bwp@ Spezial HT2025 - Juli 2026

Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf

Hrsg.: Katharina Hartwich, Dietmar Heisler, Petra Lippegaus, Michelle Schmökel, Jana Schwede & Christian Sommer

Zwischen Hilfe und Hürde: Unterstützungsstrukturen im Übergang Schule-Beruf aus Sicht junger Menschen

Beitrag von Lisa Steinberg
Schlüsselwörter: berufliche und soziale Integration, Jugendsozialarbeit, Übergang, soziale Unterstützung

Junge Menschen können beim Übergang von der Schule in den Beruf vor besonderen Herausforderungen stehen. Anhand leitfadengestützter Interviews aus einem Forschungsprojekt in Bremen untersucht dieser Beitrag, wie junge Menschen Unterstützungsangebote im Übergang Schule-Beruf wahrnehmen. Im Fokus steht die Frage, welche Faktoren begünstigen oder behindern, dass Unterstützungsangebote junge Menschen tatsächlich erreichen. Beleuchtet werden Erfahrungen mit Beratung, Orientierung und Ausbildungsvorbereitung sowie mit dem Bezug und der Beantragung von Grundsicherung. Die Ergebnisse zeigen, dass subjektiv als sinnvoll erlebte Hilfen die Akzeptanz und Erreichbarkeit von Angeboten erhöhen. Eine wertschätzende Beziehung zwischen jungen Menschen und Fachkräften erweist sich dabei als zentral. Demgegenüber können unübersichtliche Zuständigkeiten und komplexe Antragsverfahren dazu führen, dass sich junge Menschen von institutioneller Unterstützung abwenden.

Between Support and Obstacles: Young People’s Perspectives on Support Structures in School-to-Work Transitions

English Abstract

Young people may face particular challenges during the transition from school to work. Based on semi-structured interviews from a research project in Bremen, this article examines how young people perceive support services in the school-to-work transition. It focuses on the factors that facilitate or hinder young people’s access to support services. The analysis explores experiences with counselling, guidance, pre-vocational training, as well as the receipt and application of basic income support. The findings indicate that support perceived as meaningful by young people enhances both the acceptance and accessibility of services. A respectful and appreciative relationship between young people and professionals proves to is a key factor. In contrast, unclear institutional responsibilities and complex application procedures can lead young people to disengage from institutional support.

1 Einleitung

Gesellschaftliche Vorstellungen verbinden mit einer „Normalbiografie“ den nahtlosen Übergang von der Schule in eine (berufliche) Ausbildung. Tatsächlich gestalten sich die Wege und Übergänge für viele junge Menschen deutlich vielfältiger. Obwohl es zahlreiche unterschiedliche Übergangsverläufe gibt, werden Abweichungen vom idealtypischen Verlauf nach wie vor sowohl von jungen Menschen als auch von der Gesellschaft häufig als individuelles Scheitern wahrgenommen (Calmbach et al., 2004: 152; Pohl & Walther, 2006).

Wenn junge Menschen gleichzeitig mit verschiedenen auftretenden Problemlagen konfrontiert sind und ihre Übergänge durch schwierige und risikobehaftete Phasen gekennzeichnet sind, werden sie als prekär bezeichnet (Großkurth et al.; 2017). Zwar sind Unterstützungsstrukturen vorhanden, doch greifen diese nicht immer und/oder werden von den jungen Menschen teilweise abgebrochen beziehungsweise abgelehnt.

In der Angebots- und Institutionenvielfalt im Übergang Schule-Beruf wird die Erreichbarkeit Jugendlicher und junger Erwachsener häufig vorrangig aus der Perspektive von Institutionen und Angeboten betrachtet. Diese Angebotsperspektive verleitet dazu, Gründe für das Scheitern oder das Nicht-Erreichen primär auf die jungen Menschen und mögliche multiple Problemlagen zurückzuführen. Drop-Outs, „schwer zu erreichende junge Menschen“ – für die sogar ein gleichnamiges Instrument im SGB II „Förderung schwer zu erreichender junger Menschen“ existiert (Deutscher Verein, 2017) – sind überwiegend aus der Perspektive der Angebote formuliert. Jugendberufsagenturen werden eingeführt, Programme und Fördermaßnahmen werden entwickelt, doch dann sind es häufig die jungen Menschen, die diese nicht in der vorhergesehenen Weise annehmen. Die Zuschreibung „schwerer Erreichbarkeit“ erfolgt aus Angebotsperspektive. Zwar werden lebensweltnahe und niedrigschwellige Zugänge zu den Institutionen und Angeboten gefordert, dennoch wird vergleichsweise selten von „jugendfernen Institutionen“ gesprochen. Letztendlich handelt es sich jedoch um eine Frage der Perspektive. Das Einnehmen einer alternativen Sichtweise führt dazu, Angebote als „falsch konzipiert“ kritisch zu hinterfragen oder von „schwer zu erreichenden Institutionen“ zu sprechen. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde diese „schwere Erreichbarkeit“ von Institutionen und Angeboten deutlicher. Schulen waren geschlossen, Praktika in Betrieben fanden nur eingeschränkt statt und Jobcenter und Arbeitsagenturen waren zeitweise begrenzt zugänglich oder ganz für den Besucherverkehr geschlossen (Steinberg 2022, 55).

Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Rolle von Unterstützungsangeboten für die berufliche und soziale Integration aus der Sicht junger Menschen. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Aspekte begünstigen oder verhindern, dass junge Menschen von Unterstützungsangeboten im Übergang Schule–Beruf erreicht werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen von jungen Menschen mit Angeboten der Beratung, Orientierung, Ausbildungsvorbereitung, aber auch das Beziehen und Beantragen von Grundsicherung (ALG II).

2 Wahrnehmung der Unterstützungsangebote – Dimensionen der Erreichbarkeit

Im Folgenden werden Erfahrungen junger Menschen anhand ausgewählter Zitate dargestellt, die unterschiedliche Situationen und Phasen der Erreichbarkeit sowie der Nicht-Erreichbarkeit durch Unterstützungs- und Angebotsstrukturen veranschaulichen. Diese Analyse und Zitate stammen aus einem Forschungsprojekt aus Bremen, in dem leitfadengestützte Interviews mit jungen Menschen geführt wurden, die mindestens einmal einen Bruch mit institutionellen Hilfestrukturen erlebt haben oder keinen Zugang zu diesen hatten (für weitere Informationen siehe Steinberg & Dingeldey, 2020). Im Mittelpunkt stehen dabei drei Aspekte: der Nutzen der Angebote (inhaltliche Dimension), die Beziehung zwischen jungen Menschen und den Bezugspersonen/Fachkräften in den Angeboten (Interaktionsdimension) sowie das Übergangsmanagement der Angebote (Koordinationsdimension). Die Dimensionen lassen sich nicht trennscharf voneinander abgrenzen, sondern sie sind eng miteinander verflochten.

2.1 Nutzen der Angebote – die inhaltliche Dimension

Je klarer den jungen Menschen die Ziele und Inhalte von Unterstützungsangeboten sind, desto eher sind sie bereit, diese Angebote auch anzunehmen. Angebote der Berufsberatung, Berufsorientierung und Berufsvorbereitung werden von den jungen Menschen dann als hilfreich wahrgenommen, wenn sie diese als sinnvoll einschätzen. Eine freundliche Ansprache und das Erleben von konkreter Unterstützung wirken dabei ebenso förderlich. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob junge Menschen als Ziel eines Angebots lediglich Bewerbungen schreiben sollen oder ob sich eine Fachkraft mit dem jungen Menschen und seiner/ihrer Bewerbung auseinandersetzt und individuelle, konkrete Hilfestellungen gibt. Anschaulich wird dies anhand zweier Zitate von jungen Menschen. So beschreibt Diana eine konkrete Hilfestellung beim Schreiben von Bewerbungen. Insbesondere die aktive Auseinandersetzung der Fachkraft mit ihrer Bewerbung wird von ihr als hilfreich hervorgehoben:

„Ich hab mich da ernst genommen gefühlt. Wir haben uns hingesetzt und er hat sich komplett mit mir auseinandergesetzt. Es war nicht einfach so: ‚Setz dich zu Hause hin und denk drüber nach.‘ Sondern er hat sich wirklich drum gekümmert. Ich durfte auch öfter meine Bewerbung ihm schicken, er hat sich das komplett angeguckt“ (Diana, 20 Jahre).

Karl schildert ein anderes Angebot hingegen als wenig sinnvoll und inhaltlich unzureichend. Aus seiner Perspektive beschränkte sich die Maßnahme auf eine Anwesenheitskontrolle, ohne weiterführende oder individuell zugeschnittene Unterstützung zu bieten.

„Weil vier Bewerbungen schreiben, das ging eigentlich ziemlich schnell und da hätte ich mir mehr gewünscht von denen dann. Dass man irgendwelche Sonderaufgaben dann bekommt oder so. Die saßen da eigentlich nur in dem Raum mit drinnen und haben dann aufgepasst, dass wir alle anwesend sind oder so. Und haben aufgepasst, dass wir nichts mitnehmen halt von denen. Das war’s dann auch schon“ (Karl, 20 Jahre).

Wird ein Angebot von jungen Menschen als nicht sinnvoll oder nicht hilfreich wahrgenommen, kann dies dazu führen, dass Maßnahmen lediglich passiv und ohne aktive Beteiligung absolviert werden. Auch Verweigerung oder ein Abbruch stellen mögliche Reaktionen dar, die häufig Sanktionen nach sich ziehen und in der Folge Übergänge in Phasen der Nicht-Erreichbarkeit begünstigen können.

2.2 Beziehung – die Interaktionsdimension

Der Umgang beziehungsweise die Gestaltung der Beziehung zwischen den Fachkräften sowie den jungen Menschen stellt einen zentralen Faktor für gute oder misslingende Interaktion dar. Wertschätzung und Anerkennung des Gegenübers sind dabei wesentliche Voraussetzungen für eine funktionierende Kooperationsbeziehung. Wenn junge Menschen das Gefühl haben, ernst genommen zu werden und ihre Anliegen Berücksichtigung finden, sind dies förderliche Bedingungen für die Annahme von Unterstützungsangeboten.

Alex beschreibt einen Besuch beim Jobcenter und erinnert sich, dass die Fachkräfte im Vergleich zu einem früheren Termin alle nett gewesen seien.

Ich hatte auch gefragt, wo ich jetzt hin muss und so, weil ich da mich eigentlich null auskenne, da in dem Jobcenter und da waren alle super nett da“ (Alex, 22 Jahre).

Auch Daniels Erfahrungen gehen in eine ähnliche Richtung. Er beschreibt, dass

„die mehr auf jüngere Menschen eingehen (…) Die haben sich meiner Meinung nach auch Mühe gegeben und waren interessiert, mich wieder in eine Ausbildung zu kriegen. Von der [Berufsberaterin] habe ich auch die Idee mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr“ (Daniel, 19 Jahre).

Unterstützungsangebote der Jugendhilfe (SGB VIII), insbesondere Beratungsangebote am Übergang Schule–Beruf, basieren in der Regel auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Junge Menschen entscheiden selbst, ob sie Angebote annehmen und ob sie mit der Bezugsperson zusammenarbeiten möchten. Dies begünstigt den Aufbau einer vertrauensvollen Kooperation. Im Rahmen der Grundsicherung (SGB II) ist Unterstützung hingegen stärker entlang des Prinzips des Forderns und Förderns ausgerichtet. Die Fachkräfte übernehmen hier nicht nur eine Beratungs-, sondern zugleich auch eine Kontrollfunktion, die beim Bezug finanzieller Leistungen mit der Möglichkeit von Sanktionen verbunden ist. Die Interaktionsdimension ist im SGB II damit deutlich stärker als im SGB VIII von einem Spannungsfeld zwischen Hilfe, Kontrolle und Sanktionierung sowie von Abhängigkeitsverhältnissen geprägt. Die konkrete Ausgestaltung dieses Spannungsfeldes hängt jedoch in hohem Maße von der jeweils zuständigen Fachkraft ab. Je nach professioneller Haltung, Wahrnehmung sowie den Vorerfahrungen der jungen Menschen kann sich das asymmetrische Verhältnis hemmend oder kontraproduktiv auf die Kooperation auswirken. Anna berichtet von Sanktionen und äußert Unverständnis über deren Zustandekommen:

„Und das fand ich unglaublich ärgerlich, dass einfach … meine Sachbearbeiterin ist eigentlich dazu da, mich zu unterstützen und mir zu helfen und nicht einfach nur irgendwie einfach daran Spaß zu haben, mir irgendwelche Sanktionen zu geben, ohne mir zu erklären, weshalb“ (Anna, 25 Jahre).

2.3 Übergangsmanagement – die Koordinationsdimension

Im Übergangsbereich sind zahlreiche unterschiedliche Akteure in Unterstützungsangeboten eingebunden. Neben Jobcenter, Arbeitsagentur und Akteuren der Jugendhilfe sind unter anderem auch die Industrie- und Handelskammern, Handwerkskammern sowie weitere Träger beteiligt. Ergänzend kommen gesetzliche Betreuerinnen und Betreuer sowie stationäre Einrichtungen oder Notunterkünfte für wohnungslose junge Menschen hinzu. Eine verlässliche Koordination und gut vernetzte, kontinuierliche Angebotsstrukturen in den Bereichen Beratung, Bildung, Ausbildung und sozialpädagogischer Förderung sind zentral, um junge Menschen zu erreichen und zu verhindern, dass sie aus den Unterstützungssystemen herausfallen.

Hanna berichtet von einer positiven Erfahrung im Rahmen des Übergangsmanagements ihrer Reha-Ausbildung. In regelmäßig stattfindenden Gesprächen kommen Vertreterinnen und Vertreter der Ausbildungseinrichtung, des Trägers sowie der Arbeitsagentur, teilweise auch die Eltern und psychologische Fachkräfte zusammen. Diese Gespräche empfindet Hanna als hilfreich:

„Weil man dann halt auch von sich aus Probleme ansprechen konnte oder Wünsche äußern konnte und darauf sind die dann halt eingegangen. (…) Es wurde halt besprochen, was muss verbessert werden, was ist gut“ (Hanna, 20 Jahre).

Eine zentrale Gefahr für Nichterreichbarkeit stellen hingegen komplexe und langwierige Antragsverfahren dar. Insbesondere im Bereich der Grundsicherung müssen zunächst vorrangige Leistungen durch andere Institutionen geprüft werden. Die daraus resultierenden Antragsprozesse können mit langen Wartezeiten verbunden sein und Entwicklungsschritte verzögern. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, dass sich junge Menschen von Hilfestrukturen abwenden, etwa wenn sie den Eindruck gewinnen, im Verfahren zu scheitern oder dass der Aufwand „nichts bringt“. Niedrigschwellige Angebote sind daher besonders bedeutsam, um junge Menschen wieder an formelle Unterstützungsstrukturen anzubinden.

Für Jasmin, die 19 Jahre alt ist, steht ein Wechsel von der Jugendhilfe zum Jobcenter (SGB VIII zum SGB II) bevor.

Ich räume meine Wohnung auf, ich versinke da jetzt nicht in Dreck und deswegen sagt das Jugendamt dann halt so: ‚Okay, reicht jetzt‘“ (Jasmin, 19 Jahre).

Den Übergang und insbesondere den Verlust ihrer Sozialpädagogin erlebt sie als belastend:

„Ich weiß absolut nicht, wie ich das danach alles hinkriegen soll, und muss jetzt auch noch mal mit dem Jugendamt ein Termin machen und soll da halt selber ein bisschen betteln, dass ich sie [Sozialpädagogin] vielleicht noch ein halbes Jahr, Jahr behalten kann. Gerade wenn ich dann jetzt im Sommer zum Jobcenter rüber wechsele, dann muss ich die Anträge alle alleine stellen und das sind natürlich viele Anträge“ (Jasmin, 19 Jahre).

Auch bei Mia zeigen sich Herausforderungen durch parallele Leistungsansprüche, da sie Anspruch auf Halbwaisenrente hat, die auf die Grundsicherung angerechnet wird. Dies verkompliziert das Antragsverfahren. Die Unterstützung durch die Jugendhilfe in der Jugendberufsagentur erlebt sie als hilfreich, trotz langer Bearbeitungszeiten:

„Ja, also ich glaube vor allem dieses Verstehen mit dem Ganzen, also auch für die Halbwaisenrente, die musste beantragt werden. Also ich muss ja die Halbwaisenrente beantragen, damit ich überhaupt dann, äh, ich muss die Halbwaisenrente beziehen, damit ich, äh, also es wird ja angerechnet auf das Hartz IV so, deswegen. Und die Jugendhilfe in der Jugendberufsagentur hat für diese ganzen Beantragungen von Kindergeld und Halbwaisenrente und so hat auf jeden Fall sehr geholfen, weil diese Anträge, also gerade die von der Rentenversicherung, super schwierig waren. Und ich glaube, da wäre ich auf jeden Fall alleine sonst nicht so wirklich durchgestiegen, das war schon hilfreich“ (Mia, 19 Jahre).

Darüber hinaus bestehen gesetzliche Rahmenbedingungen, die jungen Menschen nur eingeschränkt einen eigenständigen Zugang zur Grundsicherung oder zu Kosten der Unterkunft ermöglichen. Bei ausreichendem Elterneinkommen sind diese verpflichtet, den Lebensunterhalt von unter 25-Jährigen sicherzustellen. Das Jobcenter prüft entsprechend die Einkommensverhältnisse. Ein Auszug aus dem Elternhaus wird bei unter 25-Jährigen im SGB II nur bei „schwerwiegenden sozialen Gründen“ wie beispielsweise Schwangerschaft, schwerer Störung der Eltern-Kind-Beziehung oder zur Arbeitsmarktintegration anerkannt. Unklarheiten über diese Regelungen sowie langwierige Verfahren können zu Missverständnissen, Frustration und Fehleinschätzungen führen. Ablehnungen werden dabei nicht selten als persönliches Versagen interpretiert.

Dies zeigt sich bei Carlo (24), der davon ausgeht, den Antrag auf Arbeitslosengeld II „nie richtig hinbekommen“ zu haben, und dies sich selbst zuschreibt, obwohl vermutlich kein Anspruch bestand.

„Ich habe es auch falsch gemacht. Ich bin dahingegangen und meinte ja, ich möchte Hartz IV, ich möchte irgendwie Förderung, ich möchte das, ich bin mit voll vielen Sachen angekommen und ich möchte mich arbeitslos melden und dann war er so: ‚Nee, das geht gar nicht, deine Eltern verdienen zu viel, du bist da und da gemeldet (…), du musst da rübergehen.‘ Dann bin ich da rübergegangen, direkt am nächsten Tag, und war ich viermal da, wurde immer wieder so da und da und da und da hingeschickt, dann hatte ich keinen Bock mehr“ (Carlo, 24 Jahre).

Aus dem Zitat lässt sich schließen, dass Carlo wahrscheinlich zwischen Jobcenter und Arbeitsagentur weiterverwiesen wurde, ohne das Verfahren zu verstehen. Die wiederholten Verweisungen und das Gefühl fehlender Unterstützung führen bei ihm zur Resignation. In der Folge zieht er sich aus den institutionellen Hilfesystemen zurück. Er wird von nun an immer wieder bei Kumpels auf der Couch unterkommen und teilweise jobben, aber kein Jobcenter oder die Arbeitsagentur aufsuchen. Zum Interviewzeitpunkt befindet er sich damit in einer Situation der Nicht-Erreichbarkeit.

3 Fazit und Ausblick

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass konkrete, individuell erlebbare Hilfestellungen sowie subjektiv als sinnvoll erachtete Angebote die Annahme von Unterstützungsangeboten – und damit die Erreichbarkeit – von jungen Menschen maßgeblich fördern. Darüber hinaus spielt eine wertschätzende Beziehungsebene zwischen jungen Menschen und ihren Bezugspersonen eine zentrale Rolle für berufliche und soziale Entwicklungsprozesse. Das im SGB II stärker ausgeprägte Spannungsverhältnis zwischen Beratungs- und Kontrollfunktion kann den Aufbau einer positiven Arbeitsbeziehung erschweren und nachhaltig belasten. Eine sozialpädagogische Herangehensweise, die sowohl die Problemlagen als auch die lebensweltliche Situation junger Menschen systematisch berücksichtigt, wirkt sich förderlich auf den Erfolg von Beratungs- und Unterstützungsprozessen aus. Für die Weiterentwicklung von Jugendberufsagenturen kann dies beispielsweise bedeuten, Wunsch- und Wahlrechte auszubauen und junge Menschen konsequenter in die Gestaltung der Angebote einzubeziehen (Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit, 2021).

Komplexe und langwierige Antragsverfahren begünstigen Situationen der Nicht-Erreichbarkeit von Unterstützungsstrukturen für hilfesuchende junge Menschen und gefährden ihre berufliche sowie soziale Integration. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Perspektivwechsel notwendig. So sollte es nicht Aufgabe der Antragstellenden sein, vorrangige und nachrangige Leistungen bei unterschiedlichen Behörden eigenständig abzufragen oder zu beantragen. Stattdessen sollten diese Prozesse koordiniert und weitgehend im Hintergrund von den zuständigen Behörden übernommen werden.

Lebensverläufe sind insbesondere in der Jugendphase selten geradlinig. Die Jugendsozialarbeit (§ 13 SGB VIII) versteht Unterstützungsbedarfe daher nicht vorrangig als Folge individuellen „Versagens“, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher und struktureller Bedingungen. Wenn danach gefragt wird, wie „ausbildungsreif“ junge Menschen sind, muss zugleich die Frage gestellt werden, wie reif Gesellschaft und Betriebe für die berufliche und soziale Integration junger Menschen sind. Die Jugendsozialarbeit stellt hierbei eine zentrale Säule der individuellen Begleitung junger Menschen auf ihrem Weg von der Schule in die Arbeitswelt dar. Gleichzeitig zielt sie darauf ab, junge Menschen in der kritischen Reflexion normativer Erwartungshaltungen zu stärken und biografische Selbstbestimmung auch jenseits vermeintlich ‚normaler‘ Bildungs- und Erwerbsverläufe zu ermöglichen.

Literatur

Calmbach, M., Flaig, B., Gaber, R., Gensheimer, T., Möller-Slawinski, H., Schleer, C. & Wisniewski, N. (2024). Wie ticken Jugendliche? SINUS-Jugendstudie 2024 – Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/u18_SINUS-Jugendstudie_Wie-ticken-Jugendliche_2024_Print_24-06-07_Sperrfrist_12.06.24_12.00.pdf

Deutscher Verein (2017). Empfehlungen des Deutschen Vereins zur Umsetzung des § 16h SGB II – Förderung schwer zu erreichender junger Menschen. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. https://www.deutscher-verein.de/fileadmin/user_upload/dv/pdfs/Empfehlungen_Stellungnahmen/2017/dv-07-17-jobcenter-jugendliche.pdf

Großkurth, H., Lex, T., Lichtardt, N., Müller, S. & Tillmann, F. (2016). Prekäre Übergangsverläufe. Entstehungsbedingungen risikobehafteter Übergänge. Landeshauptstadt München. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2015/1185_Prekeare_Uebergangsverlaeufe.pdf

Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit (2021). Positionspapier: Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit fordert Jugendberufsagenturen jugendgerecht zu gestalten!. https://jugendsozialarbeit.de/wp-content/uploads/2021/08/Position_KoV_JSA_jugendger_JBAS08_2021.pdf

Pohl, A. & Walther, A. (2006). Benachteiligte Jugendliche in Europa. Aus Politik und Zeitgeschichte, 47, 26–36. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/29400/benachteiligte-jugendliche-in-europa/

Steinberg, L. (2022). Wer ist „schwer zu erreichen“? Perspektiven auf die Erreichbarkeit im Übergang Schule–Beruf in Pandemiezeiten. dreizehn – Politik wirklich für alle jungen Menschen, 27, 55–58. https://jugendsozialarbeit.de/wp-content/uploads/2022/05/KVJS_dreizehn_Nr27_Einzelseiten.pdf

Steinberg, L. & Dingeldey, I. (2020). Wer ist hier schwer zu erreichen? Herausforderungen im Übergang Schule–Beruf. Arbeit und Wirtschaft in Bremen, Ausgabe 31 / Nov. 2020. https://www.iaw.uni-bremen.de/f/65fa526a3a.pdf

Zitieren des Beitrags

Steinberg, L. (2026). Zwischen Hilfe und Hürde: Unterstützungsstrukturen im Übergang Schule-Beruf aus Sicht junger Menschen. In K. Hartwich, D. Heisler, P. Lippegaus, M. Schmökel, J. Schwede & C. Sommer (Hrsg.), bwp@ Spezial HT2025: Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf (S. 1–8). https://www.bwpat.de/ht2025/steinberg_ht2025.pdf