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bwp@ Spezial HT2025 - Juli 2026
Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf
Hrsg.: &
Berufliche Wege nach dem Bachelor? Höherqualifizierende Berufsbildung im Fokus
Während die Bedeutung der Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung seit Jahren betont wird, richtet sich der bildungspolitische Fokus bislang vor allem auf Übergänge in die Hochschule. Wenig beachtet ist dagegen der umgekehrte Weg: der Übergang von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die höherqualifizierende Berufsbildung (HQBB) mit Abschlüssen wie Bachelor und Master Professional. Potenziale der Nutzung dieser Qualifikationen durch Hochschulabsolventen sind bislang kaum untersucht. Ein BIBB-Projekt analysiert daher, ob die HQBB eine attraktive Alternative zum Masterstudium sein kann und welchen Nutzen sie etwa zur Fachkräftesicherung bieten kann. Es ermittelt anhand von Perspektiven zentraler Akteure der Berufsbildung Chancen, Hürden und notwendige Voraussetzungen, um HQBB als anschlussfähigen Bildungsweg für Personen mit Bachelorabschluss zu etablieren. Ziel ist es, Entwicklungsszenarien zu erarbeiten und Potenziale für durchlässigere Bildungswege in Deutschland aufzuzeigen. Der vorliegende Beitrag stellt das Forschungsprojekt vor, ordnet es in den bildungspolitischen und wissenschaftlichen Diskurs ein und beschreibt erste Erkenntnisse aus einem initialen Workshop.
Career paths after a bachelor's degree? Focus on higher-level vocational training
While the importance of permeability between vocational and academic education has been emphasized for years, the focus of education policy has so far been primarily on transitions to higher education. Little attention, however, has been paid to the reverse path: the transition of bachelor's degree holders into higher-level vocational education and training (HQBB) leading to qualifications such as the Bachelor Professional and Master Professional. The potential for university graduates to utilize these qualifications has hardly been explored to date. A BIBB project therefore analyzes whether HQBB can serve as an attractive alternative to master’s programs and what benefits it might offer, for example, in securing a skilled workforce. Based on the perspectives of key stakeholders in vocational education and training, it identifies opportunities, obstacles, and necessary prerequisites for establishing HQBB as a viable educational pathway for individuals with a bachelor’s degree. The goal is to develop scenarios and identify potential for more permeable educational pathways in Germany. This article presents the research project, situates it within the educational policy and academic discourse, and describes initial findings from an initial workshop.
1 Einleitung: Zwischen akademischer Bildung und beruflicher Praxis
Im deutschen Bildungssystem ist der Weg nach einem Bachelorabschluss in der Regel klar vorgezeichnet: entweder ein anschließendes Masterstudium oder der direkte Einstieg ins Berufsleben. Doch was ist mit jenen Absolventinnen und Absolventen, die zwar über einen ersten Hochschulabschluss verfügen, sich aber stärker praxisorientiert weiterqualifizieren möchten? Kann die höherqualifizierende Berufsbildung (HQBB) – also Fortbildungen nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) oder der Handwerksordnung (HwO) – eine attraktive Alternative zum Masterstudium sein? Und wäre dieser Bildungsweg attraktiv auch für Betriebe, etwa zur Fachkräftesicherung?
Die Forschung zur Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem konzentriert sich bisher primär auf zwei Perspektiven: den Übergang beruflich Qualifizierter in die Hochschule sowie den Übergang von Studienaussteigenden in die Berufsbildung. Der Übergang von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die HQBB wurde dagegen kaum untersucht.
Im Kontext der aktuellen bildungspolitischen und arbeitsmarktlichen Entwicklungen geraten die beruflichen Wege von Absolventinnen und Absolventen eines Bachelorstudiums zunehmend in den Fokus. Während der vor etwa 20 Jahren eingeführte Bachelor mittlerweile den am häufigsten vergebenen Hochschulabschluss in Deutschland darstellt (Destatis, 2025a) und auch im Verhältnis zum Abschluss einer beruflichen Erstausbildung an Bedeutung gewonnen hat (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, 2024, S. 225), ist die Anschlussfähigkeit dieses Abschlusses an berufliche (Bildungs-)Wege bisher kaum untersucht. Insbesondere ist unklar, welche Optionen Absolventinnen und Absolventen nach dem Bachelorabschluss haben, wenn sie ihre berufliche Qualifizierung nicht über ein konsekutives Masterstudium, sondern über die berufliche Fortbildung weiterentwickeln möchten.
Die HQBB, auch als „Aufstiegsfortbildungen“ bezeichnet, umfasst staatlich anerkannte Fortbildungsabschlüsse, die in drei Stufen gegliedert sind. Seit der Novellierung des BBiG im Jahr 2020 sind sie mit den Qualifikationsstufen Geprüfte/r Berufsspezialist/in, Bachelor Professional und Master Professional rechtlich verankert und auf den Niveaus 5, 6 und 7 des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) verortet (Schneider et al., 2023). Im Jahr 2024 existierten 220 Fortbildungsordnungen des Bundes, die eine Vielzahl beruflicher Aufstiegswege eröffnen (BIBB, 2024, S. 365). Besonders bekannt sind darunter die Abschlüsse Meister/in, Fachwirt/in oder Betriebswirt/in. Obwohl die meisten dieser Abschlüsse im DQR gleichwertig zu Bachelor- (DQR-Niveau 6) und Masterabschlüssen (DQR-Niveau 7) eingeordnet sind – und damit formal eine Gleichwertigkeit (nicht jedoch Gleichartigkeit) etwa zwischen hochschulischen Bachelor- und Bachelor Professional-Abschlüssen besteht – wird der Übergang von akademischen in höherqualifizierende berufliche Bildungspfade bisher nur in Ausnahmefällen realisiert. Für Bachelorabsolventinnen und -absolventen ergeben sich prinzipiell zwei attraktive Anschlussmöglichkeiten: ein Übergang auf derselben Niveaustufe (DQR 6, also zum Bachelor Professional) oder in die nächsthöhere Stufe (DQR 7, also zum Master Professional). Unklar bleibt allerdings bislang, ob solche Übergänge individuell sinnvoll und strukturell praktikabel sind.
Vor diesem Hintergrund setzt das im vorliegenden Beitrag beschriebene Projekt an, das die Potenziale, Herausforderungen und Gestaltungsoptionen dieses bislang randständigen Übergangs untersucht. Ziel des Projekts ist es, die Sichtweisen zentraler Akteure aus Kammern, Sozialpartnern, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen zu erfassen und zu analysieren, in welche Richtung sich Fortbildungen der HQBB für Bachelorabsolventinnen und -absolventen weiterentwickeln könnten. Methodisch greift das Projekt auf eine Delphi-Befragung zurück, die von zwei Austauschworkshops mit Expertinnen und Experten flankiert wird.
Der vorliegende Beitrag verfolgt drei Ziele: In Abschnitt 2 werden theoretische und bildungspolitische Hintergründe zum Verhältnis von Hochschule und Berufsbildung aufgearbeitet, die die potenzielle Bedeutung des Übergangs von Personen mit Bachelorabschluss in dir HQBB aufzeigen. Anschließend werden in Abschnitt 3 grundlegende Potenziale der Erweiterung dieses Übergangs verdeutlicht, indem Rahmenbedingungen und bisherige empirische Befunde dargestellt und eingeordnet werden. In Abschnitt 4 wird das Projekt selbst vorgestellt, um dessen explorativen Beitrag zur Weiterentwicklung der Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen zu verdeutlichen. Schließlich wird in Abschnitt 5 ein Fazit der bisherigen Erkenntnisse gezogen.
2 Theoretischer und bildungspolitischer Hintergrund
Um das Projekt einzuordnen, werden im Folgenden die theoretischen und bildungspolitischen Bezugspunkte dargestellt. Im Mittelpunkt stehen dabei zum einen der Diskurs um Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem, zum anderen die institutionellen und rechtlichen Strukturen der höherqualifizierenden Berufsbildung (HQBB). Damit wird der Kontext aufgezeigt, in dem der Übergang von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die HQBB zu verorten ist.
2.1 Was ist Durchlässigkeit? – Übergänge im deutschen Bildungssystem
Der Begriff der Durchlässigkeit bezeichnet die Möglichkeit, Lern- und Bildungswege flexibel zu gestalten und Übergänge zwischen verschiedenen Bildungsbereichen strukturell, prozessual und sozial zu ermöglichen (BIBB, 2020). Seit Jahren gilt die Erhöhung der Durchlässigkeit als zentrales bildungspolitisches Ziel in Deutschland. Durchlässigkeit soll dazu beitragen, die Gleichwertigkeit unterschiedlicher Bildungswege zu stärken, Übergänge zu erleichtern und so die individuelle wie gesellschaftliche Nutzung von Kompetenzen zu optimieren (Hemkes & Wilbers, 2019; Wissenschaftsrat, 2014).
Traditionell sind in Deutschland die Bereiche der beruflichen und akademischen Bildung stark voneinander abgegrenzt. Beide Bereiche unterscheiden sich in ihren historischen Wurzeln, Strukturen und Systemlogiken (Baethge, 2017; Euler & Severing, 2015). Insofern verwundert es nicht, dass Übergänge zwischen beiden Bereichen bis heute eingeschränkt und häufig mit Hürden verbunden sind. Wissenschaftlich wird kontrovers diskutiert, ob die beiden Bereiche als konkurrierend oder komplementär zu betrachten sind (Ertl, 2022).
Die Verbesserung der Durchlässigkeit gilt jedoch als ein entscheidendes Instrument zur Fachkräftesicherung, zur Anpassung an den technologischen und demografischen Wandel sowie zur Förderung von Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Aus Sicht der Berufsbildung wird Durchlässigkeit zudem als wichtiger Faktor zur Stärkung ihrer Attraktivität und Zukunftsfähigkeit hervorgehoben. Hierbei wird nicht nur auf die Integration beruflich Qualifizierter in die Hochschule verwiesen, sondern zunehmend auch auf die umgekehrte Perspektive: Personen mit Hochschulerfahrung sollen den Weg in die Berufsbildung nehmen können – sei es als Studienaussteigende oder als Bachelorabsolventinnen und -absolventen (Ertl & Hemkes, 2019).
Bernhard (2017) unterscheidet vier Dimensionen von Durchlässigkeit: Zugangsmöglichkeiten zu unterschiedlichen Bildungsbereichen und -gängen, Anrechnung bereits erbrachter Lernleistungen, organisationale Verbindung von Bildungsbereichen und -gängen sowie institutioneller Umgang mit Heterogenität der Lernenden. Diese bilden im Verlauf des unten beschriebenen BIBB-Projekts eine analytische Grundlage, um die Chancen und Herausforderungen von Übergängen vom Bachelorabschluss in die HQBB genauer zu betrachten.
2.2 Strukturen der höherqualifizierenden Berufsbildung (HQBB)
Die HQBB ist eine Form der beruflichen Weiterbildung, die durch Fortbildungsordnungen öffentlich-rechtlich geregelt ist und zu staatlich anerkannten Abschlüssen führt. In der Regel schließt sie an eine berufliche Erstausbildung an (Müller, 2024). Die jeweiligen Fortbildungsordnungen definieren dabei ausschließlich Prüfungsanforderungen und Zulassungsvoraussetzungen, nicht jedoch inhaltliche oder didaktische Ausgestaltungen etwa in Form von Fortbildungskursen. Prüfungen werden von den zuständigen Stellen – vor allem Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie Handwerkskammern (HWK) – abgenommen. Bildungsanbieter (Kammern, Hochschulen, private Träger) bieten Kurse oder Lehrgänge zur Vorbereitung auf diese Prüfungen an. Deren Besuch ist allerdings für das Ablegen einer Prüfung nicht vorgeschrieben. Prinzipiell ist bis zur Prüfung ein reines Selbststudium möglich, auch wenn dies eher selten genutzt wird (Neu, 2022, S. 43).
Fachkräfte mit einem Abschluss der HQBB sind für viele Betriebe relevant, wie eine Studie aus dem Jahr 2022 für Meister- und Technikerabschlüsse zeigt: In mehr als zwei Dritteln der Betriebe sind diese wichtig oder sehr wichtig (Ebbinghaus & Krekel, 2022). Gleichzeitig geht aber die Zahl der bestandenen Prüfungen der HQBB seit Jahren zurück, was vor allem darauf zurückgeführt werden kann, dass das Interesse junger Menschen an einer (in der Regel der HQBB vorausgehenden) dualen Berufsausbildung zurückgeht (BIBB, 2024, S. 369). Denn typischerweise nutzen Personen mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung und mehrjähriger Berufserfahrung diese Fortbildungen, um sich weiter zuqualifizieren, Führungsfunktionen zu übernehmen und ihre Einkommenschancen zu verbessern (Hall, 2020). Datenanalysen der DIHK deuten allerdings darauf hin, dass auch Hochschulerfahrene durch HQBB ihren Übergang in den Arbeitsmarkt oder ihre beruflichen Perspektiven verbessern können – und somit als (neue) Zielgruppe relevant sind (Flasdick, 2020). Andere Studien zeigen allerdings auf, dass Bachelorabsolventinnen und -absolventen bislang nur selten in Fortbildungen der HQBB vertreten sind. Als Gründe werden mangelnde Bekanntheit, unklare Zulassungsvoraussetzungen und fehlende Anrechnungsoptionen angeführt (Wolf et al., 2018; Kohl et al., 2013).
3 Übergänge von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die HQBB – Rahmenbedingungen und empirische Befunde
Bachelorabsolventinnen und -absolventen haben grundsätzlich die Möglichkeit, nach ihrem Studium eine Fortbildung der höherqualifizierenden Berufsbildung (HQBB) nach BBiG und HwO aufzunehmen, wenn sie die in den Fortbildungsordnungen geforderten Voraussetzungen erfüllen. Formal existieren keine Hürden: Neben den klassischen Zugangswegen – berufliche Erstausbildung und in der Regel mehrere Jahre Berufserfahrung – enthalten Fortbildungsordnungen üblicherweise sogenannte „Öffnungsklauseln“ oder „Auffangnormen“. Diese ermöglichen eine Zulassung zur Fortbildungsprüfung, wenn Bewerberinnen und Bewerber „auf andere Weise glaubhaft machen, Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten erworben zu haben, die die Zulassung zur Prüfung rechtfertigen“. In der Praxis bleibt dieser Weg allerdings eine Ausnahme (Kohl et al., 2013).
Über Anerkennung von Voraussetzungen zur Prüfungszulassung im Rahmen der Öffnungsklausel entscheiden – als zuständige Stellen für die Durchführung von Prüfungen – in der Regel die Kammern. Diese Entscheidungen erfolgen häufig intransparent, uneinheitlich und sind mit hohen Unsicherheiten für die Betroffenen verbunden (Severing, 2019, S. 30). Zudem verfügen Bachelorabsolventinnen und -absolventen in vielen Fällen nicht über die mehrjährige Berufserfahrung, die üblicherweise gefordert wird.
Einige Fortbildungsordnungen enthalten allerdings explizit hochschulische Lernleistungen als eine mögliche Zulassungsvoraussetzung neben der beruflichen Erstausbildung. So kann etwa ein abgeschlossenes Bachelorstudium in fachverwandten Disziplinen als Voraussetzung für den Zugang zur Fortbildung „Geprüfte/r Controller/in“ oder „Geprüfte/r Informatiker/in“ anerkannt werden. Auch hochschulische ECTS-Punkte in einem fachverwandten Studium (üblicherweise werden 90 ECTS gefordert) werden in neueren Regelungen als Zugangsmöglichkeit berücksichtigt (Fischer & Pfeiffer, 2019). Dennoch bleibt dies bislang auf wenige Einzelfälle beschränkt.
Bildungspolitische Diskurse verdeutlichen, dass die Sozialpartner (Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen) – die eine zentrale Rolle in der Neuordnung von Fortbildungen einnehmen – Potenziale erkennen in Übergängen von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die Berufsbildung. Insbesondere die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) haben betont, dass eine stärkere Durchlässigkeit von der Hochschule in die Berufsbildung notwendig sei. Auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Gewerkschaften wie die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) unterstützen grundsätzlich eine stärkere Durchlässigkeit zwischen Hochschulen und Berufsbildung, auch wenn Hochschulabsolventinnen und -absolventen dabei nicht explizit benannt werden (Pfeiffer et al., 2019).
Die empirische Evidenz zur tatsächlichen Nutzung der HQBB durch Bachelorabsolventinnen und -absolventen ist begrenzt. Es liegen bislang keine amtlichen Daten darüber vor, wie viele Bachelorabsolventinnen und -absolventen im Anschluss an ihr Studium eine höherqualifizierende Berufsbildung aufnehmen. Eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Schluss, dass der bisherige Umfang der Nutzung der HQBB durch Bachelorabsolventeninnen und -absolventen „gering bis sehr gering“ ist (Wolf et al., 2018, S. 62). Sonderauswertungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) weisen allerdings auf einen leichten Anstieg hin: 2018 nahmen rund 1.200 Bachelorabsolventinnen und -absolventen an IHK-Fortbildungsprüfungen der HQBB teil, was etwa 7 % aller Prüfungsteilnehmenden entspricht (Flasdick, 2020). Zudem belegen qualitative Studien, dass Personen mit Bachelorabschluss diesen Bildungsweg durchaus nutzen, auch wenn die genaue quantitative Größenordnung bislang ungeklärt bleibt (Wolf et al., 2019). Auch Daten aus der AFBG-Statistik („Aufstiegs-BAföG“) zeigen, dass Bachelorabsolvent/innen – seit 2016 können diese finanzielle Förderung für Fortbildungen der HQBB in Anspruch nehmen – zwar nur in geringem, aber steigenden Umfang (2024: rund 1.100 Personen) an HQBB teilnehmen (Destatis, 2025b). Bei diesen Angaben ist zu berücksichtigen, dass sie jeweils nur Teilbereiche der Teilnahmen an HQBB betrachten und somit kein vollständiges Bild liefern können.
4 Das Projekt „Berufliche Fortbildung nach dem Bachelorabschluss“
4.1 Zielsetzung und methodisches Vorgehen
Das Projekt setzt an der Stelle des Übergangs von Bachelorabsolventinnen und -absolventen in die HQBB an und hat zum Ziel auf Grundlage der Perspektiven zentraler Akteursgruppen der Berufsbildung – Kammern, Sozialpartnern, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen – Chancen, Hemmnisse und Gestaltungsoptionen dieses bislang randständigen Bildungswegs systematisch zu erfassen und zu analysieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern Fortbildungen der HQBB nach BBiG und HwO im Anschluss an einen Bachelorabschluss von diesen zentralen Akteuren als relevante Bildungsoption wahrgenommen werden.
Damit verbunden sind die folgenden Teilfragen:
- Wie schätzen zentralen Akteursgruppen zukünftige Entwicklungsperspektiven für den Ausbau der Durchlässigkeit nach dem Bachelorabschluss zu Fortbildungen der HQBB ein?
- Welche Potenziale ergeben sich auf individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene durch die Stärkung dieses Übergangs?
- Welche Hürden und Schwierigkeiten werden bei der Stärkung dieses Übergangs aktuell wahrgenommen?
- Welche Bedarfe bestehen, etwa hinsichtlich der Beratung der Bachelorabsolventinnen und -absolventen und bei der Gestaltung von Unterstützungsangeboten?
- Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit der Übergang praktikabel und attraktiv wird?
Die Klärung dieser Fragen ist bedeutsam auf mehreren Ebenen: Für die Bildungspolitik können mögliche Optionen zur Stärkung dieser Form der Durchlässigkeit aufgezeigt werden. Für Kammern, Weiterbildungseinrichtungen und Betriebe kann sie zudem praxisrelevante Hinweise liefern, was zu berücksichtigen ist und welche Schritte nötig wären um die HQBB als Bildungsweg für Bachelorabsolventinnen und -absolventen zu etablieren. Darüber hinaus hat das Projekt potenziell Bedeutung für die individuelle Ebene: Bachelorabsolventinnen und -absolventen können durch die Stärkung der Übergänge in die HQBB neue Optionen für ihre berufliche Entwicklung erhalten, die eine Alternative zum Masterstudium darstellen können.
Das methodische Design folgt einem explorativen Ansatz und kombiniert qualitative sowie quantitative Elemente. Kernstück ist eine Delphi-Befragung der oben genannten zentralen Akteure, die von zwei Austauschworkshops mit einer kleineren Gruppe dieser Akteure flankiert wird. Die Delphi-Befragung ist ein strukturierter Gruppenkommunikationsprozess, der darauf abzielt, Expertenwissen zu einem unsicheren oder zukunftsorientierten Sachverhalt zu sammeln, zu aggregieren und zu validieren (Häder & Häder, 2022). Sie wurde gewählt, da sie sich besonders eignet, um in einem komplexen und wenig erforschten Themenfeld wie der HQBB für Bachelorabsolventinnen und -absolventen Expertenwissen systematisch zu bündeln und weiterzuentwickeln. Aufbauend auf den Ergebnissen des zuvor durchgeführten Workshops ermöglicht das mehrstufige Verfahren, zentrale Trends, Chancen und Herausforderungen der HQBB zu identifizieren und zu bewerten. Die Methode erlaubt es, unterschiedliche institutionelle Perspektiven anonym und unabhängig voneinander einzubeziehen, wodurch ein offener und unvoreingenommener Diskurs entsteht. Das zweistufige Design der Delphi-Befragung erlaubt eine Kombination aus explorativer Breite (Runde 1) und reflektierter Verdichtung (Runde 2). In der ersten Runde werden vielfältige Einschätzungen zur HQBB für Bachelorabsolventinnen und -absolventen gesammelt, in der zweiten erfolgt eine Rückspiegelung und erneute Bewertung der aggregierten Ergebnisse. Dieses Vorgehen sichert sowohl Inhaltstiefe als auch methodische Effizienz und ermöglicht eine nachvollziehbare Annäherung an Konsenslinien und divergierende Positionen.
Die einzelnen Phasen des Projekts sind in Abbildung 1 wiedergegeben: Im Sommer 2025 wurde mit dem ersten Schritt (1) begonnen, dem initialen Austausch-Workshop. Aufgrund der Analyse der Diskussionen des Workshops (2) wurde ein Fragebogen entwickelt, der in der (zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Beitrags noch nicht erfolgten) ersten Runde der Delphi-Befragung (3) zum Einsatz kommt. Diese zielt auf die Erfassung der Sichtweisen von Expertinnen und Experten zu verschiedenen aus dem ersten Workshop abgeleiteten Entwicklungsoptionen und deren Potenzialen, Herausforderungen und Bedingungen ab. Die Angaben aus dieser ersten Befragung werden im darauffolgenden Schritt ausgewertet und anhand dessen ein zweiter Fragebogen erstellt (4). Mit diesem zweiten Fragebogen werden die Ergebnisse aus der ersten Runde nochmals an die Expertinnen und Experten rückgekoppelt (5). So können die Experten ihre Antworten basierend auf dem erhaltenen Feedback überdenken, ergänzen und bei Bedarf revidieren. Auch die Aussagen der zweiten Runde werden analysiert (6), die Ergebnisse fließen dann in einen abschließenden Workshop (7) ein, in welchem sie mit Expertinnen und Experten diskutiert werden. Anschließend werden alle Ergebnisse und Erkenntnisse des Prozesses aufbereitet (8) und münden schließlich (9) in einer Darstellung und dem Transfer von Potenzialen zur Verbesserung der Durchlässigkeit von der Hochschule, mit einem Bachelorabschluss in die berufliche Bildung.
Abbildung 1: Vorgehensweise im Projekt „Berufliche Fortbildung nach dem Bachelorabschluss“ (Quelle: Eigene Erstellung)
4.2 Bisheriger Stand des Projekts: Ergebnisse des initialen Workshops
Um die Grundlage für die Delphi-Befragung zu legen und zentrale Aspekte zur Thematik zu identifizieren, wurde ein initialer Austauschworkshop durchgeführt. Der Workshop diente der explorativen Erfassung des Themenfelds und bildete die inhaltliche Grundlage für die Entwicklung von in der ersten Runde der Delphi-Befragung zu prüfenden Thesen. Ziel war es, zunächst ein möglichst breites Spektrum an Erfahrungen, Einschätzungen, Chancen, Hemmnissen und Bedarfen im Kontext der Höherqualifizierenden Berufsbildung (HQBB) für Bachelorabsolventinnen und -absolventen zu erfassen. Es fanden moderierte Gruppendiskussionen mit 14 Expertinnen und Experten von Kammern, Sozialpartnern, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen statt. Diese konzentrierten sich auf vier vorgegebene Themenfelder, zu denen jeweils Ergebnisse festgehalten wurden:
- Bedeutung: Welche Rolle spielt HQBB im Anschluss an einen Bachelorabschluss für Absolventinnen und -absolventen sowie Betriebe? In welchen Fällen ist HQBB eine attraktive Option?
Die Einschätzungen zur potenziellen Relevanz der HQBB für Bachelorabsolventinnen und -absolventen fielen heterogen aus. Skeptiker sahen sie als wenig passend an, vor allem für Studienabgänger ohne Berufserfahrung. Andere betonten die Relevanz für bestimmte Zielgruppen – etwa praxisorientierte Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen, internationale Absolventinnen und Absolventen oder Beschäftigte mit erster Berufserfahrung. Branchenabhängige Unterschiede wurden deutlich: Potenziale wurden etwa im technischen, pflegerischen oder betriebswirtschaftlichen Bereich gesehen, weniger dagegen im IT-Sektor oder Handwerk. Systemische Rahmenbedingungen, etwa Zulassungsregelungen oder die Abgrenzung zu betrieblicher Weiterbildung, wurden als entscheidend hervorgehoben. Diskutiert wurde die Frage, ob ein Übergang auf derselben DQR-Niveaustufe (Bachelor – Bachelor Professional) als „Aufstieg“ wahrgenommen werde. Einige Teilnehmende sahen hierin eher eine Parallelqualifikation ohne klare Karrierewirkung, andere betonten einen Gewinn an Praxisorientierung und beruflicher Handlungsfähigkeit. Zudem wurde darauf verwiesen, dass auch der umgekehrte Weg von der Berufsbildung in die Hochschule ebenfalls häufig auf derselben Niveaustufe des DQR erfolge.
- Chancen: Welche Perspektiven eröffnet HQBB für Personen mit Bachelorabschluss sowie für Betriebe?
Laut den Expertinnen und Experten kann die HQBB für Personen mit Bachelorabschluss Karriere- und Aufstiegsperspektiven eröffnen, ihre Beschäftigungs- und Einkommenssicherheit stärken sowie Fach- und Handlungskompetenzen systematisch erweitern. Auch persönliche Motive wie Selbstverwirklichung könnten eine Rolle spielen. Für Betriebe biete die HQBB Potenziale zur Fachkräfte- und Nachwuchssicherung, zur gezielten Führungskräfteentwicklung sowie zur Verbindung akademischer und praxisorientierter Kompetenzprofile.
- Hindernisse: Welche strukturellen, institutionellen oder kulturellen Barrieren existieren in Bezug auf HQBB für Bachelorabsolventinnen und -absolventen?
Zentrale Barrieren sahen die Expertinnen und Experten in den aktuell intransparenten und heterogenen Zulassungsregelungen, in fehlenden Anrechnungsmöglichkeiten, unklaren Finanzierungsmöglichkeiten und geringer Sichtbarkeit der HQBB bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Unterschiedliche Bewertungslogiken in Hochschul- und Berufsbildung sowie bestehende kulturelle Vorbehalte in Betrieben erschwerten den Zugang zusätzlich. Zudem bestehe eine unzureichende Datenlage, um Bedarfe präzise zu erfassen.
- Bedarfe: Welche Unterstützungsangebote, Informationen oder Orientierungen fehlen, damit HQBB für Personen mit Bachelorabschluss attraktiv ist? Welche Rolle spielen Rahmenbedingungen?
Die Expertinnen und Experten sahen einen dringenden Bedarf an empirisch fundierten Zielgruppenanalysen, transparenteren und kompetenzorientierten Zugangsregelungen sowie gezielter Öffentlichkeitsarbeit und Beratung. Betriebe sollten durch begleitende Unterstützung (z. B. Freistellungen, finanzielle Förderung) stärker eingebunden werden. Inhaltlich seien spezialisierende und praxisorientierte Angebote notwendig, die den Kompetenzerwerb in den Vordergrund stellen. Schließlich wurde die Forderung nach stärkerer inhaltlicher und struktureller Verzahnung von Hochschul- und Berufsbildung betont, um Konkurrenzdenken zu überwinden und innovative Hybridangebote zu schaffen.
Die bislang ermittelten Ergebnisse zeigen, dass es sowohl Skepsis als auch Befürwortung gibt, und dass insbesondere die Klärung von Zulassungsfragen, die Sichtbarkeit der HQBB und die Bewertung des DQR-Niveaus zentrale Diskussionslinien darstellen. Alle vier von Bernhard (2017) beschriebenen Dimensionen von Durchlässigkeit finden sich in der Diskussion wieder: So wird erstens bezüglich Zugangsmöglichkeiten thematisiert, dass Zulassungsbedingungen für Bachelorabsolventinnen und -absolventen zur HQBB vielfach nicht klar gestaltet sind, was einer Änderung bedürfe. In Bezug auf die Anrechnung bereits erbrachter Lernleistungen wird zweitens festgestellt, dass es bislang kaum möglich ist, hochschulische Prüfungsleistungen auf Prüfungen der HQBB anzurechnen und dazu Lösungen gefunden werden sollten. Hinsichtlich der organisationalen Verbindung wird drittens benannt, dass eine bessere Zusammenarbeit zwischen Hochschul- und Berufsbildung notwendig sei, um die verschiedenen Systemlogiken zusammenzubringen. Schließlich wird viertens zum institutionellen Umgang mit Heterogenität der Lernenden konstatiert, dass Klarheit über relevante Zielgruppen und deren Bedarfe fehlt. Diese sollten jedoch berücksichtigt werden, zum einen in den Fortbildungskursen, wo eine Weiterentwicklung der HQBB mit didaktisch und inhaltlich spezifischer Ausrichtung auf Personen mit Bachelorabschluss notwendig ist, zum anderen in Betrieben, wo es der Entwicklung eines Bewusstseins für Kompetenzen, die Bachelorabsolventinnen und -absolventen mitbringen bedürfe.
5 Fazit der bisherigen Erkenntnisse
Die bisherigen Erkenntnisse aus der bestehenden Forschung und dem ersten Workshop des laufenden Projekts zeigen, dass der Übergang von Personen mit Bachelorabschluss in die HQBB ein bislang wenig erschlossenes, zugleich aber relevantes Handlungsfeld an der Schnittstelle von Hochschul- und Berufsbildung darstellt, das sowohl Chancen als auch Unsicherheiten birgt.
Bei den im Workshop einbezogenen Akteuren besteht grundsätzlich großes Interesse und Offenheit für die HQBB nach dem Bachelorabschluss. Es zeigte sich ein breites Spektrum an Erwartungen, Chancen und Herausforderungen. In den Diskussionen konnten erste Zielgruppen und Branchen identifiziert werden, in denen sich vielversprechende Perspektiven eröffnen könnten – zum einen durch neue Karriere- und Entwicklungspfade für Personen mit Bachelorabschluss, zum anderen als Beitrag zur betrieblichen Fachkräftesicherung. Eine zentrale Herausforderung besteht den Expertinnen und Experten nach darin, wie die vergleichsweise geringe berufliche Praxis von Bachelorabsolventinnen und -absolventen bei der Zulassung berücksichtigt werden kann. Chancen zeichnen sich vor allem darin ab, die Sichtbarkeit zu erhöhen, mehr Transparenz bei den Zulassungsregeln zu schaffen, passende Informationen bereitzustellen und unterschiedliche Zielgruppen gezielt zu beraten.
Das Projekt wird mit der Durchführung der beiden Delphi-Runden fortgesetzt, die es ermöglichen, die Erkenntnisse aus dem ersten Workshop zu vertiefen, Perspektiven systematisch zu strukturieren und mögliche Zukunftstrends zu bewerten. Anschließend folgt ein Abschlussworkshop, in dem die Ergebnisse mit Expertinnen und Experten nochmals diskutiert und in mögliche Handlungsoptionen übersetzt werden.
Mit der systematischen Erhebung und Bewertung von Experteneinschätzungen leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zur Konzeptualisierung eines bislang wenig betrachteten Bildungswegs zwischen Hochschule und Berufsbildung. Die kommenden Analysen werden weitere Hinweise geben, welche Gestaltungsoptionen und Weichenstellungen geeignet sein können, um HQBB als nachhaltige Bildungs- und Karriereoption für Bachelorabsolventinnen und -absolventen zu etablieren.
Literatur
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Gerhards, P. (2026). Berufliche Wege nach dem Bachelor? Höherqualifizierende Berufsbildung im Fokus. In K. Hartwich, D. Heisler, P. Lippegaus, M. Schmökel, J. Schwede & C. Sommer (Hrsg.), bwp@ Spezial HT2025: Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf (S. 1–13). https://www.bwpat.de/ht2025/gerhards_ht2025.pdf


