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bwp@ Spezial PH-AT3 - April 2026
Diversität in der beruflichen Bildung – Perspektiven aus Forschung, Entwicklung und Bildungspraxis in der D-A-CH-Region
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Editorial
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Editorial zum bwp@ Spezial PH-AT3:
Diversität in der beruflichen Bildung – Perspektiven aus Forschung, Entwicklung und Bildungspraxis in der D-A-CH-Region
Der in den Gesellschaften der D-A-CH-Region derzeit allgegenwärtige Fachkräftemangel verweist nicht nur auf ein quantitatives Defizit an qualifizierten Arbeitskräften, sondern legt zugleich grundlegende Spannungen in der Organisation von Bildung, Arbeit und sozialer Teilhabe offen. Die Sicherung des Fachkräftebedarfs bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld: Einerseits wird von Individuen zunehmend erwartet, ihre Erwerbsbiografien eigenverantwortlich zu gestalten, Übergänge aktiv zu bewältigen und ein hohes Maß an Selbstregulation aufzubringen – eine Entwicklung, die im Kontext der Subjektivierung von Bildungs- und Erwerbsverläufen beschrieben wird (Baethge et al., 2003). Andererseits geraten die Grenzen dieser Responsibilisierung deutlich in den Blick: Ungleiche Ausgangsbedingungen, diskontinuierliche Bildungs- und Erwerbsverläufe sowie strukturelle Exklusionsrisiken machen deutlich, dass individuelle Bewältigungsleistungen allein nicht ausreichen, sondern auf verlässliche Unterstützungs- und Förderstrukturen angewiesen bleiben. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Personengruppen, deren Bildungs- und Berufsbiografien von Brüchen und Dropout-Erfahrungen geprägt sind und deren langfristige Teilhabe am Arbeitsmarkt entsprechend gefährdet ist.
Es überrascht daher nicht, dass die Frage nach einem angemessenen Umgang mit Diversität in Berufsbildungspraxis, -politik und -forschung sowohl national als auch im deutschsprachigen internationalen Raum intensiv diskutiert wird. Ein aktuelles Scoping Review bestätigt diese Beobachtung und zeigt zugleich, dass zentrale Begriffe wie Integration vs. Inklusion sowie Heterogenität vs. Diversität in Forschung und Praxis häufig unscharf verwendet werden. Das Review verweist darüber hinaus darauf, dass im Feld normative Fragen diskutiert, empirische Untersuchungen durchgeführt und didaktische Konzepte entwickelt werden (Wertmüller & Deutscher, 2026).
Das 3. Symposium „Diversität in der Berufsbildung: Forschung – Entwicklung – Praxis“, fand im Januar 2025 als Online-Veranstaltung statt und wurde von der wissenschaftlichen Arbeitseinheit 5 zu Lernen und Lehren in der Berufsbildung unter dem Aspekt von Diversität organisiert, in diesem Jahr in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich als veranstaltende Institution. Das Symposium bot Forschenden, Lehrkräften und Vertreter:innen der Bildungspraxis aus der D-A-CH-Region einen Ort des offenen Austauschs. Der Call for Papers war bewusst thematisch weit gefasst und stand offen für eine Vielfalt begrifflicher und forschungsmethodischer Zugänge sowie für Forschungs- und Entwicklungsprojekte, (fach-)didaktische Arbeiten und Praxisberichte. Diese Breite spiegelt sich in den vorliegenden Beiträgen dieser Ausgabe bwp@ Spezial PH-AT3 wider.
Die hier versammelten Beiträge geben Einblicke in Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Berufsbildung in der D-A-CH-Region und sind in vier thematische Teile gegliedert. Den Auftakt bildet Teil 1 mit Beiträgen zum Umgang mit Heterogenität im Lernen und Lehren an beruflichen Schulen. Andrea Burda-Zoyke gibt in ihrer Keynote einen Überblick über (fach-)didaktische Gestaltungskriterien und -möglichkeiten für einen differenzsensiblen Unterricht. Tessmer, Li und Struck untersuchen didaktische Handlungspraxen von Lehrkräften in der Berufsausbildungsvorbereitung in Deutschland, während Vötsch Befunde aus Tiroler Berufsschulen zur Perspektive der Lernenden auf inklusiven Unterricht vorlegt.
Teil 2 ist dem Umgang mit Heterogenität und Diversität aus Sicht von Lehrpersonen gewidmet. Kimmelmann, Miesera und Pool Maag entwerfen ein Rahmenkonzept zu Kompetenzanforderungen für einen inklusionsorientierten Umgang mit Diversität an beruflichen Schulen. Albert, Hofbauer und Pahr-Gold untersuchen Erwartungshaltungen von Lehrpersonen gegenüber Schüler:innen auf Basis erster Informationen mittels Repertory Grid-Technik. Schweiger, Ramer, Heinrichs und Albert nehmen die Gestaltung der Lehrkräfte-Schüler:innen-Beziehung als Facette des Lehrkräfteethos in einer Ladderingstudie in den Blick, und Steiner präsentiert Befunde einer Interviewstudie mit Lehrkräften an berufsbildenden Vollzeitschulen in Österreich zu Chancen, Herausforderungen und Grenzen heterogener Lerngruppen.
Teil 3 umfasst Beiträge zum Umgang mit Heterogenität in spezifischen Kontexten der Berufsvorbereitung und -ausbildung. Weissinger-Lusenberger, Schedlberger und Heinrichs widmen sich dem Monitoring und Umgang mit Fehlzeiten in Berufsschulen in Oberösterreich. Niederfriniger, Kaak, Heinrichs und Kracke fragen empirisch nach der Notwendigkeit heterogenitätssensibler Berufsorientierungsangebote. Cechovsky und Kaiser-Mühlecker untersuchen Einflussfaktoren der Financial Literacy von Jugendlichen mit Fokus auf Lehrlinge in Österreich, und Hufnagl, Weber und Annen beleuchten ethnische Diskriminierung in betrieblichen Auswahlverfahren anhand einer systematischen Literaturanalyse.
Teil 4 schließt die Ausgabe mit Beiträgen zum Umgang mit Heterogenität in spezifischen Kontexten der Berufs-, Erwachsenen- und Lehrkräftebildung. Menner und Preitler stellen ein Praxisbeispiel aus dem Partnerschulen-Netzwerk Berufsbildung vor, Steiner und Maillinger entwickeln Anregungen für ein didaktisches Konzept und Kompetenzprofil für die Erwachsenenbildung, und Kohlhof analysiert die Angebotsgestaltung für alleinlebende langzeiterwerbslose Frauen mit Beeinträchtigung.
Wir danken an dieser Stelle herzlich allen Autor:innen für ihre Ausführungen und wünschen den Leser:innen eine erkenntnisreiche Lektüre und anregende Impulse.
Karin Heinrichs, Ingrid Hotarek und Sabine Albert
(Herausgeberinnen des bwp@ Spezial PH-AT3)
Literatur
Baethge, M., Buss, K.-P. & Lanfer, C. (2003). Konzeptionelle Grundlagen für einen Nationalen Berufsbildungsbericht: Berufliche Bildung und Weiterbildung/Lebenslanges Lernen. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.), Bildungsreform, Bd. 7, Bonn.
Wertmüller, S. & Deutscher, V. (2026). Diversität in der Berufsbildung. Ein Scoping Review zur Entwicklung eines analytischen Diversitätsmodells für inklusive Bildungsstrategien und Messansätze, Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 121(3), 484–504.
Zitieren des Beitrags
Heinrichs, K., Hotarek, I. & Albert, S. (2026). Editorial zum bwp@ Spezial PH-AT3: Diversität in der beruflichen Bildung – Perspektiven aus Forschung, Entwicklung und Bildungspraxis in der D-A-CH-Region. In K. Heinrichs, I. Hotarek, & S. Albert (Hrsg.), bwp@ Spezial PH-AT3: Diversität in der beruflichen Bildung: Forschung, Entwicklung, Praxis – Beiträge zum 3. Symposium 2025 (S. 1–3). https://www.bwpat.de/spezial-ph-at3/editorial_spezial-ph-at3.pdf




