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bwp@ Spezial PH-AT3 - April 2026
Diversität in der beruflichen Bildung – Perspektiven aus Forschung, Entwicklung und Bildungspraxis in der D-A-CH-Region
Hrsg.: , &
Absenzen im Blick – Monitoring und Umgang mit Fehlzeiten in Berufsschulen in Oberösterreich
Schulabsentismus wird in der Literatur als komplexes, interaktionistisches Phänomen beschrieben, das durch das Zusammenwirken individueller, sozialer und schulischer Faktoren entsteht. In der Literatur finden sich umfassende Empfehlungen für allgemeinbildende Schulen und welche Handlungen die Schule zur Prävention von Schulabsentismus leisten kann. Eine der empfohlenen Maßnahmen ist die Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten. Aus diesem Grund beschreibt dieser Beitrag als Bestandsaufnahme im Sinne der Aktionsforschung, wie Berufsschulen in Oberösterreich derzeit Fehlzeiten von Lehrlingen dokumentieren, analysieren und pädagogisch bearbeiten. Auf Basis einer explorativen qualitativen Interviewstudie mit 23 Berufsschullehrkräften werden Verfahren des Fehlzeitenmonitorings, Einschätzungen zu Risikofaktoren sowie eingesetzte Präventions- und Interventionsmaßnahmen analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass Fehlzeiten zwar flächendeckend dokumentiert, jedoch nur teilweise systematisch ausgewertet werden. Pädagogische Reaktionen erfolgen überwiegend einzelfallbezogen und individuell, während verbindliche schulische Leitfäden selten sind.
Absences at a glance – Monitoring and dealing with absenteeism in vocational schools in Upper Austria
The literature describes school absenteeism as a complex, interactionist phenomenon resulting from the interplay of individual, social and school factors. Comprehensive recommendations on how general education schools can contribute to the prevention of absenteeism are contained in the literature. One of these measures is the documentation and analysis of absences. For this reason, this article presents an inventory of action research, describing how vocational schools in Upper Austria currently document, analyse and address absenteeism among apprentices from a pedagogical perspective. Based on an exploratory qualitative interview study with 23 vocational school teachers, the article analyses the methods used to monitor absenteeism, assess risk factors, and implement prevention and intervention measures. The results show that, while absenteeism is documented across the board, it is only partially evaluated systematically. Educational responses tend to be case-specific and individual, and binding school guidelines are rare.
- Details
1 Problemstellung
Der Fachkräftemangel stellt österreichische Betriebe zunehmend vor die Herausforderung, ausreichend Auszubildende für die duale Ausbildung zu gewinnen. Zwar wären 52 % der Unternehmen bereit, mehr Jugendliche auszubilden, dennoch sinkt die Zahl der Bewerber:innen (Dornmayr & Riepl, 2023). Parallel dazu ist ein Anstieg der Ausbildungsabbrüche zu verzeichnen: 2022 beendeten 19,8 % der Auszubildenden (in Österreich und auch in diesem Beitrag Lehrlinge genannt) ihre Ausbildung ohne Abschluss (Statistik Austria, 2025). Besonders betroffen sind Jugendliche mit Migrationshintergrund, höherem Einstiegsalter sowie Lehrlinge in überbetrieblichen Ausbildungsformen (Dornmayr, 2023). Ausbildungsabbrüche haben weitreichende individuelle und gesellschaftliche Folgen, darunter erhöhte Arbeitslosigkeitsrisiken, soziale Marginalisierung sowie jährliche volkswirtschaftliche Kosten von über einer Milliarde Euro in Österreich (Bacher, 2024). Die Prävention früher Bildungs- und Ausbildungsabbrüche stellt daher eine zentrale bildungspolitische und gesellschaftliche Aufgabe dar.
Ein guter Indikator eines Dropout-Risikos, der gut beobachtbar ist, sind hohe Fehlzeiten in der Schule. Nach Balfanz und Legters (2004) steigt das Abbruchrisiko bei Überschreiten einer Fehlzeitenschwelle von 10 % deutlich an.
Erhöhte Fehlzeiten wiederum können auf ein Phänomen hindeuten, das mit Schulabsentismus bezeichnet wird. Schulabsentismus wird im aktuellen Forschungsstand aber nicht als rein individuelles Verhalten verstanden, sondern als multifaktorielles Phänomen, das aus Zusammenwirken individueller, familiärer, schulischer und gesellschaftlicher Faktoren entsteht (Enderle & Ricking, 2025). Neben individuellen psychischen Belastungen erhöhen gesellschaftliche Risikofaktoren, wie niedriger sozioökonomischer Status, Migrationshintergrund oder geringe Bildungsnähe, die Wahrscheinlichkeit von Schulabsentismus.
Als wesentliche Einflussfaktoren gelten psychische Belastungen. Ravens-Sieberer et al. (2022) identifizieren dabei drei eng miteinander verbundene Risikobereiche: allgemeine Belastungen, internalisierende Störungen (z. B. Angst, Depression) sowie psychosomatische Beschwerden. Weiters können aktuelle gesellschaftliche Krisen (z. B. Pandemie, wirtschaftliche und politische Unsicherheit) als Verstärkungsfaktoren wirken, indem sie psychische Belastungen erhöhen und bestehende Vulnerabilitäten verschärfen (Kaman et al., 2025). Auf familiären Ebenen wirken Belastungen im Elternhaus oder mangelnde Unterstützung, während auf schulischer Ebene Faktoren wie Mobbing, Leistungsdruck oder belastete Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehungen eine zentrale Rolle spielen (Lüftenegger et al., 2021).
Vor dem Hintergrund dieser Befundlage formulieren Nairz-Wirth et al. (2024) umfassende Handlungsempfehlungen zur Prävention von und Intervention bei Schulabsentismus. Diese umfassen präventive schulische Rahmenbedingungen (z. B. positives Schulklima, tragfähige Beziehungen, Partizipation der Schüler:innen), diagnostische Maßnahmen (systematische Erfassung und Analyse von Fehlzeiten) sowie intervenierende Schritte bei auffälligen Absenzen (z. B. Gespräche mit Schüler:innen, Kooperation mit externen Stellen).
In diesem Beitrag wird der Fokus auf die diagnostischen Maßnahmen, insbesondere auf die Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten gelegt. So ist die systematische Dokumentation von Fehlzeiten in Österreich gesetzlich vorgesehen (§ 10 BAG, § 45 SchUG) und in jeder Schule durchzuführen. Digitale Klassenbücher und standardisierte Kategorisierungen unterstützen damit eine datenbasierte pädagogische Diagnostik (BMBWF, 2024) erhöhter Fehlzeiten als Indikator von Schulabsentismus sowie von drohendem Bildungsabbruch.
Allerdings wurden die Handlungsempfehlungen zur Prävention von und Intervention bei Schulabsentismus ebenso wie zum Monitoring von Fehlzeiten für allgemeinbildende Vollzeitschulen entwickelt. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese Maßnahmen der Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten unter den spezifischen Lehr-Lern-Bedingungen an Berufsschulen geeignet sind, um Schulabsentismus rechtzeitig zu erkennen und intervenieren zu können. In dieser Ausbildungsform können Fehlzeiten an zwei Lernorten auftreten – im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule – bei zugleich deutlich reduzierten Präsenszeiten im schulischen Bereich. Dies erschwert Beobachtung, Diagnostik und Beziehungsgestaltung (Hagenauer et al., 2022). Hinzu kommt, dass der Berufsschulunterricht in Österreich häufig lehrgangsweise organisiert ist (8 – 10 Wochen Blockunterricht pro Ausbildungsjahr) (BMBWF, 2024). Bereits kurze Abwesenheiten können daher erhebliche Lernrückstände nach sich ziehen. Wie Lehrkräfte unter diesen Bedingungen Fehlzeiten wahrnehmen, interpretieren und pädagogisch bearbeiten, ist bislang kaum empirisch untersucht.
Vor diesem Hintergrund initiierte die Pädagogische Hochschule Oberösterreich ein Projekt der Aktionsforschung (Altrichter, Posch & Spann, 2018) zum Umgang mit Fehlzeiten in der dualen Berufsausbildung. Aufbauend auf einer ersten quantitativen Vorstudie (Weissinger-Lusenberger et al., 2024) verfolgt der vorliegende Beitrag das Ziel, mittels einer Interviewstudie vertiefte Einblicke zu gewinnen, wie in diesem spezifischen Setting der Lehrgangsorganisation an Berufsschulen in Oberösterreich Fehlzeiten dokumentiert und analysiert werden, welches Wissen Lehrkräfte an diesen Schulen über Ursachen und Risikofaktoren von Schulabsentismus besitzen, wie sie bei auffälligen Fehlzeiten handeln und inwiefern sie dabei auf schulinterne Leitfäden und verbindliche Prozesse zurückgreifen können.
2 Handlungsempfehlungen zur Prävention von Schulabsentismus und (Aus-)Bildungsabbruch
Bildungs- und Ausbildungsabbrüche sowie Schulabsentismus sind für betroffene Individuen und die Gesellschaft mit negativen Konsequenzen verbunden und auch in der Häufigkeit ihres Auftretens relevant. So erscheinen die Prävention und Intervention als wichtige Aufgabe und es stellt sich die Frage, inwieweit auch im Kontext Schule entgegengewirkt werden kann. Da Schul- und Ausbildungsabbrüche in der Regel das Ergebnis längerfristiger Entwicklungsprozesse sind, wird davon ausgegangen, dass sowohl grundlegende präventive Maßnahmen als auch frühzeitige Interventionen bei auffälligen Fehlzeiten wirksam sein können (Enderle & Ricking, 2025). Basierend auf einem multifaktoriellen, sozial-ökologischen Verständnis von Schulabsentismus, wie es unter anderem von Nairz-Wirth et al. (2024) sowie Ricking und Albers (2019) vertreten wird, wurden Handlungsempfehlungen entwickelt. Die nach Nairz-Wirth et al. (2024) sowie Ricking und Albers (2019) dargestellten Maßnahmen stellen eine strukturierte Synthese empirisch und theoretisch fundierter Empfehlungen dar und lassen sich drei Ebenen zuordnen:
- Präventive Maßnahmen auf Ebene von Schule und Unterricht, etwa der Aufbau eines positiven Schulklimas, tragfähige Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehungen, Partizipation sowie die Förderung von Selbstwirksamkeit und Ressourcen. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, schulische Zugehörigkeit zu stärken und Absentismus bereits im Entstehen zu vermindern.
- Frühdiagnostische und intervenierende Maßnahmen, insbesondere die systematische Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten, frühzeitige Kontaktaufnahme bei Abwesenheit, Einzelgespräche sowie die Einbindung von Erziehungsberechtigten und externen Unterstützungsangeboten. Schulabsentismus wird hier als Warnsignal verstanden, das zeitnah pädagogisches Handeln auslösen soll.
- Strukturelle und systematische Maßnahmen, wie multiprofessionelle Fallarbeit, schulübergreifende Kooperationsnetzwerke und klar definierte Krisen- und Eskalationspläne. Diese tragen der Erkenntnis Rechnung, dass chronischer Schulabsentismus häufig komplexe Problemlagen widerspiegelt, die schulische Einzelmaßnahmen übersteigen.
Zusammenfassend erfordert eine wirksame Prävention von Schulabsentismus ein koordiniertes Zusammenspiel aller beteiligten Akteur:innen. Besonders hervorgehoben wird ein partizipativer Ansatz, bei dem Schüler:innen aktiv einbezogen statt ausschließlich betreut werden. Erziehungsberechtigte gelten ebenso als zentrale Mitverantwortliche und sollen frühzeitig eingebunden werden. Schulsozialarbeit und externe Fachstellen unterstützen die Schulen in multiprofessionellen Teams. Die Hauptverantwortung für die Früherkennung und Reaktion auf Schulabsentismus liegt jedoch bei den Lehrkräften und Schulleitungen. Vor diesem Hintergrund wird empfohlen, Schulabsentismus systematisch in die Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte zu integrieren (Nairz-Wirth et al., 2024).
Die dargestellten Handlungsempfehlungen verdeutlichen, dass Schulabsentismus als multifaktorielles Phänomen ein systematisches, datenbasiertes und multiprofessionelles Vorgehen erfordert. Gleichzeitig setzen nahezu alle empfohlenen Maßnahmen voraus, dass Lehrkräfte Fehlzeiten zuverlässig wahrnehmen, interpretieren und in pädagogisches Handeln übersetzen können.
3 Besondere Rahmenbedingungen in der Berufsschule
Die vorgestellten Handlungsempfehlungen zur Prävention von und Intervention bei Schulabsentismus wurden mit Blick auf Vollzeitschulen entwickelt. Lehrlinge im dualen Ausbildungssystem in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind aber zur Anwesenheit an zwei Lernorten verpflichtet: im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule. An beiden Lernorten können deshalb auch Fehlzeiten auftreten. Dieser Beitrag fokussiert auf den Umgang mit Fehlzeiten in der Berufsschule. Im Vergleich zu Vollzeitschulen der Sekundarstufe II ist die Präsenzzeit am Lernort der Berufsschule in der dualen Ausbildung deutlich geringer. Der Berufsschulunterricht erfolgt in verschiedenen Organisationsformen: in der Teilzeitform (einmal pro Woche), als Blockunterricht oder – in Österreich besonders verbreitet – in einem Block pro Ausbildungsjahr, den so genannten Lehrgängen von acht bis zehn Wochen (BMBWF, 2024). Die Lehrgangsorganisation ist für die Lehrlinge mit weiteren Konsequenzen verbunden: So wohnen viele Lehrlinge während der Schulzeit in Internaten, was vor allem für jüngere Auszubildende eine soziale und emotionale Herausforderung sein kann (Dornmayr, 2023). Das Einstiegsalter in Österreich liegt meist bei 15 – 16 Jahren (Statistik Austria, 2023). Der Wechsel zwischen betrieblicher Phase mit arbeitsorganisatorischen Routinen und schulischer Phase mit kognitiver Verdichtung sowie Prüfungsanforderungen erfordert eine ständige Anpassung. Da an den Berufsschulen auch Schüler:innen mit verkürzten oder verlängerten Lehrzeiten in den Regelklassen versorgt werden müssen, kommt es zudem zu häufig wechselnden Klassenzusammensetzungen von Lehrjahr zu Lehrjahr. Diese wechselnden Klassenzusammensetzungen erschweren den Lehrlingen stabile Beziehungen zu Mitschüler:innen und Lehrkräften zu entwickeln. Letztere sehen ihre Klassen oft nur wenige Stunden pro Woche im Lehrgang und mit langen zeitlichen Abständen zwischen den Lehrgängen. Ein Einsatz der Lehrkraft als Betreuende im Berufsschulinternat kann zwar intensivere Beziehungen zu den Schüler:innen auch außerhalb der schulischen Umgebung ermöglichen, birgt für die Lehrkraft aber auch Rollenkonflikte (BMBWF, 2024).
Besonders bedeutsam ist die Stellung der Berufsschule im Hinblick auf den formalen Ausbildungsabschluss. Im Unterschied zu Deutschland, wo die bundeseinheitlich geregelten schriftlichen Abschlussprüfungen durch Kammern (z. B. IHK) durchgeführt werden, ist in Österreich der erfolgreiche Abschluss der Berufsschule entscheidend für das positive Abschließen der Lehre. Die theoretische Abschlussprüfung ist in der Schulnote integriert, die praktische und mündliche Prüfung wird extern – etwa durch die Handwerks- oder Wirtschaftskammer – abgenommen (Dornmayr, 2023). Daraus ergibt sich eine hohe Relevanz der schulischen Leistungsbeurteilung, die insbesondere im Rahmen der zeitlich komprimierten Lehrgangsstruktur zu hohem Leistungsdruck führen kann. Krankheit oder andere Abwesenheiten im Lehrgang führen nicht nur zum unmittelbaren Versäumnis von Unterrichtsstoff, sondern auch gegebenenfalls zur Notwendigkeit, die Inhalte in kurzer Zeit nachzuholen. Für leistungsschwächere Schüler:innen kann dies eine erhebliche Belastung darstellen und das Risiko eines Ausbildungsabbruchs erhöhen (Steiner & Lassnig, 2019). Die Berufsschule im österreichischen Ausbildungssystem fungiert als entscheidender schulischer Lernort mit Abschlussrelevanz und ist durch strukturelle, organisatorische und soziale Rahmenbedingungen mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, um Lernenden mit heterogenen Ausgangslagen und insbesondere mit auffällig hohen Fehlzeiten angemessene Bedingungen zum Erreichen des Klassenziels zu bieten.
Ein weiterer Unterschied zwischen dem Besuch der Berufsschule und einer Vollzeitschule betrifft die Einbindung der Erziehungsberechtigten. Während in (berufsbildenden) Vollzeitschulen der Sekundarstufe II die schulisch-pädagogische Zusammenarbeit mit den Eltern/Erziehungsberechtigten einen hohen Stellenwert besitzt, ist diese in der dualen Ausbildung deutlich geringer ausgeprägt. Die Kooperation der Berufsschule konzentriert sich in der dualen Ausbildung vorrangig auf den Ausbildungsbetrieb, insbesondere dann, wenn die Lehrlinge volljährig sind (Boockmann et al., 2017).
4 Ziele der Studie
Insgesamt lässt sich vermuten, dass die Struktur des dualen Systems die Nachverfolgung und Analyse von Fehlzeiten von Lehrlingen erschweren kann und die Zeit für eine pädagogische Diagnostik der individuellen Umstände, die zu den erhöhten Fehlzeiten beitragen, knapp ist. Zudem bleibt eine systematische Kooperation zwischen beiden Lernorten vielerorts eine pädagogische Herausforderung (Severing, 2010). Es erscheint notwendig zu prüfen, inwieweit pädagogische Interventions- und Präventionsstrategien zur Reduktion von Fehlzeiten und Schulabsentismus (Nairz-Wirth et al. (2024) in Berufsschulen übernommen werden können oder an die Besonderheiten des dualen Systems angepasst werden müssen.
In der vorgestellten Interviewstudie sollen differenzierte Einblicke gewonnen werden, inwiefern Berufsschulen in Oberösterreich aktuell dem Thema Schulabsentismus systematisch begegnen, inwieweit auftretende Fehlzeiten als Anlässe für (weitere) pädagogische Diagnostik genutzt werden und welche Maßnahmen der Prävention und Intervention bezüglich Schulabsentismus derzeit in Berufsschulen in Oberösterreich umgesetzt werden.
Im Fokus stehen die folgenden Forschungsfragen:
- Wie wird das Monitoring von Fehlzeiten – insbesondere hinsichtlich der systematischen Erfassung, Dokumentation und Analyse aktuell an Berufsschulen in Oberösterreich organisiert und umgesetzt?
- Gibt es an der Berufsschule einen Handlungsleitfaden für die Dokumentation, Analyse und Reaktion auf Fehlstunden?
- Nach welchen Kriterien werden die Fehlzeiten dokumentiert und analysiert?
- Wann werden Fehlzeiten von Berufsschullehrkräften als auffällig eingeschätzt?
- Welche Risikofaktoren für Schulabsentismus kennen die befragten Berufsschullehrkräfte?
- Welche Maßnahmen zur Prävention von und Intervention bei auffällig hohen Fehlzeiten werden an Berufsschulen in Oberösterreich eingesetzt?
- Inwiefern fühlen sich Berufsschullehrkräfte aus Oberösterreich durch ihre pädagogische Aus- und Weiterbildung auf die Bewältigung ihrer beruflichen Anforderung im Umgang mit Absentismus vorbereitet und informiert?
5 Forschungsdesign, Methoden und Stichprobe
Es wurden halbstrukturierte Interviews mit Berufsschullehrer:innen aus Oberösterreich geführt. An jeder der 23 Berufsschulen wurde eine Lehrkraft befragt: 22 aus dem technischen, kaufmännischen und gewerblichen Bereich, eine aus dem landwirtschaftlichen Sektor. Die Befragten waren zwischen 37 und 62 Jahre alt, verfügten über 3 bis 29 Jahre Berufserfahrung und unterrichteten alle in lehrgangsorientierten Klassen. Eine Lehrkraft war zusätzlich in der Teilzeitbeschulung mit wöchentlichem Turnus. Neun Personen waren männlich, 14 weiblich. 18 Lehrkräfte übernehmen ein- bis zweimal jährlich die Funktion des Klassenvorstands (eines Lehrgangs), drei sogar viermal pro Jahr.
Der Interviewleitfaden wurde auf Basis einschlägiger Fachliteratur (Nairz-Wirth et al., 2012; Ricking, 2014) entwickelt und nach drei Ebenen schulischer Prävention gegliedert: (1) organisatorische Ebene (z. B. Erfassung und Analyse von Fehlzeiten), (2) pädagogische Ebene (Haltung und Handeln von Lehrkräften und Schulleitung) und (3) unterrichtliche Ebene (Klassenführung, Beziehungsarbeit, Unterrichtsqualität). Der Fokus lag auf organisatorischen und pädagogischen Aspekten, da sich hier Präventionsmaßnahmen mit vergleichsweise geringem Ressourceneinsatz und lehrkraftübergreifend in der Schule implementieren lassen (z. B. Einführung eines Handlungsleitfadens, Kategorisierung von Fehlzeiten). Strukturelle Rahmenbedingungen wie gesetzliche Vorgaben oder regionale Netzwerke wurden nicht vertieft erfragt (Nairz-Wirth et al., 2024; Ricking & Albers, 2019).
Der Interviewleitfaden enthielt offene Fragen zu Präventions- und Interventionsmaßnahmen sowie geschlossene Items, die auf einer vierstufigen Likert-Skala (Antwortmöglichkeiten: „stimme zu“, „stimme eher zu“, „stimme eher nicht zu“, stimme nicht zu“) beantwortet wurden. So konnten Wissen über bekannte Abbruchursachen (Dornmayr, 2023), Erfahrungen mit Unterstützungsangeboten sowie Einschätzungen zu präventiven Bedingungen wie Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehungen (Sälzer, 2010) erhoben werden. Die Interviews wurden online via Microsoft Teams geführt und aufgezeichnet. Sie dauerten zwischen 13 und 58 Minuten, mit einer durchschnittlichen Länge von rund 33 Minuten und einem Median von 31 Minuten. Anschließend wurden die Interviews transkribiert und nach Mayring (2022) qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Kodierung erfolgte mit MAXQDA, sowohl deduktiv als auch induktiv.
6 Ergebnisse
6.1 Ergebnisse zu Dokumentation und Analyse der Fehlzeiten
Nach den Handlungsempfehlungen von Nairz-Wirth et al. (2024) ist die Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten ein wichtiger erster Schritt bei der Erkennung von Schulabsentismus. Die Existenz eines schulintern definierten Prozesses zur Sicherung der Qualität der Dokumentation und des Monitorings von Fehlzeiten wäre damit ein Zeichen systematischen Qualitätsmanagements (Linde & Linde-Leimer, 2013). Bei der Frage nach der Existenz eines Handlungsleitfaden bezüglich der Dokumentation und Analyse von Fehlzeiten gaben 13 Berufsschullehrpersonen an, dass ein schulinterner Handlungsleitfaden vorhanden ist, wobei dieser oft ein Kapitel im allgemeinen Klassenvorstand-Leitfaden darstellt. Sieben Lehrkräfte gaben an keinen Handlungsleitfaden an ihrer Berufsschule zu haben und drei waren sich diesbezüglich nicht sicher.
Die Interviewstudie bestätigt das Ergebnis der Vorstudie (Weissinger-Lusenberger et al., 2024) insofern als an allen 23 Berufsschulen in Oberösterreich die Fehlzeiten mittels eines elektronischen Klassenbuches erhoben werden und dies Aufgabe der unterrichtenden Lehrkraft (N = 15) sowie des Klassenvorstandes (N = 8) ist. In drei Berufsschulen kann zusätzlich durch das Sekretariat ein Eintrag erfolgen, wenn sich Schüler:innen dort krankmelden. In einer Berufsschule können die Erzieher:innen, im an die Schule angeschlossenen Internat untergebrachte, in der Berufsschule fehlende Lehrlinge eintragen.
In 20 der beteiligten Berufsschulen werden die Gründe für Fehlzeiten vermerkt, sofern sie bekannt sind. An vier Berufsschulen werden Kategorien für Gründe von Fehlzeiten vorgegeben wie z. B. Krankheit, Arztbesuch, Verspätung, Verschlafen, Verkehrsverbindung, Freistellung, Fahrprüfung und Sonstiges. Die Analyse und Reaktion auf die Fehlzeiten obliegt an allen Berufsschulen dem Klassenvorstand, wobei hier zunächst zwischen entschuldigten und unentschuldigten Fehlzeiten unterschieden wird. An sieben Berufsschulen wird jede Woche ein Abgleich mit den Entschuldigungen durchgeführt, an 16 Berufsschulen erfolgt der Abgleich unregelmäßig.
Die anschließende Tabelle zeigt die induktiv entwickelten Kategorien dazu, nach welchen Kriterien Lehrkräfte die Fehlzeiten an den Schulen analysieren, dazu Ankerbeispiele sowie die Anzahl der Nennungen pro Kategorie (maximale Anzahl jeweils 23).
Tabelle 1: Kriterien, die die befragten Lehrkräfte bezüglich Fehlzeiten analysieren
|
Kriterien der Analyse von Fehlzeiten als Maßnahme pädagogischer Diagnostik |
Anzahl der Nennungen (x von 23) |
Ankerbeispiele |
|
Anzahl der Fehlzeiten |
20 |
„… im Prinzip wie viele es sind, …“ (Interview 12 Pos.77) „… ab einer gewissen Prozentzahl von Fehlzeiten wird er darauf aufmerksam gemacht, …“ (Interview 7 Pos. 52) „…wenn der Schüler länger als 4 Tage fehlt, …“ (Interview 7 Pos. 60) |
|
Muster des Auftretens von Fehlzeiten |
13 |
„ … immer wieder an einem Dienstag …“ (Interview 7 Pos. 75) „… immer vor Schularbeiten …“ (Interview 6 Pos. 179) „wenn wer genau an den 2 Werkstatttagen fehlt …“ (Interview 13 Pos. 26) |
|
Entschuldigt vs. unentschuldigt |
23 |
„… Als Klassenvorstand schauen wir, ob sie entschuldigt oder unentschuldigt sind …“ (Interview 6 Pos. 89) |
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Wenig vertrauenswürdige Begründungen (z. B. Bestätigungen wechselnder Ärzte) |
8 |
„… ständig wechselnde Ärzte oder fragwürdige Gründe …“ (Interview 16 Pos. 149) |
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Klassenbuch-Signale |
4 |
„… da ist dann im KlaBu so eine rote Markierung, …“; „… wenn das rot hinterlegt ist im KlaBu werden wir aktiv.“ (Interview 13 Pos. 24) |
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Eigenberechtigung der Schüler:innen zur Entschuldigung ja/nein |
2 |
„… bei volljährigen Schüler:innen differenzierter Umgang …“ (Interview 1 Pos. 44) |
|
Auswirkungen auf Beurteilbarkeit |
3 |
„… dann Feststellungsprüfungen ansetzen muss …“ (Interview 18 Pos. 86) |
Die an den Schulen gängigen Schwellenwerte für Auffälligkeiten reichen von zwei Tagen Abwesenheit in Folge bis zu vier Tagen Abwesenheit oder ab einer Fehlquote von > 10 % bis > 30 %. Teilweise wird auch darauf geachtet, ob es sich um fach- oder tagesbezogenes Fehlen handelt.
Die Aussagen der Lehrkräfte zeigen, dass Fehlzeiten nicht rein quantitativ betrachtet, sondern im Zusammenhang mit möglichen Ursachen reflektiert werden. Schulabwesenheiten werden dem hier verwendeten Verständnis von Schulabsentismus oft als Symptome tieferliegender individueller oder sozialer Belastungen interpretiert.
Die Interviewaussagen verdeutlichen, dass psychische Belastungen, familiäre Konflikte sowie fehlende schulische Motivation als wichtige Einflussfaktoren auf die Schulpräsenz gesehen werden. Die kurze Dauer der Lehrgänge (zehn Wochen) und fehlende Nachholmöglichkeiten von Lerninhalten und Prüfungen während dieser Lehrgangszeit verschärfen aus Sicht der Lehrkräfte das Risiko, das Lehrjahr in der Berufsschule nicht erfolgreich zu absolvieren und damit auch Ausbildungsabbrüche.
6.2 Ergebnisse zu Risikofaktoren von auffälligen Fehlzeiten
Die Lehrkräfte reagieren auf auffällige Fehlzeiten nicht nur bei Überschreiten von Schwellenwerten, sondern auch in Abhängigkeit der individuellen Situation der betroffenen Lernenden. Die Entscheidungen der Lehrkräfte erfolgen nach subjektivem Ermessen, nach Rückmeldungen der Kolleg:innen und in Kontextabhängigkeit. „… Gruppen könnte ich jetzt nicht sagen … da wird sehr individuell drauf eingegangen.“ (Interview 12, Position 106). Während die Mehrheit der Lehrkräfte in spezifischen Konstellationen empathisch reagieren und proaktiv Hilfe anbieten – „Ich reagiere schneller“ (Interview 9, Position 107) – gibt es auch einzelne Stimmen mit Zurückhaltung. „Ich hinterfrage das nicht.“ (Interview 18, Position 131). Die Interviews lassen erkennen, dass Berufsschullehrkräfte auffällige Fehlzeiten zumeist als komplexes Phänomen verstehen und auf vielfältige individuelle, soziale und strukturelle Ursachen zurückführen (vgl. Tabelle 2).
Tabelle 2: Von Lehrkräften genannte Ursachen und Risikofaktoren für Fehlzeiten
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Risikofaktoren |
Anzahl der Nennungen |
Beispielaussage |
|
Familiäre Probleme |
7 |
„Also ist von seinen Eltern rausgeschmissen worden … er ist halt eigentlich allein und muss für sich selbst sorgen.“ (Interview 1 Pos. 156) |
|
Psychische Belastungen |
6 |
„Wir haben eine Schülerin gehabt, die ist wegen Schulangst nicht in die Schule gekommen.“ (Interview 22 Pos. 169) |
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Fehlende Motivation/ |
5 |
„… dass Schüler sagen, ich will mein Leben leben und ich will Spaß haben und ich komme, wenn es mir passt.“ (Interview 6 Pos. 271) |
|
Finanzielle Probleme |
4 |
„Jobbt am Wochenende zusätzlich in einer Bar.“ (Interview 1 Pos. 156) |
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Schlechter Start |
4 |
„Wenn der Start schon sehr holprig ist … dann halten sie den Lehrgang nicht durch.“ (Interview 1 Pos. 38) |
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Fehlende Unterstützung/ |
3 |
„Speziell bei uns …, weil da die Berufsausbildungsassistenz daran interessiert ist, dass das funktioniert.“ (Interview 6 Pos. 68) |
|
Gesundheitliche Probleme |
5 |
„Wenn dann noch eine zusätzliche Erkrankung kommt … dann halten sie das nicht durch.“ (Interview 1 Pos.38) |
|
Langfristige Abwesenheit/ |
2 |
„Weil sie nach einer gewissen Zeit oder nach einer gewissen Anzahl von Fehlstunden nicht mehr die Möglichkeit haben, dass sie alles aufholen.“ (Interview 5 Pos. 61) |
|
Soziales Umfeld/ |
2 |
„Sie hat … mit den Giftlern (= Drogensüchtige) am Bahnhof herumgehangen …“ (Interview 18 Pos.283) |
|
Lange Anreise |
2 |
„… nach Vorarlberg eine lange Anreise gehabt. Und dann hat er bei den Abreisetagen einmal eine Stunde oder 2 Stunden früher wegfahren dürfen wegen der Zugverbindungen, dass sich das noch vor Mitternacht ausgeht, dass er heimkommt.“ (Interview 16 Pos. 280) |
|
Berufsgruppe (als Stereotyp für Leistungsniveau, Motivation etc.) |
2 |
„Bei der Berufsgruppe der … andere Mentalität … sehen oft nicht die Notwendigkeit zur Schule zu gehen.“ (Interview 3 Pos. 45) |
Anschließend an die offenen Fragen wurden den teilnehmenden Berufsschullehrkräften geschlossene Fragen vorgelegt, wobei sich die Items auf in der Forschung wiederholt benannte Risikomerkmale beziehen (Nairz-Wirth et al., 2024). Die Ergebnisse (siehe Abbildung 1) verweisen auf eine hohe Sensibilität der Lehrpersonen mit Blick auf mögliche Fehlzeiten, wenn die Schüler:innen sich zudem auffällig verhalten (13 x von 23 „stimme zu“, 6 x „stimme eher zu“) oder Lernschwierigkeiten haben (12 x „stimme zu“, 6 x „stimme eher zu“). Auch indizieren die Antworten, dass bei einem Großteil der Befragten (20 Nennungen auf den beiden höchsten Zustimmungskategorien), schwierige familiäre und soziale Rahmenbedingungen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und Zuwendung zu den Schüler:innen beim Auftreten von Fehlzeiten führen. Dem gegenüber geben wenige Befragte an, sich bei strukturell oder biografisch bedingten Risikomerkmalen wie „Alter über 20 Jahre“, „Lehre abgebrochen“ oder „Migrationshintergrund“ und gleichzeitig auftretenden auffälligen Fehlzeiten intensiver um die Schüler:innen zu kümmern. In letztgenannten Fällen überwiegen vielmehr ablehnende Haltungen. So gaben 16 Lehrkräfte an, bei älteren Schüler:innen beim Auftreten von Fehlzeiten nicht rascher zu reagieren, bei Schüler:innen mit Migrationshintergrund lehnten 17 eine erhöhte Aufmerksamkeit bei Fehlzeiten ab. Einige Aussagen betonen den Anspruch, alle Schüler:innen gleich zu behandeln, unabhängig von ihrer Biografie oder ihrem Status z. B. Schüler:innen, die aufgrund von psychischen, physischen oder sozialen Benachteiligungen eine verlängerte Lehre oder Teilzeitqualifizierung (eingeschränkter Ausbildungsinhalt) absolvieren. Wichtig erscheint den Befragten die Balance zwischen nicht stigmatisieren und bedarfsgerecht fördern in Abhängigkeit des Kontexts zu finden. „Grundsätzlich alle gleich – aber, wenn ich weiß, dass da was ist, schaue ich genauer hin.“ (Interview 6 Pos. 101).
Abbildung 1: Wann die befragten Lehrkräfte rascher auf Fehlzeiten reagieren
6.3 Ergebnisse zur Intervention bei auffällig hohen Fehlzeiten
Nairz-Wirth und ihre Kolleg:innen (2024) heben die Bedeutung des Einzelgesprächs für Ursachenklärung und Bindung hervor. Die Interviewaussagen zeigen, dass Lehrkräfte-Schüler:innen-Gespräche auch bei den Berufsschul-Lehrpersonen eine wichtige Maßnahme im Umgang mit auffälligen Fehlzeiten darstellen. Die Analyse der Aussagen der Berufsschullehrkräfte zum persönlichen Gespräch mit Schüler:innen bei auffälligen Fehlzeiten zeigen ein vielseitiges und differenziertes Vorgehen. Die Mehrheit der Berufsschullehrer:innen bereitet sich auf diese Gespräche systematisch vor, verfolgen jedoch unterschiedliche Strategien. Ziele sind häufig die Ursachenklärung, Motivationsförderung und das Herstellen einer persönlichen Beziehung. Typische Elemente der Vorbereitung sind: Übersicht der Fehlzeiten erstellen (14 Nennungen) und Prüfung auf Muster (z. B. bestimmte Wochentage, Fächer, Test- oder Schularbeitentermine) der Fehlzeiten mittels elektronischer Klassenbücher (7 Nennungen), Rücksprache mit den Kolleg:innen (6 Nennungen) und Erhebung der Leistungssituation (7 Nennungen). Die Anwendung von Checklisten oder Leitfäden (3 Nennungen), eine Einschätzung nach subjektivem Gefühl (4 Nennungen) bzw. ein Gespräch ohne Vorbereitung (5 Nennungen) zeigen, dass sowohl strukturierte als auch intuitive Strategien angewandt werden.
Tabelle 3: Gesprächsvorbereitungen der interviewten Lehrkräfte
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Gesprächsvorbereitung |
Anzahl der Lehrkräfte |
Beispielhafte Aussage |
|
Übersicht der tatsächlichen Fehlzeiten erstellen |
14 |
„ich mir die Übersicht aus dem KlaBu über die Fehlzeiten ausdrucke.“ (Interview 6 Pos.110) |
|
Analyse der schulischen Leistungen |
7 |
„… sehen wir uns als erstes seine Noten an.“ (Interview 19 Pos. 42) |
|
Austausch mit Kolleg:innen |
6 |
„… besprich das mit den Lehrern.“ (Interview 7 Pos.75) |
|
Subjektive Einschätzung/ |
4 |
„... wenn man irgendwie dann das Gefühl hat, dass er Schwierigkeiten bekommen könnte, …“ (Interview 12 Pos. 85) |
|
Keine Vorbereitung |
5 |
„Riesig vorbereiten tue ich mich nicht, ...“ (Interview 12 Pos. 186) |
|
Verwendung von Leitfäden/Checklisten |
3 |
„Ich habe da so eine Checkliste ….“ (Interview 23 Pos. 166) |
Sind bereits auffällige Fehlzeiten aufgetreten, wird das Lehrkräfte-Schüler:innen-Gespräch typischerweise vertraulich unter vier Augen und nicht vor der Klasse, mit offener Gesprächsführung (Fragen nach Wohlbefinden, familiärer Situation, Freizeitstress, Probleme mit Lehrbetrieb etc.) durchgeführt. Die Lehrkräfte versuchen im Gespräch die Ursachen für die Fehlzeiten zu erfassen (12 Nennungen) und thematisieren schulische Leistungsprobleme (6 Nennungen). Seltener sind Hinweise auf Konsequenzen (5 Nennungen) und die Aufforderung zu mehr Eigenverantwortung (3 Nennungen). Insgesamt zeigen die Antworten auch hier, dass Berufsschullehrkräfte eher individuell und empathisch und mit einem ganzheitlichen Blick auf die Lebensrealität der Schüler:innen agieren (6 Nennungen). Das Gespräch bei Fehlzeiten wird von vielen nicht als formales Disziplinierungsmittel, sondern als Möglichkeit zur Unterstützung verstanden. Die Lehrpersonen geben an, im Gespräch anzustreben die Ursachen für die Fehlstunden zu erkennen, Vertrauen aufzubauen und gegebenenfalls individuelle Lösungsstrategien zu entwickeln.
Tabelle 4: Typische Gesprächsinhalte nach Aussage der Lehrpersonen
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Gesprächsinhalt |
Anzahl der Lehrkräfte |
Beispielhafte Aussage |
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Erklärung der Fehlzeiten durch Schüler:in |
12 |
„führe ein Gespräch und versuche herauszufinden, was der Grund ist?“ (Interview 17 Pos. 115) |
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Klärung schulischer Probleme/Noten |
8 |
„… dass es sein kann, dass er eine negative Beurteilung bekommt.“ (Interview 21 Pos. 145) |
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Empathisches Nachfragen/ |
6 |
„Ich frage, wie es ihm geht, …“ Interview13 Pos. 42) |
|
Hinweis auf Konsequenzen |
5 |
„ … konkret informiert, was für Konsequenzen hat es für ihn ...“ (Interview 13 Pos. 134) |
|
Aufforderung zur Eigenverantwortung |
3 |
„… dass es Verpflichtungen gibt, denen man nachkommen muss.“ (Interview 6 Pos. 271) |
Die nachfolgende Tabelle zeigt, dass nach einem persönlichen Gespräch mit den Schüler:innen, die Lehrkräfte zu weiteren, vorwiegend auf Unterstützung hin ausgerichteten Maßnahmen greifen. Diese reichen von der direkten Kommunikation mit den Lehrbetrieben (18 Nennungen), Direktion (9 Nennungen), Sozialarbeiter:innen sowie Lehrlingscoaches (7 Nennungen) bis zu den Eltern/Erziehungsberechtigten von minderjährigen Schüler:innen (6 Nennungen). In fünf Berufsschulen wird als Reaktion auf zu viele Fehlstunden auch ein Nachsitzen und Nachholen der versäumten Unterrichtseinheiten gefordert. Wenn der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung aufgrund von vielen Fehlstunden gefährdet sein könnte, wird an vier Berufsschulen die Möglichkeit angeboten, den Lehrgang zu wiederholen bzw. in einen anderen Lehrgang versetzt zu werden (d. h. den besuchten Lehrgang abzubrechen, um später im Schuljahr in einen gleichstufigen wieder einzusteigen). In nur zwei Fällen wurde von Seiten der Berufsschule Anzeige bei der Bezirksverwaltungsbehörde erhoben (§ 25 Schulpflichtgesetz, 2018). Die zahlreichen Maßnahmen zeigen die multiprofessionelle und mehrstufige Herangehensweise in der Behandlung von Schulabsentismus. Sie spiegeln die Bedeutung der Beziehungsarbeit auf pädagogischer und unterrichtlicher Ebene wie auch strukturell-systemische Bedingungen institutionsübergreifender, multiprofessioneller Zusammenarbeit wider.
Tabelle 5: Interventionsmaßnahmen bei auffälligen Fehlzeiten
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Intervention bei auffälligen Fehlzeiten |
Anzahl der Nennungen |
Beispielhafte Aussage |
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Kontaktaufnahme mit Lehrbetrieb |
18 |
„Ich rufe bei unentschuldigten Fehlzeiten sofort beim Ausbildner an.“ (Interview 21 Pos. 274) |
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Einbindung der Direktion |
9 |
„Dann reden wir mit der Direktion, wie man weiter vorgehen soll.“ (Interview 22 Pos. 74) |
|
Einbindung von Sozialarbeiter:innen |
7 |
„Wenn es gravierend wird, schicken wir sie zur Sozialarbeiterin.“ (Interview 6 Pos. 179) |
|
Verständigung der Eltern/Erziehungsberechtige |
6 |
„Wenn er minderjährig ist, verständigen wir natürlich auch die Eltern.“ (Interview 12 Pos. 89) |
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Nachholen/Nachsitzen |
5 |
„Dann bleibt er halt am Freitag eine Stunde länger da.“ (Interview 2 Pos.37) |
|
Versetzung oder Wiederholung des Lehrgangs |
4 |
„Wenn die Fehlzeiten zu viel sind, wird der Lehrgang wiederholt.“ (Interview 12 Pos. 103) |
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Meldung bei Behörde oder Anzeige |
2 |
„Bei vielen unentschuldigten Fehlstunden haben wir auch schon Anzeige erstattet.“ (Interview 17 Pos. 102) |
Die Möglichkeiten institutionsübergreifender und auch multiprofessioneller Zusammenarbeit beim Auftreten auffälliger Fehlzeiten erscheinen in der Praxis nicht so häufig genutzt zu werden. So zeigt sich auf Basis der geschlossenen Fragen zur Intervention bei auffälligen Fehlzeiten (siehe Tabelle 5), dass die Kontaktaufnahme mit relevanten Akteur:innen nicht an allen Schulen erfolgt. Auch zeigt sich ein differenziertes Bild, an welche Akteur:innen sich die Lehrpersonen wenden. So werden bei auffälligen Fehlzeiten in der Schule vor allem Ausbilder:innen im Lehrbetrieb kontaktiert, am zweithäufigsten wenden sich die Lehrkräfte an den Lehrlingscoach, einer Ressource schulnaher sozialpädagogisch geschulter Beratung in Österreich.
Ein weiteres zentrales Element ist die Kooperation mit externen und internen Unterstützungsstrukturen wie Lehrlingscoaches (extern finanzierte schulinterne Beratung für Auszubildende), Schulsozialarbeit (10 Nennungen) oder Nachhilfeangeboten (6 Nennungen). Lehrkräfte verweisen gezielt an diese Stellen oder koordinieren Maßnahmen aktiv mit dem Lehrbetrieb (9 Nennungen).
Zudem wird die Unterstützung durch Fachpersonen (z. B. Lehrlingscoach, Schulärzt:innen, Schulpsycholog:innen und Vertrauenslehrkraft) koordiniert. Bei Problemen kommt es teilweise zu einem Austausch im Lehrerkollegium (2 Nennungen) oder mit der Direktion (2 Nennungen). Besprechungen, Konferenzen und Rundschreiben werden genutzt, um systematisch auf Fehlstunden zu reagieren. Bei Konferenzen wird in 13 Berufsschulen regelmäßig über Fehlstunden gesprochen, im Allgemeinen wie auch auf spezielle Fälle bezogen.
Abbildung 2: Wie häufig werden Schüler:innen mit hohen Fehlzeiten an genannte Institutionen verwiesen
6.4 Ergebnisse zu Maßnahmen zur Prävention auffälliger Fehlzeiten
Die Aussagen der Berufsschullehrkräfte verdeutlichen, dass Prävention von Fehlzeiten ein zentrales Anliegen pädagogischen Handelns darstellt. Ein wesentliches Element ist die frühzeitige Information der Schüler:innen über schulische Regeln, insbesondere hinsichtlich der Schulpflicht, Entschuldigungen und Konsequenzen bei Fehlzeiten (12 Nennungen). Dabei wird betont, dass die Schule als Teil der Arbeitszeit verstanden werden müsse – eine Haltung, die auch Verantwortung gegenüber dem Ausbildungsbetrieb signalisiert.
Schließlich wird auch das soziale Klima in der Klasse thematisiert: Ein gutes Klassenklima, regelmäßige Rückmeldungen und die Ermutigung zur Selbstverantwortung werden als Schutzfaktoren gegen Absentismus verstanden (5 Nennungen). Insgesamt zeigt sich ein breit gefächertes Repertoire an Präventionsstrategien, das auf Klarheit, Beziehung und frühzeitige Intervention setzt.
Tabelle 6: Von den befragten Lehrkräften genannte Präventionsmaßnahmen
|
Präventionsmaßnahme (Lehrkraft) |
Anzahl der Nennungen |
Beispieltext |
|
Klare Regeln und Aufklärung zu Fehlzeiten |
12 |
„Ich erkläre sehr deutlich, was es bedeutet, wenn man sehr viele Fehlstunden hat ...“ (Interview 21 Pos. 215) |
|
Frühe Gespräche und persönliche Ansprechbarkeit |
10 |
„… biete ich den Schülern insofern Unterstützung an, wenn ein Problem auftaucht … können sie immer zu mir kommen.“ (Interview 13 Pos. 106) |
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Schaffung eines positiven Klassenklimas |
5 |
„Ich versuche immer, dass wir eine gute Klassengemeinschaft haben.“ (Interview 21 Pos. 217) |
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Lernunterstützung/ |
6 |
Wenn Schüler Lernprobleme haben, schicke ich sie zum Lehrlingscoach, der organisiert Nachhilfe [...] (Interview 6 Pos. 208) |
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Kontaktaufnahme außerhalb des Unterrichts (z. B. im Internatsdienst, in den Pausen) |
3 |
Ich mache Nachtdienst im Internat, um leichter mitzukriegen, wo es hapert [...] (Interview 1 Pos. 42) |
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Regelmäßige Kontrolle der Fehlzeiten |
4 |
„Ich schaue mir einmal in der Woche die Fehlstunden an …“ (Interview 7 Pos. 85) |
|
Pädagogische Haltung |
3 |
„In jedem Menschen liegt ein Schatz verborgen.“ (Interview 8 Pos. 129) |
Abbildung 3: Präventionsmaßnahmen die mir als Lehrkraft wichtig sind
6.5 Ergebnisse zu Präventions- und Interventionsmaßnahmen bei auffälligen Fehlzeiten auf Schulebene
Die Präventionsmaßnahmen auf Schulebene fokussieren sich auf Verwaltungsmechanismen. In vier Berufsschulen wird den Lehrbetrieben ein Zugriff auf das elektronische Klassenbuch zur Kontrolle der Anwesenheit ihres Lehrlings gewährt.
Tabelle 7: An den oberösterreichischen Berufsschulen seitens der Schule durchgeführte Maßnahmen
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Maßnahmen (Schule) |
Anzahl der Nennungen |
Beispieltext |
|
Zugriff der Betriebe auf das Klassenbuch |
4 |
„… Betriebe können im Klassenbuch Anwesenheiten einsehen …“ (Interview 9 Pos. 175) |
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Schule unterstützt/forciert Zusammenarbeit mit Lehrlingscoach, Vertrauenslehrer:in, Schularzt/-ärztin |
10 |
„Wir haben einen Lehrlingscoach“ (Interview 17 Pos. 176) „Wir haben eine neue Vertrauenslehrerin …“ (Interview 4 Pos. 173) „… die Schulärztin da schon interveniert …“ (Interview 3 Pos. 196) |
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Enge Zusammenarbeit mit Lehrbetrieb |
3 |
„Jede Fehlzeit muss vom Lehrberechtigten bestätigt werden.“ (Interview 9 Pos. 163) |
|
Kollegiale Beratung im Lehrerkollegium |
2 |
„Falls es Probleme gibt, bespricht man das im Lehrerkollegium.“ (Interview 9 Pos. 188) |
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Direkte Gespräche mit Direktion |
2 |
„dann redet man mit dem Direktor, wie man da weiter tut.“ (Interview 21 Pos. 51) |
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Fehlstunden regelmäßig Thema bei Konferenzen |
13 |
„Es wird schon bei jeder Konferenz ganz kurz darauf hingewiesen, wie man mit dem umgeht …“ (Interview 13 Pos. 104) |
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Fehlstunden nur in Einzelfällen Thema bei Konferenzen |
6 |
„Schlusskonferenz, da muss es schon extrem sein, sonst eher nicht.“ (Interview 12 Pos. 792) |
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Thema wird nur am Rande erwähnt |
7 |
„… kurze Erinnerung daran, dass man auf das zu achten hat.“ (Interview 13 Pos. 104) |
6.6 Ergebnisse zu Absentismus als Thema pädagogischer Aus- und Weiterbildung in Oberösterreich
Ein überwiegender Teil der befragten Berufsschullehrkräfte gab an, dass das Thema Schulabsentismus nicht Teil ihrer Ausbildung war oder sie sich nicht mehr daran erinnern können (19 Nennungen). Nur vereinzelt wurde auf die Inhalte im Zusammenhang mit Schulrecht und Fehlzeitenregelungen verwiesen (3 Nennungen). Einzig eine Lehrkraft erinnerte sich daran, dass es Thema in ihrer Ausbildung war. Auch gaben die befragten Berufsschullehrkräfte an, dass Schulabsentismus in den von ihnen besuchten Fortbildungen bisher kein Thema war. Eine Lehrkraft gab an eine Fortbildung bezüglich Gesprächsführung und -strukturierung in problematischen Situationen gemacht zu haben.
7 Diskussion: Zusammenfassung der Ergebnisse und Limitationen
Für Vollzeitschulen fordern Nairz-Wirth und Kolleg:innen (2024) ein präventives Konzept, das Frühindikatoren von Schulabsentismus wie häufiges Fehlen berücksichtigt. Sie betonen die Bedeutung der lückenlosen Fehlzeitenanalyse, einer positiven Schulkultur und der Zusammenarbeit mit Erziehungsberechtigten sowie externen Akteur:innen.
Die präsentierte Interviewstudie kennzeichnet den Ist-Stand des Umgangs mit Fehlzeiten und Schulabsentismus in den Berufsschulen in Oberösterreich im Schuljahr 2023/24 aus Sicht der Lehrpersonen. Die präsentierten Ergebnisse bestätigen, dass Fehlzeiten in den Berufsschulen in Oberösterreich zwar lückenlos dokumentiert, aber selten systematisch ausgewertet werden. Schriftlich fixierte Handlungs- und Gesprächsleitfäden fehlen vielfach. Positives Klassenklima, klare Regeln, Gespräche mit den Schüler:innen und punktuelle Kooperation mit Unterstützungsprogrammen oder Betrieben gelten dagegen als wirksame Ansätze. Sanktionen spielen in den Berufsschulen in Oberösterreich eine geringere Rolle, da Lehrlinge durch ihren Ausbildungsvertrag dem Arbeitgeber gegenüber und um die Lehre positiv abzuschließen zum Schulbesuch verpflichtet sind. Insgesamt zeigt sich, dass viele individuelle Maßnahmen durch die Lehrpersonen gesetzt werden, strukturelle Rahmenbedingungen jedoch ausbaufähig sind.
Die Ergebnisse der Interviewstudie verdeutlichen, dass sich die Rahmenbedingungen an österreichischen Berufsschulen von anderen Schulformen unterscheiden. Besonders die Lehrgangsbeschulung erschwert den kontinuierlichen Beziehungsaufbau und die frühzeitige Diagnostik von Absentismus in der Schulphase. Auch der Intervention bei auffälligen schulischen Fehlzeiten bleibt nur wenig Zeit. Zudem behindern wechselnde Klassenzusammensetzungen von Lehrjahr zu Lehrjahr und seltenes Feedback aus den Betrieben sowie die geringe Einbindung von Erziehungsberechtigten eine kontinuierliche Begleitung der Jugendlichen mit Fehlzeiten in der Schule oder präventive Maßnahmen bei Abbruchneigung während der Ausbildungszeit. Die Kontaktaufnahme mit Erziehungsberechtigten wurde in unserer Studie kaum thematisiert, da der Schwerpunkt im dualen System stärker auf den Lehrbetrieben liegt und diese vorwiegend mit den betrieblichen Ausbilder:innen und kaum mit Eltern/Erziehungsberechtigten kooperieren.
Enderle und Ricking (2025) plädieren bei Schulabsentismus in Vollzeitschulen für einen multiprofessionellen Zugang mit abgestimmten Prozessen zwischen Schule, Jugendhilfe und weiteren Diensten. Die Interviewdaten zeigen Unterschiede zwischen den Berufsschulstandorten hinsichtlich institutionalisierter Unterstützungsstrukturen: Die Befragten berichten von Unsicherheiten und geben an, bei Unterstützungsbedarf meist selbst nach Ansprechpersonen suchen zu müssen. Es fehlen institutionalisierte regionale Netzwerke oder falls vorhanden sind diese den Lehrkräften zu wenig bekannt. Die schulintern präsenten Unterstützungsangebote durch z. B. Lehrlingscoaches, Schulsozialarbeit oder auch Schulärzte werden aber als sehr hilfreich wahrgenommen – es gibt also durchaus multiprofessionelle Teamarbeit vor Ort. Ob hier aber auch Fehlzeiten und Schulabsentismus ausreichend behandelt werden, bleibt auf Basis der Studienergebnisse unklar. Die Studienergebnisse legen nahe, dass das Thema Schulabsentismus und Fehlzeiten als Anlass für pädagogische Diagnostik und Frühindikator von Ausbildungsabbruch in der Aus- und Fortbildung der Berufspädagog:innen in Oberösterreich kaum behandelt wird.
Die vorliegenden Ergebnisse sind vor dem Hintergrund mehrerer Limitationen zu interpretieren. Erstens basiert die Studie auf einer kleinen und regional begrenzten Stichprobe von 23 Berufsschullehrkräften aus Oberösterreich. Die Daten erlauben daher keine Aussagen zur statistischen Verallgemeinerbarkeit, sondern fokussieren eine kontextspezifische Beschreibung der derzeitig implementierten Maßnahmen an Berufsschulen nur eines österreichischen Bundeslandes. Zweitens reflektieren die Befunde ausschließlich die Perspektiven der Lehrpersonen; Sichtweisen von Lehrlingen, Betrieben oder weiteren Akteur:innen des dualen Systems wurden nicht erhoben. Die eingesetzten Methoden und die Einmalbefragung der Lehrpersonen erlaubt es nicht, Effekte der Maßnahmen wie eine Reduktion von Fehlzeiten, Belastungen oder gar Ausbildungsabbrüchen einzuschätzen. Insgesamt erlauben die Befunde somit einen explorativen Einblick in schulische Praktiken und Deutungsmuster im Umgang mit Fehlzeiten aus Sicht von Lehrpersonen an Berufsschulen in Oberösterreich, erheben jedoch keinen Anspruch auf Kausalität oder Generalisierbarkeit.
8 Ausblick
Für eine wirksame Prävention von Ausbildungsabbrüchen in der dualen Ausbildung darf die Dokumentation und das Monitoring von Fehlzeiten in der Berufsschule nicht isoliert betrachtet werden, sondern nur als ein Indikator unter vielen. Schulabsentismus und Schul- bzw. Ausbildungsabbruch ist ein komplexer Prozess mit vielfältigen Ursachen. Fehlzeiten stellen jedoch einen objektiv messbaren Frühindikator dar, den es ernst zu nehmen lohnt.
Zudem erscheint eine intensivere Kooperation zwischen Berufsschulen und Betrieben auch mit Blick auf Absenzen der Lehrlinge hilfreich. Ein lernortübergreifendes Monitoring könnte helfen, die Ursachen von Absenzen in der Schule in die Entwicklung des Lehrlings einzuordnen sowie mögliche Abbruchneigungen frühzeitig zu identifizieren. Darüber hinaus zeigt sich, dass Lehrkräfte bisher kaum in Fortbildungen auf Schulabsentismus vorbereitet werden, etwa in Gesprächsführung, Diagnostik und Kooperation mit anderen Professionen. Auch die stärkere Einbindung von Schulsozialarbeit und psychologischen Diensten in interdisziplinäre Teams erscheint sinnvoll. Die Ergebnisse legen nahe, dass Schulabsentismus nicht nur als Problem der Vollzeitschulen zu sehen, sondern auch unter den spezifischen Bedingungen der dualen Ausbildung ernst zu nehmen ist. Die Kooperation mit Betrieben und unterstützenden Angeboten, wie in Österreich dem Netzwerk Berufliche Assistenz (NEBA), könnten es ermöglichen, präventive Maßnahmen nicht punktuell, sondern systemisch zu verankern. Nächste Schritte der Aktionsforschung könnten sein, mit interessierten Schulen das Monitoring von Absenzen als Thema des Qualitätsmanagements der Schule und Schulentwicklung zu erarbeiten. So könnte gemeinsam mit engagierten Einzelschulen entwickelt und erprobt werden, wie sich die Dokumentation und das Monitoring von Fehlzeiten als Präventions- und Interventionsmaßnahme – unter den Bedingungen der dualen Ausbildung und der Lehrgangsorganisation der österreichischen Berufsschulen – verbessern und in ein Set von Präventions- und Interventionsmaßnahmen integrieren lässt.
Abkürzungen
BibEr-Monitoring Bildungsbezogenes Erwerbskarrierenmonitoring
BMBWF Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung
FABA-Quote Frühe AusBildungsAbbrecher:innen Quote
IHK Industrie- und Handelskammer in Deutschland
KlaBu Elektronisches Klassenbuch
NEBA Netzwerk Berufliche Assistenz
Literatur
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Bacher, J. (2024). Persönliche, fiskalische und gesamtwirtschaftliche Kosten eines frühen Schulabgangs in Österreich. Wirtschaft und Gesellschaft, 49(4), 17–46. https://doi.org/10.59288/wug494.217
Balfanz, R. & Legters, N. (2004). Locating the dropout crisis (Report 70). The Johns Hopkins University. https://files.eric.ed.gov/fulltext/ED484525.pdf
Boockmann, B., Brändle, T., Klee, G., Kleinemeier, R., Puhe, H. & Scheu, T. (2017). Das Aktivierungspotenzial von Eltern im Prozess der Berufsorientierung. Möglichkeiten und Grenzen. Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung.
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF). (2024). Ausbildung bis 18 – Langfassung.
Dornmayr, H. (2023). Lehrlingsausbildung im Überblick 2023 (ibw-Forschungsbericht Nr. 217). Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft.
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Weissinger-Lusenberger, A., Schedlberger, M. & Heinrichs, K. (2026). Absenzen im Blick – Monitoring und Umgang mit Fehlzeiten in Berufsschulen in Oberösterreich. In K: Heinrichs, I. Hotarek & S. Albert (Hrsg.), bwp@ Spezial PH-AT3: Diversität in der beruflichen Bildung: Forschung, Entwicklung, Praxis – Beiträge zum 3. Symposium 2025 (S. 1–22). http://www.bwpat.de/spezial-ph-at3/weissinger-lusenberger_etal_spezial-ph-at3.pdf




