vier thematischen Schwerpunkten zugeordnet.

Teil A: Subjektive Facetten und Prozesse beruflichen Lernens und Lehrens

In diesem Teil der Ausgabe wird auf individuelle und prozedurale Aspekte des beruflichen Lernens und Lehrens fokussiert.

Im Beitrag von Maike Masemann werden Forschungsansätze zu Lern- bzw. Denkstile als individuelle Präferenzen bei der Konstruktion von Wissen und dem Umgang mit Aufgaben in Lernprozessen aufgegriffen. Daraus sollen Hinweise zur Gestaltung individualisierter Lehr-Lern-Situationen in der beruflichen Bildung gewonnen werden.

Florian Berding thematisiert in seinem Forschungsbeitrag den Zusammenhang zwischen epistemischen Überzeugungen von Lehrkräften und dem tatsächlichen Unterrichtsgeschehen, indem er ein Modell zur Erklärung des Einflusses der epistemischen Überzeugungen von Handelslehrer(inne)n auf zentrale Merkmale der im Unterricht eingesetzten Aufgaben vorstellt.

Robert W. Jahn und Matthias Götzl untersuchen im Rahmen von Beobachtungsstudien, welche Unterrichtstypen und -muster im kaufmännischen Unterricht an Berufsbildenden Schulen vorzufinden sind. Ihre Ergebnisse bekräftigen bisherige Befunde, wonach insbesondere lehrerzentrierte Vorgehensweisen dominieren.

Jianping Zheng geht auf die subjektiven Sichtweisen von Berufsschullehrkräften zu unterrichtlichen Gestaltungsspielräumen, didaktisch-theoretischen Konzepten, Fachinhalten und Schülerbilder ein. Der Beitrag ist am Ansatz einer Aktionsforschung orientiert, die im Rahmen einer Weiterbildungsmaßnahme für Lehrerinnen und Lehrer in China umgesetzt wurde.

Teil B: Didaktik und Methodik als Gegenstand beruflicher Lehr-Lernforschung

In diesem Schwerpunkt befinden sich Beiträge, welche die Gestaltung spezifischer Lehr-Lernarrangements in den Blick nehmen. Dabei werden sowohl didaktische (i.e.S.) als auch methodische Gestaltungsfragen thematisiert.

Karl-Heinz Gerholz, Verena Liszt und Katrin Klingsieck präsentieren eine Pilotstudie, die den Einfluss didaktischer Gestaltungsparameter auf die Wirkung von Service Learning-Arrangements untersucht. Hierbei handelt es sich allgemein um Lernarrangements, die Formen zivilgesellschaftlichen Engagements in den curricularen Zusammenhang von Bildungsgängen integrieren, konkret um die Untersuchung eines Service Learning-Modul in der wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulbildung mittels eines Prä-Post-Designs.

Heike Jahncke diskutiert in ihrem Beitrag, wie durch Nutzung des Portfoliokonzeptes mit konkret definierten Refle­xions­anlässen die Fähigkeit zur Selbstreflexion von angehenden Lehrer(inne)n befördert werden kann und sie stellt einen konkreten Forschungsansatz vor, mit dem phasenübergreifend versucht wird, Selbstreflexion in der Lehrerprofessionalisierung in einer strukturierten und reproduzierbaren Weise empirisch und strukturiert erfassbar zu machen.

Der Beitrag von Norbert Seulberger widmet sich dem Aspekt des Erfahrungslernens am Arbeitsplatz, wobei insbesondere der Ausbildungsberuf des/der Fachinformatikers/-in der Anwendungsentwicklung in den Blick genommen wird. Im Zentrum steht die Frage, wie verschiedene Fachmethoden effektiv in arbeitsplatzbezogene Lehr-Lern-Arrangements integriert werden können.

Andreas Slopinski stellt „Digital Storytelling“ als methodisches Rahmenkonzept für die Gestaltung beruflicher Lehr-Lernprozesse im Kontext von mediengestützten Lernumgebungen vor. Forschungsmethodologisch stützt er sich dabei auf einen designbasierten Forschungsansatz.

Teil C: Kompetenzorientierung als Referenz beruflicher Lehr-Lernforschung

In diesem Themenfeld wird die Schnittstelle zwischen Kompetenzorientierung und beruflicher Lehr-Lehrforschung in den Blick genommen. Dabei wird insbesondere darauf rekurriert, wie empirische Befunde zur Modellierung und Messung von Kompetenz für die Gestaltung beruflicher Lehr-Lernarrangements fruchtbar gemacht werden können.

Matthias Becker und Georg Spöttl schlagen als Grundlage für die Erfassung beruflicher Kompetenz ein Kompetenzmodell vor, welches berufliche Arbeitsprozesse im Sinne von Standards nutzt und mit gängigen Lehr-Lerntheorien verbindet. Sie gehen dabei von der Annahme aus, dass die Vernachlässigung des spezifisch beruflichen Charakters beruflichen Handelns im Zuge kognitionspsychologisch und psychometrisch orientierter Verfahren zur Erfassung beruflicher Kompetenz problematische Folgen für die Gestaltung beruflicher Lehr-Lernprozesse hat.

Im Beitrag von Britta Schlömer wird eine Studie vorgestellt, mit der die durch Arbeitsprozessanalysen empirisch begründete Modellierung der beruflichen Kompetenzen Technischer Produktdesigner/-innen sowie deren Abgleich mit den Kompetenzanforderungen des berufsschulischen Curriculums anstrebt wird. Daraus soll exemplarisch für ein Lernfeld ein Kompetenzmodell entwickelt werden, das der unterrichtlichen Lernstandsdiagnostik dient.

Frank Musekamp, Claudia Fenzl und Tim Richter gehen in ihrem Beitrag von dem in der Kompetenzdiagnostik virulenten Problem aus, dass häufig nicht unterscheidbar ist, ob Personen Testaufgaben durch das Abrufen von bereits vorhandenem Wissen lösen oder durch breiter angelegte Problemlösefähigkeit.Zur konsistenten Behandlung derartiger Unschärfen wird ein theoretisches Modell entwickelt und für Kompetenzen des Kfz-Mechatronikers konkretisiert, das zentrale Elemente der Handlungsregulationstheorie und des Drei-Ebenen-Modells nach Straka und Macke vereint.

Teil D: Methodologische Zugänge zur beruflichen Lehr-Lernforschung

Taiga Brahm führt in ihrem Beitrag aus, wie verschiedene methodologische Forschungszugänge in der Berufsbildungsforschung bzw. beruflichen Lehr-Lernforschung miteinander kombiniert werden können. Dabei greift sie auf ein in der Schweiz durchgeführtes Beispielprojekt aus der beruflichen Übergangsforschung zurück.

Johannes Krell, Iberé Worofka, Julia Simon, Eveline Wittmann und Christine Purwins stellen eine Interviewstudie vor, in der es um die Identifikation herausfordernder Situationen im Kontext der Pflege älterer Menschen geht. Ziel ist es unter anderem, die erforderlichen Informationen für die Gestaltung von authentischen und herausfordernden Fällen im pflegebezogenen Unterricht zu generieren.

Die Beiträge in diesem Themenfeld bilden eine abschließende Klammer, indem sie ausgewählte Fragen der Forschungsmethodologie und –methodik, mithin also die Meta-Ebene der beruflichen Lehr-Lernforschung, thematisieren

Viel Freude und Interesse beim Lesen wünschen Ihnen die HerausgeberInnen dieser Ausgabe

Tade Tramm, Martin Fischer und Carmela Aprea
im Juni 2015

Zitieren des Beitrags

Tramm, T./Fischer, M./Aprea, C. (2015): EDITORIAL zur Ausgabe 28: Berufliche Lehr-Lernforschung. In: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 28, 1-4. Online: http://www.bwpat.de/ausgabe28/editorial_28.pdf (22-06-2015).