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Nachhaltig – Digital – Chancengerecht. Zukunftsszenarien von Arbeit, Bildung und Beruf
Hrsg.: , , , , &
Wer ist hier zuständig? Passungen zwischen beruflicher Arbeitspraxis und Berufsbildern in der Baubranche
Trotz stark ausdifferenzierter Berufsbilder werden in der Bauarbeit teils sehr komplexe und spezifische Arbeitsaufgaben von unterschiedlichen Gewerken übernommen. Fraglich ist, inwieweit die verschiedenen Fachkräfte dafür qualifiziert sind. Die hier vorgestellte Fallstudie untersucht diese Problematik exemplarisch. Ziel ist es, die Passung zwischen Berufen und Arbeitsaufgaben systematisch zu analysieren, um sie z. B. im Rahmen der Curriculumentwicklung besser aufeinander abstimmen zu können.
Who is responsible here? Alignments between vocational work practice and occupational profiles in the construction industry
Despite highly differentiated occupational profiles, in construction work even very complex and specific tasks are often performed by different trades. It remains unclear to what extent the respective workers are qualified for them. This case study examines the issue and aims to systematically analyze the alignment between occupations and work tasks to better harmonize them, e. g. in curriculum development.
1 Berufsbilder als Strukturelemente beruflicher Arbeitspraxis
Betrachtet man die Entwicklung der Bauberufe über einen längeren Zeitraum, fällt auf, dass die Differenzierung in der beruflichen Bauarbeit – und damit auch der Berufsbilder – insbesondere seit 1974 stark zugenommen hat. So stieg die Zahl der anerkannten Ausbildungsberufe in den Berufshauptgruppen „Hoch- und Tiefbau“ sowie „(Innen-)Ausbau“ von 20 auf 34 an (BiBB, 2024, S. 75–77). Zudem wurden immer häufiger einstige Monoberufe im Bauwesen durch verschiedene Strukturmodelle (z. B. Schwerpunkte, Fachrichtungen, Einsatzgebiete und Wahlqualifikationen) in ihrer fachlichen Breite ausdifferenziert. Abstufungen in der Tiefe wurden durch die Einführung von Abschlüssen ermöglicht, die bereits nach zwei Jahren regulärer Berufsausbildung erreicht werden können. Diese werden als „Berufe, die angerechnet oder fortgesetzt werden können“ (BiBB, 2024, Kap. 1.3.1.7.1) geführt (z. B. Hochbaufacharbeiter:in, Ausbaufacharbeiter:in und Tiefbaufacharbeiter:in). Teilweise sind auch gänzlich neue Berufe eingeführt worden (z. B. Gerüstbauer:in (1990), Bodenleger:in (2002), Holz- und Bautenschützer:in (2007), usw.) (BiBB, 2024, Kap. 1.4) (siehe Abbildung 1).
Abbildung 1: Infobox zur Recherche
Die Veränderungen in den Bauberufen sind vor allem auf den stetigen Wandel arbeitsweltlicher Anforderungen zurückzuführen. Diese wiederum ergeben sich vielfach durch äußere Rahmenbedingungen. Ein gestiegenes ökologisches Bewusstsein in der Gesellschaft sowie politische Vorgaben – insbesondere im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Energieeffizienz von Gebäuden – führen zu grundlegenden Veränderungen in der Wohnkultur und im Baurecht. Diese neuen Rahmenbedingungen wirken sich direkt auf die Planung und den Bau von Wohngebäuden aus und bedingen den Einsatz neuer Werkstoffe, innovativer Bauprodukte sowie veränderter Konstruktions- und Ausführungsmethoden. Dadurch verändern sich nicht nur technische Standards, sondern auch Arbeitsprozesse, Aufgabenbereiche und Tätigkeitsprofile in den Bauberufen. In der Folge verschieben sich die Anforderungen an das berufliche Prozesswissen sowie an die notwendigen Kompetenzen. Um diesen Veränderungen gerecht zu werden und die Qualität beruflicher Praxis sicherzustellen, müssen bestehende Berufsbilder kontinuierlich angepasst oder sogar grundlegend neu konzipiert werden.
Angesichts dieser Entwicklungen ist anzunehmen, dass die verstärkte Ausdifferenzierung der Berufsbilder in den Berufshauptgruppen „Hoch- und Tiefbau“, sowie „(Innen-)Ausbau“ zu einer klareren Abgrenzung zwischen und einer Spezialisierung in den Berufen geführt hat. Tatsächlich scheinen die Unklarheiten und Überschneidungen zwischen den Berufen jedoch eher zuzunehmen. So ist zu beobachten, dass bestimmte Berufsgrenzen teilweise verschwimmen und manche Tätigkeiten lassen sich kaum noch spezifischen Berufen zuordnen. Klar erkennbar ist dies bei Rechtsfragen rund um die „wesentlichen Tätigkeiten“ gemäß der Handwerksordnung: „Aufgrund der Tragweite der Kategorisierung der ausgeübten Tätigkeit hat sich über die Jahre hinweg in zahlreichen strittigen Fällen eine fast unüberschaubare Einzelfallrechtsprechung entwickelt“ (Leisner, 2014, S. 9).
Im Baubetrieb zeigen sich solche Probleme hingegen meist an Gewerkeschnittstellen (Mersch & Rullán Lemke, 2016, S. 140). Folgen sind dort vor allem unklare Aufgabenzuschnitte und ein erhöhter Planungs- und Organisationsaufwand. Darüber hinaus wird dadurch insbesondere die Berufsausbildung vor Herausforderungen gestellt, denn gerade sie ist auf klar beschreib- und voneinander abgrenzbare Berufsbilder angewiesen. Dabei können möglichst präzise Angaben zu Breite und Tiefe beruflicher Aufgaben als Voraussetzung für funktionierende Passungen zwischen Berufsausbildung und beruflicher Arbeit angesehen werden. Gerade bei den Bauberufen sind daher vor allem Überschneidungen bei der Aufgabenverteilung, insbesondere an den Gewerkeschnittstellen, in den Blick zu nehmen. Auch durch das Gegenüber einer schulisch zum größeren Teil separierten Ausbildung der Bauberufe, aber der Notwendigkeit gewerkeübergreifender Kooperation im Baualltag, kommt es in der Berufsbildung nicht selten zu Unsicherheiten bei der Zuordnung von Arbeitstätigkeiten und der Identifizierung damit verbundener beruflicher Kompetenzen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich für die Berufsforschung zunehmend die Frage, wie Arbeitsaufgaben Bauberufen auf verlässliche Weise zugeordnet werden können – bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Schnittstellen zwischen ihnen. Zugleich ist eine allgemeingültige Antwort auf diese Frage kaum möglich, da Bauberufe sowohl in sich als auch zueinander sehr verschieden ausgestaltet sind. Um sich dieser Thematik dennoch exemplarisch annähern zu können, wird im Folgenden eine zuvor für diesen Zweck durchgeführte Fallstudie vorgestellt.
2 Probleme bei Verantwortungsbereichen verschiedener Gewerken
Privatpersonen fallen Unklarheiten bei der Aufgabenverteilung zwischen Bauberufen vor allem dann auf, wenn sie eigenständig Aufträge vergeben. Sollen beispielsweise Bestandsbau-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten durchgeführt werden, ist zuerst zu klären, welches Gewerk zu beauftragen ist. Oftmals gibt es eindeutige Aufgabenbereiche, anhand derer sich schnell ein passendes Gewerk ausmachen lässt. In anderen Fällen herrscht jedoch Unklarheit. Letzteres zeigt sich etwa dadurch, dass Kundinnen und Kunden von einem Gewerk zum Nächsten verwiesen werden – oder das Gegenteil tritt ein und es gibt Angebote von ganz verschiedenen Gewerken.
Je nach Arbeitsaufgabe, kann grob zwischen drei verschiedenen Ursachen für solche Unklarheiten unterschieden werden:
- Die Arbeitsaufgaben liegen direkt in den Schnittstellen mehrerer Gewerke und sind dadurch kaum zuzuordnen, wie beispielsweise bei Bad- und Balkonsanierungen oder der Montage von Terrassentüren, Fußbodenheizungen sowie Smart Home Technik. Um solche Arbeiten ganzheitlich ausführen zu können, sind fachlich so unterschiedliche Qualifikationen erforderlich, dass ein Gewerk diese meist nicht allein abdecken kann. Einige Betriebe sind deshalb dazu übergegangen, Fachkräfte aus unterschiedlichen Berufen einzustellen, um „alles aus einer Hand“-Angebote zu ermöglichen. (Konvergente Arbeitsaufgaben)
- Die Arbeitsaufgaben werden von unterschiedlichen Einzelgewerken gleichermaßen angeboten. Dies ist oft darauf zurückzuführen, dass die Zuordnung bestimmter Aufgaben regional anders geregelt wurde. Bei neueren oder veränderten Aufgaben gibt es hingegen meist gar keine Zuordnung dieser Art. Beispiele sind der Treppenbau, die Montage von Wärmedämmverbundsystemen, Trockenbauarbeiten oder der Einbau von Bauteilen wie Türen und Fenstern. (Konnektive Arbeitsaufgaben)
- Die Arbeitsaufgaben liegen zwischen den vorherigen Kategorien, wie beispielsweise die Montage eines Dachflächenfensters. Einerseits ist dort die Schnittstelle zu unterschiedlichen Gewerken klar erkennbar, andererseits wird diese Arbeit meist von nur einem Gewerk ausgeführt. Auf der Suche nach Betrieben mit entsprechenden Angeboten finden sich vor allem Tischlereien, Dachdeckereien, Klempnereien, Glasereien, Zimmereien und weitere Einzelgewerken. (Ambivalente Arbeitsaufgaben)
Bei letzterem sorgt besonders die teilweise große Verschiedenheit der Gewerke für Verwunderung, denn vor allem für die Erstellung eines komplexen Produktes, das aus vielen einzelnen Bauteilen gefügt wird, gilt: „handwerkliche Arbeit zeichnet sich durch die Verbindung von Wissen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und Erfahrung aus“ (Hägele, 2015, S. 184). Gerade in eben diesen teilweise sehr spezifisch ausgeprägten Aspekten unterscheiden sich die verschiedenen Gewerke und deren Berufsbilder allerdings mitunter erheblich – was grundsätzlich auch gut ist. Vor allem für Auftraggeber:innen stellt sich hier allerdings die Frage, welches Gewerk beauftragt werden sollte und worauf dabei zu achten ist.
Auch der VHV-Bauschadensbericht Hochbau 2023/24 zeigt, dass hier mit Bedacht gewählt werden sollte, denn die mit Abstand größte Schadenstelle sind mit über 40 Prozent „Fenster und Fassaden“ (Böhmer et al., 2024, S. 139). Etwa ein Drittel der über 30.000 untersuchten Bauschäden, sind durch Ausführungs- und Montagefehler entstanden, die auch durch ein mangelndes bautechnisches Verständnis der Ausführenden zustande kamen (Böhmer et al., 2024, S. 145). Ein weiteres Drittel ist auf Schnittstellen- und Kommunikationsprobleme zurückzuführen, die ebenfalls oft im Zusammenhang mit der Verteilung von Aufgaben entstehen (Böhmer et al., 2024, S. 138).
Selbst wenn sich Privatpersonen in solchen Fällen auf die Gewährleistungspflicht verlassen, sind Bauschäden immer mit einem erheblichen Mehraufwand verbunden und sollten schon deshalb vermieden werden. Zudem stellt sich aus berufssystemischer Sicht die Frage, wie solche Überschneidungen zu bewerten und ggf. anzupassen sind.
3 Konzeption und Durchführung einer Fallstudie
Aufgrund der Komplexität und Vielfalt von Bauprozessen ist eine umfassende Analyse der zuvor beschriebenen Problematik kaum realisierbar. Eine exemplarische Untersuchung könnte hier erste Aufschlüsse über Probleme geben, die bei der Überschneidung von verschiedenen Berufen entstehen. Dazu braucht es ein Forschungsdesign, mit dem sich sowohl Arbeitsaufgaben als auch Berufe analysieren lassen. Hier erscheint eine Fallstudie (Becker & Spöttl, 2015, S. 88–105) als berufswissenschaftliches Verfahren gewinnversprechend: Dieses Forschungsinstrument verfolgt einen offenen, iterativen Ansatz, der es erlaubt, sowohl die Anforderungen der Arbeitsaufgabe als auch die Qualifikationsprofile der beteiligten Berufe systematisch zu erfassen und miteinander in Beziehung zu setzen.
Abbildung 2: Forschungsdesign (eigene Darstellung)
Ziel der Studie (Kaufmann, 2025, S. 1–4) ist die systematische Analyse von Überschneidungen zwischen unterschiedlichen Gewerken bei der Zuordnung von Arbeitsaufgaben im Bauwesen (siehe Abbildung 2). Exemplarisch wird untersucht, inwieweit die berufsspezifischen Ausbildungsinhalte der Gewerke Zimmerer und Zimmerin, Dachdecker:in, Tischler:in, Klempner:in und Glaser:in die Qualifikationsanforderungen zur fachgerechten Montage von Dachflächenfenstern abdecken. Dazu werden weitere Methoden, wie eine Montageanleitungsanalyse, eine Ordnungsmittel- und Schulbuchanalyse sowie Fachgespräche eingesetzt, um die Anforderungen der Arbeitsaufgabe und die berufsbedingten Qualifikationsprofile der unterschiedlichen Gewerke gleichermaßen zu erheben (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: Infobox zur Ausbildung der Glaser:innen
Dadurch sollen,
- strukturelle Herausforderungen bei der Aufgabenzuordnung zwischen Bauberufen identifiziert,
- Qualifikationslücken zwischen Ausbildungsberuf und Arbeitsaufgabe aufgezeigt und
- Erkenntnisse für die Entwicklung von Abgrenzungskriterien zwischen Berufen gewonnen werden.
Dies ermöglicht Rückschlüsse darauf, wie arbeitsorganisatorische Schnittstellen zwischen Bauberufen gestaltet werden können, um einerseits deren Flexibilität zu erhalten und andererseits fachliche Standards zu sichern.
Erhebung der arbeitsbedingten Anforderungen
Um ermitteln zu können, welche Qualifikationen Fachkräfte für die Montage von Dachflächenfenstern benötigen, muss zuerst eine geeignete Einbausituation identifiziert werden (siehe Abbildung 4). Dies ist notwendig, weil zentrale Faktoren für die Auswahl und Montage von Dachflächenfenstern maßgeblich von den jeweiligen baulichen Rahmenbedingungen abhängen. Um realistische und zugleich aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, sollte die gewählte Einbausituation praxisnah sein und möglichst in vielen Bereichen hohe Anforderungen an die Fachkräfte stellen. Ausgehend von diesen Kriterien wurde eine konkrete Einbausituation unter Rückgriff auf eigene Erfahrungen ausgewählt und anhand von Erinnerungen rekonstruiert.
Abbildung 4: Prozess zur Erhebung der arbeitsbedingten Anforderungen (eigene Darstellung)
Die Wahl fiel auf ein Einfamilienhaus älteren Baujahres, bei dem ein Dachflächenfenster neu in eine geschlossene Dachfläche eingebaut werden soll. Solche Arbeiten fallen oft an, wenn Dachböden ausgebaut werden, um zusätzlichen Wohnraum zu erschließen. Szenarien dieser Art sind nicht selten und stellen hohe Anforderungen an ausführende Fachkräfte, weil dabei weitreichende Anpassungen an der bestehenden Bausubstanz vorzunehmen sind.
Im Fallbeispiel verfügt das Dach über eine Zwischensparrendämmung, ist mit Dachziegeln gedeckt und in Sparrenbauweise konstruiert (siehe Abbildung 5). Kriterien solcher Art sind bei der Auswahl des Fensters, des Eindeckrahmen und während der Montage selbst zu beachten. Geschieht dies nicht oder nur ungenügend, können schnell Baufehler, wie eine falsche Einbauhöhe, fehlerhafte Anschlüsse oder Leckagen die Folge sein.
Abbildung 5: Fallbeispiel: Dachaufbau und Dachkonstruktion mit Wechsel (eigene Darstellung)
Besonders herausfordernd wird die Arbeitsaufgabe dadurch, dass das ausgewählte Dachflächenfenster nicht zwischen die Dachsparren passt, weshalb ein Dachsparren gekappt werden muss (siehe Abbildung 5). Handelt es sich um ein Pfettendach, sind bauliche Anpassungen meist recht einfach möglich, da auftretende Lasten zu großen Teilen über die Pfetten abgeleitet werden (Colling, 2008, S. 209). Bei einem Sparrendach – wie im Fallbeispiel – stützen sich die gegenüberliegenden Sparren hingegen zu großen Teilen nur gegenseitig. Das Kappen eines Sparrens führt deshalb schnell dazu, dass Kräfte im Dachstuhl nicht mehr korrekt abgetragen werden. Um dies zu verhindern ist zwingend ein angemessen dimensionierter Wechsel einzubauen; zudem darf nie mehr als ein Sparren gekappt werden (Neumann et al., 2008, S. 15; Pech & Hollinsky, 2023, S. 80–82).
Ausgehend von den Voraussetzungen des Einbauszenarios und weiteren Kriterien, wie Öffnungsart, Bedienung, Material sowie Größe und Form der Fenster, werden passende Modelle von verschiedenen Herstellern ausgewählt. Dabei wird sichergestellt, dass die Dachflächenfenster alle möglichst ähnlich sind und der „klassischen Ausführung“ entsprechen, um eine möglichst hohe Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Anschließend folgt eine codebasierte Inhaltsanalyse der Einbauanleitungen zu den Dachflächenfenstern und den passenden Eindeckrahmen mittels MAXQDA. Dies dient nicht nur der strukturierten Auswertung, sondern gewährleistet auch eine nachvollziehbare und transparente Dokumentation der Arbeitsschritte. Ziel der Analyse ist es, einen herstellerunabhängigen Arbeitsablauf herzuleiten, der möglichst detailliert wesentliche Arbeitsinhalte und -abläufe abbilden kann (siehe Tabelle 1). Wie sich im Verlauf der Analyse herausstellte, ist dies problemlos möglich, da die verschiedenen Anleitungen sehr ähnlich sind.
Tabelle 1: Auszug aus dem Arbeitsprozess zur Montage von Dachflächenfenstern (eigene Darstellung)
|
Arbeitsschritt |
Anmerkungen und Werkzeuge |
Anforderungen an Fachwissen und -können |
|
Einbausituation erfassen |
Werkzeuge: Gliedermaßstab, Winkelmesser |
Wissen, welche Aspekte der Einbausituation für die Auswahl von Dachflächenfenstern relevant sind (Dachneigung: > 15° / Dacheindeckung: Dachziegel, Profilhöhe 50mm / Dachkonstruktion: Sparrendach => max. 1 Sparren kappen + verstärkten Wechsel einziehen) Fachwissen zu Dachkonstruktionen und Dacheindeckungen Korrekter Umgang mit Messwerkzeugen |
|
Dachflächenfenster und Eindeckrahmen auswählen |
Webseiten, Leitfäden und Beratungsangebote von Händlern können genutzt werden, um das passende Dachflächenfenster auszuwählen |
Informationsmaterial nutzen können, um das passende Fenster auszuwählen |
|
Öffnung der Dachfläche planen |
Sparrenlage und -abstände herausfinden: Klopfen, Ortungsgerät, Dach an geeigneter Stelle aufdecken und ausmessen Werkzeuge: Gliedermaßstab, Balkensuchgerät |
Fachwissen zu Dachkonstruktionen, -aufbau und ‑eindeckungen Umgang mit Werkzeugen |
|
… |
… |
… |
In einem iterativen Prozess werden die einzelnen Arbeitsschritte mit den jeweiligen Anforderungen schließlich zu einem Arbeitsablauf verdichtet. Zur übersichtlichen Darstellung erfolgt die Anordnung der Ergebnisse in Anlehnung an eine Arbeitsprozessmatrix (Knutzen et al., 2011, S. 93–94), wodurch die Zusammenhänge zwischen Arbeitsaufgabe und Anforderungen klar erkennbar werden.
Anschließend wird auf der Seite der Fachkräfte untersucht, inwieweit die identifizierten Anforderungen durch die Berufsausbildung der jeweiligen Gewerke abgedeckt werden können. Hierzu erfolgt eine Ordnungsmittelanalyse, ergänzt durch eine Schulbuchanalyse, um sowohl offizielle als auch informelle Zuordnungen der Arbeitsaufgabe oder Tätigkeiten zu bestimmten Berufen zu erfassen. Im Abgleich mit den Anforderungen der Arbeitsaufgabe soll so eine Tendenz ersichtlich werden, wie gut die verschiedenen Gewerke durch ihre jeweilige Berufsausbildung für die Arbeitsaufgabe qualifiziert sind und wo mögliche Defizite und Einschränkungen liegen könnten.
Zur Ergänzung und Validierung der Ergebnisse finden Fachgespräche mit Fachkräften aus den unterschiedlichen Berufen statt. Die Interviews dienen außerdem dazu, individuelle Bildungs- und Erfahrungsprozesse außerhalb der formalen Berufsausbildung zu erfassen und deren Einfluss auf die praktische Ausführung der Arbeitsaufgabe zu bewerten. Die Transkription und Auswertung der Fachgespräche erfolgt ebenfalls codebasiert mit MAXQDA.
4 Ergebnisse: Aufgaben und Zuständigkeiten bei der Montage von Dachfenstern
Die Fallstudie (Kaufmann, 2025, S. 25) zeigt, dass die Montage von Dachflächenfenstern eine komplexe Arbeitsaufgabe ist, die sehr verschiedenartige Anforderungen an Fachkräfte stellt. Aus der Gegenüberstellung mit den Qualifikationsprofilen der Berufe ging zudem hervor, dass nicht jede Berufsausbildung alle Anforderungen der Arbeitsaufgabe in ausreichendem Maße abdeckt. Daraus lässt sich schließen, dass manche Berufe besser für die Arbeitsaufgabe qualifiziert sind als andere – zumindest, wenn nur die jeweilige Berufsausbildung als Maßstab angesetzt wird.
Glaserinnen und Glaser (mit Fachrichtung Fenster- und Glasfassadenbau)
In den Ordnungsmitteln der Glaser:innen werden Dächer und deren Konstruktion nicht thematisiert, wodurch bereits bei der Arbeitsvorbereitung elementare Anforderungen – zumindest durch die Ausbildung allein – nicht abgedeckt werden können.
Ausgehend von der Arbeitsaufgabe stechen besonders die Lernfelder 13 „Fenster aus Holz herstellen“, 14 „Fenster aus Kunststoff, Metall und Werkstoffkombinationen herstellen“ und 17 „Fenster und Türen montieren und demontieren“ hervor (KMK, 2001, S. 7). In ihnen lernen die Auszubildenden unter anderem den Aufbau, die Funktionsweise und die Montage von Fenstern in Fassaden. Viele der dadurch vermittelten Qualifikationen, könnten auch auf die Montage von Dachflächenfenstern angewandt werden, sodass Glaser:innen höchstwahrscheinlich Anforderungen, die im Zusammenhang mit dem Fenster selbst stehen, gut erfüllen können.
Problematisch erscheint hingegen die Ausführung des Dachanschlusses, da es hier im Ablauf und im Aufbau starke Unterschiede zum Wandanschluss gibt. Ein einfacher Transfer wird deshalb wahrscheinlich nicht ausreichen, um zu einem fachlich richtigen Ergebnis zu gelangen.
Insgesamt scheinen Glaser:innen eher ungeeignet, um die im Fallbeispiel beschriebene Arbeitsaufgabe auszuführen. Der Schwerpunkt des Berufsbildes liegt eher auf der Herstellung und Montage regulärer Fenster und Glasfassaden, während die Produktion und Instandhaltung dieser Bauteile im Vordergrund stehen. Die spezifischen Anforderungen an Dachkonstruktionen und deren Anschlüsse werden hingegen nicht hinreichend vermittelt.
Tischlerinnen und Tischler
In der Ausbildung der Tischler:innen werden Dächer und Dachkonstruktionen nicht durch die Ordnungsmittel oder Schulbücher abgedeckt, weshalb sie ebenfalls eher ungeeignet erscheinen, um die im Fallbeispiel beschriebene Einbausituation fachgerecht einschätzen und bearbeiten zu können.
Für die Ausführung der Arbeitsaufgabe ist vor allem Lernfeld 10 „Baukörper abschließende Bauelemente herstellen und montieren“ (KMK, 2006, S. 17) bedeutsam, da Tischler:innen hier lernen, Fenster und Türen einzubauen. Zu den vermittelten Inhalten gehören unter anderem bauphysikalische Grundlagen, verschiedene Dicht- und Dämmstoffe, unterschiedliche Bauarten sowie Verglasungssysteme. Im Vergleich mit den Ordnungsmittel der anderen Berufe stechen vor allem die Themen „Beschlagtechnik“ und „Befestigungssysteme“ (für Fenster) hervor, da sie nur bei diesem Beruf mit aufgeführt werden.
Wie die Glaser:innen befassen sich auch die Tischler:innen während ihrer Ausbildung ausschließlich mit herkömmlichen Fenstern, weshalb sie bei der Montage von Dachflächenfenstern auf einen Transfer angewiesen sind.
Im Innenausbau und vor allem beim Trockenbau sind Tischler:innen durch das Lernfeld 8 „Raumbegrenzende Elemente des Innenausbaus herstellen und montieren“ (KMK, 2006, S. 15) hingegen so gut qualifiziert, wie sonst nur die Zimmerer und Zimmerinnen.
Klempnerinnen und Klempner
Die Ordnungsmittel der Klempner:innen zeigen deutliche Schwerpunkte bei Dachdeckungen in verschiedenen Varianten (vgl. Lernfeld 7, 8 und 9 in KMK, 2016, S. 7). Während der Arbeitsaufgabe sollten verschiedene Dachdeckungen und Variationen beim Dachaufbau daher keine Herausforderung darstellen, und auch Durchdringungen im Dachstuhl sind bekannt.
Da der Ausbildungsrahmenplan unter anderem die Montage von Ausstiegsfenstern umfasst (KlempnerAusbV, 2013, S. 4), sollte die Montage eines Dachflächenfensters ebenfalls weitestgehend problemlos erfolgen können.
Unklar ist hingegen, inwieweit Klempner:innen imstande sind Dachkonstruktionen zu erkennen und zu beurteilen. Die Ordnungsmittel bieten zwar Gelegenheiten, um Lernprozesse zu solchen Themen anzubahnen, – etwa in Lernfeld 1, 2 oder 12 – fordern dies aber auch nicht explizit.
Wie gut Klempner:innen die im Fallbeispiel beschriebene Arbeitsaufgabe ausführen können bleibt unklar, da aus den Ordnungsmitteln in einigen wichtigen Details kein eindeutiges Qualifikationsprofil des Berufes erkennbar ist. Ansonsten spricht aber vieles dafür, dass Klempner:innen qualifiziert sind, fachgerecht Dachflächenfenster zu montieren, insbesondere bei Dächern, die mit Materialien gedeckt sind, auf die sie sich spezialisiert haben.
Dachdeckerinnen und Dachdecker
Die Ordnungsmittel der Dachdecker:innen sind, wie die der Klempner:innen, zu großen Teilen auf das Decken von Dächern ausgelegt. Im Fallbeispiel könnten sie daher Vorteile haben bei Details, wie dem Schneiden der Pfannen, um diese an die Fensteröffnung anzupassen oder Fragen danach, wann ein Sturmhaken zur Sicherung der Pfannen verwendet werden sollte.
Unklar ist hingegen die Frage, wie gut sie die Dachkonstruktion beurteilen und bearbeiten können. Gerade in Lernfeld 5 „Holzkonstruktionen herstellen“ (KMK, 2016, S. 8) wäre es möglich, Dachkonstruktionen und den Einbau eines Wechsels zu vertiefen, vorgegeben ist dies allerdings nicht. Auch im Interview betont der befragte Dachdecker, dass diese Themen in der Berufsschule nur angerissen werden (Kaufmann, 2025, S. 37–38).
Solange keine baulichen Veränderungen am Dachstuhl vorgenommen werden müssen, sind Dachdecker:innen gut qualifiziert, Dachflächenfenster zu montieren. Darüber hinaus sind pauschale Aussagen kaum möglich, weil die Ordnungsmittel im Detail nicht eindeutig sind. Entscheidend sind dann die Auslegung der Lernfelder und die betriebliche Ausbildung.
Zimmerinnen und Zimmerer
Die Ordnungsmittelanalyse ergab, dass ausschließlich bei Zimmerern und Zimmerinnen sichergestellt ist, dass sie bereits während der Ausbildung alle notwendigen Qualifikationen erlernen, um die Dachkonstruktion fachgerecht einschätzen und Maßnahmen wie den Einbau eines Wechsels durchführen zu können. Denn nur bei ihnen werden die Unterschiede zwischen Sparren- und Pfettendach (LF 7) sowie der Einbau eines Sparrenwechsels (LF 14) in den Ordnungsmitteln auch direkt als zu erlernende Inhalte benannt (KMK, 1999, S. 49, 56). Lernfeld 14 „Einbauen einer Gaube und eines Dachflächenfensters“ ist sogar genau auf die entsprechende Arbeitsaufgabe ausgerichtet.
Weitere Anforderungen, wie die fachgerechte Ausführung der Anschlüsse, die Montage des Dachflächenfensters und der Innenausbau werden ebenfalls umfassend durch die Ordnungsmittel abgedeckt.
Unsicherheiten äußerte der Zimmerer im Fachgespräch nur dann, wenn die Montage der Dachflächenfenster an Dächern durchgeführt werden soll, bei denen er keine Erfahrungen mit der jeweiligen Dachdeckung hat (Kaufmann, 2025, S. 53).
Abschließende Einschätzung
Tabelle 2: Übersicht zu den Ergebnissen der Fallstudie (eigene Darstellung)
|
Ausbildungsbezug zu Dachkonstruktion |
Kompetenzen bezüglich Fenstermontage |
Spezielle Stärken |
Einschätzung zur Eignung |
|
|
Glaser:in |
Nicht vorhanden |
Nur reguläre Fenster (LF 17) |
Verglasung (LF 6), Glasbau (LF 18) |
Eingeschränkt geeignet (v. a. Austausch) |
|
Tischler:in |
Nicht vorhanden |
Nur reguläre Fenster |
Holzverarbeitung, Trockenbau (LF 8, 10) |
Eingeschränkt geeignet (v. a. Austausch) |
|
Klempner:in |
Unklar geregelt |
Durchdringungen an Dächern (z. B. Ausstiegsfenster) |
Dachdeckungen (LF 7, 8), Dachabdichtung (LF 10) |
Grundsätzlich geeignet (Einschränkungen bei Konstruktion) |
|
Dachdecker:in |
Unklar geregelt |
Konkret nur im Ausbildungs- rahmenplan |
Dachdeckungen (LF 8, 9, 12, 13b), Zuschnitt der Dachziegel (LF 8) |
Grundsätzlich geeignet (Einschränkungen bei Konstruktion) |
|
Zimmerer/ Zimmerin |
Vollständig abgedeckt |
Ja (LF 14) |
Statik, Konstruktion, Innenausbau |
Uneingeschränkt geeignet |
Für die Ausführung der im Fallbeispiel dargestellten Arbeitsaufgabe erscheinen die Zimmerer und Zimmerinnen insgesamt am besten qualifiziert, da sie alle Anforderungen durch ihre Berufsausbildung abdecken können (siehe Tabelle 2).
Die Ordnungsmittel der Klempner:innen und Dachdecker:innen sind stellenweise zu offen formuliert, um klare Aussagen treffen zu können. Hier hängt die tatsächliche Qualifikation der Auszubildenden verstärkt von der Interpretation der Rahmenlehrpläne durch die Lehrkräfte sowie der Ausbildungsstrategie der Betriebe ab. Letztere ist jedoch besonders bei kleineren Handwerksbetrieben oft auftragsbezogen ausgerichtet (Schreiber et al., 2023, S. 37–40, 102), sodass hier vor allem die Auftragslage die betrieblichen Lehrinhalte prägt. Dies wurde auch im Fachgespräch mit dem Dachdecker deutlich: „Ich hatte ja das Glück, dass in meiner Lehrfirma viel Steildach gemacht worden ist …. Ich kenne das aber auch von anderen Kollegen, die mit mir in der Zeit gelernt haben, die da auch nur auf dem Flachdach waren“ (Kaufmann, 2025, S. 34).
Die Glaser:innen und Tischler:innen sollten nicht ohne weitere Qualifizierung in die Dachkonstruktion eingreifen, da sie durch ihre Ausbildung nicht auf solche Arbeitsschritte vorbereitet werden. Für den bloßen Austausch eines Dachflächenfenster erscheinen jedoch alle untersuchten Berufe qualifiziert. Je nach Art der Dachdeckung, könnten dabei sogar Klempner:innen oder Glaser:innen den Zimmerern und Zimmerinnen vorzuziehen sein.
5 Fazit und weiterführende Überlegungen zur Zuordnung von Arbeitsaufgaben und Berufen
Sowohl Arbeitsaufgaben als auch Berufe befinden sich in einem kontinuierlichen Wandel. Dies macht es erforderlich, dass damit zusammenhängende Strukturen wie Ausbildungsinhalte fortwährend angepasst werden müssen. Um dies zu ermöglichen, braucht es Methoden, mit denen sich die Passung zwischen Arbeitsaufgaben und Berufen, aber auch die Passung zwischen Berufen zueinander, tiefergehend analysieren lassen.
Die zuvor beschriebene Fallstudie zeigt erste Möglichkeiten dafür auf und verdeutlicht, dass es nicht ausreicht, Arbeitsaufgaben pauschal bestimmten Berufe zuzuordnen, da die Anforderungen für deren Ausführung je nach Fall variieren können. So zeigte sich, dass schon die Veränderungen eines Details der Arbeitsaufgabe – wie beispielsweise die Art der Dachdeckung – dazu führen kann, dass ein anderer Beruf passender qualifiziert sein könnte.
Erkenntnisse dieser Art können unter anderem Lehrkräften dabei helfen, Lernsituationen passgenauer und zielgerichteter zu gestalten. So kann die Fallstudie beispielsweise dabei unterstützen, präziser zu beurteilen, ob der Einbau eines Sparrenwechsels bei der Ausbildung der Dachdecker:innen und Klempner:innen unterrichtlich behandelt werden sollte. Falls nicht – etwa, weil die damit verbundenen Schritte zu umfangreich sind – ermöglicht dies Lehrkräften zumindest, die Grenzen der Ausbildung klar abzubilden und dabei auf andere Gewerke zu verweisen. Dadurch ließe sich die Transparenz zwischen den Gewerken erhöhen, was auch die Gewerkekooperation verbessert.
Literatur
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Kultusministerkonferenz (KMK) (2006). Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Tischler/Tischlerin. KMK. https://www.kmk.org/fileadmin/pdf/Bildung/BeruflicheBildung/rlp/Tischler.pdf
Kultusministerkonferenz (KMK) (2016). Rahmenlehrplan für den Ausbildungsberuf Dachdecker und Dachdeckerin. KMK. https://www.kmk.org/fileadmin/pdf/Bildung/BeruflicheBildung/rlp/Dachdecker_16-01-29-E.pdf
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