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bwp@ Spezial HT2025 - Juli 2026
Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf
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Einleitung zum Workshop 9: Prekäre Übergänge trotz Fachkräftemangels und unbesetzter Ausbildungsstellen – Herausforderungen und Wege einer nachhaltigen beruflichen Förderung benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener
Ausbildungsstellen unbesetzt, fehlende Fachkräfte in den Betrieben – und dennoch eine große Gruppe junger Erwachsener mit prekären Übergängen in die Arbeitswelt, mit schlechten Chancen auf soziale und berufliche Integration. Daten der OECD bestätigen wiederholt eine scharfe Spaltung im deutschen Bildungssystem: Der Anteil von jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss ist in Deutschland nach wie vor erschreckend hoch.
1 Aufbau des Workshops
In dem Workshop sind Fragen des Übergangs in die Arbeitswelt vor dem Hintergrund einer hohen Zahl prekärer Übergänge Jugendlicher und junger Erwachsener in die Arbeitswelt diskutiert worden. Es sind zuerst strukturelle und institutionelle Bedingungen im Übergang Schule – Beruf thematisiert und analysiert worden, dafür leitend war die Frage, warum es dem hoch differenzierten System der Beruflichen Bildung und als eines der Sektoren dieses Systems dem Übergangssektor Schule – Beruf nicht gelingt, auch Jugendliche und junge Erwachsene mit schlechteren Ausgangsbedingungen und mit schwierigeren oder in benachteiligenden Verhältnissen beim Start auf dem Weg in die Arbeitswelt besser zu unterstützen und zu fördern. Diese Beiträge befassen sich mit administrativen Regelungen, Formen der institutionellen Organisation des Übergangs und sie nehmen subjektive Erfahrungen und Sichtweisen von betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Blick.
Im zweiten Teil des Workshops standen theoretische und konzeptionelle Überlegungen im Mittelpunkt. In den Beiträgen sind alternative Ansätze und Möglichkeiten der berufliche Förderung Jugendlicher und junger Erwachsener, wie das Konzept bzw. Modell der Produktionsschule, vorgestellt und diskutiert worden. In theoretischer Sicht ging es darum, ein Verständnis für Übergänge von der Schule in Ausbildung und Arbeit im Kontext von sozialer Benachteiligung als komplexe Gemengelagen und Herausforderungen für Berufspädagogik und Sozialpädagogik zu entwickeln; in theoretischer und konzeptioneller Sicht werden in diesem Teil Überlegungen zu einer tätigkeitsorientierten Pädagogik im Übergang Schule- Beruf und zu einem transdisziplinären Verständnis von Übergängen vorgestellt und diskutiert, in denen ein neues Verständnis von Übergang im Kontext der aktuellen Bedingungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarkts und der institutionellen und strukturellen Unterstützung und Förderung vor dem Hintergrund sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung aufscheint.
In dem Workshop wurden somit zwei Herangehensweisen zum Umgang mit dem bildungs- und sozialpolitischen als skandalös einzuschätzenden Sachverhalt, dass ein erheblicher Anteil junger Menschen keine guten Chancen im Übergang in die Arbeitswelt hat, und dass, trotz vielerlei institutioneller Förderung, diese Maßnahmen wenig effizient und effektiv sind, thematisiert und diskutiert: Erstens in Bezug auf politische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Entwicklungen und institutionelle Strukturen, und zweitens in Bezug auf theoretische und konzeptionelle Ansätze, die alternative Wege und Auswege aus der prekären Situation der institutionell verankerten Benachteiligtenförderung weisen können.
In den Beiträgen wird der Blick auf strukturelle Bedingungen im Übergang Schule – Beruf und auf individuelle Bildungsprozesse, auf pädagogische Ansätze und auf didaktische Strukturen einer nachhaltigen und integrativen beruflichen Förderung benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener gerichtet. Gemeinsam ist den Überlegungen eine Suche nach Räumen und Gelegenheiten, in denen Jugendlichen Erfahrungen der Wirksamkeit im Übergang Schule – Beruf ermöglicht werden.
2 Leitende Thesen zur Debatte um prekäre Übergänge und eine bessere berufliche Förderung
In der Vorbereitung des Workshops ist mit allen beteiligten Referenten*innen eine gemeinsame Argumentationsfigur erarbeitet werden, mit dem Ziel, dass alle Beiträge mit ihren jeweils spezifischen Zugängen und Formen der Thematisierung der Fragestellung sich auf sie beziehen können. Sie sind in Form von zehn Thesen formuliert und bilden auf diese Weise den Aufbau und die Argumentationsfigur des Workshops ab.
- Prekäre Übergänge trotz Fachkräftemangels und unbesetzter Ausbildungsstellen: Der hohe Anteil von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit schwierigen Übergangsverläufen und fehlenden Berufsabschlüssen ist auch Folge von Passungsprobleme im Berufsbildungssystem, sowohl im System der Dualen Ausbildung als auch im (darauf bezogenen) Übergangssektor Schule – Beruf. Diese Passungsprobleme sind strukturell angelegt und lassen sich als Diskrepanz zwischen institutionellen Strukturen im Übergang Schule – Beruf und individuellen Ausgangslagen und Bedarfen benachteiligter Jugendlicher interpretieren.
- Passungsprobleme sind auf schlechte oder unzureichende Qualifikationen zurückzuführen; sie erklären das Problem jedoch nicht vollständig. Betriebe brauchen auch neue Konzepte und Formen der Berufsorientierung und Berufsbildung, um junge Menschen in sozial schwierigen Lebenslagen oder mit individuellen Beeinträchtigungen angemessen fördern und ausbilden zu können.
- Es besteht hohes Interesse bei den jungen Leuten an Ausbildung, auch trotz schwieriger Ausgangslagen beim Übergang in Ausbildung und Arbeit.
- Eine Gruppe, bei der neben den strukturellen Passungsproblemen im Übergang in Ausbildung und Arbeit auch gesellschaftspolitische Verwerfungen und aufenthaltsrechtliche Barrieren hinzukommen, stellen junge Geflüchtete dar. Hier können auch soziale Schwierigkeiten und psychische Probleme in Folge von Traumatisierungen in den Herkunftsländern und auf der Flucht hinzukommen.
- Passungsprobleme sind strukturell bedingt, beginnend in der Schule (hoher Anteil von Schulabgänger*innen mit geringen Qualifikationen und schlechten schulischen Leistungen), durch unzureichende Passung der Angebote und Maßnahmen des Übergangssektors und z.T. auch durch den Ausbildungsmarkt und die starke Marktförmigkeit der beruflichen Bildung in Deutschland begründet.
- Probleme im Übergang Schule – Beruf und insbesondere der hohe Anteil junger Menschen mit prekären Übergangsverläufen stehen in einem Zusammenhang mit einer ungenügenden Berücksichtigung lebensweltlicher, dabei insbesondere sozialer und kultureller Hintergründe und Problemlagen: Im Problem prekärer Übergänge spiegeln sich in verdichteter Form soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf Bildung und Bildungsbeteiligung in Deutschland.
- Es bedarf für eine relativ große und in sich heterogene Gruppe junger Menschen, die mit den bisherigen Angeboten und Maßnahmen nicht erreicht werden, adressatenbezogene Angebote und Konzepte im Übergang Schule – Beruf. Solche alternativen Modelle im Übergang Schule – Beruf stellen Produktionsschulen und Jugendwerkstätten dar.
- Übergänge benachteiligter Jugendlicher sind nicht nur in Bezug auf Qualifikation und Berufsvorbereitung i.e.S. zu analysieren, sie müssen jugend- und sozialpolitisch thematisiert werden. Insofern müssen Versuche einer Lösung des Passungsproblems zwischen institutionellen Angeboten der Berufsvorbereitung und der Berufsbildung auch adressatenbezogen reflektiert und angepasst werden.
- Ein Schlüssel zur Vermeidung prekärer Übergänge stellt eine Teilhabe an Arbeit, wie sie Produktionsschulen und Jugendwerkstätten eröffnen, in der Verbindung mit biografischen Lerngelegenheiten und Lernmöglichkeiten dar.
- Institutionelle Strukturen müssen Räume und Zeiten für individuelle Entwicklung eröffnen und auch verlässlich für einen längeren Zeitraum garantieren. Sie können als Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe im Übergang in die Arbeitswelt verstanden werden. Eine Verpflichtung auf das Ziel der Teilhabe macht einen Paradigmenwechsel von einer individualistischen Sichtweise (wie sie sich z. B. in Konzepten des Coachings spiegelt) zur Schaffung und Gestaltung kollektiver Strukturen für Teilhabe erforderlich.
3 Zu den einzelnen Beiträgen
Cortina Gentner und Jörg Meier führen in ihrem Beitrag die hohe soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems vor Augen, anhand internationaler Studien für das deutsches Schulsystem, und entlang der Debatten und Kontroversen um den Bereich der Berufsbildungssystems in Deutschland, in dem „Verlierer“ und Ausgegrenzte des Bildungssystems im Übergang Schule – Beruf mit unterschiedlichsten Angeboten und Maßnahmen vorlieb nehmen müssen, im Übergangssektor Schule – Beruf. Sie rekonstruieren vielfältige Anläufe und Entwürfe für dessen Reform und skizzieren am Beispiel von Produktionsschulen und produktionsorientierter (vor-)beruflicher Bildung Möglichkeiten für eine effektivere und humanere Gestaltung des Übergangsbereichs.
Frank Neises fragt vor dem Hintergrund bestehender struktureller Benachteiligungen am Übergang Schule – Beruf und der hohen Quote junger Menschen ohne formale berufliche Qualifikationen in Deutschland nach besseren Möglichkeiten, allen jungen Menschen Übergänge in Ausbildung und Arbeit zu ermöglichen. Dazu bedarf es Veränderungen der bestehenden institutionellen Strukturen und einer subjektorientierten Perspektive bei der Unterstützung junger Menschen. Vor diesem Hintergrund wird in dem Beitrag das Konzept und Modell der Jugendberufsagenturen analysiert und diskutiert. Leitend für diese Überlegungen sind Erwartungen und Vorstellungen einer inklusiven Gestaltung von Übergängen in die Arbeitswelt und der Ermöglichung von Teilhabechancen durch Jugendberufsagenturen.
Lisa Steinberg spürt subjektiven Einschätzungen Jugendlicher und ihren Formen des Umgangs mit den Anforderungen und auch Zumutungen bei der Inanspruchnahme öffentlicher Unterstützungsleistungen im Übergang in die Arbeitswelt nach. Sie zeigt dabei sehr eindrücklich auf, welche Faktoren dabei zu einer besseren sozialen und beruflichen Integration beitragen und welche Faktoren exkludierend wirken.
Dirk Plickat erinnert an reformpädagogische Traditionslinien und bildungspolitische Reformen, auch mit Blick auf Ansätze und Konzepte in Dänemark und anderen skandinavischen Ländern, in denen Lernen im Übergang in Ausbildung und Arbeit als gemeinschaftliches Lernen verstanden und organisiert wird. Daran anknüpfend verortet er Produktionsschule als Modell, in dem diese Ideen konzeptionell angelegt sind. Sie können für eine Reform des Übergangs in Bezug auf benachteiligte Jugendliche genutzt werden, um eine bessere Förderung benachteiligter Jugendlicher zu ermöglichen.
Martin Mertens und Thomas Vollmer entwickeln Vorschläge für eine nachhaltige berufliche Förderung junger Menschen, auch im Kontext von sozialer Benachteiligung und von schwierigen Übergängen in die Arbeitswelt. Sie verbinden in ihrem Beitrag die Diskussion um Ansätze, Potenziale, aber auch über Herausforderungen von Produktionsschulen mit Konzepten und Möglichkeiten der Beruflichen Bildung für nachhaltige Entwicklung und formulieren Reformideen für Produktionsschulen im Sinne einer nachhaltigen beruflichen Bildung.
Martin Koch fragt nach Potenzialen tätigkeitsorientierter didaktischer Theorien für eine bessere Förderung junger Menschen, deren berufliche Integration aus vielfältigen Gründen gefährdet ist. Den Hintergrund bzw. Ausgangspunkt seiner Überlegungen stellt die hohe Zahl junger Menschen und junger Erwachsener ohne Schul- und Berufsabschluss in Deutschland dar. Diesen bildungspolitischen Skandal nimmt er zum Anlass, nach Ursachen für das Nicht-Gelingen von Übergängen in Ausbildung und Arbeit zu fragen. Mit einer sehr klaren und differenzierten Analyse tätigkeitsorientierter pädagogischer und didaktischer Konzepte und Modelle skizziert er Wege für eine berufliche Förderung sozial- und bildungsbenachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener.
Wolfgang Mack macht auf biografische Erfahrungen des Scheiterns oder Nicht-Genügens bei prekären Übergängen Jugendlicher und junger Erwachsener in Ausbildung und Arbeit aufmerksam, die bereits lange vor dem Übergang in der Schule oder in lebensweltlichen Verhältnisse und Krisen ihren Ursprung haben und sich im Übergang in die Arbeitswelt als hemmend oder blockierend erweisen können. Er lotet Ansätze und Perspektiven einer bewältigungstheoretischen Analyse und Diskussion prekärer Übergänge aus und begründet vor diesem Hintergrund die Notwendigkeit, jungen Menschen auch in benachteiligten Lebenslagen und mit Erfahrungen des Scheiterns und der Ausgrenzung Räume für biografisch und beruflich bedeutsames Lernen im Übergang in Ausbildung und Arbeit zur Verfügung zu stellen und zu eröffnen.
Zitieren des Beitrags
Mack, W. & Mertens, M. (2026). Einleitung zum Workshop 9: Prekäre Übergänge trotz Fachkräftemangels und unbesetzter Ausbildungsstellen – Herausforderungen und Wege einer nachhaltigen beruflichen Förderung benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener. In K. Hartwich, D. Heisler, P. Lippegaus, M. Schmökel, J. Schwede & C. Sommer (Hrsg.), bwp@ Spezial HT2025: Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf (S. 1–5). https://www.bwpat.de/ht2025/mack_mertens_ht2025.pdf



