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bwp@ Spezial HT2025 - Juli 2026
Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf
Hrsg.: &
Einführung zu den Diskussionsbeiträgen der Fachtagung 04: Berufliche Bildung unter Inklusionsaspekten – Subjekt, Curriculum, Disziplin und Institution
Die Fachtagung 04 hat seit ihrer Implementierung im Rahmen der Hochschultage Berufliche Bildung 2017 in Köln den Diskurs zur regulativen Idee Inklusion aus berufsbildungswissenschaftlicher Sicht im Hinblick auf vier zentrale Thesen fortgeschrieben. Auch im Rahmen der HTBB 2025 in Paderborn wurde an diesen Diskurs unter besonderer Berücksichtigung aktueller Forschungsergebnisse angeknüpft.
Introduction to the discussion contributions of the symposium 04: Vocational education and training from an inclusion perspective - Subject, curriculum, discipline and institution
Since its implementation as part of the 2017 Vocational Education and Training University Days in Cologne, Symposium 04 has continued the discourse on the regulatory idea of inclusion from a vocational education science perspective with regard to four central theses. This discourse was also continued at the 2025 HTBB in Paderborn, with particular emphasis on current research findings.
1 Worum geht es?
Das Berufsbildungssystem reagiert auf Entwicklungen im Beschäftigungssystem vorrangig reaktiv im Mainstream des Manpower Approach. Dies wird bei der curricularen Konstruktion von Berufsbildungsgängen (Aus- und Fortbildungsberufe) sichtbar, denn bei ihren verschiedenen Bezugspunkten
- Qualifikationsanforderungen von (Erwerbs-)Arbeitsplätzen, von Strukturen und Entwicklungen der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit;
- Erkenntnisse der Wissenschaften (Begründungswissen und professionelle Handlungslehre);
- Lernvoraussetzungen und Lernbedürfnisse von Adressaten (Lernende und Arbeitende)
- rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen für Lern- und Arbeitsprozesse
- Ziele für Berufsbildungsgänge.
wird der Bezugspunkt Qualifikationsanforderungen besonders stark gewichtet – und damit rangieren implizit ökonomische Ziele vor pädagogischen Zielen und Kriterien bzw. vor dem öffentlichen Bildungsauftrag. Da eine direkte Orientierung der Arbeitslatzgestaltung am gesellschaftlich-politischen Inklusionsziel nicht durchgängig zu erwarten ist, sollte bei der curricularen Konstruktion von Berufsbildungsgängen der Bezugspunkt pädagogische Ziele stärker gewichtet werden, um dem Inklusionsziel näher kommen zu können. Dieser generelle Zusammenhang verschärft im Kontext digitaler Strukturwandelprozesse die individuellen (Exklusion) und gesellschaftlichen Risiken (Mismatches).
2 Welche Perspektiven werden unter dem Fokus Inklusion in den Blick genommen?
Wenn Inklusion auf Teilnahme an der Gemeinschaft, auf unabhängige Lebensführung, auf Selbstkompetenz, Gestaltung etc. zielt, dann ist die Teilnahme im Bildungs- und Beschäftigungssystem notwendiges Mittel zur Erreichung dieses Ziels. Das Inklusionsziel geht generell über die Integration von Bürger:innen in bestehende Systemstrukturen hinaus und fordert vielmehr Veränderungen bzw. Alternativen, die die Entwicklungsvoraussetzungen und -bedürfnisse der Restgruppen angemessen berücksichtigen und gleichzeitig den veränderten gesellschaftlichen Anforderungen u.a. im Kontext der Digitalisierung Rechnung tragen.
Der Aus- und Weiterbildung des Personals unter Professionalisierungsgesichtspunkten ist deshalb große Bedeutung für die Zielerreichung beizumessen. Dafür sind curriculare Konstruktionen von Berufsbildungsgängen zur Qualifizierung des gesamten Personals erforderlich, die kurzfristig überfachliche Kooperationen und multiprofessionelle Teamarbeit (Netzwerkarbeit) ermöglichen und mittel- bis langfristig eine Integration von bisher teildisziplinär gebundener Expertise im Sinne neuer, innovativer Wissensarchitekturen sicherstellen.
Wenn theoretisch begründet und anhand empirischer Daten - die aus dem reformierten Bildungs- und Beschäftigungssystem gewonnen wurden - belegt ist, dass trotz aller Reformen und demografischen Entwicklungen in beiden Systemen Restgruppen außerhalb beider Systeme verbleiben, braucht es einen offenen berufsbildungswissenschaftlichen Diskurs über nachhaltige Reproduktionsoptionen. Welche diesbezüglichen Optionen es gibt, haben wir mit Kolleg: innen im Rahmen der Fachtagung 04 in Paderborn diskutiert.
3 Welche Themenbereiche wurden adressiert?
Zur Implementierung und Profilierung berufsbildungswissenschaftlicher Forschungen mit dem Fokus „inklusive Berufsbildung im Kontext der Digitalisierung“ standen vier Thesen im Fokus:
- Professionalisierung für eine nachhaltige Berufsbildung mit Inklusionsanspruch braucht Subjektwissen
- über Adoleszente in Transformationsprozessen (u. a. Stigmatisierung und Exklusions- prozesse, Entstehung von Lernwiderständen und Verweigerungsmustern, Bedingungsfaktoren der Entwicklung von Bewältigungsstrategien, Zusammenhänge zwischen Sozial- und Individualcharakteren Jugendlicher)
- über pädagogische Fachkräfte, ihre habituellen Praxen sowie ihre Rollenflexibilität
- Professionalisierung für eine Berufsbildung mit Inklusionsanspruch braucht curriculares Wissen
- über empirisch gesicherte, berufsbildungswissenschaftlich erhobene Bedarfe an konkreten Arbeitsvermögen in digitalen Kontexten, die die nachwachsende Generation zur Bewältigung der gesellschaftlich erzwungenen Neukonfiguration von Erwerbsarbeit, Bürgerarbeit und Familienarbeit benötigt
- über angemessene berufsbildungswissenschaftlich legitimierte pädagogische Interventionen unter den Maßgaben „Methodische Leitfrage“, Repräsentationen, Bildungsgehalt
- Professionalisierung für eine Berufsbildung mit Inklusionsanspruch braucht Institutionenwissen
- zu Strukturwissen über pädagogische Institutionen im Wandel
- zum Verhältnis Duales System der Berufsausbildung, Jugendhilfe, Weiterbildung und Subjektbildung, Verhältnis berufliche und allgemeine Schulen in einer digitalen Welt
- zu Funktionsweisen sozialisatorischer Mischsysteme
- Professionalisierung für eine Berufsbildung mit Inklusionsanspruch braucht
Netzwerkwissen
- zu kollegialen und professionsübergreifenden Kooperationen, insbesondere in den Regionen
- zur Reorganisation öffentlicher und privater Gestaltungsmöglichkeiten in dauerhaften rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen.
4 Wie wurden die Thesen zur regulativen Idee Inklusion in Paderborn aufgegriffen und diskutiert?
Ulrike Stahl-Matena thematisiert in ihrem Beitrag zum Subjektwissen den (wiederauflebenden) Diskurs um den narzisstischen Sozialcharakter hinsichtlich seiner Bedeutung für die Lehrkräfteprofessionalisierung. Jan Breuer rekurriert auf die mit KI-Nutzung einhergehenden Vergesellschaftungsmodi der nachwachsenden Generation und die daraus erwachsenden Konsequenzen für die professionelle Handlungslehre. Sabrina Inez Weller fokussiert unter Bezugnahme auf die BA-BIBB-IAB-Bewerberstudie 2024 die Bewerber:innen mit Förderabschluss hinsichtlich der für den Übergang in eine Ausbildung relevanten Kenntnisse. Unter curricularen Gesichtspunkten diskutiert Ilka Benner die empirisch gewonnenen Ergebnisse zur Diversitätstauglichkeit von Pflegelehrplänen in unterschiedlichen (Ausbildungs-)Institutionen. Marie-Ann Kückmann fokussiert (Visual) Facilitation als Ansatz multiprofessioneller Teamarbeit in berufsbildenden Schulen im Hinblick auf inklusionsorientierte Netzwerkarbeit.
Zitieren des Beitrags
Buchmann, U. & Gericke, E. (2026). Einführung zu den Diskussionsbeiträgen der Fachtagung 04: Berufliche Bildung unter Inklusionsaspekten – Subjekt, Curriculum, Disziplin und Institution. In K. Hartwich, D. Heisler, P. Lippegaus, M. Schmökel, J. Schwede & C. Sommer (Hrsg.), bwp@ Spezial HT2025: Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf (S. 1–4). https://www.bwpat.de/ht2025/buchmann_gericke_ht2025.pdf



