bwp@ Spezial HT2025 - Juli 2026

Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf

Hrsg.: Katharina Hartwich, Dietmar Heisler, Petra Lippegaus, Michelle Schmökel, Jana Schwede & Christian Sommer

Wie der narzisstische Sozialcharakter Inklusion verhindert. Zur Deprofessionalisierung der Lehrprofession durch digitale Narrationen

Beitrag von Ulrike Stahl-Matena
Schlüsselwörter: narzisstischer Sozialcharakter, soziale Medien, pädagogische Professionalität, pädagogisches Arbeitsbündnis, professionelle Handlungslehre

Mit den Herausforderungen von Digitalisierung und Inklusion verstärkt sich die Relevanz der Professionalität im Lehrberuf. Gleichzeitig unterliegen aber Lehrkräfte, genau wie ihre Schülerinnen und Schüler auch, gesellschaftlichen Zusammenhängen, die die Entwicklung eines narzisstischen Sozialcharakters fördert. Die vorliegende Untersuchung setzt hier an und überprüft, inwiefern Narrationen, die junge Menschen dazu motivieren sollen, Lehrkräfte zu werden, diese Problematik verschärfen. Dazu wird zunächst erläutert, aufgrund welcher gesellschaftlichen Wandlungsprozesse sich der narzisstische Sozialcharakter entwickelt hat und wie er sich manifestiert. Dann wird insbesondere der dialektische Zusammenhang von Narzissmus und medialer Sozialisation am Beispiel der sozialen Medien in den Blick genommen, um darauf bezogene Anforderungen an pädagogische Professionalität zu begründen. Abschließend wird gezeigt, inwiefern die oben benannten Narrationen der begründeten Forderung nach mehr Professionalität im Lehrberuf zuwiderlaufen.

How the narcissistic social character hinders inclusion. On the deprofessionalization of teaching through digital narratives

English Abstract

The current challenges of digitalization and inclusion are increasing the relevance of professionalism in the teaching profession. At the same time, however, teachers, just like their students, are subject to social contexts that promote the development of a narcissistic social character. Here, this study sets in by examining the extent to which narratives intended to motivate young people to become teachers exacerbate this problem. To this end, it will first explain the social processes that have led to changes that in their wake brought the development of the narcissistic social character about. It then looks at how this social character manifests itself, before exploring the dialectical connection between narcissism and media socialization, using social media as an example. This dialectical connection needs to be unfolded in order to derive requirements for pedagogical professionalism from it. Finally, it will be examined to what extent the above-mentioned narratives contradict the call for greater professionalism in the teaching profession.

1 Die Ausgangslage: Erhöhter Professionalisierungsbedarf für Lehrkräfte und pädagogisches Personal

Mit den Evolutionen und Revolutionen im Kontext von Digitalisierungsprozessen stehen wir gesamtgesellschaftlich vor zahlreichen Herausforderungen, Fragen und auch Risikolagen, von denen manche stärker in den Blick genommen werden als andere. So werden z. B Fragen zur methodischen und technischen Gestaltung von Unterricht verstärkt diskutiert, während grundsätzlichere Fragen über die Beziehung, in der das Individuum, die Digitalisierung und die Gesellschaft stehen und welche Konsequenzen dies für die Anforderungen an Bildungsprozesse haben könnten, um gesellschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen, eher in den Hintergrund treten.

Damit werden zentrale Aspekte des Diskurses vernachlässigt und Bildungsangebote verbleiben auf einer visuellen Oberfläche von technischen Möglichkeiten, statt adressatenorientierte Angebote zur Subjektbildung zu unterbreiten. Um solche zu realisieren, ist ein genauer Blick auf die Lernenden unerlässlich, der nicht nur die konkrete Lernausgangslage erhebt, sondern auch die reale Lebenssituation von Schülerinnen und Schülern berücksichtigt. Diese wiederum steht im engen Zusammenhang mit aktuellen gesellschaftlichen Strukturen und Gegebenheiten, die auf das Individuum in ihr wirken. Mit wachsender Autonomie wirkt dann auch das Individuum auf die Gesellschaft zurück, so dass ein dialektisches Verhältnis zu attestieren ist, indem Menschen versuchen, sich als selbstwirksam in der Welt zu erleben. Diese ist jedoch Transformationsprozessen unterworfen, die alle daran Beteiligten vor große Herausforderungen stellt. Als einige wenige sind die Umweltfragen, wachsende Radikalisierung politischer Gruppen und die damit einhergehende, zunehmende gesellschaftliche Spaltung sowie der Umgang mit Digitalisierung zu nennen, also Risikolagen im Sinne Buchmanns (Buchmann, 2011, S. 187).

Soll Inklusion gelingen, ist es unerlässlich, in den Blick zu nehmen, wie Transformationsprozesse zu diesen Risikolagen führen und wie sie sich auf das Subjekt auswirken, um dann auf Basis dieser Analyse mögliche Entwicklungspotentiale für die Professionalität von Lehrkräften zu begründen. Der vorliegende Aufsatz leistet hierzu einen Beitrag, indem zunächst die oben angerissenen gesellschaftlichen Gegebenheiten und ihre Auswirkungen auf das Individuum in den Blick genommen werden. Die dabei festzuhaltenden Ergebnisse bieten erste Erklärungsansätze, warum die Digitalisierung die Inklusion erschweren könnte. In einem zweiten Schritt wendet sich der Blick dann der Frage zu, wie aktuelle Narrationen über Lehrkräfte diese Situation verschärfen und zur Deprofessionalisierung (Helsper, 2021, 58) der Profession beitragen.

2 Zur Dialektik von narzisstischem Sozialcharakter und „sozialen“ Medien

In der Vergangenheit haben sich immer wieder historische Umwälzungen ereignet, die z. B. in Gestalt politischer, technischer und ökonomischer Revolutionen daherkamen. Mit diesen Revolutionen, aber auch dem langsameren, tagtäglichen Wandeln einer Gesellschaft, verändern sich nicht nur direkt davon betroffene gesellschaftliche Bereiche, sondern auch das wesentlich feinere und schwerer zugängliche Gewebe, das eine Gesellschaft zusammenhält und zu einer Gesellschaft macht, die von anderen als unterschiedlich wahrgenommen werden kann. Fromm bezeichnet es als den Sozialcharakter einer Gesellschaft (Fromm, 1981). Dieser Sozialcharakter bildet sich in einem reziproken Prozess aller Mitglieder einer Gesellschaft, die Teil dieser sind, und so z.  B. gemeinsame Wert-, Denk- und Urteilsmuster entwickeln und zu Entscheidungsformen und Mentalitäten gelangen (Huisinga, 2015, S. 61).

Betrachtet man nun die historischen Entwicklungen der westlichen Gesellschaften, wird deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel zu zahlreichen Veränderungen geführt hat, in deren Folge sich tradierte Strukturen aufgelöst haben. Als Beispiel kann hier der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis dienen, der dazu beigetragen hat, dass Autoritäten wie Religionen ihre sinnstiftende Wirkung verlieren (Mitscherlich, 1973). Auch der Zugang zu Wissen führt dazu, dass Menschen gemachte Vorgaben in Frage stellen.

Mit diesem emanzipatorischen Prozess sind jedoch nicht nur positive Entwicklungen verbunden, denn die durch die Autoritäten erbrachte Integrationsleistung ging ebenfalls verloren, ohne dass adäquater Ersatz entstanden wäre. So ergibt sich auf der einen Seite eine zunehmende gesellschaftliche Zergliederung, denn das Individuum ist nicht mehr an gesellschaftliche Zwänge gebunden, die ihm einen bestimmten Ort im System zuweisen. Es entsteht eine neue Entscheidungsfreiheit, mit der sich Gruppenzugehörigkeiten, Werte etc. frei wählen lassen. Gleichzeitig steigen jedoch auch Abhängigkeiten, denn es wird immer herausfordernder, gesamtgesellschaftliche Prozesse zu überblicken. Hinzu kommen globale Vernetzungen, die höchst differenziert und diffizil sind und sich aufgrund ihrer hohen Komplexität dem Verständnis und erst recht der Steuerung durch den Einzelnen entziehen (Lasch, 1982).

So geht der Zuwachs an Möglichkeiten und Freiheiten auch mit einer Zunahme von Spannungszuständen einher. Die Selbstwirksamkeit des Individuums wird aufgrund der oben beschriebenen Komplexität in zentralen Aspekten eingeschränkt. Beziehungen werden zwar lebenswichtig, sind aber keine echten Beziehungen mehr. Stattdessen nehmen sie in Zeiten maximaler ökonomischer Spezialisierung auch Aspekte von Tauschgeschäften an. Damit ist die Funktionsweise der Gesellschaft weiter gewährleistet, für das Individuum entstehen jedoch Spannungsgefühle zwischen Selbstwirksamkeit und Bedeutungslosigkeit, die moderiert werden müssen, um nicht daran zu zerbrechen.

An anderer Stelle (Stahl-Matena, 2026, S. 48) sind diese Mechanismen anhand der Kategorie der Narration erläutert worden, die dazu dient zu explizieren, wie sich aktuell die dialektische Beziehung zwischen Subjekten und Welt manifestiert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Ausgangspunkt sind dabei gesellschaftliche Narrationen über Frauen/Mütter und Männer/Väter und deren Repräsentation in Werbung, Filmen und auch Selbstdarstellungen, wie bei Instagram üblich.

In dieser Argumentation konnte gezeigt werden, dass bestehende Narrationen das Potential haben, narzisstische Prägungen zu verschärfen. Als Narzissmus wird dabei „… eine Störung ihres [der Betroffenen] Selbstwertgefühls im Zusammenhang mit spezifischen Störungen in ihren Objektbeziehungen …“ (Kernberg 1980, S. 261) verstanden. Zwar wird diese Störung in der primären Objektbeziehung des Kindes angelegt, gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge führen aber dazu, dass die Objekte, also Mütter und Väter, sich in Double Binds befinden. So sollen sie einerseits doch klassische Aufgaben und Rollenbilder erfüllen, andererseits aber Klischees hinter sich lassen und moderne Ausgestaltungen ihrer Rollen entwickeln. Da sich diese komplexe Situation nicht allein auflösen lässt, sondern es dafür gesamtgesellschaftlicher Diskurse bedarf, wenden sich die Individuen Coping Strategien zu, die unterschiedlichste Formen annehmen können. Typisch für Menschen mit narzisstischer Prägung ist es aber, sich dem Außen zuzuwenden, ohne dabei echte Beziehungen etablieren zu wollen. Diese bergen die Gefahr der Verletzung und könnten als problematisch empfundene Objekt-Beziehungen aus der Kindheit triggern, weshalb sie vermieden werden. Gleichzeitig bietet die Bewunderung aus dem Außen aber die Möglichkeit, die eigene Unsicherheit für kurze Momente nicht spüren zu müssen.

Eine spezifische Form, diese Beziehungen zu gestalten, sind die bewusst und unbewusst gestalteten (Selbst)Narrationen des Subjekts über sich und seine Position in der Welt. Damit gelingt es ihm, Selbstwirksamkeit und ein Kohärenzgefühl zu empfinden, ohne die eigentlichen gesellschaftlichen Herausforderungen bearbeiten oder auch nur in den Blick nehmen zu müssen (Stahl-Matena, 2026, S. 94). Werden in diesen Narrationen nun Kinder z. B. als Requisite oder auch Belastungen stilisiert, überträgt sich die narzisstische Prägung von einer Generation auf die andere und stabilisiert den narzisstischen Sozialcharakter.

Dieser Prozess steht auch in direktem Zusammenhang mit den Entwicklungen der Digitalisierung. Hier bieten sich nämlich völlig neue Möglichkeiten, eigene Narrationen zu verbreiten und so eine spezifische Art der Beziehung zu etablieren. Durch Film, Streaming-Plattformen und sozialen Medien ist eine globale Reichweite prinzipiell immer denkbar und das Außen erweitert sich von Menschen, die man wirklich kennt, auf virtuelle Kommunikationsteilnehmer weltweit. Dieser Sachverhalt allein spielt narzisstisch geprägten Menschen in die Karten, denn er ermöglicht genau die gewünschte Art der Beziehung: eine Interaktion ohne ein wahres, emotionales Miteinander. Zudem können solche Beziehungen schnell beendet werden, wenn sie sich nicht in die gewünschte Richtung entwickeln – ein weiterer Aspekt, der narzisstisch geprägten Menschen zugutekommt, weil sie ihre Unabhängigkeit aufgrund von frustrierenden oder traumatisierenden frühen Beziehungserfahrungen um jeden Preis aufrechterhalten müssen.

Hinzu kommt, dass neue technische Möglichkeiten ein beständig wachsendes Repertoire an Werkzeugen bieten, um die eigene Narration und die in ihr enthaltene Selbstinszenierung zu optimieren. Die ideale Version des Selbst wird somit sichtbar und kann durch Filter, Bearbeitung und Schnitt weiter optimiert werden. Auch wenn das Ergebnis die Realität des Ichs verzerrt, spiegelt sich das Individuum im Glanze seiner perfekten Anmutung wie einst Narziss in Ovids Metamorphosen.

Doch diese Form der Selbstinszenierung hat noch einen weiteren Effekt, der das narzisstische Ich beruhigt, denn Plattformen wie Instagram und TikTok bieten eine Reichweite, die weit über die Grenzen des realen Alltags hinausreichen. Mit einem Klick kann man sich global vernetzen und mit dieser wachsenden Reichweite nimmt auch der gefühlte Einfluss einer einzelnen Person zu: sie wird zum Influencer. Steigt nun die Interaktionen mit anderen, vorrangig fremden Personen in Form von Klicks, Kommentaren oder eingelösten Gutscheinen, kann sich die beeinflussende Person gesehen und letztlich selbstwirksam fühlen, während ihre Beziehung gleichzeitig auf einen ökonomischen Charakter reduziert werden. Diese Situation bietet einen optimalen Nährboden, um bereits bestehende narzisstische Prägungen weiter zu verschärfen.

Die Manifestationsformen dieser Prägungen sind dabei vielseitig und bewegen sich auf einem breiten Spektrum, das von kleineren Verhaltensspezifika bis hin zur pathologischen Störung reicht. Ein Gefühl der Grandiosität, das dazu dient, die massive innere Unsicherheit zu überspielen, ist dabei typisch, aber auch andere Coping Strategien helfen, bedrohliche Gefühle abzuwehren. So sind hedonistische Settings mit hohem Spaßcharakter ebenso attraktiv für narzisstisch geprägte Menschen wie Machtpositionen und die Anerkennung von außen. All diese Emotionen helfen, die ständige Unsicherheit und Unzufriedenheit mit sich selbst und auch das Gefühle von innerer Leere und starker Angst in den Hintergrund zu schieben. Diese letzten beiden Empfindungen sind auch die Ursache dafür, warum abweichende Meinungen oder Verhaltensweisen nur schwer ertragen werden können. Es kommt zu einer klaren Scheidung der Welt in „gut“ und „böse“ oder auch „für mich“ und „gegen mich“.

Damit bieten die sozialen Medien einen hervorragenden Nährboden, um narzisstische Prägungen weiter zu stabilisieren oder gar zu verschärfen, während die narzisstischen Prägungen die Nachfrage nach Angeboten der sozialen Medien sichern. Es entsteht eine problematische Dialektik, die zu einer Verstärkung von Aspekten führt, die eigentlich kritisch aufgearbeitet werden müssten.

3 Herausforderung der Digitalisierung für Lehrkräfte

Eine Instanz, die den oben formulierte Auftrag realisieren sollte, sind die Schulen, da sie mit einem Bildungs- und Erziehungsauftrag betraut sind. Versteht man Bildung nun als „… die Entwicklung und Entfaltung von Wissen und Können, von Denken, Fühlen und Wollen, von menschlichem Miteinander sowie von wertender Formgebung der gesellschaftlichen Prozesse durch Arbeit“ (Huisinga & Lisop 1999, S. 176) ist es unweigerlich notwendig, die oben beschriebenen Zusammenhänge dem Subjekt zur Erkenntnis zu bringen. Damit kommt der Schule und den in diesem System agierenden Lehrkräften die Aufgabe zu, Kinder und Jugendliche nicht in einem Fächerkanon auszubilden, sondern sie auf die Herausforderungen vorzubereiten, die ihnen künftig begegnen werden, um die „spätere, personale Integrität“ (Oevermann, 1999, S. 146) zu fördern. Dass diese personale Integrität durch die Tradierung des narzisstischen Sozialcharakters gefährdet ist, lässt sich nun unschwer erkennen. Somit gehört es zum Bildungsauftrag von Schule, ihn in Bearbeitung zu bringen.

Die Umsetzung dieser Forderung begegnet jedoch Hindernissen. Zum einen ist die Nutzung von sozialen Medien hoch besetzt, bietet die dort ermöglichte Inszenierung doch die oben beschriebenen Vorteile für die instabile Psyche. Daher ist es unwahrscheinlich, dass z. B. einfache Nutzungsverbote hier zu den gewünschten Ergebnissen der Aufarbeitung führen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass diejenigen, die die Einhaltung des Verbots in Schulen umsetzen müssten, gemäß der narzisstischen Aufteilung in „gut“ und „böse“ zum Feindbild mutieren. Eine gemeinsame Aufarbeitung entsprechender, bestehender Prägungen wird damit völlig unmöglich.

Zum zweiten bedarf es eines sehr hohen Maßes an pädagogischer Professionalität auf Seiten der Lehrkräfte und des pädagogischen Personals. Diese Forderung ergibt sich aus der Struktur des Verhältnisses, in dem Lehrkräfte und Lernende agieren und das Oevermann als das pädagogische Arbeitsbündnis bezeichnet (Oevermann 1999, S. 115). In diesem Arbeitsbündnis sei es die Aufgabe der Lehrkraft, für das einzelne Kind bestehende Lernchancen im Hinblick auf dessen Subjektentwicklung zu erkennen und bei deren Bearbeitung zu helfen. Gleichzeitig müsse die Lehrkraft aber auch die Lerngruppe als Ganzes und auch objektive Zielvorgaben im Blick behalten und letztlich alles zusammenführen, während gleichzeitig die Individualität des einzelnen zu wahren sei. Lehrkräfte müssten somit verschiedene Antinomien moderieren und ständig neu verhandeln.

Um dies leisten zu können, sind verschiedene Prämissen im Sinne einer professionellen Handlungslehre (Buchmann, 2020b) zu erfüllen. Erstens müsse die Lehrkraft über einen umfangreichen theoretischen Erkenntnisstand verfügen, der es ihr ermöglicht, schnell angemessene Bewertungen vorzunehmen und das jeweilige Kind in seiner individuellen Fallstruktur wahrzunehmen. Nur dann sei es möglich, aus dem breiten theoretischen Wissen jene Bestände auszuwählen, die für die Bearbeitung der real vorliegenden Situation hilfreich sein können. Dabei sei die Fähigkeit, wissenschaftliche Denkfiguren und Methoden des Erkenntnisgewinns einzusetzen, ebenso unerlässlich wie ein vorhandenes Verfügungswissen (Buchmann, 2020b, S. 143) und ein ergebnisoffener, möglichst unvoreingenommener Blick auf die Lernenden selbst.

Oevermann fordert zudem, dass Lehrkräfte sich über eigene Herausforderungen, Lernchancen und auch Grenzen bewusst sein müssten, diese im Lehrprozess jedoch so weit als möglich stummzuschalten seien (Oevermann, 1999, S. 159). Er bezeichnet dies als Abstinenzgebot, dass die Lehrkraft davon abhält, eigene Gefühle ungebremst auszuagieren (Oevermann, 1999, S. 117).

Lehrkräfte müssen also nicht nur über große Wissensbestände aus den Bereich ihrer Fächer verfügen, sondern auch über psychologische, soziologische, pädagogische und didaktische und diese flexibel kombinieren und einsetzen können. Hinzu kommen Selbst-, Sozial- und Handlungskompetenzen, um in sich ständig verändernden Situationen angemessen, also professionell reagieren zu können.

4 Narrationen über Lehrkräfte als Angebote zum narzisstischen Coping

Bereits in diesem kurzen Abriss wird deutlich, welche komplexen Anforderungen die Profession der Lehrkraft mit sich bringt und vor diesem Hintergrund ist es auch nicht wahrscheinlich, dass sie in absehbarer Zeit z. B. durch die Errungenschaften der KI ersetzt werden könnten. Tatsächlich herrscht zurzeit ein Mangel an Lehrkräften und Anders attestiert, dass dieses Problem noch längerfristig bestehen bleiben wird (Anders, 2025). Dies ergibt sich aus zwei, die aktuelle Lage verschärfenden Entwicklungen: Gemäß einer Prognose der Kultusministerkonferenz werden die Schülerzahlen bis ins Jahr 2035 auf 11,8 Millionen ansteigen, während auch in anderen Zusammenhängen schulische Bedarfe weiterwachsen (Kultusministerkonferenz der Länder in der Bundesrepublik Deutschland [KMK], 2024a). Parallel sinken die Zahlen von jungen Menschen, die ein Lehramtsstudium aufnehmen (KMK, 2024a, S. 2). Eine Strategie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, soll es sein, die Attraktivität des Berufs zu steigern und für mehr Wertschätzung der Lehrkräfte zu sorgen. Hinzu kommen weitere Arbeitsfelder wie die Bereitstellung ausreichender Kapazitäten an den ausbildenden Hochschulen und im Vorbereitungsdienst, die Weiterentwicklung der Studiengänge und Fortführung der Qualitätsoffensive Lehrerbildung sowie auch Maßnahmen für den Quer- und Seiteneinstieg, die Prüfung der Zulassung zum Lehramt mit einem Fach etc. (KMK, 2023).

Als Reaktion auf diese Gesamtproblematik haben die meisten Länder begonnen, Werbekampagnen zu entwickeln, mit denen sie junge Menschen für den Einstieg in den Beruf als Lehrkraft begeistern wollen, um so die Zahl jener zu erhöhen, die sich für ein Studium des Lehramts entscheiden. Die mit diesem Ziel entworfenen Werbekampagnen bergen jedoch problematisches Potential, wenn man sie vor dem Hintergrund der Ausführungen zum narzisstischen Sozialcharakter, der Digitalisierung sowie den Anforderungen an professionelles Verhalten kritisch analysiert. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass es sich um intentionale Instrumentalisierungen handelt. Vielmehr zeigt sich, dass der narzisstische Sozialcharakter ubiquitär vorkommt und nicht nur einzelne Personen betrifft, sondern sich über alle Teile der Gesellschaft erstreckt. Dies soll im Folgenden beispielhaft an drei prominenten Narrationen aufgezeigt werden – der Narration der Liebe, des hedonistischen Spaßes und des Heldentums – und offenlegen, wie diese dem narzisstischen Sozialcharakter in die Karten spielen.

4.1 Narration der Liebe

So wirbt Brandenburg mit dem Satz: „Werde die Lehrkraft, die Du als Kind geliebt hast“ (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg [MBJS], 2025) und Mecklenburg-Vorpommern schreibt: „Lehrer in mv.de muss man lieben!“ (Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern [BM MV], 2025). Beide Werbeslogans zielen in das Zentrum der narzisstischen Kränkung, dem frühkindlichen Erleben, nicht geliebt zu werden und suggerieren eine Möglichkeit, dies im Beruf aufzuarbeiten, weil man dort geliebt werden könne. Damit wird jedoch die Beziehung zu den Lernenden instrumentalisiert, um das Wohlbefinden der Lehrkraft zu gewährleisten. Hinzu kommt, dass das diesen Werbesprüchen zugrundeliegende Verständnis von Beziehungsqualität als unprofessionell im Sinne des aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstandes zu bezeichnen ist. So hat zunächst Oevermann und später auch Helsper die Beziehungsebene zwischen Lehrenden und Lernenden intensiv in den Blick genommen und daraus strukturtheoretisch Anforderungen an das professionelle Verhalten von Lehrkräften formuliert. Oevermann attestiert dabei, dass es Aufgabe der Lehrkraft sei, sich weitestgehend sicher in einem Spannungsverhältnis zu bewegen, das durch angemessene Zuwendung einerseits und angemessener Abgrenzung und Rollenklarheit andererseits charakterisiert sei (Oevermann 1999, S. 155). Helsper formuliert dies prägnant als die Moderation einer Antinomie zwischen Nähe und Distanz mit dem Ziel, menschliche Zuwendung und Neutralität zu vereinbaren (Helsper 1999, S. 530). Von Schülerinnen und Schülern gemocht oder gar geliebt zu werden, kann und darf also nicht die Motivation sein, den Lehrberuf zu ergreifen. Die positive Zuwendung der Lehrkraft muss stattdessen viel mehr in den Blick nehmen, was eine bestimmte Person heute braucht, um ihre Leben künftig erfolgreich zu bewältigen, was durchaus zu Spannungen in der direkten Interaktion führen kann. Diese Spannungen aushalten zu können, ist eine wichtige Kompetenz von Lehrkräften, die in den oben beschriebenen Werbekampagnen hinter der Narration der Liebe verschwindet.

4.2 Narration des hedonistischen Spaßes

Viel Aufsehen bei dem Ringen um neue Lehrkräfte hat das Land Baden-Württemberg erregt, als es im Sommer 2023 das unten abgebildete Poster in der Ankunftshalle des Stuttgarter Flughafens veröffentlichte:

Abbildung 1: Ursprüngliches Werbeplakat des Landes Baden-Württemberg (Theobald, 2023)Abbildung 1: Ursprüngliches Werbeplakat des Landes Baden-Württemberg (Theobald, 2023)

Nach der absehbaren Protestwelle durch Lehrerverbände und Lehrkräfte wurden die Plakate der Kampagne angepasst, in dem der Textbaustein „keinen Bock auf Arbeit morgen“ mit dem Text „keinen Bock auf deine jetzige Arbeit“ überklebt wurde. Damit trat aber nur eine marginale Verbesserung ein, denn die Verbindung zum hedonistischen „Spaß“ blieb ebenso erhalten wie die Suggestion, dass man ganz spontan Lehrkraft werden könne. Die akademische Ausbildung, die zum ersten Staatsexamen führt, sowie die Praxisphase, die mit dem zweiten Staatsexamen abschließt, spielen in dieser Kampagne keine Rolle. Vielmehr suggerieren Text und graphische Aufmachung des Posters, dass es sich beim Lehrberuf um eine Spaßveranstaltung handelt, die man ebenso spontan besuchen könnte wie die nächste Party.

Diese Beliebigkeit zeigt sich u. a. auch beim Land Sachsen, wo in einem Promotionsvideo eine Lehrkraft erklärt, dass sie ursprünglich Anwältin, Werbetexterin oder Eventmanagerin habe werden wollen (vgl. Sächsisches Kultusministerium [SMK], 2025)

Eine ähnliche Herangehensweise wie Badem-Württemberg hat auch das Land Thüringen gewählt, das u. a. mit folgendem Bild wirbt:

Abbildung 2: Haupteinstellungskampagne des Landes Thüringen (TMBWK, 2025)Abbildung 2: Haupteinstellungskampagne des Landes Thüringen (TMBWK, 2025)

Auch hier steht der Spaß im Vordergrund, denn sowohl der Slogan als auch die graphische Aufmachung der als Postkarte angelegten Werbung suggerieren die Nähe zu Videospielen. Ähnlich wie für den Partygedanken oben stehen auch diese im Widerspruch zu einem fundierten Studium, das propädeutisch angelegt zu einer wissenschaftlichen Grundhaltung führen soll. Die sofortige Gratifikation beim Spielen hat wenig mit den Herausforderungen gemein, die damit einhergehen und auch nicht mit jenen, die Lehrkräfte heute tagtäglich in ihrem Alltag bewältigen müssen und die die KMK selbst beschrieben hat (KMK, 2023).

Zuletzt ist auch das Video von Max Bux auf der Seite des Landes Mecklenburg-Vorpommerns zu nennen. Dieses wird durch den Text ergänzt:

Max Bux ist leidenschaftlicher Kitesurfer. Wasser, Wind und Wellen lockten ihn zum Studium der Berufspädagogik von Baden-Württemberg in die Hanse- und Universitätsstadt Rostock. Jetzt ist der gebürtige Schwabe in Mecklenburg-Vorpommern buchstäblich gestrandet. Warum er hier als Berufsschullehrer für Metalltechnik und Sport arbeiten möchte und was er an der Region besonders liebt, erzählt er in Nahaufnahme. (BM MV, 2025)

Auch hier stehen nicht inhaltliche Fragen im Vordergrund. Stattdessen wird in dem zum Text gehörenden Video der Alltag von Max Bux als Lehrkraft auf sehr spezifische Weise dargestellt. Insgesamt beschäftigt sich das Video mit einer Länge von 3:47 Minuten 1:09 mit der realen Unterrichtssituation, während sich die ersten 54 Sekunden um das Kitesurfen drehen, um sich dann Studienbedingungen an der Universität Rostock zuzuwenden und zum Schluss für eine weitere Minute Max Bux beim Strandspaziergang mit seiner Freundin zu zeigen. Das Augenmerk liegt somit vorrangig auf den Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. Die inhaltliche Motivation und das Interesse an den Lerninhalten als Grund für die Entscheidung, Lehrer zu werden, werden ebenso wie möglicher Stress nur kurz erwähnt und treten vor den visuellen Informationen des Videos in den Hintergrund.

Im Kontext des narzisstischen Sozialcharakters entfalten solche Narration ihre Wirksamkeit im Sinne der Coping-Strategie: Hedonistischer Spaß, der einfache Zugang zu guten Gefühlen und Belohnungserlebnisse sprechen narzisstisch geprägte Menschen an, weil solche Erfahrungen die Möglichkeit bieten, die existierenden negativen Gefühle abzuwehren. Gleichzeitig werden hier regressive Verhaltensweisen getriggert, da die Narration Gedanken an eine Rückkehr in die Kindheit und Wünsche nach sorgenfreiem Spiel heraufbeschwört. So wird der narzisstische Wunsch nach vollumfänglicher Versorgung und Schutz zu einer motivierende Handlungsaufforderung, die junge Menschen mit einer völlig falschen Motivation in den Lehrberuf locken. Hinzu kommt, dass die Kampagnen Strategien aus der Werbung nutzen, um die Zielgruppen zu adressieren. So sind die Poster in bestimmten Farben gestaltet und die Bildinhalte bedienen sich bestimmter Genres, die als für die Zielgruppe ansprechend verstanden werden dürfen (Gaming, Spielen, Party, Strand). Damit wird die Entscheidung für die Profession der Lehrkraft in den Kontext einer Kaufentscheidung und der ökonomischen Ratio gerückt, wenn es eigentlich auf inhaltliche Fragen und Aspekte ankommen sollte.

4.3 Narration der Heldentums

Eine weitere Copingstrategie der narzisstisch geprägten Psyche ist die Größenfantasie. Das Ich, das sich als klein, ohnmächtig und ausgeliefert erlebt hat, spaltet diese Empfindungen ab und projiziert sie in die Außenwelt, während es alle idealisierten Eigenschaften und Erfahrungen in sich aufnimmt und so zu einem übersteigerten Selbstwertgefühl gelangt. Das Idealich stilisiert sich so zum Held, was z. B. auch durch das Helfersyndrom zum Ausdruck kommen kann.

Allein die Rolle, die Lehrkräfte einnehmen, kann in diesem Zusammenhang per se schon attraktiv sein, weil sie zum einen Möglichkeiten zum angemessenen, aber auch zum exzessiven Helfen ermöglicht. Mit ihr einher geht aber auch eine Machtposition aufgrund von Aufgaben wie Notenvergabe, mit denen Lehrkräfte Zugänge zu bestimmten Bereichen gesellschaftlicher Teilhabe eröffnen oder u. U. auch verbauen. Auch die Deutung dessen, was als „richtig“ oder „falsch“ zu verstehen sei, liegt in dieser Funktion (Helsper, 2021, S. 69). Aufgrund dieser speziellen Herausforderung der Arbeitsbeziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden ist es im Sinne der strukturtheoretischen Professionstheorie unerlässlich, dass sich auch Lehrkräfte immer wieder hinterfragen und eigene Herausforderungen im Hinblick auf ihr Handeln als Lehrkräfte strukturiert und selbstkritisch bearbeiten.

Wenn nun das Land Niedersachsen mit der Frage: „Jeden Tag einzigartig: Bereit für eine Mission, die die Welt verändert?“ (Ministerium für Kultus, Niedersachsen [MK Niedersachsen], 2025) wirbt, wird das übersteigerte Selbstverständnis des Idealichs aufgegriffen und zum Verkaufsaspekt umgedeutet. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man auf der Seite weiterliest:

In einer Welt, die sich ständig weiterdreht, hältst du den Schlüssel zur Zukunft in deinen Händen. Du bist der Wegweiser für Kinder und Jugendliche in ihren spannendsten Lebensphasen – der heldenhaft ihre Superkräfte freisetzt und ihnen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben ebnet. (MK Niedersachsen, 2025)

Auch die hier verwendeten Begriffe aus dem Wortfeld Held (heldenhaft, Superkräfte) adressieren das Größenselbst und vernachlässigen Fragen darüber, ob man tatsächlich Superkräfte braucht, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und die angemessene und professionelle Rolle einer Lehrkraft. Statt die Verantwortung zu benennen, die mit der Machtposition der Lehrkraft einhergeht, wird hier die Größenfantasie verkaufsfördernd inszeniert.

Gleiches gilt auch für Sachsen-Anhalt, das mit dem Slogan: „Rette jeden Tag ein Stück der Welt – als Lehrkraft in Sachsen-Anhalt“ (Ministerium für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt [MB Sachsen-Anhalt], 2025) wirbt. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man die dazu gehörige Webseite unter der Domäne www.weltenretter.online finden kann. Als visuelle Begleitung ist der entsprechende Kampagnenbus mit diesem Bild foliert:

Abbildung 3: Kampagnenbus des Landes Sachsen-Anhalt (MB Sachsen-Anhalt, 2025)Abbildung 3: Kampagnenbus des Landes Sachsen-Anhalt (MB Sachsen-Anhalt, 2025)

Das Bild zeigt unter anderem eine junge Frau, die ein Cape trägt und durch die nach vorne gereckte Faust die klassische Superman-Pose imitiert.

Beide Kampagnen nutzen damit das übersteigerte Größenselbst, das als Coping-Strategie für die narzisstische Verunsicherung fungiert, und deuten es zu einem Erfolgsgaranten um. Sie entsprechen so einem Muster, das an anderer Stelle in Bezug auf Filmnarrationen am Beispiel von „Frozen“ (Disney 2014) herausgearbeitet wurde, nämlich die mediale Umdeutung und Heroisierung narzisstischer Schwächen in vermeintliche Stärke:

„Was individualpsychologisch als Problematik bezeichnet wird, nämlich narzisstische Verhaltensweisen, die nicht nur die Integration in die Gesellschaft erschweren bzw. unmöglich machen, sondern auch einen individuell empfundenen Leidensdruck verursachen, wird so zu einem erstrebenswerten und heroischen Ideal umgedeutet und leistet gleichzeitig der narzisstischen Störung einer ganzen Gesellschaft Vorschub“ (Stahl-Matena, 2026, S. 77).

5 Schlussfolgerungen

Ausgangspunkt der Argumentation war die These, dass bestehende Herausforderungen wie Digitalisierung und Inklusion bei gleichzeitig bestehenden Risikolagen wie dem narzisstischen Sozialcharakter in besonderem Maße nach einem fundierten Verständnis von Profession und Professionalität bei Lehrkräften und anderem pädagogischen Personal verlangen. Es wurde erläutert, warum von dieser These auszugehen ist, indem exemplarisch die Funktionsweisen der digitalen Medien mit den Spezifika des narzisstischen Sozialcharakters in Beziehung gesetzt und die dialektischen Abhängigkeiten herausgearbeitet wurden. Als Ergebnis war festzuhalten, dass Schule und anderen Bildungseinrichtungen eine zentrale Funktion in der Aufklärung von mit dieser Dialektik einhergehenden Abhängigkeiten zukommt, um Subjekte in der Entwicklung von Autonomie und Beziehungsfähigkeit zu unterstützen. Dies wiederum setzt ein erhöhtes Maß an Professionalität bei pädagogischem Personal voraus, weil dieses ebenfalls vom narzisstischen Sozialcharakter betroffen ist und der beschriebenen Dialektik unterliegen.

Diesem Ansinnen laufen jedoch die zur Zeit von den Ländern lancierten Werbekampagnen in Teilen zuwider. Es konnte gezeigt werden, dass drei grundlegende narzisstische Verhaltensmuster durch die in den veröffentlichten Materialien kommunizierten Narrationen angesprochen werden, was mindestens zu einer Stabilisierung, wenn nicht zu einer Verschärfung des bestehenden Sozialcharakters beiträgt. Dies ist der Fall, weil narzisstische Coping-Strategien positiv und als erstrebenswert konnotiert werden. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, diese im Sinne der eigenen Professionalisierung zu hinterfragen und zu bearbeiten. Gleichzeitig erhöht es die Attraktivität des Lehrberufs für Menschen mit entsprechenden Prägungen und führt zu einem sich verstärkenden Problemzyklus.

Im spezifischen Kontext der Digitalisierung ist dies problematisch, weil genutzte Verhaltensmuster die Abspaltung von als negativ bewerteten Persönlichkeitsanteilen propagieren und eine Bühne zur Inszenierung die Idealichs bieten. Wenn Lehrkräfte bereits in diesen Mustern verfangen sind, wird es zunehmend schwierig, Schülerinnen und Schüler für entsprechende Herausforderungen und auch Gefahren zu sensibilisieren und den narzisstischen Sozialcharakter aufzuarbeiten. Auch die Notwendigkeit wird dann nicht mehr gesehen werden und Strukturen, die für Individuum und Gesellschaft alles andere als optimal sind, tradieren sich mehr und mehr. So bewahrheitet sich dann auch unter den Prämissen der Digitalisierung, was Fromm bereits 1981 (Fromm, 1981) zum Sozialcharakter schreibt:

Die Funktion des Gesellschafts-Charakters besteht darin, die Energien der Mitglieder dieser Gesellschaft so zu formen, dass ihr Verhalten nicht von ihrer bewussten Entscheidung abhängt, ob sie sich an das gesellschaftliche Modell halten wollen oder nicht, sondern dass sie sich so verhalten wollen, wie sich verhalten müssen und dass es ihnen zugleich eine Befriedigung gewährt, sich den Erfordernissen der Kultur entsprechend zu verhalten (Fromm, 1981, S. 90).

Damit leistet der Sozialcharakter einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Pseudohomogenität, die aber keinesfalls mit der Umsetzung des Inklusionsgedankens verwechselt werden darf. Denn dieser bezieht sich nicht darauf, möglichst ähnliche Verhaltensweisen zu erzeugen. Vielmehr geht es hier darum, einen gesellschaftlichen Raum zu entwickeln, in dem auch völlig unterschiedliche Individuen ihren Platz haben, gemeinsam leben und Zukunft gestalten können. Der narzisstische Sozialcharakter kann mit einem solchen Ausmaß an Heterogenität jedoch nicht umgehen und flüchtet sich in einfache Feindbilder.

Um also Inklusion realisieren zu können, ist es notwendig, die Verstrickungen, die der narzisstische Sozialcharakter mit sich bringt, offenzulegen und in Bearbeitung zu bringen. Dies ist eine Herausforderung, die sowohl auf individueller Ebene als auch auf gesellschaftlicher adressiert werden muss. Wertschätzung für Lehrkräfte zu schaffen, wie es die Kultusministerkonferenz postuliert hat, kann dabei ein guter Ansatz sein. Die Realität beschönigende Werbekampagnen auf Basis von narzisstischen Funktionszusammenhängen sind es aber nicht.

Literatur

Anders, F. (2025, 10. Dezember). Länderrückblick. Lehrermangel zum Schulstart: Tausende Lehrerstellen sind unbesetzt.https://deutsches-schulportal.de/bildungswesen/lehrermangel-bleibt-bundesweit-ein-problem/#lehrermangel-im-laenderueberblick

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Zitieren des Beitrags

Stahl-Matena, Ulrike (2026). Wie der narzisstische Sozialcharakter Inklusion verhindert. Zur Deprofessionalisierung der Lehrprofession durch digitale Narrationen. In K. Hartwich, D. Heisler, P. Lippegaus, M. Schmökel, J. Schwede & C. Sommer (Hrsg.), bwp@ Spezial HT2025: Nachhaltig – Digital – Chancen­gerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf (S. 1–15). https://www.bwpat.de/ht2025/stahl-matena_ht2025.pdf