bwp@ Spezial 23 - März 2026

Digital gestütztes Fortbilden und Unterrichten in der ökonomischen und wirtschaftsberuflichen Bildung – Abschlussband des Verbundprojekts WÖRLD

Hrsg.: Jens Klusmeyer, Marian Thiel de Gafenco, Melanie Keßeler & Sina Schadow-Gievers

Zur Architektur des WÖRLD-Transfer Houses im Dienst interdisziplinärer Kooperation und digitaler Bildungsinnovationen

Beitrag von Jens Klusmeyer, Marian Thiel de Gafenco & Melanie Keßeler
Schlüsselwörter: Governance, Transfer-House, Wissenschafts-Praxis-Transfer, Digitalisierung, Lehrkräftebildung

Der Beitrag konkretisiert die Struktur eines Transfer-Houses als Form der Projektgovernance anhand des bundeslandübergreifenden Verbundprojekts „WÖRLD – Wirtschaftspädagogik und Ökonomische Bildung: Lehrkräftebildung und Unterricht digital“, das sich mit der digitalisierungsbezogenen Lehrpersonenbildung in der wirtschaftsberuflichen und ökonomischen Bildung befasst. In diesem Verbund kooperieren die Mitglieder der drei Wissenschaftsgesellschaften (1) Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), (2) Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung (DeGÖB) sowie (3) Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) zusammen. Ausgehend von einer stufenförmigen Unterscheidung von Multi‑, Inter‑ und Transdisziplinarität wird dargelegt, wie der WÖRLD-Verbund von einer primär multidisziplinären Ausgangslage hin zu einer interdisziplinären Ko-Konstruktion und punktuell zu einer transdisziplinären Kollaboration entwickelt wurde. Der Fokus des Beitrags liegt auf der interdisziplinären Zusammenarbeit der drei Wissenschaftsgemeinschaften und der Darstellung der erforderlichen koordinativen, vernetzenden und moderierenden Funktionen. Das eingerichtete WÖRLD‑House bündelt diese Steuerungs‑, Koordinations‑ und Evaluationsfunktionen zu einer zentralen Infrastruktur, die eine gemeinsame Zielorientierung, abgestimmte Kommunikation und ein konsistentes methodisches Vorgehen im Verbund sicherstellt. Auf Basis empirischer Ergebnisse wird rekonstruiert, inwiefern diese Struktur die soziale und fachliche Entgrenzung zwischen den beteiligten Wissenschaftsgemeinschaften unterstützt, neue Kooperations‑ und Lernräume eröffnet und zur nachhaltigen Netzwerkbildung beiträgt.

The architecture of the WÖRLD-Transfer House in the service of interdisciplinary cooperation and digital educational innovations

English Abstract

The article outlines the structure of a transfer house as a form of project governance based on the cross-state joint project WÖRLD – Business Education and Economic Education: Teacher Training and Digital Teaching, which focuses on teacher training in the context of digitalization in business and economic education. This joint project brings together members of three scientific societies: (1) the Division for Vocational Education (BWP) of the German Educational Research Association (GERA/DGfE), (2) the German Association of Economic Education (DeGÖB), and (3) the Association for Socioeconomic Education and Science (AS*EER/GSÖBW). Based on a staged distinction between multi-, inter- and transdisciplinarity, the article explains how the WÖRLD consortium moved from a predominantly multidisciplinary starting point configuration to interdisciplinary co-construction and, in some cases, to transdisciplinary collaboration. The article focuses on the interdisciplinary cooperation among the three scientific communities and examines the coordination, networking and moderation instruments necessary to enable it. The established WÖRLD House consolidates these regulatory, coordination and evaluation functions within a central infrastructure that ensures a shared goal alignment, coordinated communication and a consistent methodological approach across the consortium. Based on empirical findings, the article reconstructs the extent to which this arrangement supports the social and disciplinary boundary dissolution between the participating scientific communities, opens up new spaces for cooperation and learning, and contributes to sustainable network formation.

1 Das Verbundprojekt WÖRLD – ein Konsortium aus drei Wissenschaftsgemeinschaften

Das Verbundvorhaben „WÖRLD – Wirtschaftspädagogik und Ökonomische Bildung: Lehrkräftebildung und Unterricht digital“ ist Teil des Kompetenzzentrums lernen:digital und hat sich zum Ziel gesetzt, die digitalen Kompetenzen von gegenwärtigen und zukünftigen Lehrpersonen im Umgang mit digitalen Lehr-Lern-Formaten zu stärken. Zum systematischen Aufbau einer entsprechenden Expertise in der ökonomischen und wirtschaftsberuflichen Domäne der Lehrer:innenbildung haben sich im WÖRLD-Konsortium 14 Teilprojekte aus sieben Bundesländern vereint, deren Leitungen der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung (DeGÖB) sowie der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) angehören (Klusmeyer et al., 2026; Klusmeyer et al., 2025). Erstmals arbeiten damit Vertreter:innen dieser drei Wissenschaftsgemeinschaften in einem Verbundprojekt zusammen.

Das Verhältnis der drei Wissenschaftsgemeinschaften und die Gründe ihrer institutionellen Separierung können an dieser Stelle nicht nachgezeichnet werden (Tafner, 2024). Festzuhalten ist, dass es sich um drei Wissenschaftsdisziplinen im Sinne „sozial-kommunikative[r] Netzwerke der Erkenntnisproduktion“ (Schriewer & Keiner, 1993, S. 280) handelt, mit je eigenen Publikations- und Diskursräumen, wobei die DeGÖB und GSÖBW der Ökonomischen Allgemeinbildung und die BWP der Berufsbildung zuzurechnen sind. Entsprechend formuliert Tafner: „Inhaltlich und institutionell begründet haben sich zwei Fachgesellschaften der ökonomischen Bildung etabliert (Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung und Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft), die nichts mit der Sektion zu tun haben“ (Tafner 2024, S. 297). Obwohl (wenige) Überschneidungen in den Mitgliederlisten vorliegen (soziale Dimension von Disziplinen) und auch der Gegenstandsbereich (kognitive Dimension von Disziplinen) „Ökonomische Bildung“ nicht trennscharf zwischen den Disziplinen aufgeteilt ist, hat die disziplinbezogene Trennung von Ökonomischer Allgemeinbildung (DeGÖB und GSÖBW) und Berufsbildung (BWP) weitgehend Bestand und wird entlang der gegenstandsbezogenen und forschungsmethodischen Zugänge deutlich. Dennoch zeigt sich, dass „innerhalb der institutionellen Grenzen der Berufsbildung auch allgemeine ökonomische Bildung betrieben werden [kann und] außerhalb der Grenzen aber ebenso ökonomische Bildung statt[findet]“ (Tafner 2024, S. 311). Das Zitat soll hier im Sinne synergetischer Möglichkeiten der gemeinsamen Themenbearbeitung gedeutet werden. Eine solche Entgrenzung findet sich beim Thema „Digitalisierung“ im Kontext der Lehrer:innenprofessionalisierung wieder. Das WÖRLD-Konsortium eint die Perspektive auf Digitalisierung, die sie „als etwas [versteht], dass [sic] die Gesellschaft in ihren Funktionssystemen und Handlungspraktiken durchdringt“ (Kerres, 2020, S. 18–19). Diese digitale Durchdringung und Transformation sind Kennzeichen einer nahezu durchgehend ökonomisch geprägten Lebens- und Arbeitswelt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die den Ausgangspunkt der ko-konstruktiven[1] Zusammenarbeit der Disziplinvertreter:innen bei der fachdidaktischen Bearbeitung von digitalen Lernumgebungen, Unterrichtsszenarien und digital gestützten Lehr-Lernprozessen für die ökonomische und wirtschaftsberufliche Bildung bildet (s. a. Thiel de Gafenco, im Druck).

Die Zusammenarbeit im WÖRLD-Konsortium bleibt jedoch ein Novum und wurde in der Antragstellung zur o. g. Ausschreibung durch die Einrichtung eines Transfer-House-Konzepts berücksichtigt, das den Innovations- und Wissenstransfer innerhalb und zwischen den Wissenschaftsgemeinschaften und Hochschulstandorten zu fördern hat. Der interne Wissenstransfer, der einer „Fragmentierung des Verbundganzen“ (TU Berlin, 2022) entgegenwirkt, ist eine Bedingung für einen gelingenden Wissenschafts-Praxis-Transfer im Verbundprojekt. Die Unterstützung beider Transferaufgaben gehört zu den Arbeitsaufgaben des dafür eingerichteten WÖRLD-Transfer-House. Es bündelt und adressiert zielbezogen die notwendigen Steuerungs-, Koordinations- und Evaluationsbedarfe im Verbund.

Der Fokus des Beitrags liegt jedoch auf der interdisziplinären Zusammenarbeit der drei Wissenschaftsgemeinschaften. Im Folgenden werden zunächst im zweiten Kapitel die Facetten der disziplinübergreifenden Zusammenarbeit im Akteursnetzwerk von WÖRLD mit Bezug zur Projektgovernance theoretisch fundiert, um darauf aufbauend im dritten Kapitel die konzeptionelle Architektur des WÖRLD-Houses mit seinen konkreten Strukturen und Merkmalen vorzustellen. Im vierten Kapitel werden das Zusammenwirken im Verbund sowie die Wirksamkeit des WÖRLD-Houses auf Basis empirischer Daten verdeutlicht. Der Beitrag endet im fünften Kapitel mit einer Zusammenfassung und Implikationen für die zukünftige interdisziplinäre Zusammenarbeit.

2 Theoretischer Rahmen: Multi-, Inter- und Transdisziplinarität

In disziplinübergreifenden Forschungs- und Entwicklungsprojekten werden die Begriffe Multi‑, Inter‑ und Transdisziplinarität häufig als Qualitätslabel verwendet, ohne dass damit präzise Aussagen über Arbeitsweisen, Integrationsgrade oder Koordinationsanforderungen verbunden wären (Graff, 2015; Philipp, 2021). Die Literatur zeigt weder Einigkeit über Definitionen noch klare Abgrenzungen zwischen den Begriffen (Vienni-Baptista, 2023). Diese Unschärfe ist problematisch, weil sie Erwartungen und Steuerungslogiken diffus lässt und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kooperation als „Nebenprodukt“ thematischer Nähe missverstanden wird (Bolte & Lerch, 2023; Wissenschaftsrat, 2020). Um dieser ‚Gefahr‘ entgegenzuwirken orientiert sich das WÖRLD-Konsortium an der stufenförmigen Betrachtung entlang von Multi-, Inter- und Transdisziplinarität nach Scorna et al. (2025), die sowohl als analytischer Rahmen als auch zur Präzisierung der Projektgovernance herangezogen wird. Multidisziplinarität beschreibt das Vorhandensein mehrerer Disziplinen, deren Austausch jedoch nicht fokussiert ist; Wissensbestände werden additiv nebeneinandergestellt, disziplinäre Autonomie bleibt unangetastet. Interdisziplinarität hingegen ist ein problemorientierter Ansatz, der unterschiedliche Fachperspektiven und Methoden bündelt, um komplexe Probleme ganzheitlich zu bearbeiten. Die Integration heterogener Wissensbestände stellt dabei eine eigenständige, anspruchsvolle Leistung dar (Lyall et al., 2011). Transdisziplinarität erweitert diesen Ansatz um den systematischen Einbezug außerwissenschaftlicher Akteure; Problemdefinition, Forschungsdesign und Lösungsentwicklung werden gemeinsam mit Praxispartner:innen ausgehandelt. Beywl und Künzli David (2020) sprechen hier von einer instrumentell-inklusiven Forschung, die neben einem konzeptionellen auch einen instrumentellen Nutzen durch erfolgreiche Implementierung anstrebt.

Die Abfolge dieser drei Stufen lässt sich analytisch als Zunahme von Kollaboration, Interdependenz und Aushandlungsbedarf verstehen (Scorna et al., 2025). Mit steigender Integrationsstufe wachsen zugleich die Anforderungen an Governance-Strukturen: Während multidisziplinäre Zusammenarbeit sich weitgehend in disziplinären Routinen organisieren lässt, benötigen inter- und transdisziplinäre Verbünde koordinierende, moderierende und evaluative Instanzen, um Verständigung zu ermöglichen und Spannungen produktiv zu nutzen (Krott, 1996; Lyall et al., 2011). Diese finden sich im Konzept des WÖRLD-Houses operationalisiert.

3 Zur Architektur des WÖRLD-Houses als Transfer-House

Mit dem Transfer-House-Konzept bündelt das Verbundprojekt WÖRLD erstmals Akteur:innen, die bislang vorwiegend über informelle oder sehr lose Netzwerke miteinander verbunden waren. Forschende und Lehrende aus der ökonomischen Bildung (DeGÖB, GSÖBW) sowie der Wirtschaftspädagogik (BWP/DGfE) bringen dabei ihre unterschiedlichen disziplinären Perspektiven und Expertisen ein, um gemeinsam an der Entwicklung digitaler und hybrider Bildungsinnovationen zu arbeiten. In dieser neuartigen Konstellation entsteht ein interdisziplinäres Netzwerk, das kontinuierlich Design-, Implementations- und Evaluationskonzepte für Lehr-Lernprodukte konzipiert und erprobt (Klusmeyer et al., 2026, im Druck).

Innerhalb des Verbunds greifen damit verschiedene Dimensionen des Transfers ineinander. Der organisationssensible Ansatz von Graf-Schlattmann (2023) bietet hierfür ein theoretisches Bezugssystem (Klusmeyer et al., 2025). Demnach gelingen nachhaltige Bildungsinnovationen vor allem dann, wenn innerhalb der jeweiligen Wissenschaftsgemeinschaften, verstanden als fachliche und soziale Bezugssysteme, ein Wandel der Erwartungen und Selbstverständnisse einsetzt, der über institutionelle Grenzen hinaus wirkt. Das WÖRLD-Transfer-House trägt dieser Einsicht Rechnung, indem es Räume und Strukturen für disziplinübergreifenden Austausch, Sichtbarkeit und Kooperation schafft. Damit werden Voraussetzungen für eine langfristige Verankerung von Wissenstransfer und Innovation zwischen den beteiligten Hochschulen und wissenschaftlichen Communities geschaffen (Klusmeyer et al., 2025; Klusmeyer et al., 2026, im Druck).

Die Abbildung 1 visualisiert die Zusammenführung der drei für WÖRLD zentralen Handlungs- und Akteursebenen der Forschungs- und Entwicklungsarbeit (Transfer-House, Teilprojekte und Kooperationspartner:innen). Hierbei stellt das Transfer-House die Steuerungs- und Unterstützungsstruktur in der Verbundarbeit dar: Die Verbundleitung verantwortet die strategische Steuerung und Zieldefinition des Gesamtprojekts (Formulierung gemeinsamer Erwartungshorizonte); das Projektmanagement übernimmt die operative Koordination und Sichtbarkeit (Organisation von Austauschformaten, Steuerung von Informationsflüssen); die Projektevaluation sichert die kontinuierliche Analyse und Qualitätssicherung der Transferprozesse (datenbasierte Reflexion der Entwicklungsaktivitäten). Die konzeptionelle und operative Gestaltung des WÖRLD-Transfer-Houses orientiert sich am Collective Impact-Ansatz von Kania und Kramer (2011), der sich als Steuerungsmodell für komplexe, multi-akteursbasierte Initiativen bewährt hat. Der Ansatz beschreibt fünf Bedingungen für erfolgreiche Kooperations- und Wirksysteme, die im WÖRLD-Kontext inhaltlich adaptiert und praktisch umgesetzt wurden (Klusmeyer et al., 2026, im Druck; Abb. 2):

Gemeinsame Agenda: Alle Partnerinstitutionen verfolgen die abgestimmte Zielsetzung des Transfers digitaler und hybrider Lehr-Lernprodukte in der ökonomischen Bildung und Wirtschaftspädagogik. Durch gemeinschaftliche Entwicklungsarbeit, Beratung und den Aufbau von Austauschformaten entsteht ein einheitliches strategisches Verständnis, das die Sichtbarkeit der Disziplinen in der Lehrkräftebildung stärkt: nach außen durch wissenschaftliche Kommunikation und OER-Strategien und nach innen durch strukturierte Transferpfade.

Kontinuierliche Kommunikation: Regelmäßig stattfindende Verbundtreffen, thematische Arbeitsgruppen, Jours fixes und digitale Kommunikationskanäle gewährleisten einen fortlaufenden Informationsaustausch. Diese Formate fördern Transparenz, Abstimmungssicherheit und die soziale Kohäsion innerhalb des Netzwerks.

Sich verstärkende Aktivitäten: Standortübergreifende Kooperationen, gemeinsame Lehrveranstaltungen und gegenseitige Hospitationen ermöglichen die gezielte Nutzung von Synergien. So können lokale Innovationen skalierbar gemacht und in eine kohärente Gesamtstrategie des Verbunds integriert werden.

Unterstützende Infrastruktur: Das Transfer-House erschließt gezielt Distributions- und Publikationskanäle, insbesondere über OER- und Forschungsrepositorien, um entwickelte Materialien langfristig verfügbar zu machen und ihre nachhaltige Nutzung zu sichern.

Gemeinsame Instrumente: Verfahren der Design-basierten Forschung (Design-Based Reasearch Collective, 2003; Fishman et al., 2013) bilden das verbindende methodische Fundament des Verbunds. Er ermöglicht eine iterative Entwicklung und Evaluation von Innovationen, schafft gemeinsame Reflexionsräume und sorgt für methodische Konsistenz in allen Transferaktivitäten.

Durch die systematische Umsetzung dieser fünf Prinzipien etabliert das WÖRLD-Transfer-House eine strukturierte und zugleich agile Netzwerkarchitektur (Klusmeyer et al., 2026, im Druck). Diese begünstigt nicht nur effiziente Koordination und Zusammenarbeit, sondern fördert auch den dauerhaften, disziplinübergreifenden Wissenstransfer und die nachhaltige Implementierung digitaler Bildungsinnovationen.

Abbildung 1: Schematischer Aufbau des Verbundprojektes und WÖRLD-spezifischen Wissens- und Wissenschafts-Praxis-TransfersAbbildung 1: Schematischer Aufbau des Verbundprojektes und WÖRLD-spezifischen Wissens- und Wissenschafts-Praxis-Transfers

Durch den Kompetenzverbund lernen:digital erhalten sowohl das Transfer-House (durch Einbindung in das Kompetenzzentrum Sprachen/Gesellschaft/Wirtschaft; durch Abstimmung mit der Transfer- und Vernetzungsstelle), als auch die WÖRLD Teilprojekte (primär durch Abstimmung mit der Transfer- und Vernetzungsstelle) eine zusätzliche Rahmung. Sie geht mit eigenen Möglichkeiten und Verbindlichkeiten des Informationsaustausches und der Dissemination der Projektergebnisse einher.

Die beteiligten Hochschulstandorte mit ihren jeweiligen Teilprojekten agieren eingebettet in die für das Verbundprojekt konstitutiven Strukturen des Transfer-Houses, das einen verbindlichen organisatorischen und kommunikativen Rahmen bereitstellt. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeit ist dabei als ko-konstruktiver Prozess zwischen Transfer-House und Teilprojekten angelegt, methodisch gerahmt durch Design-Based Implementation Research (Fishman et al., 2013) und unter Einbindung der formalen sowie informellen Netzwerke, die die Verbundleitung für das Transfer-House akquiriert. Zugleich erfolgt sie als ko-kreativer Prozess zwischen den Teilprojekten und ihren jeweiligen Kooperationspartner:innen respektive den standort- und disziplinspezifischen Netzwerken. Entscheidend für die WÖRLD-Architektur ist, dass sich der Transfer- und Integrationsanspruch in der Arbeit der drei Einheiten (Transfer-House, Teilprojekte, Kooperationspartner:innen) strukturell wiederfindet. Je stärker ein Projekt von multidisziplinärer Parallelität zu interdisziplinärer Integration und transdisziplinärer Koproduktion verschoben wird, desto stärker müssen Koordinations-, Vernetzungs- und Aushandlungsleistungen als eigene Projektfunktionen institutionell gesichert werden (Gehring, 2013). Diese Struktur lässt sich im Sinne Krotts (1996) als institutionalisierte Antwort auf die erwartbare Dynamik disziplinärer Eigenlogiken verstehen. System-, Gruppen- und Aushandlungsvernetzung werden dann praktisch relevant, wenn ein Verbund statt additiven Teilbeiträgen die Integration als gemeinsame Leistung organisiert und Konflikte sowie Übersetzungsaufgaben als Normalfall behandelt. Zugleich ist Gehrings (2013) Warnung vor einer reduktiven Interpretation von Interdisziplinarität für die Konsortialarbeit anschlussfähig: Ob ein Verbund wie WÖRLD „interdisziplinär“ oder „transdisziplinär“ arbeitet, wird vor allem an der konkret realisierten Integrationspraxis, an den ausgehandelten Rollen und Verantwortlichkeiten sowie am Design der Ko-Kreations-, Ko-Konstruktions- und Transferprozesse sichtbar. Inwiefern im WÖRLD-Verbund eine „interdisziplinäre“ Zusammenarbeit gefordert und gefördert wurde, steht in den folgend dargestellten Erkenntnissen der Projektevaluation im Zentrum.

4 Interdisziplinäres Zusammenwirken im Verbundprojekt WÖRLD

4.1 Evaluationsansatz und methodisches Vorgehen im Verbundprojekt WÖRLD zur Erfassung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Begleitevaluation des Projekts nimmt u. a. die erstmalige Zusammenarbeit zwischen den Kolleg:innen aus der Wirtschaftspädagogik (BWP/DGfE) und aus der Ökonomischen Bildung (DeGÖB, GSÖBW) in den Blick und untersucht sie als zentrales Wirkprinzip des Verbundes. Die Projektevaluation verfolgt die Frage, inwiefern durch die Arbeit in einem Verbundprojekt die interdisziplinäre Zusammenarbeit angestoßen sowie gefördert werden kann und wie sich die unterschiedlichen disziplinären Perspektiven, methodischen Zugänge und institutionellen Logiken gegenseitig unterstützen und in kollaborativen Entwicklungsprozessen zusammenwirken.

Methodisch orientiert sich die Evaluation an der Cluster-Evaluation (Haubrich, 2009; Koch, 2011; Worthen & Schmitz, 1997), die sich zur Untersuchung multizentrischer, interdisziplinärer Programme eignet. Dieser Ansatz zielt weniger auf summative Erfolgskontrolle als auf die Rekonstruktion von Entwicklungs- und Transferprozessen unter spezifischen Kontextbedingungen. Durch den formativen und partizipativen Charakter der Evaluation werden die Ergebnisse iterativ zurückgespiegelt und fließen in die Weiterentwicklung der gemeinsamen Strategien ein (Haubrich, 2010; Koch, 2011).

Die Cluster-Evaluation erlaubt es, die entstehenden Austausch- und Lernprozesse zwischen den Disziplinen sichtbar zu machen und daraus Gestaltungsprinzipien erfolgreicher interdisziplinärer Kooperation abzuleiten. Das WÖRLD-House wird in diesem Zusammenhang als moderierende und strukturierende Instanz analysiert, die Austauschplattformen bereitstellt und so zur Verstetigung des interdisziplinären Dialogs beiträgt (Haubrich, 2010; Worthen & Schmitz, 1997).

Insgesamt fungiert die Evaluation im Projekt WÖRLD als forschungsorientierter Reflexions- und Steuerungsrahmen, der sowohl empirische Evidenz zur Wirksamkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit als auch Impulse zur Weiterentwicklung kooperativer Forschungs- und Entwicklungsstrukturen in der Lehrer:innenbildung liefert (Euler, 2014; OECD, 2022; Schmiedl, 2022). Sie schafft damit Grundlagen, um das Zusammenspiel von Wirtschaftspädagogik und (Sozio-)Ökonomischer Bildung als Schlüssel für nachhaltige Innovationsprozesse im digitalen Wandel zu verstehen.

Zur empirischen Umsetzung kommt ein Mixed-Methods-Design zum Einsatz, das qualitative und quantitative Verfahren kombiniert. Neben problemzentrierten Interviews (Witzel & Reiter, 2012) mit Projektleitungen und -mitarbeitenden aller Teilprojekte (N =14; n = 38 bzw. 34) zu zwei Erhebungszeitpunkten (Frühjahr 2024 & Frühjahr 2025) werden Onlinebefragungen (Dezember 2024, n = 30; Juli 2025, n = 32) genutzt, um Kooperations- und Transferprozesse systematisch zu erfassen. Die Auswertung der Interviews erfolgt nach strukturierender Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2012); die Onlinebefragungen werden deskriptiv ausgewertet. Hinsichtlich der interdisziplinären Zusammenarbeit stehen dabei unter anderem die Kommunikations- und Abstimmungsprozesse zwischen Wirtschaftspädagogik und Ökonomischer Bildung, die Integration von Forschungs- und Praxiswissen in der Entwicklung digitaler Angebote sowie die institutionellen Rahmenbedingungen, die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen oder begrenzen, im Fokus.

Die im Rahmen der Cluster-Evaluation erhobenen Daten erlauben eine differenzierte Analyse der Kooperations- und Abstimmungsprozesse zwischen Wirtschaftspädagogik und Ökonomischer Bildung im WÖRLD-Verbund. Dabei zeigt sich, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit weit über eine additive Verbindung fachlicher Perspektiven hinausgeht, wie sie für multidisziplinäre Arrangements charakteristisch ist (Scorna et al., 2025). Vielmehr handelt es sich um einen ko-konstruktiven Aushandlungsprozess, in dem unterschiedliche disziplinäre Logiken, Forschungszugänge und Professionalisierungsziele in produktive Beziehung zueinander gesetzt werden. Dies entspricht dem Anspruch interdisziplinärer Integration (Lyall et al., 2011). An einzelnen Schnittstellen, insbesondere in der gemeinsamen Arbeit mit Praxispartner:innen, deuten sich zudem transdisziplinäre Züge an (Scorna et al., 2025; Beywl & Künzli David, 2020).

Die nachfolgenden Ergebnisse beleuchten diese Aspekte aus der Perspektive der Teilprojekte und des Projektmanagements. Sie verdeutlichen, welche Strukturen, Praktiken und Haltungen die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftspädagogik und Ökonomischer Bildung begünstigen, wo Koordinations- und Verständigungsprobleme auftreten und in welcher Weise interdisziplinäre Kooperationen zur Qualitätsentwicklung und Professionalisierung in der Lehrer:innenbildung beitragen.

4.2 Ergebnisse der Begleitevaluation zur interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass das Verbundprojekt WÖRLD wesentlich zur Annäherung und Kooperation zwischen Wirtschaftspädagogik und Ökonomischer Bildung beigetragen hat. Beide Disziplinen, die bislang stets in getrennten Fachgemeinschaften agierten, finden im Rahmen des Projekts neue Anknüpfungspunkte für gemeinsame Forschung, Entwicklung und Transfer.

So heben zahlreiche Beteiligte in den Interviews den neuartigen Charakter dieser Kooperation hervor. Entsprechend wird in den Interviews deutlich, dass viele Akteur:innen „noch nie miteinander zusammengearbeitet“ (IE1W_DW, Pos. 17) oder „überhaupt nicht miteinander gesprochen“ (IE2W_BY, Pos. 110) hätten und es wird betont, dass die entstehenden Austauschprozesse „sehr gut“ funktionierten (IE1W_DW, Pos. 17). Diese neue Nähe wird als programmatisches Ziel verstanden, „dass wir allgemein Berufsbildung und ökonomische Bildung zusammenbringen, die voneinander profitieren lassen“ (IE1W_KP, Pos. 19).

Zu dieser angestoßenen Zusammenarbeit trägt das WÖRLD-House als übergeordnete Koordinationsinstanz bei, was auch durch die quantitativen Daten bestätigt wird. Entsprechend bewerten rund 68,8 % der Befragten die Aussage, dass das WÖRLD-House die Kooperation zwischen ökonomischer Bildung und Wirtschaftspädagogik fördert, als zutreffend (31,25 % „stimme eher zu“, 37,5 % „stimme absolut zu“; vgl. Abb. 2). Nur 3,12 % stimmen weniger zu, während 15,6 % eine neutrale Einschätzung („teils/teils“) abgeben. Damit wird das WÖRLD-House als entscheidende strukturelle Instanz für disziplinübergreifende Zusammenarbeit wahrgenommen.

Abbildung 2: Einschätzung der fördernden Wirkung des WÖRLD-House auf die Kooperation (Likert-Skala 1–5)Abbildung 2: Einschätzung der fördernden Wirkung des WÖRLD-House auf die Kooperation (Likert-Skala 1–5)

Im Zuge der zweiten Interviewrunde zeigt sich jedoch, dass das Potenzial hinsichtlich der interdisziplinären Zusammenarbeit noch intensiver ausgeschöpft werden kann, bspw. wenn es darum geht, gemeinsam weitere Ideen zu entwickeln. So sagt ein:e Befragte:r:

„Dass es für beide Domänen ein großer Gewinn gewesen wäre, hätte man diese Transdisziplinarität noch stärker gefördert, dass man/... Wir als ökonomische Bildung die Wirtschaftspädagogik noch besser kennenlernen. Die Wirtschaftspädagogik sozusagen, die ökonomische Bildung noch besser kennenlernen, weil es ja auch gerade hier durchaus Schnittmengen gibt. [...] An noch nicht abgegrasten Wiesen sozusagen, wo geforscht werden kann. Übergangsprozesse von Allgemeinbildung […] hin in die Berufsbildung. […] Und hätte man vielleicht dann diese Projekttreffen noch stärker genutzt, um sich noch mehr untereinander auszutauschen. Dann wäre vielleicht in der Zukunft vielleicht noch ein Projekt mehr irgendwann entstanden, in fünf oder zehn Jahren. Man hätte vielleicht noch mehr erforschen können“ (IE2W_EV, Pos. 51).

Gleichwohl wird deutlich, dass durch die Verbundprojektarbeit neue Lern- und Verständigungsräume eröffnet wurden. Dies lässt sich exemplarisch hinsichtlich der Entwicklung digitaler Lernformate (z. B. Simulationen, Experimente) zeigen, sodass ein intensiver fachlicher Dialog, der methodische und inhaltliche Perspektiven verbindet, im Rahmen des Verbundprojektes über die Fachdisziplinen hinaus entstanden ist.

„Bei der Frage Simulation im Wirtschaftsunterricht […] haben wir aus der Berufs- und Wirtschaftspädagogik uns in der Simulationsliteratur umgesehen […] weil das […] auch eines der Themen ist innerhalb der ökonomischen Bildung“ (IE1W_KP, Pos. 29).

Diese Beobachtung korrespondiert mit den quantitativen Befunden zur Relevanz spezieller Aspekte der Verbundarbeit: 46,88 % bewerteten die Erweiterung des eigenen Netzwerks über die eigene Wissenschaftsdisziplin hinaus als „sehr wichtig“ und 21,88 % als „eher wichtig“, weitere 9,38 % als „teils, teils“ (vgl. Abb. 3). Kein:e Befragte:r stufte diesen Aspekt als „überhaupt nicht wichtig“ ein. Die Netzwerkbildung wird somit als zentrales Qualitätsmerkmal der interdisziplinären Zusammenarbeit wahrgenommen.

Abbildung 3: Einschätzung der Relevanz der Netzwerkbildung im Verbund (in %)Abbildung 3: Einschätzung der Relevanz der Netzwerkbildung im Verbund (in %)

Darüber hinaus schildern die Interviewpartner:innen den Austausch als kollegial, offen und unterstützend. Eine Person beschreibt die Community als „accessible and contestable“ (IE1W_KP, Pos. 62) – also offen für Anfragen und gleichzeitig herausfordernd im besten Sinne. Diese Kultur der Offenheit wird von mehreren Beteiligten als bezeichnend für den Erfolg der Zusammenarbeit hervorgehoben.

Die Daten weisen zudem auf einen nachhaltigen Kooperationsimpuls über das Projektende hinaus hin. Etwa 46,9 % der Befragten geben ein halbes Jahr vor Ende der Projektlaufzeit an, auch künftig einen informellen fachlichen Austausch mit Kolleg:innen aus der jeweils anderen Disziplin fortsetzen zu wollen. Weitere 31,25 % planen gemeinsame Vortragsaktivitäten, 25,0 % gemeinsame Publikationen und 21,9 % Projektinitiativen (vgl. Abb. 4).

Abbildung 4: Geplante Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit nach Projektende (in Prozent)Abbildung 4: Geplante Formen der interdisziplinären Zusammenarbeit nach Projektende (in Prozent)

In den Interviews wird diese Tendenz zur Verstetigung bestätigt:

„Ich finde das extrem wichtig, dass das stattgefunden hat […] Ich glaube, wir sind aber erst sehr am Anfang […] und das ist schade, dass das jetzt abbricht, wo wir doch gerade so gut dabei sind, uns anzunähern“ (IE2W_CX, Pos. 67).

„Am Ende des Projektes ist es dann ja auch noch mal die Idee, eine Denkwerkstatt zu machen, die explizit sich über die langfristige, über den langfristigen Transfer […] Ideen überlegt. Also, wo können wir das Thema institutionalisieren, wo können wir vielleicht auch niederschwellig transdisziplinäre Jour Fixe vielleicht ermöglichen? Also, das ist […] etwas, was sich ganz neu aufgetan hat, was aber, glaube ich, […] nicht nur für die Wissenschaft selbst, sondern auch für die Lehrerbildung einen großen, großen Mehrwert hat“ (IE2W_EV, Pos. 57).

Diese Aussagen unterstreichen den Wunsch nach institutioneller Verstetigung der erreichten Zusammenarbeit.

Neben der positiven Bilanz werden jedoch auch Hürden sichtbar, die vor allem zeitlicher und struktureller Natur sind. Mehrere Befragte betonen, dass die kurze Projektlaufzeit und hohe Arbeitsbelastung eine vertiefte Zusammenarbeit erschwerten. Gleichzeitig wünschen sie sich eine stärkere Sichtbarkeit gemeinsamer Forschungsergebnisse, wie bspw. durch Publikationen in interdisziplinären Formaten – ein Aspekt, der mit dieser bpw@-Spezialausgabe erstmals aufgenommen wurde.

5 Schlussfolgerung

Erstmalig haben Vertreter:innen der drei Fachgesellschaften (1) Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik (BWP) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE), (2) der Deutschen Gesellschaft für ökonomische Bildung (DeGÖB) sowie (3) der Gesellschaft für sozioökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW) im WÖRLD-Konsortium zusammengearbeitet. Am fachlich-inhaltlichen Forschungs- und Entwicklungsgegenstand der „Entwicklung, Pilotierung und Evaluation von Fortbildungsangeboten zur digitalen Unterrichtsentwicklung“ konnten die vorherrschenden disziplinären Grenzen der Fachgemeinschaften überwunden werden (Tafner, 2024). Die empirischen Ergebnisse verdeutlichen, dass die Arbeit im WÖRLD-House zu einer sozialen und fachlichen Entgrenzung geführt hat. Die primär multidisziplinäre Ausgangslage, in der Wissensbestände und Produkte zunächst additiv nebeneinandergestellt und disziplinäre Autonomien gewahrt wurden, hat sich deutlich in Richtung einer interdisziplinären Ko-Konstruktion und punktuell zu einer transdisziplinären Kollaboration (Scorna et al., 2025) verschoben. In der Entwicklung entlang der drei Integrationsstufen kamen die für das Transfer-House konstituierenden Merkmale der Projektgovernance zum Tragen (Krott, 1996; Lyall et al., 2011).

Die Vereinigung der jeweiligen fachlichen und methodischen Expertisen sowie die strukturelle Unterstützung durch das WÖRLD-House haben bei den Akteur:innen des Verbundprojekts zu einer starken Motivation für die Fortführung der interdisziplinären Zusammenarbeit und zur nachhaltigen Etablierung des Netzwerks geführt. Dies bestätigt die Einschätzung, dass nachhaltige Bildungsinnovationen vor allem dann gelingen, wenn innerhalb der beteiligten Wissenschaftsgemeinschaften ein Wandel der Erwartungen und Selbstverständnisse einsetzt, der über institutionelle Grenzen hinaus wirkt (Graf-Schlattmann, 2023; Klusmeyer et al., 2025). Aus der erfolgreichen Arbeit lassen sich zunächst keine disziplinären Schlussfolgerungen für die weitere Zusammenarbeit ableiten. Gleichwohl hat ein Nachdenken über unsere disziplinären Gemeinsamkeiten eingesetzt, die u. a. im Domänen-, Bildungs- und Subjektbezug liegen. Ob ein Verbund wie WÖRLD dabei „interdisziplinär“ oder „transdisziplinär“ arbeitet, wird, wie Gehring (2013) betont, vor allem an der konkret realisierten Integrationspraxis, an den ausgehandelten Rollen und Verantwortlichkeiten sowie im Falle unseres Verbundes am Design der Ko-Kreations-, Ko-Konstruktions- und der Transferprozesse sichtbar und bewertbar.

Inwiefern diese Reflexionen auf individueller Ebene, beispielsweise in Form von Doppelmitgliedschaften, oder gar auf institutioneller Ebene, beispielsweise in Form gemeinsamer Diskursräume (Tafner, 2024, S. 311; Tafner et al., 2024), zu Veränderungen führen, wird zu beobachten sein. Für die Bewältigung zukünftiger gesellschaftlicher Herausforderungen ist eine fachlich-inhaltliche Zusammenarbeit der Wissenschaftsgemeinschaften in Forschung und Praxis nicht nur möglich, sondern aufgrund der gegenstandsbezogenen Überschneidungsbereiche auch besonders geeignet. Die dafür zweckdienlichen Koordinations-, Vernetzungs- und Aushandlungsleistungen sprechen dabei, wie zumindest die Erfahrungen im WÖRLD-Konsortium zeigen, für eine eigenständige, personell gesicherte Verbundfunktion (Gehring, 2013), die additive Parallelität adressiert und Integration als gemeinsame Leistung mitorganisiert.

Dies betrifft die zukünftige Arbeit in den Bereichen der Digitalisierung sowie in Themenfeldern wie Berufsorientierung, Übergangssystem, Benachteiligtenförderung, Heterogenität, Inklusion, Fachsprache und zahlreichen weiteren Aspekten (Jahn et al., 2024, S. 265).

Literatur

Beywl, W. & Künzli David, C. (2020). Augenhöhe von Forschung und Praxis im Bildungsbereich. Potenziale instrumentellinklusiver Forschung für Pädagogische Hochschulen. Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 38(1), 54–66. https://doi.org/10.25656/01:21774

Bolte, S. & Lerch, S. (2023). Interdisziplinarität. Eine theoretische Annäherung an einen viel besprochenen Begriff. In M. Braßler & S. Brandstädter (Hrsg.), Interdisziplinarität in der Hochschullehre (S. 15–30). wbv Publikation. https://doi.org/10.3278/I74610w002

Design-Based Research Collective (2003). Design-Based Research: An emerging paradigm for educational inquiry. Educational Researcher, 32(1), 9–13.

Euler, D. (2014). Design-Research – a paradigm under development. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik (Beiheft 27), 15–41.

Fishman, B. J., Penuel, W. R., Allen, A.-R., Cheng, B. H. & Sabelli, N. (2013). Design-Based Implementation Research: An Emerging Model for Transforming the Relationship of Research and Practice. Teachers College Record: The Voice of Scholarship in Education, 115(14), 136–156. https://doi.org/10.1177/016146811311501415

Gehring, P. (2013). Technik in der Interdisziplinaritätsfalle – Anmerkungen aus Sicht der Philosophie. Journal of Technical Education (JOTED), 1(1). https://doi.org/10.48513/joted.v1i1.18

Graf-Schlattmann, M. (2023). Lose gekoppelte Transformation. Eine organisationssensible Betrachtung hochschulweiter Digitalisierungsprozesse. In F. Wächter & A. Hermann (Hrsg.), Karrieren in der Wissenschaft: Die Spielregeln im akademischen Berufsfeld (S. 167–181). Kohlhammer.

Graff, H. J. (2015). Undisciplining Knowledge: Interdisciplinarity in the Twentieth Century. Johns Hopkins University Press.

Grosche, M., Fussangel, K. & Gräsel, C. (2020). Kokonstruktive Kooperation zwischen Lehrkräften. Aktualisierung und Erweiterung der Kokonstruktionstheorie sowie deren Anwendung am Beispiel schulischer Inklusion. Zeitschrift für Pädagogik, 66(4), 461–479. https://doi.org/10.25656/01:25803

Haubrich, K. (2009). Rekonstruktive Programmtheorie: Evaluation multizentrischer Entwicklungsprogramme. Zeitschrift für Qualitative Forschung, 10(1), 79–95. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-336592

Jahn, R. W., Klusmeyer, J. & Söll, M. (2024). Zur Entwicklung der Publikationskultur der Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Eine formale, soziale und inhaltliche Analyse der Publikationen der Sektionsmitglieder zwischen 2011 und 2020. In K. Büchter, V. Herkner, K. Kögler, H.-H. Kremer & U. Weyland (Hrsg.), 50 Jahre Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Kontinuität, Wandel und Perspektiven. (S. 253–272). Budrich. https://doi.org/10.3224/84742720

Kania, J. & Kramer, M. (2011). Collective Impact. Stanford Social Innovation Review, 9(1), 36–41. https://doi.org/10.48558/5900-kn19

Kerres, M. (2020). Bildung in der digitalen Welt. In M. Rothland & S. Herrlinger (Hrsg.), Digital?! Perspektiven der Digitalisierung für den Lehrerberuf und die Lehrerbildung (S. 17–34). Waxmann.

Klusmeyer, J., Schadow, S. & Thiel de Gafenco, M. (2025). WÖRLD – Konstituierung und Erforschung eines bundesländerübergreifenden Akteursnetzwerks zur digitalisierungsbezogenen Lehrpersonen(fort-)bildung in der wirtschaftsberuflichen und ökonomischen Bildung. In D. Loerwald & N. Goldschmidt (Hrsg.), Evidenzbasierter Wirtschaftsunterricht. Jahresband der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung 2024 (S. 235–246). Springer Gabler.

Klusmeyer, J., Schadow-Gievers, S. & Thiel de Gafenco, M. (2026, im Druck). Vernetzung und Transfer in Forschungsverbünden – Einblicke in die Konstituierung des WÖRLD-Transfer-Houses. In K. Scheiter, D. Richter, J. Brüggemann & J. Jennek (Hrsg.), Professionelles Handeln in einer Kultur der Digitalität: Ergebnisse des Kompetenzzentrums SGW (Buchreihe: Digitale Transformation von Schule und Fortbildung gestalten im Kompetenzverbund lernen:digital).Waxmann.

Koch, B. (2011). Wie gelangen Innovationen in die Schule? Eine Studie zum Transfer von Ergebnissen der Praxisforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92872-2

Könings, K. D., Mordang, S., Smeenk, F., Stassen, L. & Ramani, S. (2021). Learner involvement in the co-creation of teaching and learning: AMEE Guide No. 138. Medical Teacher, 43(8), 924–936. https://doi.org/10.1080/0142159X.2020.1838464

Krott, M. (1996). Interdisziplinarität im Netz der Disziplinen. In P. W. Balsiger, R. Defila & A. Di Giulio (Hrsg.), Ökologie und Interdisziplinarität — eine Beziehung mit Zukunft? (S. 87–97). Birkhäuser Basel. https://doi.org/10.1007/978-3-0348-5036-0_6

Kuckartz, U. (2012). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Beltz Juventa.

Lyall, C., Bruce, A., Tait, J. & Meagher, L. (2011). Interdisciplinary Research Journeys. Practical Strategies for Capturing Creativity. Bloomsbury Publishing Plc. https://doi.org/10.5040/9781849661782

OECD (2022). Who Cares about Using Education Research in Policy and Practice? Strengthening Research Engagement. OECD. https://doi.org/10.1787/d7ff793d-en

Philipp, T. (2021). Interdisziplinarität. In T. Schmohl & T. Philipp (Hrsg.), Handbuch Transdisziplinäre Didaktik, Hochschulbildung: Lehre und Forschung (S. 163–173). transcript. https://doi.org/10.25656/01:27650

Schmiedl, F. L. (2022). Von der Einbahnstraße zum Beziehungsraum: Relationstheoretische Überlegungen zum Forschungs-Praxis-Transfer. Bildungsforschung, (2), 1–16. https://doi.org/10.25539/bildungsforschung.v0i2.871

Schriewer, J. & Keiner, E. (1993). Kommunikationsnetze und Theoriegestalt: Zur Binnenkonstitution der Erziehungswissenschaft in Frankreich und Deutschland. In J. Schriewer, E. Keiner & C. Charle (Hrsg.), Sozialer Raum und akademische Kulturen. Studien zur europäischen Hochschul- und Wissenschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. (S. 277–341). Peter Lang.

Scorna, U., Domine, I., Schäfer, J., Voß, G. & Hajji, R. (2025). Multidisziplinarität, Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Formen kollaborativen Forschens im Rahmen von Design-Based Research-Projekten. die hochschullehre, 11, 167–179. https://dx.doi.org/10.3278/HSL2455W

Tafner, G. (2024). Wirtschaftspädagogik ist mehr als Berufsbildung. Die Existenz von Fachgesellschaften der ökonomischen Bildung als Preis der traditionellen Berufsbezogenheit der Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik. In K. Büchter, V. Herkner, K. Kögler, H.-H. Kremer & U. Weyland (Hrsg.), 50 Jahre Sektion Berufs- und Wirtschaftspädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Kontinuität, Wandel und Perspektiven (S. 297–317). Budrich. https://doi.org/10.3224/84742720

TU Berlin (2022). Neue Studie: Was macht Forschungsverbünde erfolgreich?. TU Berlin. Neue Studie: Was macht Forschungsverbünde erfolgreich? - TU Berlin

Vienni-Baptista, B. (2023). Disentangling Interdisciplinarity and Transdisciplinarity: The Beauty of Differing Definitions. In O. Pombo, K. Gärtner & J. Jesuíno (Hrsg.), Theory and Practice in the Interdisciplinary Production and Reproduction of Scientific Knowledge (Logic, Argumentation & Reasoning, Bd. 31, S. 59–76). Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-031-20405-0_2

Wissenschaftsrat (2020). Wissenschaft im Spannungsfeld von Disziplinarität und Interdisziplinarität. Positionspapier. https://www.wissenschaftsrat.de/download/2020/8694-20.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Witzel, A. & Reiter, H. (2012). The Problem-Centred Interview: Principles and Practice. SAGE Publications Ltd. https://doi.org/10.4135/9781446288030

Worthen, B. R. & Schmitz, C. C. (1997). Conceptual Challenges Confronting Cluster Evaluation. Evaluation, 3(3), 300–319. https://doi.org/10.1177/135638909700300304

Förderhinweis

Das Projekt „Wirtschaftspädagogik und Ökonomische Bildung – Lehrkräftebildung und Unterricht Digital (WÖRLD)“ wurde finanziert durch die Europäische Union – NextGenerationEU und gefördert durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind ausschließlich die des Autors/der Autorin und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Europäischen Union, Europäischen Kommission oder des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend wider. Weder Europäische Union, Europäische Kommission noch Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend können für sie verantwortlich gemacht werden. Förderkennzeichen: 01JA23S02A.

[1] In diesem Beitrag wird unterschieden zwischen: 1) Ko-Kreation, die auf die gemeinsame Gestaltung von Bildungsinnovationen durch verschiedene Stakeholder und integrierenden Perspektiven von Wissenschaft, Praxis und Bildungsadministration in gemeinsamen Entwicklungsprozessen abzielt (Könings et al., 2021); 2) Ko-Konstruktion als sozialkonstruktivistischer Interaktionsmodus. In der Ko-Konstruktion tauschen sich beteiligte Personen hinsichtlich einer innovativen Aufgabe aus und beziehen ihr jeweiliges Wissen so aufeinander, dass neues Wissen und gemeinsame Aufgabenlösungen generiert werden können (Grosche et al., 2020).

Zitieren des Beitrags

Klusmeyer, J., Thiel de Gafenco, M. & Keßeler, M. (2026). Zur Architektur des WÖRLD-Transfer-Houses im Dienst interdisziplinärer Kooperation und digitaler Bildungsinnovationen. In J. Klusmeyer, M. Thiel de Gafenco, M. Keßeler & S. Schadow-Gievers (Hrsg.), bwp@ Spezial 23: Digital gestütztes Fortbilden und Unterrichten in der ökonomischen und wirtschaftsberuflichen Bildung – Abschlussband des Verbundprojekts WÖRLD  (S. 1–16). https://www.bwpat.de/spezial23/klusmeyer_etal_spezial23.pdf

Veröffentlicht am 18. März 2026