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Nachhaltigkeit – kritisch-konstruktive Bilanzierung
Hrsg.: , , &
Zwischen Green Skills und Good Work: Soziale Gerechtigkeit als blinder Fleck der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung
Der Beitrag untersucht, ob und in welchem Umfang die soziale Dimension im wissenschaftlichen Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) berücksichtigt wird. Ausgehend von der konzeptionellen und begrifflichen Abgrenzung sozialer Nachhaltigkeit, werden die theoretischen Konzepte Just Transition und der Capability Approach für die berufliche Bildung adaptiert. Zentrale Frage ist dabei, ob soziale Nachhaltigkeit tatsächlich substanziell in Nachhaltigkeitsstrategien und vor allem ihren Umsetzungen verankert ist, oder ob sie häufig nur als normative Ergänzung ökologischer Programme fungiert und damit Elemente eines Bluewashing aufweist. Um die soziale Dimension zu erfassen, wird eine Übersicht zur Studienlage erstellt und deren Inhalte diskutiert. Dabei werden Defizite in der theoretischen Abgrenzung, der wissenschaftlichen Untersuchung sowie der konkreten Umsetzung identifiziert. Die Analyse zeigt, dass die soziale Nachhaltigkeitsdimension im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zwar präsent ist, jedoch überwiegend indirekt und unsystematisch berücksichtigt wird. Soziale Nachhaltigkeit erscheint damit häufig eher als ergänzende normative Kategorie denn als eigenständige analytische Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung.
Between Green Skills and Good Work: Social Justice as a Blind Spot in Vocational Education for Sustainable Development
The article examines whether and to what extent the social dimension is addressed within the academic discourse on vocational education and training for sustainable development. Starting from a conceptual and terminological delimitation of social sustainability, the theoretical concepts of Just Transition and the Capability Approach are adapted to the context of vocational education and training. The research question is whether social sustainability is in fact substantively embedded in sustainability strategies or whether it frequently functions merely as a normative supplement to ecological programmes, thereby exhibiting elements of bluewashing.
In order to capture the social dimension, an overview of the existing body of research is compiled and discussed. In doing so, deficits in theoretical conceptualisation, empirical investigation, and practical implementation are identified. Although the social sustainability dimension appears in analyses of sustainable vocational education and training, it is predominantly addressed in an indirect manner. As a result, social sustainability often functions less as an autonomous analytical dimension and more as an additional normative category.
1 Einleitung: Nachhaltigkeit als Leitbegriff beruflicher Bildung
Nachhaltigkeit hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem zentralen Bezugspunkt bildungspolitischer Reformdiskurse entwickelt. Im Kontext der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) wird Nachhaltigkeit zunehmend als Querschnittsaufgabe verstanden, die ökologische Transformation, wirtschaftliche Innovationsfähigkeit und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden soll (Loy, 2018, S. 69). Internationale Programme wie die UN-Agenda 2030 oder die UNESCO-Initiativen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung betonen dabei die Schlüsselrolle von Bildungssystemen bei der Gestaltung nachhaltiger Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen (UNESCO, 2017, S. 23).
In der wissenschaftlichen Diskussion wird Nachhaltigkeit häufig über das Drei-Säulen-Modell aus ökologischer, ökonomischer und sozialer Dimension beschrieben (Elkington, 1997, S. 69; Purvis et al., 2019, S. 683). Während ökologische Nachhaltigkeit mittlerweile relativ klar operationalisiert wird, z. B. über Emissionsziele oder Ressourceneffizienz, bleibt die soziale Dimension des Nachhaltigkeitsbegriffs deutlich diffuser. Für sie existieren bislang keine allgemein akzeptierenten Erfassungsgrößen, was vor allem auf der begrifflichen Offenheit zurückzuführen ist. Gerade diese Unschärfe hat erhebliche Auswirkungen für bildungspolitische Programme. In vielen Initiativen zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung liegt der Schwerpunkt auf der Vermittlung sogenannter Green Skills, also technischer und organisatorischer Kompetenzen für eine klimafreundliche Wirtschaft (CEDEFOP, 2012, S. 17–18). Fragen sozialer Teilhabe, Arbeitsqualität oder demokratischer Mitgestaltung werden hingegen deutlich seltener systematisch adressiert (Wolff & Ehrström, 2020, S. 1). Ein erheblicher Teil der Sustainable Development Goals adressiert soziale Fragen wie Bildung, Gesundheit, Gleichstellung, menschenwürdige Arbeit, Armutsbekämpfung und Ungleichheit. Dies unterstreicht, dass soziale Nachhaltigkeit nicht als nachrangige Ergänzung ökologischer Nachhaltigkeit verstanden werden sollte.
Dies verweist auf ein grundlegendes Problem des Nachhaltigkeitsdiskurses. Wenn soziale Nachhaltigkeit primär als normative Ergänzung erscheint, entsteht die Gefahr einer symbolischen Integration sozialer Ziele (Utting, 2008, S. 967; Fooks et al., 2013, S. 290; Berliner & Prakash, 2015, S. 115).
Vor diesem Hintergrund verfolgt der Beitrag zwei Ziele. Erstens wird die soziale Dimension von Nachhaltigkeit theoretisch präzisiert. Zweitens wird im Rahmen einer qualitativen, konzeptionell-synthetisierenden Literaturauswertung untersucht, in welchem Maße soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs tatsächlich berücksichtigt wird.
Die zentrale Forschungsfrage lautet daher: In welchem Maße wird soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs konzeptionell integriert, und welche systematischen Defizite lassen sich identifizieren?
2 Soziale Nachhaltigkeit zwischen Normativität und begrifflicher Unschärfe
Obwohl soziale Nachhaltigkeit seit den 1990er-Jahren Bestandteil des Nachhaltigkeitsdiskurses ist, bleibt ihre konzeptionelle Bestimmung bis heute umstritten.
Anders als ökologische Nachhaltigkeit, die häufig anhand quantifizierbarer Indikatoren operationalisiert wird, umfasst soziale Nachhaltigkeit ein breites Spektrum normativer Ziele. Dillard und Kollegen stellten fest, dass soziale Nachhaltigkeit häufig lediglich als Gerechtigkeit verstanden wird, ohne zu klären, was dafür notwendig wäre oder ob Gerechtigkeit allein ausreicht (Dillard et al., 2009, S. 3).
Littig und Griessler definieren soziale Nachhaltigkeit als jene gesellschaftlichen Bedingungen, die langfristig soziale Integration, Lebensqualität und Gerechtigkeit ermöglichen (Littig & Griessler, 2005, S. 72). In ähnlicher Weise argumentieren Dempsey et al., dass soziale Nachhaltigkeit Aspekte wie soziale Gerechtigkeit, gesellschaftliche Kohäsion und demokratische Teilhabe umfasst (Dempsey et al., 2011, S. 292).
Ein noch breiteres Spektrum von sozialer Nachhaltigkeit zeigen Wolff und Ehrström auf. Sie beschreiben es als Wohlbefinden der Menschen, Gerechtigkeit, demokratische Regierungen, aktive Zivilgesellschaft, ergänzt um kulturelle Vielfalt, Geschlechtergerechtigkeit, individuelle Fähigkeiten und Lebensqualität. Eine sozial nachhaltige Gesellschaft ist demnach eine gerechte und inklusive Gesellschaft, in der alle Menschen ein würdiges Leben in Freiheit führen können, sowie strukturelle Hindernisse für Gesundheit, politische Teilhabe oder Bildung abgebaut werden (Wolff & Ehrström, 2020, S. 3).
Soziale Nachhaltigkeit ist also ein schwer zu definierendes und unscharfes Konzept. Zusätzlich wird die begriffliche Abgrenzung erschwert, dass verschiedene Disziplinen unterschiedliche Definitionen verwenden (Boyer et al., 2016, S. 1). Auch methodisch bestehen Unterschiede: Während ökologische Themen oft quantitativ und positivistisch untersucht werden, werden soziale Fragen eher qualitativ und konstruktivistisch analysiert. (Wolff & Ehrström, 2020, S. 3)
Boström weist darauf hin, dass soziale Nachhaltigkeit häufig als „missing pillar“ des Nachhaltigkeitsdiskurses erscheint, dessen konkrete Bedeutung in politischen Programmen selten präzisiert wird (Boström, 2012, S. 5). Vallance, Perkins und Dixon argumentieren deshalb, dass soziale Nachhaltigkeit weniger ein klar umrissenes Konzept als vielmehr ein Sammelbegriff für unterschiedliche normative Zielsetzungen darstellt (Vallance et al., 2011, S. 343).
Diese begriffliche Offenheit hat ambivalente Folgen. Einerseits ermöglicht sie eine breite politische Anschlussfähigkeit. Andererseits eröffnet sie Spielräume für symbolische Politik. In der Governance-Forschung wird daher darauf hingewiesen, dass Organisationen soziale Nachhaltigkeit teilweise als Legitimationsressource nutzen, ohne substanzielle Veränderungen umzusetzen (Banerjee, 2007, S. 65; Blowfield & Frynas, 2005, S. 503).
In diesem Zusammenhang wird der Begriff Bluewashing verwendet. Er bezeichnet eine strategische Form der Imagepflege von Unternehmen oder Organisationen, bei der sie sich öffentlich mit sozialen oder menschenrechtlichen Normen der UN verbinden, ohne diese Prinzipien tatsächlich in ihrem Handeln umzusetzen. Analog zum bekannten Konzept des Greenwashing beschreibt Bluewashing Situationen, in denen Organisationen soziale Verantwortung rhetorisch betonen, ohne entsprechende strukturelle Maßnahmen umzusetzen (Berliner & Prakash, 2015, S. 116).
Gerade im Kontext der BBNE stellt sich daher die Frage, ob soziale Nachhaltigkeit tatsächlich ein integraler Bestandteil der Nachhaltigkeitsagenda ist, oder ob sie häufig nur eine normative Ergänzung ökologischer Programme darstellt. Verstärkt wird das Problem, da die konkrete Erfassung der Umsetzung von BBNE noch fehlt. Zwar sind erste Indikatorensets entwickelt worden, um den Umsetzungsstand zu erfassen und gegebenenfalls Veränderungen anstoßen zu können (Hilse et al., 2022, S. 31–35). Ein umfassendes Monitoring über alle Akteure hinweg und über die praktische Verwirklichung der BBNE fehlt jedoch.
Die nachfolgende Abbildung verdichtet diese Überlegungen zu einer analytischen Heuristik. Sie zeigt, dass soziale Nachhaltigkeit im Kontext der BBNE auf mehreren Ebenen symbolisch verkürzt werden kann: auf der Ebene programmatischer Leitbilder, wenn soziale Ziele zwar genannt, aber nicht konkretisiert werden; auf der Ebene curricularer Umsetzung, wenn soziale Fragen hinter ökologisch-technischen Kompetenzanforderungen zurücktreten; und auf der Ebene institutioneller Praxis, wenn Teilhabe, Arbeitsqualität und soziale Sicherheit nicht systematisch überprüft werden. Bluewashing wird in diesem Beitrag daher nicht als empirisch nachgewiesene Täuschungsabsicht einzelner Akteure verstanden, sondern als analytischer Hinweis auf die Gefahr einer rhetorischen Integration sozialer Nachhaltigkeit ohne ausreichende konzeptionelle, curriculare und institutionelle Verankerung.
Abbildung 1: Bluewashing in der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (eigene Darstellung)
Für die weitere Analyse dient Abbildung 1 als Bezugsrahmen. Sie macht deutlich, dass soziale Nachhaltigkeit nicht bereits dann als integriert gelten kann, wenn sie in programmatischen Dokumenten erwähnt wird. Entscheidend ist vielmehr, ob sie begrifflich bestimmt, theoretisch begründet, curricular operationalisiert und empirisch überprüft wird. Diese Unterscheidung bildet die Grundlage für die nachfolgende Literaturauswertung.
3 Theoretischer Rahmen: Capability Approach und Just Transition
Zur theoretischen Fundierung des Beitrags werden zwei Perspektiven kombiniert: der Capability Approach sowie das Konzept der Just Transition.
Der von Amartya Sen entwickelte Capability Approach versteht Entwicklung nicht primär als wirtschaftliches Wachstum, sondern als Erweiterung individueller Handlungsmöglichkeiten (Sen, 1999). Bildung spielt in diesem Ansatz eine zentrale Rolle, da sie Menschen befähigt, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse aktiv mitzugestalten. Martha Nussbaum konkretisiert diesen Ansatz durch eine Liste zentraler Fähigkeiten, die für ein würdiges Leben notwendig sind, darunter politische Teilhabe, soziale Beziehungen und Kontrolle über die eigene Arbeitsumgebung (Nussbaum, 2009, S. 211–215). Übertragen auf die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung bedeutet dies, dass Bildung nicht nur technische Kompetenzen vermitteln sollte, sondern auch Fähigkeiten zur demokratischen Mitgestaltung von Arbeitsprozessen.
Ergänzend dazu hat sich im Kontext ökologischer Transformationsprozesse das Konzept der Just Transition etabliert. Es entstand ursprünglich in gewerkschaftlichen Debatten über den Strukturwandel in energieintensiven Industrien und betont, dass ökologische Transformationen sozial gerecht gestaltet werden müssen (Newell & Mulvaney, 2013, S. 133).
Die Internationale Arbeitsorganisation definiert eine Just Transition als politischen Ansatz, der ökologische Nachhaltigkeit mit menschenwürdiger Arbeit, sozialem Schutz und sozialem Dialog verbindet (ILO, 2015, S. 4–6). Damit verschiebt sich der Fokus von rein technologischen Lösungen hin zu institutionellen Fragen der Arbeitsorganisation und sozialer Sicherheit.
Die beiden Ansätze können wichtige theoretische und praktische Bausteine zur Stärkung sozialer Nachhaltigkeit leisten, da beide Ansätze den Menschen, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe in den Mittelpunkt von Transformationsprozessen stellen. Während der Capability Approach eine normative Grundlage für soziale Nachhaltigkeit liefert, indem er menschliche Entwicklung und Teilhabe in den Mittelpunkt stellt, übersetzt Just Transition diese Prinzipien in konkrete politische Strategien für einen sozial gerechten Strukturwandel. Gemeinsam können beide Ansätze dazu beitragen, ökologische Transformation mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden. Für die BBNE ergibt sich daraus eine zentrale Implikation: Nachhaltige Transformation erfordert nicht nur technische Kompetenzen, sondern auch Bildungsprozesse, die soziale Teilhabe und demokratische Mitgestaltung ermöglichen.
4 Methodik: Systematisierte Literaturauswahl und konzeptionell-synthetisierende Auswertung
4.1 Forschungsdesign und Literaturauswahl in Anlehnung an das PRISMA-Schema
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine qualitative, konzeptionell-synthetisierende Literaturauswertung mit systematisierter Literaturauswahl durchgeführt.Die Auswahl der Literatur erfolgte nach drei Kriterien:
- Thematische Relevanz für soziale Nachhaltigkeit oder Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung
- Konzeptioneller Beitrag zur theoretischen Fundierung des Nachhaltigkeitsdiskurses
- Wissenschaftliche Rezeption (häufig zitierte Beiträge)
Die Literaturauswahl erfolgte nach einem vereinfachten, an den PRISMA-Leitlinien orientierten Verfahren zur transparenten Dokumentation von Such- und Auswahlprozessen in Literaturstudien (Moher et al., 2009, S. 264). Ziel war es, zentrale wissenschaftliche Beiträge im internationalen Kontext zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit sowie zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung systematisch zu identifizieren.
Die Recherche wurde in den Datenbanken Google Scholar, Scopus und Web of Science sowie mit Elicit.com (AI Research Assistant) durchgeführt. Ergänzend wurden einschlägige Monographien sowie politikrelevante Berichte internationaler Organisationen berücksichtigt. Als Suchbegriffe wurden Kombinationen der folgenden Keywords verwendet: social sustainability, vocational education sustainability, green skills vocational education sowie just transition education.
Insgesamt konnten im ersten Schritt 264 potenziell relevante Veröffentlichungen identifiziert werden. Nach der Entfernung von 56 Duplikaten verblieben 208 Beiträge, deren Titel und Abstracts im Rahmen eines ersten Screenings auf thematische Relevanz geprüft wurden. In diesem Schritt wurden Arbeiten ausgeschlossen, die keinen Bezug zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung oder zur sozialen Dimension von Nachhaltigkeit aufwiesen.
Im anschließenden Volltextscreening wurden weitere 168 Beiträge ausgeschlossen, insbesondere wenn sie sich mit technologischen Aspekten, vor allem ökologischer Nachhaltigkeit befassten oder keinen konzeptionellen Beitrag zur Fragestellung des Artikels leisteten.
Die finale Stichprobe umfasste 40 wissenschaftliche Veröffentlichungen. Die Auswertung der Literatur erfolgte nicht im Sinne einer quantitativen Meta-Analyse und auch nicht als qualitative Inhaltsanalyse mit formalem Codierschema. Vielmehr handelt es sich um eine qualitative, konzeptionell-synthetisierende Literaturauswertung. Ziel war es, zentrale Begriffsverwendungen, theoretische Bezugnahmen und wiederkehrende Argumentationslinien im BBNE-Diskurs herauszuarbeiten. Die ausgewählten Beiträge wurden entlang theoriegeleiteter Leitfragen gelesen: Wie wird soziale Nachhaltigkeit verstanden? Welche theoretischen Konzepte werden zu ihrer Begründung herangezogen? In welcher Weise werden soziale Aspekte wie Teilhabe, Chancengleichheit, Arbeitsqualität oder demokratische Mitgestaltung im BBNE-Diskurs aufgegriffen? Welche Leerstellen benennen die Beiträge hinsichtlich Umsetzung, Operationalisierung und empirischer Forschung?
Diese Leitfragen dienten nicht als starres Kategoriensystem, sondern als heuristischer Rahmen zur Ordnung der Literaturbefunde. Die Auswertung folgt damit einem interpretativen Vorgehen, das auf die Rekonstruktion zentraler Diskurslinien und konzeptioneller Leerstellen zielt. Die Literaturmatrix verdichtet die einbezogenen Beiträge entsprechend ihrer theoretischen und thematischen Relevanz für die Forschungsfrage.
4.2 Literaturmatrix
Die tabellarische Literaturmatrix ist nach Erscheinungsjahr sortiert und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient der Darstellung zentraler konzeptioneller Ansätze der analysierten Literatur. Die Matrix ist damit nicht als Codiertabelle zu verstehen, sondern als verdichtende Übersicht über zentrale Beiträge, die für die konzeptionelle Argumentation des Beitrags besonders relevant sind.
Tabelle 1: Literaturmatrix zur sozialen Nachhaltigkeit
|
Autor |
Fokus |
zentrale Aussage |
Relevanz |
|
Elkington 1997 |
Triple Bottom Line |
ökologisch–sozial–ökonomisch |
Grundlagen |
|
Sen 1999 |
Capability Approach |
Entwicklung als Freiheit |
Theorie |
|
Blowfield & Frynas 2005 |
CSR |
symbolische Nachhaltigkeitspolitik |
Kritik |
|
Littig & Griessler 2005 |
soziale Nachhaltigkeit |
Lebensqualität und soziale Integration |
Definition |
|
Banerjee 2007 |
CSR Kritik |
Nachhaltigkeit als Machtinstrument |
Kritik |
|
Walker & Unterhalter 2007 |
Bildungsgerechtigkeit |
Bildung erweitert Handlungsspielräume |
Bildung |
|
Utting 2008 |
Bluewashing |
CSR-Legitimation |
Kritik |
|
Colantonio 2009 |
soziale Nachhaltigkeit |
Verbindung von Forschung und Politik |
Indikatoren |
|
Nussbaum 2009 |
Capabilities |
Bildung als Voraussetzung von Teilhabe |
Theorie |
|
Gillen et al. 2010 |
Soziale Nachhaltigkeit |
Bildung um sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken |
Politik |
|
Brockmann et al. 2011 |
Berufsbildung Europa |
Qualifikationen und Arbeitsmarkt |
Kontext |
|
Dempsey et al. 2011 |
soziale Dimension |
soziale Gerechtigkeit als Kern |
Indikatoren |
|
Standing 2011 |
Prekariat |
prekäre Arbeit in Transformationsprozessen |
Arbeit |
|
Sterling 2011 |
transformative Bildung |
Bildung als Transformationsprozess |
Bildung |
|
Vallance et al. 2011 |
Typologie |
normative vs. praktische Nachhaltigkeit |
Konzept |
|
Boström 2012 |
Kritik Nachhaltigkeit |
soziale Dimension unterentwickelt |
Theorie |
|
CEDEFOP 2012 |
Green Skills |
ökologische Kompetenzen im Fokus |
BBNE |
|
Murphy 2012 |
Nachhaltigkeit |
soziale Dimension als normative Basis |
Theorie |
|
Fooks et al. 2013 |
CSR Grenzen |
symbolische Nachhaltigkeitsstrategien |
Kritik |
|
Newell & Mulvaney 2013 |
Just Transition |
sozial gerechter Strukturwandel |
Transformation |
|
Pavlova 2013 |
Nachhaltige Berufsbildung |
Integration in Curricula |
Bildung |
|
ILO 2015 |
Just Transition |
menschenwürdige Arbeit |
Arbeit |
|
McGrath & Powell (2016) |
Just Transition |
Nachhaltigkeitsdimensionen sind untrennbar |
Konzept |
|
Healy & Barry 2017 |
Energie-Gerechtigkeit |
soziale Dimension der Energiewende |
Transformation |
|
UNESCO 2017 |
BNE Strategie |
Bildung als Schlüssel zur Nachhaltigkeit |
Politik |
|
Loy 2018 |
BBNE Programme |
Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe |
Politik |
|
Cedefop 2019 |
Just transition |
Arbeitsmarktauswirkung von grüner Transformation |
Transformation |
|
Purvis et al. 2019 |
Nachhaltigkeitsmodell |
historische Entwicklung der drei Säulen |
Konzept |
|
Bray et al., 2022 |
Just transition |
soziale Dimension des Klimaschutzes |
Transformation |
|
Joncas et al., 2022 |
Soziale Gerechtigkeit und Bildungschancen |
Ausbildungsstrategien zur sozialen Integration und Gerechtigkeit |
Erfolgsindikatoren |
|
Monikha & Umbara et al., 2023 |
Soziale Nachhaltigkeit |
Bildung ist zentral um Nachhaltigkeitsherausforderungen zu begegnen |
Kritische Aspekte von Nachhaltigkeitsbildung |
|
Persson Thunqvist et al., 2023 |
soziale Gerechtigkeit und menschenzentrierte Perspektive |
Bildung als Mittel zur Transformation |
Bildung |
|
Spours & Grainger 2023 |
Just Transition |
Wie kann soziale Nachhaltigkeit erfolgreich verankert werden |
Konzept |
|
Baum et al. 2024 |
Nachhaltigkeit |
Betriebliche Umsetzung |
Bildung |
|
Balleta et al, 2025 |
Capabilities-based soziale Gerechtigkeit |
Fokus auf soziale Nachhaltigkeit richten |
Theorie |
|
Glavič et al., 2025 |
CSR |
Curriculumsentwicklung |
Konzept |
|
Howse et al., 2025 |
Just transition |
Zentrale Aspekte der Nachhaltigkeitsbildung |
Kritische Aspekte von Nachhaltigkeitsbildung und Just Transition |
|
Konstantinović et al. 2025 |
Just transition |
Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung |
Konzept |
|
Moso-Díez et al. 2025 |
Inklusive Nachhaltigkeit |
Wissenschaft und Praxis enger verzahnen |
Theorie |
|
Deif et al., 2026 |
Soziale Nachhaltigkeit, empowerment |
Aufzeigen notwendiger Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeitsbildung |
Bildung |
Quelle: Eigene Darstellung
5 Analyse der Literatur: Soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs
Die Auswertung der Literatur zeigt zunächst, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs zwar regelmäßig aufgegriffen wird, jedoch häufig nur indirekt, implizit oder fragmentiert behandelt wird. Während einzelne Studien eine weitreichende Integration sozialer Nachhaltigkeit in Bildungs- und Transformationsprozesse diskutieren, thematisiert die Mehrzahl der Beiträge soziale Nachhaltigkeit eher partiell oder über angrenzende Begriffe wie Chancengleichheit, Inklusion, Teilhabe oder menschenwürdige Arbeit. Hervorzuheben ist, dass viele Studien keine explizite Definition sozialer Nachhaltigkeit entwickeln, sondern ein implizites Verständnis über operative Dimensionen vermitteln.
Konzeptionell wird soziale Nachhaltigkeit durch mehrere Ansätze behandelt, darunter Just Transition, Bildung für nachhaltige Entwicklung, der Capability Approach sowie Gerechtigkeitstheorien.Das Just-Transition-Konzept erweist sich als ein zentrales konzeptionelles Modell, das soziale Nachhaltigkeit ausdrücklich mit ökologischen Zielen verbindet. Spours & Grainger (2023) verstehen Just Transition als die Verbindung der Transformation hin zu Netto-Null-Emissionen mit Klimagerechtigkeit, indem historische Ungerechtigkeiten im Zusammenhang mit dem Klimawandel adressiert und gleichzeitig alltägliche Lebensweisen verändert werden. Dieser Ansatz basiert auf einem sozialökologischen Modell, das lokale Zusammenarbeit, zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf mittlerer Ebene sowie nachhaltige Lebensweisen betont. Ähnlich entwickeln Konstantinović et al. soziale Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Just Transition und heben dabei insbesondere Fairness, Inklusivität, Gleichberechtigung und die Achtung der Menschenrechte hervor. Systematische Lücken zeigen sich in mehreren Bereichen: Fehlende oder unklare konzeptionelle Definitionen, mangelnde theoretische Fundierung und unzureichende praktische Umsetzung. Diese Lücken zeigen sich auf unterschiedlichen Ebenen: auf der Mikroebene individueller Lern- und Beteiligungschancen, auf der Mesoebene institutioneller Umsetzung sowie auf der Makroebene bildungspolitischer und arbeitsmarktbezogener Rahmenbedingungen.
Studien beschreiben das Feld daher als „multidimensional and complex field of analysis, often addressed in fragmented ways rather than through comprehensive perspectives” (Moso-Díez, 2025, S. 339).
Aus der Literaturauswertung ergibt sich als wiederkehrender Befund eine mangelnde konzeptionelle Klarheit darüber, was soziale Nachhaltigkeit im Kontext der BBNE genau umfasst. Die eigene Einordnung dieses Beitrags lautet, dass gerade diese begriffliche Offenheit eine systematische curriculare und empirische Operationalisierung erschwert. Ein zweiter zentraler Mangel liegt im Fehlen geeigneter theoretischer Rahmenwerke. McGrath betont die Notwendigkeit, „über neoliberale Orthodoxien hinauszugehen“ (McGrath, 2023, S. 128), und argumentiert, dass die vorherrschenden Modelle der beruflichen Bildung nicht immer zu nachhaltigen Praktiken beitragen. Spours & Grainger (2023) weisen auf theoretische Grenzen innerhalb der Just-Transition-Ansätze hin, weil dies die Veränderungen von Arbeitsbeziehungen nur unvollständig berücksichtigen. Vielmehr sind umfassendere Konzepte erforderlich, die soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeitsökonomie stärker integrieren. In ähnlicher Weise fordert McGrath (2023) mehr Forschung zu Standards menschenwürdiger Arbeit. In mehreren Beiträgen wird ein Mangel an ganzheitlichen Analyseansätzen sichtbar. Aus Sicht dieses Beitrags erklärt dies, weshalb soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs häufig nicht als eigenständige analytische Dimension erscheint, sondern in breitere Nachhaltigkeits- oder Gerechtigkeitsdiskurse eingebettet bleibt.Hinsichtlich der begrifflichen Abgrenzungen stehen im Zentrum der Analysen vor allem die Kriterien „Soziale Gerechtigkeit“ und „Chancengleichheit“, ebenso werden als Dimension von sozialer Nachhaltigkeit in den Studien „Inklusion“ und „Zugänglichkeit“ definiert. Die Studien betrachten dabei soziale Gleichheit als den Abbau struktureller Benachteiligungen sowie eine gerechte Verteilung der Vorteile technologischer Veränderungen. Mit Blick auf Inklusion und Zugänglichkeit werden vor allem die Integration von Jugendlichen mit besonderen Unterstützungsbedarfen, die Bildung von Sozialkapital, basisdemokratische Beteiligung sowie die Teilhabe systematisch benachteiligter Gruppen hervorgehoben.. Dagegen findet kulturelle Vielfalt nur geringe Beachtung. Dies verwundert auch nicht, da kulturelle Nachhaltigkeit z. T. als vierte Säule definiert wird (Bonde & Fuhrmann, 2021, S. 19).
Typische Beispiele für Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung finden sich in unzureichender Lehrkräftequalifizierung, da Lehrpersonen nicht adäquat darauf vorbereitet sind, Nachhaltigkeitskompetenzen zu vermitteln, sowie eine nicht flächendeckende praktische Umsetzung, die häufig auf individuellen Initiativen oder Projekten statt auf ganzheitlicher Umsetzung beruht. Hinzu kommen begrenzte empirische Forschungen, die überwiegend deskriptiv angelegt ist (Moso-Diez, 2025, S. 345). Weitere Hindernisse können aus bildungspolitischen Rahmenbedingungen entstehen oder durch wirtschaftliche Prioritäten, die pädagogische Ansätze verengen. Der Erfolg der Integration hängt wie so oft stark vom institutionellen Kontext ab. Programme mit expliziten Nachhaltigkeitsmandaten erreichen tendenziell eine umfassendere Integration als ohne ihre Verankerung. Zudem zeigt sich, dass soziale Nachhaltigkeit in der beruflichen Bildung meist weniger Aufmerksamkeit erhält als ökologische Nachhaltigkeit.
Seit 2021 sind in Deutschland die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit in den Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen gleichrangig aufgenommen, jedoch konzentrieren sich auch hier in der Berufsbildung viele Programme auf technische Kompetenzen zur Förderung einer ressourceneffizienten Wirtschaft (Holst, 2022, S. 6).
Diese Fokussierung spiegelt sich auch jenseits des deutschen Kontexts insbesondere im Konzept der Green Skills wider, das Kompetenzen zur Umsetzung ökologischer Innovationen beschreibt (CEDEFOP, 2012, S. 18). Während diese Perspektive wichtige Beiträge zur ökologischen Transformation leisten kann, bleibt die soziale Dimension häufig unterbelichtet. So kritisieren McGrath & Powell (2016), dass das Konzept der „Green Skills“ in politischen Strategien nicht umfassend genug gefasst ist. Sie plädieren für einen stärker ganzheitlichen Ansatz, der zur Überwindung von Armut, sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit beiträgt und gleichzeitig gesunde Arbeitsbedingungen, Teilhabe sowie Empowerment fördert. Auch Baum et al. kommen anhand von quantitativen Betriebsdaten und qualitativen Interviews zu dem Ergebnis, dass in betrieblichen Prozessen die soziale Nachhaltigkeit größtenteils unbeachtet bleibt (Baum et al., 2024, S. 576). Mehrere Studien weisen darauf hin, dass nachhaltige Transformationen nicht nur technologische Innovationen, sondern auch Veränderungen in Arbeitsorganisationen, Qualifikationsstrukturen und institutionellen Arrangements erfordern (Brockmann et al., 2011, S. 4).
Unzureichende empirische Forschung stellt eine dritte Lücke dar. So sind bestehende Studien entweder nicht repräsentativ oder konzentrierten sich ausschließlich auf ökologische Nachhaltigkeit. Konstantinović et al. (2025) stellen fest, dass im Bereich der Bildung für eine Just Transition bislang nur wenige Forschungsarbeiten vorliegen. Auch weitere Studien weisen auf Forschungslücken hin. Gillen et al. (2010) deuten Forschungslücken aus der Perspektive der Beschäftigten an. McGrath (2023) argumentiert, dass gegenwärtige Methoden möglicherweise nicht geeignet sind, Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit angemessen zu messen.
Zusammenfassend lässt sich aus der Literaturauswertung festhalten, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs zwar präsent ist, jedoch häufig implizit, uneinheitlich oder additiv behandelt wird. Einschränkend ist jedoch zu berücksichtigen, dass einzelne Beiträge zu einer anderen Gewichtung gelangen. So betonen Moso-Díez et al. eine Fragmentierung der Analysegegenstände über die drei Nachhaltigkeitsdimensionen hinweg und vertreten die Auffassung, dass soziale und wirtschaftliche Aspekte teilweise stärker hervortreten als ökologische Aspekte (Moso-Díez et al., 2025, S. 339). Die weiterführende Interpretation dieses Beitrags lautet dennoch, dass soziale Nachhaltigkeit im BBNE-Diskurs häufig nicht als eigenständige analytische Dimension ausgearbeitet wird, sondern als normative Ergänzung ökologischer Transformationsprogramme erscheint.
6 Diskussion: Perspektiven einer sozial integrierten Berufsbildung
Während das vorherige Kapitel die Befunde der Literaturauswertung entlang zentraler Diskurslinien zusammengeführt hat, nimmt die Diskussion nun eine eigene theoretische Einordnung dieser Befunde vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Konsequenzen sich aus der fragmentierten Behandlung sozialer Nachhaltigkeit für die Weiterentwicklung der BBNE ergeben.
Die Ergebnisse der Literaturanalyse machen strukturelle Asymmetrien im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung sichtbar. Während ökologische Aspekte der Transformation, insbesondere im Zusammenhang mit Klimaschutz, Energieeffizienz und Ressourcenschonung, intensiv diskutiert werden, bleibt die soziale Dimension der Nachhaltigkeit in vielen Beiträgen vergleichsweise unterentwickelt. Diese Schwerpunktsetzung erscheint jedoch keineswegs zufällig, sondern reflektiert eine breitere Dynamik innerhalb des Nachhaltigkeitsdiskurses. In vielen politischen und wissenschaftlichen Debatten wird ökologische Modernisierung eng mit technologischen Innovationen und wirtschaftlichen Transformationsstrategien verknüpft. Fragen sozialer Gerechtigkeit treten in diesem Zusammenhang häufig in den Hintergrund und erscheinen eher als nachrangige Ergänzung ökologischer Transformationsprozesse.
Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist diese Entwicklung problematisch. Nachhaltige Transformationen beschränken sich nicht auf technologische Innovationen, sondern beinhalten tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Strukturwandel wirkt sich unmittelbar auf Arbeitsmärkte, Qualifikationsanforderungen und institutionelle Arrangements aus. Werden diese sozialen Dimensionen in Bildungsprogrammen nicht ausreichend berücksichtigt, besteht die Gefahr, dass Nachhaltigkeit primär als technokratisches Projekt wahrgenommen wird, dessen gesellschaftliche Folgen nur unzureichend reflektiert werden.
Die Analyse weist darüber hinaus auf eine Leerstelle im Diskurs hin: Einschränkungen bei Bewertung und Evaluation werden in den betrachteten Studien nur selten explizit thematisiert. Dieses Defizit erschwert eine kritische Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Wirkungen nachhaltigkeitsbezogener Bildungsprogramme.
Die Analyse legt nahe, dass ein zentraler Grund für diese Entwicklung in der konzeptionellen Unschärfe sozialer Nachhaltigkeit liegt. Während ökologische Nachhaltigkeit vergleichsweise klar operationalisiert werden kann, etwa über messbare Indikatoren wie Emissionsreduktionen oder Ressourceneffizienz, bleibt die soziale Dimension häufig normativ und abstrakt. Es besteht keine allgemein akzeptierte Definition darüber, welche Aspekte soziale Nachhaltigkeit abschließend umfasst. Begriffe wie soziale Gerechtigkeit oder gesellschaftliche Teilhabe bleiben, ohne präzise konzeptionelle Abgrenzung inhaltsleer und sind nur schwer empirisch erfassbar. Zudem sind strukturelle Hindernisse für Gesundheit, politische Partizipation oder Bildung stark kontextabhängig und lassen sich nicht universell bestimmen. Die Konkretisierung sozialer Nachhaltigkeit setzt daher einen breiten gesellschaftlichen Diskurs voraus, der auf vielen politischen und institutionellen Ebenen geführt werden muss. Diese begriffliche Offenheit erleichtert zwar politische Konsensbildung, erschwert jedoch zugleich die systematische Integration sozialer Ziele in konkrete Programme der Berufsbildung.
Bei der praktischen Umsetzung zeigt sich die Herausforderung, erfolgreiche Modellprojekte in die Breite des Berufsbildungssystems zu übertragen. Eine nachhaltige Verankerung erfordert mehrere strukturelle Voraussetzungen. Zunächst müssen entsprechende Inhalte systematisch in die Curricula der beruflichen Bildung integriert werden. Dies kann gegebenenfalls eine Priorisierung oder Reduktion anderer Inhalte erforderlich machen, um ausreichend zeitliche Ressourcen zu schaffen. Darüber hinaus ist die Qualifizierung der Lehrenden eine zentrale Voraussetzung für eine wirksame Umsetzung. Ebenso spielt die Einbindung der Unternehmen eine entscheidende Rolle, da sie die Inhalte im Rahmen der betrieblichen Ausbildung aufgreifen, praktisch anwenden und durch konkrete Anforderungen der Arbeitswelt ergänzen müssen.
Für die Weiterentwicklung der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung ergeben sich daraus mehrere zentrale Implikationen. Erstens sollte Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung stärker als sozialer Transformationsprozess verstanden werden. Neben technischen Kompetenzen benötigen zukünftige Fachkräfte auch Fähigkeiten zur Reflexion der gesellschaftlichen Auswirkungen wirtschaftlicher Entscheidungen. Zweitens erscheint eine engere Verbindung zwischen Berufsbildungsforschung und arbeitsmarktpolitischen Debatten erforderlich. Konzepte wie die Just Transition verdeutlichen, dass ökologische Transformationsprozesse langfristig nur dann gesellschaftliche Akzeptanz finden, wenn sie sozial gerecht gestaltet werden.
Drittens bietet der Capability Approach eine wichtige theoretische Grundlage für eine stärker sozial integrierte Perspektive auf Berufsbildung. Wenn Bildung als Erweiterung individueller Handlungsmöglichkeiten verstanden wird, rückt die Frage nach gesellschaftlicher Teilhabe stärker in den Mittelpunkt. Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung kann in diesem Verständnis dazu beitragen, individuelle Fähigkeiten zu entwickeln, die es Menschen ermöglichen, aktiv an sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen teilzunehmen.
Schließlich erfordert eine soziale Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung auch institutionelle Veränderungen. Eine stärkere Einbindung von Sozialpartnern und zivilgesellschaftlichen Akteuren könnte dazu beitragen, Fragen der Arbeitsqualität und sozialen Sicherheit stärker in Bildungsprogramme zu integrieren. Auf diese Weise ließe sich die bisher dominante technologische Perspektive um eine umfassendere sozialwissenschaftliche Dimension erweitern und der Nachhaltigkeitsdiskurs in der Berufsbildung strukturell ausbalancieren.
7 Fazit
Die Literaturauswertung zeigt, dass soziale Nachhaltigkeit in programmatischen und wissenschaftlichen Beiträgen zur BBNE regelmäßig erwähnt wird, ihre konkrete Bedeutung für die Gestaltung beruflicher Bildung jedoch vielfach unklar bleibt. Die zentrale Schlussfolgerung dieses Beitrags lautet daher, dass soziale Nachhaltigkeit stärker als eigenständige Dimension der BBNE konzeptualisiert werden muss.Damit lässt sich die Forschungsfrage des Beitrags wie folgt beantworten: Soziale Nachhaltigkeit ist im Diskurs zur Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zwar präsent, sie wird jedoch überwiegend indirekt und unsystematisch berücksichtigt. Soziale Nachhaltigkeit erscheint damit häufig eher als ergänzende normative Kategorie, denn als eigenständige analytische Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung Diese Befunde weisen auf ein grundlegendes Spannungsfeld innerhalb aktueller Nachhaltigkeitsdiskurse hin. Wenn Nachhaltigkeit primär als technologische Modernisierung verstanden wird, besteht die Gefahr, dass ökologische Innovationen im Zentrum stehen, während soziale Transformationsprozesse weniger systematisch reflektiert werden. Für die Gestaltung beruflicher Bildung ist dies insofern problematisch, als ökologische Transformationen der Wirtschaft immer auch Veränderungen von Arbeitsbedingungen, Qualifikationsanforderungen und betrieblichen Machtverhältnissen mit sich bringen. Eine nachhaltige Transformation der Arbeitswelt ist daher nicht allein eine technologische, sondern zugleich eine soziale und institutionelle Herausforderung.
Vor diesem Hintergrund erscheint es notwendig, soziale Nachhaltigkeit stärker als eigenständige Dimension der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung zu konzeptualisieren. Ansätze wie der Capability Approach oder das Konzept der Just Transition bieten hierfür wichtige theoretische Anknüpfungspunkte. Beide Perspektiven ermöglichen es, Fragen von Arbeitsqualität, sozialer Sicherheit und demokratischer Mitbestimmung stärker in die Debatte um Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung einzubeziehen. Letztlich sind gesellschaftliche Entwicklung und nachhaltige Entwicklung untrennbar miteinander verbunden.
Für die berufspädagogische Forschung ergeben sich daraus mehrere Anschlussfragen. Erstens stellt sich die Frage, wie soziale Nachhaltigkeit systematisch in die praktische Umsetzung der Curricula der Berufsbildung integriert werden kann. Zweitens bedarf es weiterer empirischer Untersuchungen, die analysieren, in welchem Umfang soziale Aspekte nachhaltiger Transformation bereits in der beruflichen Praxis berücksichtigt werden. Drittens erscheint es sinnvoll, die Rolle von Berufsbildungseinrichtungen als Akteure sozial-ökologischer Transformation stärker in den Blick zu nehmen.
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Zitieren des Beitrags
Voit, A.-K. & Thiele, M. (2026). Zwischen Green Skills und Good Work: Soziale Gerechtigkeit als blinder Fleck der Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, 50, 1–17. https://www.bwpat.de/ausgabe50/voit_thiele_bwpat50.pdf



