bwp@ 49 - Dezember 2025

Innovation und Transfer in der beruflichen Bildung

Hrsg.: Nicole Naeve-Stoß, H.-Hugo Kremer, Karl Wilbers & Petra Frehe-Halliwell

Umsetzungsgrad der durch die generalistische Pflegeausbildung angestoßenen Innovationen: Verständnis, Akzeptanz und Verstetigung – Ergebnisse einer Befragung von Akteuren und Stakeholdern

Beitrag von Karin Reiber, Elena Tsarouha & Jan Braun
bwp@-Format: Forschungsbeiträge
Schlüsselwörter: Generalistik, Pflegeberufereform, Pflegefachpersonen, Transformationsprozess, Berufsbildung

Die Pflegeberufereform und die Einführung der neuen Pflegeausbildung im Jahr 2020 haben einen umfassenden Transformationsprozess angestoßen. Die Veränderungen im Rahmen der Pflegeausbildung stellen Innovationen in der Berufsbildung dar. Eine erfolgreiche Umsetzung von Innovationen in der Berufsbildung hängt auch von einer breiten und ausreichend hohen Partizipationsbereitschaft relevanter Akteure ab. Mittels einer onlinebasierten teilstandardisierten Delphi-Befragung (erste Welle, n=115) werden das Verständnis und die Akzeptanz der Generalistik in der Domäne Pflege erfasst. Zusätzlich wird der Umsetzungsgrad ausgewählter Aspekte der generalistischen Pflegeausbildung beforscht. Die Befunde zeigen, dass die generalistische Pflegeausbildung als Innovation grundsätzlich anerkannt wird und vor allem auf der persönlichen Ebene eine hohe Zustimmung erfährt. Zugleich bestehen erhebliche Herausforderungen in der Umsetzung, die sowohl die Akzeptanz auf organisationaler Ebene als auch die Nachhaltigkeit des Transfers betreffen. Es lassen sich Implikationen für eine nachhaltige Verstätigung ableiten, wie z. B. die Stärkung struktureller Rahmenbedingungen und eine kohärente curriculare Weiterentwicklung.

Degree of implementation of innovations initiated by general nursing training: understanding, acceptance, and sustainability – results of a survey amongst stakeholders and actors in vocational training

English Abstract

The reform of the nursing profession and the implementation of the general nursing training in 2020 have initiated a comprehensive transformation process. The changes in nursing training represent innovations in vocational training. A successful implementation of innovations in vocational training also depends on a broad and sufficiently high level of willingness to participate on the part of relevant stakeholders. An online-based, partially standardized Delphi Study (first wave, n=115) is used to assess the understanding and acceptance of generalist nursing in the care sector. In addition, the study examines the extent to which selected aspects of general nursing training are currently being implemented. The results reveal that general nursing training is broadly recognized as an innovation and enjoys a high level of approval, particularly on a personal level. At the same time, there are considerable challenges in implementation, which concern both acceptance at the organizational level and the sustainability of the transfer. Implications for a sustainable reinforcement can be derived, such as strengthening structural framework conditions and coherent curricular development.

Einleitung

Die neue generalistische Pflegeausbildung hat in mehrerlei Hinsicht einen deutlichen Innovationsanspruch: Sie vermittelt ein breiteres Kompetenzprofil für unterschiedliche Arbeitsfelder und zukünftige berufliche Herausforderungen, was wiederum die Voraussetzung für eine höhere Flexibilität zukünftiger Pflegefachpersonen ist. Damit reagiert sie auf die zunehmende Komplexität pflegerischer Versorgung in akutstationären, ambulanten und langzeitstationären Pflegeeinrichtungen. Weiterhin wurde im Zuge der Umsetzung der neuen Ausbildung mit den Rahmenplänen auch ein neues Curriculum entwickelt, das nicht ausschließlich Inhalte aktualisiert, sondern entsprechend der Veränderungen von Versorgungsbedarfen und -strukturen auch neue thematische Schwerpunkte setzt (Fachkommission nach § 53 PflBG, 2020). Alle genannten Veränderungsdimensionen sind nach Backes-Gellner & Lehnert (2023) Indizien für Innovation und verdeutlichen, dass es sich nicht lediglich um eine formale Reform handelt, sondern um eine tiefgreifende inhaltliche und strukturelle Weiterentwicklung.

Mit Blick auf die Umsetzung der mit der generalistischen Pflegeausbildung intendierten Innovationen sind insbesondere das Verständnis und die Akzeptanz seitens der beteiligten Akteure und der davon betroffenen Stakeholder bedeutsam. Dazu zählen nicht nur Auszubildende und Lehrende, sondern auch Praxisanleitende, Akteure in ausbildenden Pflegeeinrichtungen sowie Vertreter:innen von Fachverbänden und Trägern. Je nach Perspektive und institutionellem Interesse können Chancen, aber auch Herausforderungen unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Reform ist weiterhin Gegenstand kontroverser Diskussionen und das Verständnis und die Akzeptanz dafür sind bei Akteuren der Domäne Pflege nicht selbstverständlich gegeben (Vorbehalte aus Sicht der pädiatrischen Pflege bspw. Gehrke, 2025). Deshalb ist „Verständnis und Akzeptanz der Generalistik“ eines der Schwerpunktthemen der zweiten Laufzeit der vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) beauftragten und vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH, der Hochschule Esslingen und der Katholischen Stiftungshochschule München durchgeführten Begleitforschung der Einführung der neuen Pflegeausbildungen (BENP, Laufzeit 2021-2024; BENP II, Laufzeit 2024-2028). Bezugnehmend auf Transferforschung im Bildungsbereich wird dabei insbesondere auf die Durchdringungstiefe der Bildungspraxis durch die Innovation, die Identifikation der an der Reform beteiligten Akteure, den Stand der Umsetzung und die Transferindikatoren rekurriert (Gräsel, 2010). Die Frage, wie die Ausbildungsreform implementiert wird, ist dabei zentral, da sie einer dauerhaften strukturellen Verankerung bedarf.

2 Innovation und Transfer im Kontext der neuen Pflegeausbildung

2.1 Innovationsmerkmale und transferrelevante Faktoren

Der Begriff Innovationstransfer entstammt der Modellversuchsforschung, in der Innovation und Transfer als eng miteinander verbundene Konzepte verstanden werden (Schemme, 2017). Berufsbildung gilt dabei grundsätzlich als Treiber von Innovationen, da sie Entwicklungen von Gesellschaft und Beschäftigungssystem antizipieren und entsprechende Qualifikationsstrategien entwickeln kann (Backes-Gellner & Lehnert, 2023). Zentrale Faktoren für die Innovationsfähigkeit der beruflichen Bildung sind zum einen die regelmäßige Aktualisierung von Curricula und deren verbindliche Umsetzung sowie zum anderen die Vermittlung breit einsetzbarer Kompetenzen. Letztere sichert nicht nur die Durchlässigkeit und Flexibilität der Beschäftigten, generalistisch angelegte Kompetenzen „fördern auch die längerfristige Beschäftigungs- und Adaptionsfähigkeit an zukünftige Entwicklungen und unterstützt damit tendenziell die Innovationsfähigkeit und -bereitschaft“ (Backes-Gellner & Lehnert, 2023, S. 90).

Die Pflegeberufereform lässt sich in diesem Zusammenhang als Beispiel einer gesundheits-, sozial- und arbeitsmarktpolitisch initiierten Innovation betrachten. Mit der Einführung der generalistischen Pflegeausbildung wurden Curricula auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie berufspädagogischer Trends neugestaltet und in Theorie und Praxis verbindlich verankert. Die Generalistik verfolgt das Ziel, Auszubildende mit breiten beruflichen Handlungskompetenzen auszustatten, auf die dann Vertiefung und Spezialisierung aufbauen können, damit sie die komplexer werdenden Anforderungen des Pflegesektors adäquat bewältigen können. Dadurch wird nicht nur die Beschäftigungsfähigkeit gestärkt, sondern zugleich das Innovationspotenzial des gesamten Berufsfeldes erhöht.

Auch wenn es sich bei der Pflegeberufereform nicht um einen Modellversuch handelt, sind die Herausforderungen vergleichbar: Es gilt, eine umfassende Reform nachhaltig in bestehende Strukturen zu implementieren und diese Strukturen ggf. auch zu verändern. Dabei sind nach Nickolaus et al. (2006, S. 57) insbesondere drei Ebenen transferrelevant:

  • Organisatorisch-strukturelle Ebene – Führung, Ressourcen, Unterstützungs- und Kooperationsstrukturen;
  • Personelle Ebene – Qualifikationen, Motivation und Akzeptanz der beteiligten Akteure;
  • Inhaltliche Ebene – curriculare und didaktische Konzepte sowie deren Passung zu den Anforderungen.

Vor allem die ersten beiden Ebenen haben sich im Kontext der Umsetzung der Generalistik als bedeutsam erwiesen, da Aspekte wie Kompetenzorientierung und Pflegeprozessverantwortung entscheidend für das Verständnis und die Akzeptanz der Reform sind.

2.2 Das ADKAR-Modell als Bezugsrahmen für Veränderungsprozesse

Um den Implementierungsprozess systematisch zu erfassen, bietet das ADKAR-Modell von Hiatt (2006) einen geeigneten Referenzrahmen. Es beschreibt fünf aufeinander aufbauende Phasen, die einen Change-Management-Prozess strukturieren:

  • Awareness (Bewusstsein): Schaffung von Verständnis für die Notwendigkeit der Veränderung. In der Pflegeausbildung bedeutet dies, sich der Relevanz der Generalistik sowie deren Bedeutung für die Versorgungspraxis bewusst zu sein.
  • Desire (Wunsch): Entwicklung von Motivation und Bereitschaft, die Veränderung zu unterstützen. Dies betrifft insbesondere die Akzeptanz der Reform durch Lehrende, Träger und Auszubildende.
  • Knowledge (Wissen): Vermittlung des erforderlichen Wissens, wie die Reform praktisch umgesetzt werden kann, etwa durch Kenntnisse über Kompetenzorientierung, neue Curricula und die Verantwortungsübernahme im Pflegeprozess.
  • Ability (Fähigkeit): Entwicklung der praktischen Handlungskompetenz zur Umsetzung, z. B. durch Qualifizierung von Lehrenden und die Bereitstellung angemessener Rahmenbedingungen.
  • Reinforcement (Verstärkung): Stabilisierung und nachhaltige Verankerung der Veränderungen, etwa durch Qualitätssicherungsmaßnahmen, Evaluationen und kontinuierliche Weiterbildung.

Das Modell verdeutlicht, dass Reformen nicht allein durch strukturelle Vorgaben implementiert werden können. Vielmehr hängt der Erfolg von der Verknüpfung organisationaler und individueller Faktoren ab. Während die Modellversuchsforschung stärker auf systemische Rahmenbedingungen verweist, konkretisiert das ADKAR-Modell die notwendigen Schritte auf individueller und systemischer Ebene von Lern- und Veränderungsprozessen.

Im Rahmen der hier vorgestellten Untersuchung des Umsetzungsgrads wird das Modell genutzt, um den Stand des Transfers jeweils bezogen auf Aspekte, die sich in vorausgegangenen Fokusgruppen als bedeutsam für die Akzeptanz und das Verständnis der Generalistik erwiesen haben, abzubilden.

2.3 Schlüsselfaktoren für Verständnis und Akzeptanz

Im Oktober und November 2024 fand jeweils eine Fokusgruppe mit n=9 ausbildungsrelevanten Akteuren mit verschiedenen Funktionen – (stellv.) Schulleitung, Koordination/Praxistransfer, Praxisanleitung, Lehrkraft/Dozentur – zum Thema Verständnis und Akzeptanz der Generalistik statt. Inhaltlich erfasst wurde das bestehende Verständnis über die generalistische Pflegeausbildung, die Ausprägung der Akzeptanz der neuen Ausbildung sowie Einflussfaktoren darauf und Vorbehalte gegenüber der Generalistik. Die Befunde der Fokusgruppen zeigen, dass bislang noch kein geteiltes Verständnis bzgl. des Kompetenzbegriffs bzw. der kompetenzorientierten Ausbildung existiert. Ferner ist der Pflegeprozess als berufsspezifische Arbeitsmethode und Ausgangs- und Bezugspunkt der Ausbildungsinhalte für Auszubildende in der alltäglichen Praxis mitunter wenig sichtbar. Die versorgungsbereichsübergreifende Ausrichtung der Ausbildung wurde u. a. mit Blick auf die langen Abwesenheiten der Auszubildenden vom Träger der praktischen Ausbildung im Rahmen der externen Praxiseinsätze von Befragten kritisiert. Zusätzlich wurde in den Fokusgruppen dargelegt, dass viele ausbildende Akteure die generalistische Pflegeausbildung befürworten, wobei vor allem in der Pflegepraxis noch Vorbehalte bestehen. Hier knüpft die erste Welle der Delphi-Befragung – wie nachfolgend dargelegt – inhaltlich an.

3 Methodisches Vorgehen

Der Beitrag basiert auf Befunden der ersten Welle einer dreistufigen Delphi-Befragung des Typs 3 (Häder & Häder, 2022, S. 924). Dabei beurteilen Expertinnen und Experten Sachverhalte, über die unsicheres oder unvollständiges Wissen existiert im Rahmen eines relativ stark strukturierten Gruppenkommunikationsprozesses (vgl. Häder & Häder, 2022, S. 921). Die erste Online-Befragungsrunde wurde im Mai und Juni 2025 durchgeführt. Es wurden transferrelevante inhaltliche Aspekte aufgegriffen, die sich in zwei vorausgegangenen Fokusgruppen mit ausbildungsrelevanten Akteuren als bedeutsam für das Verständnis und die Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung erwiesen haben (Tsarouha et al. in Bearbeitung). Um eine Bandbreite an unterschiedlichen Perspektiven zu gewinnen, wurde über verschiedene Zugänge zum Feld (z. B. Verteiler von Berufsverbänden und Fachgesellschaften, Newsletter und Internetauftritte von Fachzeitschriften, vom Pflegenetzwerk Deutschland und vom Bundesinstitut für Berufsbildung) für die Teilnahme an der Delphi-Befragung geworben. Da Rahmenbedingungen die Umsetzung der neuen Pflegeausbildung stark beeinflussen können, wurden im Sample gezielt verschiedene potentielle geographische bzw. regionale Einflussgrößen berücksichtigt. Es wurden Akteure aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen zur Teilnahme aufgerufen. Die ausgewählten Bundesländer erfüllen vielfältige Kriterien (z. B. Flächenland, Stadtstaat, neue und alte Bundesländer, Ballungsräume und ländliche Regionen), sodass Erfahrungen und Einschätzungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen erfasst wurden. Bei der Akquise der Akteure wurde zusätzlich darauf geachtet, dass im Sample die verschiedenen Raumtypen gemäß „Raumtyp 2010: Lage des BBSR“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vertreten sind (sehr zentral, zentral, peripher, sehr peripher). Die Einteilung basiert auf der Konzentration von Bevölkerung und Arbeitsplätzen und der Nähe zu diesen Räumen (erreichbare Tagesbevölkerung, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, 2025).

In die Befragung einbezogen wurden Personengruppen, die am Transfer beteiligt bzw. von der Innovation unmittelbar betroffen sind, wie Berufsbildungsakteure, Leitungspersonen, Schlüsselpersonen aus Verbänden und von Trägern, Auszubildende und Ausbildungsabsolvent:innen. N=125 Personen erhielten den Zugangslink zur Befragung, n=115 Personen haben die Befragung abgeschlossen und können als gültige Fälle in der Analyse berücksichtigt werden (siehe Tabelle 1). Der Transfer wird über Stadien der Durchdringungstiefe der Innovation ermittelt, die gemäß des ADKAR-Modells von einem Bewusstsein für die Notwendigkeit der Veränderung über das hierfür erforderliche Wissen und Können bis hin zur dauerhaften und selbstverständlichen Umsetzung in Alltagspraktiken und -routinen verläuft. Als relevante inhaltliche Aspekte werden die umfassendere und konsequentere Kompetenzorientierung, die neuen Vorbehaltsaufgaben von Pflegefachpersonen im Rahmen der Pflegeprozesssteuerung und die versorgungsbereichsübergreifende Ausrichtung der Ausbildung thematisiert. Die geschlossenen Fragen der Delphi-Befragung weisen überwiegend ein ordinales oder metrisches Skalenniveau auf. Die Daten werden mittels IBM SPSS Statistics (Version 29) statistisch uni- und bivariat analysiert. Neben Analysen zu Häufigkeiten, Lage- und Streuungsmaßen werden auch Gruppenvergleiche durchgeführt. Im Beitrag werden die Erfahrungen und Einschätzungen von schulischen und betrieblichen Akteuren sowie Träger-/Verbandsvertretungen kontrastiert; falls sinnvoll werden die Angaben der betrieblichen Akteure nach Versorgungsbereichen getrennt (akutstationäre Pflege, Langzeitpflege, ambulante Pflege) betrachtet. Die offenen Fragen werden inhaltsanalytisch (Kuckartz, 2016; Mayring, 2015) mithilfe von MAXQDA (Version 24) ausgewertet. Es werden die Befunde zur offenen Frage Welche Gründe führen aus Ihrer Sicht dazu, dass die generalistische Pflegeausbildung auf eine eingeschränkte Akzeptanz stößt? präsentiert.

Ergebnisse zum Stand des Transfers der Innovationen

Zunächst wird in Kapitel 4.1 die Zusammensetzung der Stichprobe beschrieben. Anschließend wird die Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung anhand quantitativer Daten dargestellt (4.2) und um eine Zusammenschau von Gründen für eine wahrgenommene eingeschränkte Akzeptanz der Generalistik ergänzt, die mittels einer offenen Antwortvorgabe erfasst und qualitativ ausgewertet wurde. In Kapitel 4.3 werden Befunde zum Grad der Umsetzung der vorbehaltenen Tätigkeiten anhand der Pflegeprozesssteuerung und in Kapitel 4.4. Befunde zum Grad der Umsetzung der Kompetenzorientierung als leitendes Ausbildungsprinzip präsentiert. Weiterhin wird der Grad der Umsetzung der versorgungsbereichsübergreifenden Ausrichtung der Ausbildung (4.5) dargelegt. Die nachfolgenden Gruppenvergleiche von Befragungsgruppen oder Versorgungsbereichen der betrieblichen Akteure erfolgten unter der Annahme, dass die Wahrnehmungen und Erfahrungen der befragten Personen ggf. aufgrund ihrer unterschiedlichen Perspektive geprägt sind. Diese Annahme stützt sich auf Befunde aus der bisherigen Begleitforschung: Schulische Akteure beschreiben sich selbst teilweise als im Umsetzungsprozess etwas weiter fortgeschritten als betriebliche Akteure. Auch schreiben betriebliche Akteure den schulischen Akteuren eine führende Rolle zu, sodass Schulen stellvertretend Steuerungs- und Gestaltungsaufgaben im Rahmen von Lernortkooperationen bzw. Ausbildungsverbünden übernehmen (Wochnik et al. 2024, S. 22). Unterschiedliche Perspektiven zwischen den betrieblichen Akteuren aus verschiedenen Versorgungsbereichen könnten durch spezifische Befürchtungen geprägt sein, z. B. dass Auszubildende aufgrund der veränderten Praxiseinsätze aus der stationären Langzeitpflege in die akutstationäre Pflege „abgeworben“ werden könnten.

4.1 Zusammensetzung der Stichprobe

Die Tabelle 1 zeigt, dass von n=115 Teilnehmenden 80 % weibliche Personen sind. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmenden liegt bei ca. 46 Jahren, die jüngste Person ist 23 Jahre und die älteste Person 77 Jahre alt. An der Befragung haben n=6 (4,3 %) Personen teilgenommen, die bereits die generalistische Pflegausbildung absolviert haben. 29,1 % haben den Abschluss Gesundheits- und Krankenpflege, 21,3 % den Abschluss Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (vor 2022, Ausbildung nach dem Krankenpflegegesetz) und 9,2 % den Abschluss Altenpflege (vor 2022, Ausbildung nach dem Altenpflegegesetz). Anhand der Angaben zum aktuellen Arbeitgeber und unter Berücksichtigung der aktuellen Funktion wurden die Teilnehmenden verschiedenen Befragungsgruppen zugeordnet:

  • Befragte aus Betrieben: 42,6 %,
  • Befragte aus Schulen: 46,1 %,
  • Befragte aus Verbänden: 4,3 %,
  • Befragte von Trägern: 3,5 %
  • sowie Auszubildende und Studierende des primärqualifizierenden Studiums (PQS): 3,5 %.

Die verschiedenen Befragungsgruppen haben unterschiedliche Perspektiven auf die neue Pflegeausbildung und Erfahrungen mit der Einführung der Generalistik. In den weiteren Analysen wird geprüft, inwiefern sich daraus unterschiedliche Einschätzungen zu „Verständnis und Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung“ ableiten lassen.

80,5 % der Antworten zum aktuellen Ausbildungsangebot der Einrichtungen entfallen auf den Abschluss Pflegefachperson. Die gesonderten Abschlüsse werden weit weniger häufig angeboten: 6,8 % der Antworten entfallen auf den gesonderten Abschluss der Altenpflege und 7,6 % auf den gesonderten Abschluss der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.

Befragte aus (Pflege-)Betrieben wurden anhand der Angaben zum aktuellen Arbeitgeber – sofern eindeutig möglich – verschiedenen Versorgungsbereichen zugeordnet. Von den n=47 Akteuren aus Betrieben sind 59,6 % der akutstationären Pflege (n=28), 17 % der stationären Langzeitpflege (n=8) und 8,5 % der ambulanten Pflege (n=4) zugeordnet. 14,9 % der Einrichtungen der betrieblichen Akteure sind der versorgungsbereichsübergreifenden Pflege (n=7) zugeordnet, dazu gehören z. B. Komplexträger oder Koordinierungsstellen bei Landkreisen.

Tabelle 1: Stichprobenzusammensetzung

Merkmal

Ausprägungen (Anzahl der Fälle n)

Relative Häufigkeiten (in Prozent)

Geschlecht (n=115)

Weiblich (92)

80 %

Männlich (23)

20 %

Alter (n=115)

Durchschnittsalter: 45,98

-

Min: 23

-

Max: 77

-

Eigene Pflegeausbildung* (n=111)

generalistische Pflegeausbildung (6)

4,3 %**

Gesundheits- und Krankenpflege (41)

29,1 %**

Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (vor 2022, Ausbildung nach dem Krankenpflegegesetz) (30)

21,3 %**

Altenpflege (vor 2022, Ausbildung nach dem Altenpflegegesetz) (13)

9,2 %**

Primärqualifizierendes Pflegestudium (4)

2,8 %**

Ausbildungsintegriertes Pflegestudium (5)

3,5 %**

Sonstige Ausbildung/sonstiges Studium (36)

27,0 %**

Nein (4)

2,8 %**

Zuordnung der Akteure zu Befragungsgruppen (n=115)

Betrieb (49)

42,6 %

Schule (53)

46,1 %

Verband (5)

4,3 %

Träger (4)

3,5 %

Auszubildende (2)/Studierende PQS (2)

3,5 %

Zuordnung der Betriebe zu Versorgungsbereiche (n=47)

Akutstationäre Pflege (28)

59,6 %

Stationäre Langzeitpflege (8)

17,0 %

Ambulante Pflege (4)

8,5 %

Versorgungsbereichsübergreifende Pflege (7)

14,9 %

Angebot Berufsabschluss vor der Generalistik* (n=101)

Gesundheits- und Krankenpflege (55)

40,1 %**

Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (31)

22,6 %**

Altenpflege (43)

31,4 %**

Kein Ausbildungsangebot (8)

5,8 %**

Aktuelles Angebot der Berufsabschlüsse* (n=101)

Pflegefachmann/Pflegefachfrau/Pflegefachperson (generalistisch) (95)

80,5 %**

gesonderter Abschluss der Altenpflege (8)

6,8 %**

gesonderter Abschluss der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (9)

7,6 %**

kein Ausbildungsangebot (6)

5,1 %**

*Mehrfachangaben möglich

**Angaben Prozent der Antworten

4.2 Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung

Mittels des Fragebogens wurde u. a. der Grad der Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung erfasst. Dabei wurde zwischen der Akzeptanz auf verschiedenen Ebenen unterschieden:

  • der Pflegebranche insgesamt (n=115; =3,32; Med=3; s=1,128),
  • des eigenen Versorgungsbereichs (n=57; =3,14; Med=3, s=1,432),
  • der Arbeit gebenden Einrichtung/Organisation oder dem Träger der praktischen Ausbildung (n=107; =2,64; Med=2; s=1,312)
  • sowie der persönlichen Einstellung (n=114; =2,09; Med=2; s=1,28).

Die Frage, inwieweit die generalistische Ausbildung im eigenen Versorgungsbereich akzeptiert wird, wurde den Personen aus den Befragungsgruppen Betrieb, Träger und Verbänden zur Einschätzung vorgelegt; schulische Akteure und Auszubildende/Studierende des PQS wurden hierzu nicht befragt. Die Frage nach dem Ausmaß der Akzeptanz in der Arbeit gebenden Einrichtung/Organisation oder dem Träger der praktischen Ausbildung wurde von Befragten der Befragungsgruppen Betriebe, Träger, Schulen sowie Auszubildende/Studierende des PQS beantwortet; Vertreter:innen von Verbänden wurden dazu nicht befragt. Die Likert-Antwortskala reicht von „1= Trifft voll zu“ bis „6=Trifft nicht zu“.

Tabelle 2: Zustimmung zur wahrgenommenen Akzeptanz der generalistischen Pflegeausbildung auf verschiedenen Ebenen

1=Trifft voll zu

2

3

4

5

6=Trifft nicht zu

Gesamt

Gültige N als Zeilen (%)

Gültige N als Zeilen (%)

Gültige N als Zeilen (%)

Gültige N als Zeilen (%)

Gültige N als Zeilen (%)

Gültige N als Zeilen (%)

In der Pflegebranche insgesamt ist die generalistische Ausbildung weitgehend akzeptiert.

3,5%

20,0%

36,5%

23,5%

13,9%

2,6%

100%

In meinem Versorgungsbereich ist die generalistische Ausbildung weitgehend akzeptiert.

12,3%

26,3%

22,8%

17,5%

15,8%

5,3%

100%

In meiner Einrichtung ist die generalistische Ausbildung weitgehend akzeptiert.

21,5%

30,8%

21,5%

15,9%

8,4%

1,9%

100,00%

Ich persönlich akzeptiere die generalistische Pflegeausbildung weitgehend.

43,9%

27,2%

14,0%

7,0%

7,0%

0,9%

100%

Die Tabelle 2 zeigt, dass die persönliche Zustimmung (Ausprägung „1=Trifft voll zu“ und „2=Trifft zu") der befragten Personen mit etwa 71 % und die wahrgenommene Zustimmung einer Akzeptanz in der eigenen Einrichtung/Organisation/beim Träger der praktischen Ausbildung von etwa 52 % deutlich positiver ausfällt als die Einschätzung zur Zustimmung in der Pflegebranche insgesamt, die von knapp 24 % der Befragten als „voll zutreffend“ (Ausprägung 1) oder „zutreffend“ (Ausprägung 2) beurteilt wird. Die wahrgenommene Akzeptanz der Ausbildung für den jeweils eigenen Versorgungsbereich hat mit einer Standardabweichung von s=1,432 die höchste Streuung. Für alle nachfolgenden Hypothesentests (Kruskal-Wallis-Test und Mann-Whitney-U-Test) ist eine eingeschränkte Aussagekraft aufgrund der voneinander abweichenden Verteilungen der Stichproben gegeben und bei den meisten Tests auch aufgrund unterschiedlicher Stichprobengrößen.

Anhand des Kruskal-Wallis-Tests kann nachgewiesen werden, dass sich die Einschätzungen zwischen Befragten aus Betrieben aus den verschiedenen Versorgungsbereichen (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege mit einer Stichprobengröße von n=4) signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=6,827; p=0,033). Mittels des Mann-Whitney-U-Tests wird ein signifikanter Unterschied zwischen den Akteuren aus den Versorgungsbereichen der akutstationären Pflege und der stationären Langzeitpflege nachgewiesen (z=−2,382; p=0,017). Dabei nehmen die Akteure aus der stationären Langzeitpflege innerhalb ihres Versorgungsbereiches eine höhere Zustimmung (mittlerer Rang=10,88) wahr als Akteure aus der akutstationären Pflege (mittlerer Rang=20,68). Eine eingeschränkte Interpretation des Mann-Whitney-U-Tests ergibt sich aufgrund der unterschiedlich großen Stichproben (n=28/n=8). Keine signifikanten Unterschiede gibt es zwischen den Versorgungsbereichen der akutstationären und der versorgungsbereichsübergreifenden Pflege (z=−1,039; p=0,299) sowie zwischen der stationären Langzeitpflege und der versorgungsbereichsübergreifenden Pflege (z=−2,125; p=0,059).

Für einen Gruppenvergleich gemäß der Befragungsgruppen wurden die Vertreter:innen von Verbänden (n=5) und Trägern (n=4) zu einer Stichprobe zusammen genommen. Die Bündelung der übergeordneten Perspektiven aus den Verbänden und Trägern scheint plausibel, weil angenommen wird, dass sie über eine einrichtungsbezogene betriebliche bzw. schulische Perspektive hinausgehen. Mit n=4 wurde die Befragungsgruppe Auszubildende/Studierende PQS grundsätzlich von den Hypothesentests ausgeschlossen. Unter Berücksichtigung der Befragtengruppen konnte mittels eines Mann-Whitney-U-Test ein signifikanter Unterschied bei der Wahrnehmung einer Akzeptanz innerhalb der eigenen Einrichtung zwischen den Befragten aus Schulen und aus Betrieben festgestellt werden (z=−2,697; p=0,007). Über die mittleren Ränge wird sichtbar, dass in schulischen Einrichtungen (mittlerer Rang=42,67) eine höhere Akzeptanz wahrgenommen wird als in Betrieben (mittlerer Rang=57,79).

Keine signifikanten Unterschiede zwischen den Personen aus Betrieben, Schulen, Trägern/Verbänden ließen sich mittels Kruskal-Wallis-Test für die Ebene der Pflegebranche insgesamt (Kruskal-Wallis-H=0,478; p=0,787) nachweisen. Ebenso gibt es keine nachweisbaren Unterschiede bzgl. der persönlichen Haltung der Befragten aus den Schulen, Betrieben oder Trägern/Verbänden (Kruskal-Wallis-H=4,589; p=0,101).

Die quantitativen Befunde werden nachfolgende durch qualitative Befunde ergänzt. Die befragten Personen wurden gebeten, Gründe zu nennen, die aus ihrer Sicht dazu führen, dass die generalistische Pflegeausbildung auf eine eingeschränkte Akzeptanz stößt. Diese Frage wurde allen Personen vorgelegt, aber nicht von allen Personen beantwortet (n=96). Insgesamt liegen n=26 Antworten aus der akutstationären Pflege, n=6 Antworten aus der stationären Langzeitpflege, n=4 Antworten aus der ambulanten Pflege, n=5 Antworten aus versorgungsbereichsübergreifenden Einrichtungen und n=44 Antworten aus Schulen vor. Ergänzt werden diese um n=4 Antworten von Befragten aus Verbänden, n=4 Antworten von Trägervertrer:innen und n=3 Antworten von Auszubildenden/Studierenden des PQS. Die Auswertung erfolgte thematisch und wurde in verschiedene Kategorien gegliedert. Während die in den Kategorien genannten Gründe im Folgenden näher beleuchtet werden, zeigt Abbildung 1, von welchen Personengruppen die Kategorien genannt wurden.

Abbildung 1: Gründe für eine eingeschränkte Akzeptanz (dunkelblau = Kategorie wird von Personengruppe genannt; eigene Darstellung)Abbildung 1: Gründe für eine eingeschränkte Akzeptanz (dunkelblau = Kategorie wird von Personengruppe genannt; eigene Darstellung)

Es werden die drei am häufigsten genannten Kategorien (Rahmenbedingungen in der Praxis, Praxiseinsätze und Vorbereitung auf bestimmte Bereiche) detailliert beschrieben.

Rahmenbedingungen in der Praxis

In Bezug auf die Rahmenbedingungen in der Praxis werden als mögliche Gründe für eine eingeschränkte Akzeptanz ein Mangel an Praxisanleitenden, Defizite in der Qualität der Anleitung, organisatorische Schwierigkeiten, die Gefahr einer Ausbeutung von Auszubildenden sowie eine heterogene bis unzureichende Ausbildungsqualität genannt. Ergänzend verweisen die Befragten auf erhöhten Mehraufwand, unzureichende Vergütung der Praxisanleitenden, belastende Arbeitsbedingungen, fehlenden Skill-Grade-Mix, geringen Kenntnisstand über die Ausbildung und damit verbunden eine geringe Bereitschaft zur Auseinandersetzung damit sowie Defizite in der Betreuung von Pflegestudierenden. Weitere Aspekte betreffen fehlendes Interesse an Implementierungsprozessen, strukturelle Schwierigkeiten in den Einrichtungen, die Freistellung von Praxisanleitenden in der Altenpflege sowie die Befürchtung, dass sich Auszubildende nach der Ausbildung für die Akutpflege entscheiden und aus der Langzeitpflege abwandern.

Praxiseinsätze

Als Gründe für eine eingeschränkte Akzeptanz der neuen Organisation der Praxiseinsätze werden die fehlende Bindung an den Träger durch längere Abwesenheiten, die kurze Praxiszeit in der Pädiatrie, das begrenzte Angebot pädiatrischer Einsatzmöglichkeiten sowie die unzureichende Berücksichtigung individueller Interessen genannt. Zudem werden eine zu starke Gewichtung der Einsätze in der Langzeitpflege, die häufigen Praxisortwechsel sowie die Diskrepanz zwischen dem Interesse an der pädiatrischen Versorgung und Einsätzen in der Altenpflege und vice versa thematisiert.

Vorbereitung auf bestimmte Bereiche

Die Vorbereitung auf spezifische Versorgungsbereiche wird als unzureichend eingeschätzt aufgrund der breiten (vs. vertieften) Wissensvermittlung und eingeschränkten Kompetenzentwicklung, der unzureichenden Spezialisierung und mangelhaften Vorbereitung auf Tätigkeiten in der Pädiatrie sowie der geringen Berücksichtigung von Besonderheiten der Altenpflege. Weiterhin wird moniert, dass die Auszubildenden in – aus Sicht der Befragten –zentralen Fächern (Anatomie, Physiologie, Pathologie, Pharmakologie) nicht mehr wie bisher unterrichtet werden. Alle angeführten Kritikpunkte werden als Ursachen der eingeschränkten Akzeptanz der Generalistik genannt. Hinzu kommen Defizite in der Vorbereitung auf höhere medizinische Anforderungen in der Akutpflege. Ganz allgemein und grundsätzlich wird an der Zusammenlegung vormals getrennter Ausbildungen eine unzureichende spezifische Fachkompetenz kritisiert. Praxiseinsätze vermittelten zudem häufig nur Teilaspekte der spezifischen Pflegepraxis.

4.3 Pflegeprozesssteuerung

Der Grad der Umsetzung der vorbehaltenen Tätigkeit der Pflegeprozesssteuerung im Rahmen der Ausbildung wird mittels zwei Aspekten beleuchtet: Die eigenverantwortliche Anpassung des Pflegeprozesses an situative Gegebenheiten einerseits und die Berücksichtigung aller Aspekte einer Pflegesituation andererseits – jeweils bezogen auf die und im Rahmen der Ausbildung.

Eigenverantwortliche Anpassung des Pflegeprozesses an situative Gegebenheiten

Der erste genannte Aspekt wurde durch die Aussage Das Pflegeberufegesetz definiert den Pflegeprozess als Vorbehaltsaufgabe von Pflegefachpersonen. Infolgedessen ist die Ausbildung daran ausgerichtet, dass Auszubildende/Studierende lernen, den Pflegeprozess eigenverantwortlich den situativen Gegebenheiten anzupassen. erfasst und konnte von den befragten Personen anhand einer sechsstufigen Antwortskala angelehnt an die unterschiedlichen Phasen des Change-Management-Prozesses gemäß dem ADKAR-Modell (Hiatt 2006) beantwortet werden (siehe Anlage 1). Es handelt sich demnach nicht um Selbstauskünfte der befragten Personen zur eigenen Verortung auf der Skala. Die Aussage wurde n=111 schulischen und betrieblichen Akteuren sowie Vertreter:innen von Verbänden und Trägern zur Einschätzung vorgelegt. Auszubildende und Studierende (n=4) wurden zum Grad der Umsetzung der Pflegeprozesssteuerung im Rahmen der Ausbildung nicht befragt. Insgesamt gaben n=109 Personen ihre Einschätzung dazu ab.

Abbildung 2: Pflegeprozess: Eigenverantwortliche Anpassung an situative Gegebenheiten (n=109; Med=4)Abbildung 2: Pflegeprozess: Eigenverantwortliche Anpassung an situative Gegebenheiten (n=109; Med=4)

Von den befragten Personen geben 16,5 % an, dass die an der Ausbildung beteiligten Personen noch kein Bewusstsein dafür haben, die Ausbildung daran auszurichten, dass Auszubildende/Studierende lernen, den Pflegeprozess eigenverantwortlich den situativen Gegebenheiten anzupassen (siehe Abbildung 2). Zumindest ein bestehendes Bewusstsein für diese Veränderungen sehen 20,2 % der Befragten bei ausbildungsrelevanten Akteuren als gegeben an. Etwa die Hälfte der Befragten sind der Meinung, dass die mitwirkenden Personen mindestens bereit sind, diese Veränderung zu unterstützen und über die Kompetenzen für deren Umsetzung verfügen (Med=4; 50,4 %). Von den befragten Personen sind 22 % davon überzeugt, dass bereits veränderte Vorgehensweisen angewandt werden und 16,5 % der Befragten sind der Meinung, dass diese Veränderung bereits zum selbstverständlichen Teil des beruflichen Handelns der an der Ausbildung mitwirkenden Personen geworden ist.

Der Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass sich die Einschätzungen zwischen den Befragungsgruppen der Akteure aus Betrieben, Schulen und Verbänden/Trägern nicht signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=2,810; p=0,245). Für diesen Gruppenvergleich wurden Vertreter:innen von Verbänden und Trägern als eine Stichprobe zusammengenommen, damit die Mindestgröße der Stichprobe von n=5 erreicht werden kann.

Ein Kruskal-Wallis-Test (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege mit einer Stichprobengröße von n=4) belegt, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrieblichen Akteuren aus den verschiedenen Versorgungsbereichen gibt (Kruskal-Wallis-H=0,544; p=0,762). Bei beiden Hypothesentests ist eine eingeschränkte Aussagekraft aufgrund unterschiedlicher Stichprobengrößen und voneinander abweichenden Verteilungen der Stichproben gegeben.

Alle Aspekte einer Pflegesituation erfassen und in den Pflegeprozess einbeziehen

N=111 Personen aus Schulen oder Betrieben sowie Vertreter:innen von Verbänden oder Trägern wurden gebeten, folgende Aussage zu bewerten: Das Pflegeberufegesetz definiert den Pflegeprozess als Vorbehaltsaufgabe von Pflegefachpersonen. Infolgedessen ist die Ausbildung daran orientiert, dass Auszubildende/Studierende lernen, alle Aspekte einer Pflegesituation zu erfassen und in den Pflegeprozess einzubeziehen. Von den n=111 Personen haben n=109 Personen eine Einschätzung abgegeben.

Abbildung 3: Pflegeprozess: Alle Aspekte einer Pflegesituation erfassen und einbeziehen (n=109; Med=4)Abbildung 3: Pflegeprozess: Alle Aspekte einer Pflegesituation erfassen und einbeziehen (n=109; Med=4)

Im Vergleich zum erstgenannten Aspekt Eigenverantwortliche Anpassung des Pflegeprozesses an situative Gegebenheiten scheint sich die Umsetzung tendenziell zu unterscheiden: 52,3 % (Med=4) der befragten Akteure sind der Meinung, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen bereit sind, die Ausbildung daran zu orientieren, dass Auszubildende/Studierende lernen, alle Aspekte einer Pflegesituation zu erfassen und in den Pflegeprozess einzubeziehen und auch über die dafür notwendigen Kompetenzen verfügen (siehe Abbildung 3). Im Unterschied zum vorherigen Aspekt sind 13,8 % der befragten Personen der Ansicht, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen bereits veränderte Vorgehensweisen anwenden, damit Auszubildende/Studierende lernen, alle Aspekte einer Pflegesituation zu erfassen und in den Pflegeprozess einzubeziehen. 20,2 % attestieren den an der Ausbildung mitwirkenden Personen, dass diese Veränderung bereits zum selbstverständlichen Teil ihres beruflichen Handelns geworden ist.

Der Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass sich die Einschätzungen zwischen den Befragungsgruppen (Betrieb, Schule, Verband/Träger) nicht signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=3,872; p=0,144). Für diesen Gruppenvergleich wurden Vertreter:innen von Verbänden und Trägern zusammengenommen, damit die Mindestgröße der Stichprobe von n=5 erreicht werden kann.

Ein Kruskal-Wallis-Test (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege mit einer Stichprobengröße von n=4) belegt (Kruskal-Wallis-H=2,052; p=0,358), dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrieblichen Akteuren aus den verschiedenen Versorgungsbereichen gibt. Auch hier ist auf eine eingeschränkte Aussagekraft der durchgeführten Hypothesentests aufgrund unterschiedlicher Stichprobengröße und voneinander abweichenden Verteilungen der Stichproben zu verweisen.

4.4 Kompetenzorientierung

Der Grad der Umsetzung der Kompetenzorientierung als leitendes Ausbildungsprinzip wird anhand von zwei Aspekten erhoben: Die stärkere Ausrichtung der Ausbildung am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden und die Vermittlung von Inhalten anhand konkreter Anwendungssituationen.

Stärkere Orientierung der Ausbildung am individuellen Entwicklungsprozess

Die Befragungsteilnehmenden wurden um eine Einschätzung der Umsetzung aktueller berufspädagogischer Prinzipien in der generalistischen Ausbildung gebeten. Anhand der Antwortmöglichkeiten gemäß den Prozessstufen des ADKAR-Modells (Hiatt 2006) antworteten die Personen auf die Formulierung: Um Pflegefachpersonen besser auf zukünftige Pflegeanforderungen vorzubereiten, wurde die Ausbildung an aktuellen berufspädagogischen Prinzipien ausgerichtet. Infolgedessen ist die Ausbildung stärker am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden ausgerichtet. Insgesamt haben von n=111 Personen n=110 Personen aus Schulen, Betrieben, Verbänden und Trägern die Frage beantwortet. Auszubildende und Studierende haben diese Frage nicht erhalten.

Abbildung 4: Neue berufspädagogische Prinzipien: Orientierung am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden (n=110; Med=3)Abbildung 4: Neue berufspädagogische Prinzipien: Orientierung am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden (n=110; Med=3)

20 % der befragten Personen attestieren den an der Ausbildung mitwirkenden Personen, dass sie kein Bewusstsein dafür haben, dass die Ausbildung stärker am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden auszurichten ist (siehe Abbildung 4). Weiterhin wird von 60,9 % die Meinung vertreten, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen nicht über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um die Ausbildung stärker am individuellen Entwicklungsprozess der Auszubildenden/Studierenden auszurichten. Etwa jede vierte Person (24,6 %) nimmt wahr, dass ausbildungsrelevante Akteure veränderte Vorgehensweisen für die Umsetzung der aktuellen berufspädagogischen Prinzipien anwenden.

Bei den nachfolgenden Hypothesentests ist eine eingeschränkte Aussagekraft aufgrund unterschiedlicher Stichprobengröße und voneinander abweichenden Verteilungen der Stichproben gegeben. Anhand des Kruskal-Wallis-Tests kann nachgewiesen werden, dass sich die Einschätzungen zwischen den Befragungsgruppen der Akteure aus Betrieben, Schulen, Verbänden/Trägern signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=7,737; p=0,021). Einschränkend muss darauf hingewiesen werden, dass sich die Strichprobengrößen deutlich unterscheiden (Betrieb n=49; Schule n=52 und Verband/Träger n=9) und die Verteilungen ebenfalls voneinander abweichen. Für diesen Gruppenvergleich wurden Vertreter:innen von Verbänden und Trägern zusammengenommen, damit die Mindestgröße der Stichprobe von n=5 erreicht werden kann.

Der Mann-Whitney-U-Test weist einen signifikanten Unterschied (z=−2,735; p=0,006) zwischen den betrieblichen Akteuren und den Vertreter:innen aus Verbänden/Trägern nach. Betriebliche Akteure schätzen die Umsetzung des Aspekts der stärkeren Orientierung am individuellen Entwicklungsprozess als weiter fortgeschritten ein (mittlerer Rang=32,05) im Vergleich zu den Vertreter:innen von Verbänden/Trägern (mittlerer Rang=15,61).

Ebenso ist ein Unterschied zwischen den schulischen Akteuren und Vertreter:innen von Verbänden/Trägern gegeben (z=−2,052; p=0,04). Schulische Akteure schätzen die Umsetzung des Aspekts der stärkeren Orientierung am individuellen Entwicklungsprozess als weiter fortgeschritten ein (mittlerer Rang=32,89) im Vergleich zu den Vertreter:innen von Verbänden/Trägern (mittlerer Rang=20,06).

Es ist mit dem Mann-Whitney-U-Test kein Unterschied zwischen den Akteuren aus Schulen und Betrieben nachzuweisen (z=−1,255; p=0,209).

Ein Kruskal-Wallis-Test (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege mit einer Stichprobengröße von n=4) belegt, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrieblichen Akteuren aus den verschiedenen Versorgungsbereichen gibt (Kruskal-Wallis-H=3,261; p=0,196).

Vermittlung von Inhalten anhand konkreter Anwendungssituationen

Mit Blick auf die Abkehr von fächerbezogenen Lehr-/Lerninhalten nehmen die Befragten eine tendenziell weiter fortgeschrittene Umsetzung wahr. Als zweiter Aspekte der aktuellen berufspädagogischen Prinzipien der generalistischen Ausbildung wird die Einschätzung bezüglich der Vermittlung von Inhalten bezogen auf konkrete Anwendungssituationen erhoben. Die Aussage im Fragebogen lautet: Um Pflegefachpersonen besser auf zukünftige Pflegeanforderungen vorzubereiten, wurde die Ausbildung an aktuellen berufspädagogischen Prinzipien ausgerichtet. Infolgedessen ist die Ausbildung daran orientiert, dass Auszubildende/Studierende Inhalte nicht nach Fächern, sondern bezogen auf konkrete Anwendungssituationen lernen. Insgesamt haben n=111 Personen die Frage beantwortet.

Abbildung 5: Neue berufspädagogische Prinzipien: Vermittlung von Inhalten bezogen auf konkrete Anwendungssituationen (n=111; Med=4)Abbildung 5: Neue berufspädagogische Prinzipien: Vermittlung von Inhalten bezogen auf konkrete Anwendungssituationen (n=111; Med=4)

Gemäß der Abbildung 5 teilen knapp über 50 % der Befragten die Einschätzung, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen über die notwendigen Kompetenzen verfügen, 21,6 % sind der Meinung, dass bereits veränderte Vorgehensweisen umgesetzt werden und 19,8 %, dass die Veränderungen bereits zum selbstverständlichen Teil des beruflichen Handelns geworden sind. Es zeigt sich, dass die befragten Akteure den an der Ausbildung mitwirkenden Personen eine tendenziell weiter fortgeschrittene Umsetzung der Vermittlung von Inhalten anhand konkreter Anwendungssituationen attestieren im Vergleich zur Orientierung am individuellen Entwicklungsprozess.

Der Kruskal-Wallis-Test zeigt, dass sich die Einschätzungen zwischen den Befragungsgruppen (Betrieb, Schule, Verband/Träger) nicht signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=2,045; p=0,360). Für die Gruppenvergleiche wurden Vertreter:innen von Verbänden und Trägern zusammengenommen, damit die Mindestgröße der Stichprobe von n=5 erreicht werden kann. Die Aussagekraft der Testergebnisse ist aufgrund unterschiedlicher Stichprobengrößen und voneinander abweichenden Verteilungen der Stichproben eingeschränkt.

4.5 Versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung

Im Zusammenhang mit der versorgungsbereichsübergreifenden Ausbildung werden zwei Aspekte aufgenommen. Zum einen erfolgt eine Einschätzung hinsichtlich der Abbildung der Breite der Pflege in Theorie und Praxis und zum anderen die veränderte Betreuung von Auszubildenden/Studierenden des PQS in den Praxiseinsätzen.

Abbildung der Breite der Pflege in Theorie und Praxis

Die Aussage Um Pflegefachpersonen besser auf zukünftige Pflegeanforderungen vorzubereiten, ist eine versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung mit verschiedenen Praxiseinsätzen erforderlich. Infolgedessen muss die Breite der Pflege in Theorie und Praxis abgebildet sein. wurde ebenfalls anhand einer sechsstufigen Antwortskala angelehnt an die unterschiedlichen Phasen des Change-Management-Prozesses gemäß dem ADKAR-Modell beantwortet. Die Aussage wurde n=111 schulischen sowie betrieblichen Akteuren und Vertreter:innen von Verbänden und Trägern präsentiert.

Abbildung 6: Versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung: Breite der Pflege in Theorie und Praxis (n=110; Med=3)Abbildung 6: Versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung: Breite der Pflege in Theorie und Praxis (n=110; Med=3)

Insgesamt liegen n=110 gültige Fälle vor. 16,4 % sind der Meinung, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen kein Bewusstsein dafür haben, dass die Breite der Pflege in Theorie und Praxis abgebildet werden muss (siehe Abbildung 6). Demgegenüber teilen knapp die Hälfte der Befragten (48,2 %) die Einschätzung, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen bereit sind, diese Veränderung zu unterstützen; wobei 21,8 % der Befragten der Meinung sind, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen über die Kompetenzen für deren Umsetzung verfügen. 19,1 % der befragten Akteure sind ferner überzeugt, dass die mitwirkenden Personen bereits veränderte Vorgehensweisen anwenden, um die Breite der Pflege in Theorie und Praxis abzubilden und 7,3 % attestieren den an der Ausbildung mitwirkenden Personen veränderte Vorgehensweisen bereits als selbstverständlichen Teil ihres beruflichen Handelns.

Ein Kruskal-Walis-Test zeigt, dass sich die Einschätzungen zwischen den Befragungsgruppen (Betrieb, Schule, Verband/Träger) nicht signifikant unterscheiden (Kruskal-Wallis-H=3, 567; p=0,168). Für diesen Gruppenvergleich wurden Vertreter:innen von Verbänden und Trägern zusammengenommen, damit die Mindestgröße der Stichprobe von n=5 erreicht werden kann.

Der Kruskal-Wallis-Test (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege da n=4) belegt (Kruskal-Wallis-H=1,771; p=0,413), dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrieblichen Akteuren aus den verschiedenen Versorgungsbereichen gibt. Beide Hypothesentests haben eine eingeschränkte Aussagekraft, aufgrund unterschiedlicher Stichprobengrößen und voneinander abweichenden Verteilungen.

Veränderte Betreuung der Auszubildenden/Studierenden in den Praxiseinsätzen

Ferner wurden Einschätzungen und Erfahrungen zum Aspekt der versorgungsbereichsübergreifenden Ausbildung mit der Aussage erfasst: Um Pflegefachpersonen besser auf zukünftige Pflegeanforderungen vorzubereiten, ist eine versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung mit verschiedenen Praxiseinsätzen erforderlich. Damit einher geht, dass Auszubildende/Studierende weniger Zeit beim Träger der praktischen Ausbildung verbringen und sich somit ihre Betreuung in den Praxiseinsätzen verändert. Diese Aussage wurde n=58 Teilnehmenden aus den Befragungsgruppen Betrieb, Verband und Träger vorgelegt.

Abbildung 7: Versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung: Veränderte Betreuung in den Praxiseinsätzen (n=58; Med=2)Abbildung 7: Versorgungsbereichsübergreifende Ausbildung: Veränderte Betreuung in den Praxiseinsätzen (n=58; Med=2)

In der Analyse dieser Frage wurden n=58 gültige Fälle berücksichtigt. 31,0 % der befragten Akteure geben an, dass die an der Ausbildung mitwirkenden Personen kein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer veränderten Betreuung der Auszubildenden in den Praxiseinsätzen haben (siehe Abbildung 7). 24,1 % sind der Meinung, dass bereits ein Bewusstsein für die notwendigen Veränderungen bei den ausbildungsrelevanten Akteuren besteht, eine veränderte Betreuung der Auszubildenden/Studierenden in den Praxiseinsätzen aber nicht für sinnvoll gehalten und keine Bereitschaft zur Unterstützung dieser Veränderung wahrgenommen wird. 19 % der Befragten schreiben den an der Ausbildung mitwirkenden Personen bereits veränderte Vorgehensweisen bei der Betreuung von Auszubildenden in den Praxiseinsätzen zu und 6,9 % der befragten Personen sehen die veränderte Betreuung bereits als selbstverständlichen Teil des beruflichen Handelns in der Pflegeausbildung.

Ein Gruppenvergleich anhand des Mann-Whitney-U-Tests zeigt für die beiden unabhängigen Stichproben der befragten Personen aus Betrieben und Verbänden/Trägern keine signifikanten Unterschiede (z=−1,102; p=0,270).

Ein Kruskal-Wallis-Test (ohne Berücksichtigung des Versorgungsbereichs der ambulanten Pflege da n=4) belegt, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den betrieblichen Akteuren aus den verschiedenen Versorgungsbereichen gibt (Kruskal-Wallis-H=2,519; p=0,284). Beide Hypothesentests haben eine eingeschränkte Aussagekraft, weil sie unterschiedliche Stichprobengrößen und voneinander abweichende Verteilung vorweisen.

5 Implikationen für den weiteren Transfer hin zur Verstetigung

Die wahrgenommene höhere Akzeptanz auf der Ebene der persönlichen Einstellung und der Ebene der eigenen Einrichtung im Vergleich zur Ebene des eigenen Versorgungsbereichs oder der Pflegebranche insgesamt könnte damit zusammenhängen, dass Personen, die der Generalistik positiv gegenüberstehen, tendenziell eher bereit sind, an einer wissenschaftlichen Befragung teilzunehmen. Zusätzlich könnten Akteure, die mit der Einführung und Umsetzung der generalistischen Pflegeausbildung besonders beansprucht sind, aufgrund fehlender zeitlicher Ressourcen eher von einer Teilnahme an einer Befragung absehen. Akteure aus der stationären Langzeitpflege nehmen innerhalb ihres Versorgungsbereiches eine höhere Zustimmung zur Generalistik wahr als Akteure aus der akutstationären Pflege. Dies ist besonders interessant, weil es in der Domäne Pflege die Befürchtung und die Wahrnehmung gibt, dass Auszubildende aus der stationären Langzeitpflege in andere Versorgungsbereiche abwandern. Eine höhere Akzeptanz könnte damit zusammenhängen, dass aus Sicht der befragten Personen aus der stationären Langzeitpflege die komplexeren Versorgungsanforderungen mit der generalistischen Ausbildung besser adressiert werden. Weiterhin könnte zum Tragen kommen, dass die Langzeitpflege die Generalistik als Aufwertung erlebt, weil sie den Auszubildenden mehr Möglichkeiten eröffnet. Über alle Versorgungsbereiche hinweg wird eine unzureichende Vorbereitung auf spezifische Versorgungsbereiche von den Befragten wahrgenommen, die sich insbesondere auf eine breite (vs. vertiefte) Wissensvermittlung und eingeschränkte Kompetenzentwicklung sowie das Fehlen – aus Sicht der Befragten zentraler – Inhalte (Anatomie, Physiologie, Pathologie, Pharmakologie) bezieht. Eine positivere Einschätzung bezüglich Verständnis und Akzeptanz der Generalistik von schulischen im Vergleich zu betrieblichen Akteuren scheint plausibel, da sich in den Interviews im Rahmen der qualitativen Schwerpunktbefragungen im Forschungsprojekt BENP zeigte, dass die Schulen eine führende Rolle im Rahmen der Umsetzung der Ausbildungsreform einnehmen (Wochnik et al., 2024).

Bei beiden Items der Dimension ¸Pflegeprozessʹ zeigt sich eine Spreizung der Zustimmungswerte auf der ADKAR-Skala: Motivation und Bereitschaft zur Umsetzung zeigen hohe Zustimmungswerte, ebenso wie die bereits vorfindliche Kompetenzausstattung für die Umsetzung bzw. dass sich diese Umsetzung bereits in Routinen zeigt. Ein Unterschied nach Versorgungsbereichen ließ sich nicht nachweisen, zu vermuten sind hier betriebsspezifische Unterschiede. Dies wiederum ließe sich als Hinweis darauf deuten, dass die Umsetzung zwischen verschiedenen Einrichtungen/Schulen variiert, was mit unterschiedlichen Ausbildungsbedingungen einherginge. Bei der Dimension ¸neue berufspädagogische Prinzipienʹ fallen die Antworten zu den beiden präsentierten Items unterschiedlich aus. Mit Blick auf die stärkere Orientierung der Ausbildung am individuellen Entwicklungsprozess zeigt sich in der Bewertung des Umsetzungsgrads eine fast gleichmäßige Verteilung über die ADKAR-Phasen, wobei nur ca. 6 % der Befragten ihrem Umfeld eine bereits selbstverständliche Umsetzung dieses Prinzips attestieren. Positiver schneidet die Bewertung der Umsetzung im Hinblick auf die Situationsorientierung ab: Hier entfallen rund 40 % der Angaben darauf, dass sich das Prinzip in veränderten Vorgehensweisen zeigt oder sogar bereits Teil von Handlungsroutinen ist. Das lässt sich damit erklären, dass dieses Prinzip auch schon in den vorherigen Pflegeausbildungen als Lernfeldansatz angelegt war. Aus der versorgungsbereichsübergreifenden Ausbildung ergeben sich zwei zentrale Veränderungen für die Berufsbildungspraxis. Wissen und Kompetenzen sind in einer größeren Breite zu vermitteln und zu erwerben als zuvor. Die Betreuung der Auszubildenden/Studierenden ist durch den Träger der praktischen Ausbildung so zu gestalten, dass der Kontakt auch über längere Abwesenheiten durch externe Praxiseinsätze in einer Weise gepflegt wird, dass die Kompetenzentwicklung der Auszubildenden gut begleitet werden kann. Beim Item ¸Breite der Pflege in Theorie und Praxisʹ zeigt sich wieder eine Spreizung der Bewertung. Einerseits wird den Beteiligten in höherem Maße die erforderlichen Wissens- und Fähigkeitsvoraussetzung attestiert; andererseits gibt es höhere Zustimmungswerte bei der Umsetzungsstufe, in der erst ein Bewusstsein für Notwendigkeit dieser Veränderung entwickelt wird. Mit Blick auf die Betreuung der Auszubildenden/Studierenden zeigen sich die deutlichsten Entwicklungspotenziale: Die Umsetzung scheint hier noch sehr in den Anfangsstadien zu sein.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die generalistische Pflegeausbildung einerseits breite Zustimmung auf der individuellen Ebene erfährt, andererseits jedoch auf organisationaler und systemischer Ebene noch erhebliche Hürden bestehen. Für eine nachhaltige Verstetigung lassen sich daraus mehrere zentrale Implikationen ableiten.

  • Stärkung der strukturellen Rahmenbedingungen: Fehlende Ressourcen für Praxisanleitung, hohe Belastungen im Arbeitsalltag sowie organisatorische Engpässe beeinträchtigen die Qualität der Umsetzung. Hier sind sowohl Träger als auch politische Entscheidungsträger gefordert, verbindliche Regelungen zur Freistellung, Refinanzierung und Qualitätssicherung der Praxisanleitung zu etablieren (vgl. Rohde, 2023, S. 24).
  • Kohärente curriculare Weiterentwicklung: Die wahrgenommene Lücke zwischen dem breiten Kompetenzanspruch und der spezifischen Vorbereitung auf einzelne Versorgungsbereiche legt nahe, dass curriculare Anpassungen notwendig sind. Eine stärkere Verzahnung von generalistischer Basis und vertiefenden Spezialisierungen könnte Akzeptanzprobleme mindern.
  • Veränderungsmanagement und Kommunikation: Das ADKAR-Modell (Hiatt, 2006) beschreibt einen idealen Phasenverlauf, in dem die Phasen der Veränderung linear durchlaufen werden, sodass Veränderungsprozesse erfolgreich umgesetzt werden können. Entsprechend können Inkonsistenzen im Umsetzungsprozess zu Verunsicherungen bei Auszubildenden und Akteuren führen. Daher bedarf es kontinuierlicher Kommunikation, transparenter Information und begleitender Qualifizierungsmaßnahmen, die insbesondere auch Skeptiker:innen adressieren.
  • Evaluation und Feedbackschleifen: Um die Reform langfristig zu stabilisieren, ist eine fortlaufende Evaluation unter Einbeziehung aller relevanten Stakeholder notwendig. Feedbackschleifen können helfen, Praxisprobleme frühzeitig zu identifizieren und Lösungen zu entwickeln (Gräsel, 2010).

6 Fazit und Ausblick

Erfahrungen aus dem Forschungsprojekt BENP haben gezeigt, dass ausbildende Akteure der Domäne Pflege ein aktuell stark beforschter Personenkreis sind und der Feldzugang zu relevanten Personen teilweise schwierig ist (Tsarouha et al. 2025, S. 92). Über die selektive Stichprobe der Delphi-Befragung wurde sichergestellt, dass Akteure mit unterschiedlichen Perspektiven (z. B. aufgrund verschiedener Funktionen auf unterschiedlichen Leitungsebenen) für eine freiwillige Teilnahme an der Erhebung gewonnen werden. Zusätzlich konnten über das gezielte Sampling von Akteuren spezifische Erfahrungen erfasst werden, die sich ggf. aufgrund von geographischen bzw. regionalen Rahmenbedingungen (Bundesländer, Raumkategorien) unterscheiden. Somit handelt es sich nicht um eine repräsentative Stichprobe und die Ergebnisse sind nicht generalisierbar. Aufgrund der Zusammensetzung des Samples konnte dennoch ein umfangreiches Stimmungsbild der Akteure in der Domäne Pflege gewonnen werden.

Die Untersuchung zeigt, dass die generalistische Pflegeausbildung als Innovation grundsätzlich anerkannt wird und vor allem auf der persönlichen Ebene eine hohe Zustimmung erfährt. Zugleich bestehen erhebliche Herausforderungen in der Umsetzung, die sowohl die Akzeptanz auf organisationaler Ebene als auch die Nachhaltigkeit des Transfers betreffen. Besonders deutlich wird, dass die Diskrepanz zwischen den hohen Ansprüchen der Reform und den alltäglichen Rahmenbedingungen zu Spannungen führt (Reiber et al., 2023). Für die nächsten Jahre kommt es entscheidend darauf an, die Ausbildung nicht nur formal, sondern auch inhaltlich und strukturell zu konsolidieren. Gelingt es, Praxisbedingungen zu verbessern, curriculare Anpassungen vorzunehmen und Lernortkooperationen weiterzuentwickeln, kann die Reform ihr Innovationspotenzial weiter entfalten.

Weitere Forschung ist erforderlich, um die fortlaufenden Entwicklungen zu beobachten und insbesondere die Frage zu beantworten, wie sich die intendierte Flexibilität berufsbiographisch zeigt sowie auf die Versorgungsbereiche auswirkt, und ob es mittelfristig „Verlierer“ der Generalistik gibt. Das ist insbesondere dann zu befürchten, wenn sich die Arbeitsbedingungen der verschiedenen Versorgungsbereiche erheblich unterscheiden. Prinzipiell hat die Ausbildungsreform ein hohes Innovationspotenzial, da die Generalistik das Ziel hat, aktuelle und zukünftige Anforderungen an die pflegerische Versorgung passgenauer zu adressieren und auf versorgungsbereichsübergreifende, verbindlich definierte Kompetenzen setzt (Backes-Gellner & Lehnert, 2023). Ob diese Potenziale eingelöst werden, hängt jedoch maßgeblich von der Bereitschaft der Akteure in der Domäne Pflege ab, die Reform nicht nur als einmalige Neuerung, sondern als kontinuierlichen Prozess der Weiterentwicklung zu begreifen (Gräsel, 2010).

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Zitieren des Beitrags

Reiber, K., Tsarouha, E. & Braun, J.. (2025). Umsetzungsgrad der durch die generalistische Pflegeausbildung angestoßenen Innovationen: Verständnis, Akzeptanz und Verstetigung – Ergebnisse einer Befragung von Akteuren und Stakeholdern. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, 49, 1–21. https://www.bwpat.de/ausgabe49/reiber_etal_bwpat49.pdf

Veröffentlicht am 18. Dezember 2025